Rosenthal, Henriette

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Stolperstein-Biographien im Westend

Rosenthal, Henriette

Henriette Rosenthal wurde in Danzig/Westpreußen geboren. Sie war die Witwe des am 25. Januar 1926 verstorbenen Heinrich Rosenthal. Dieser war zunächst Amtsrichter in Neuenburg/Westpreußen, dann Landgerichtsdirektor in Danzig und nach Errichtung der Freien Stadt Danzig im Jahr 1920 Senatspräsident am dortigen Obergericht. Sein erstmals 1899 herausgegebener Band „Das Bürgerliche Gesetzbuch nebst dem Einführungsgesetz gemeinverständlich erläutert unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsverhältnisse des täglichen Lebens“ galt als bedeutendes Standardwerk der Rechtsliteratur. Es war bis 1931 in 13 Auflagen mit 83.000 Exemplaren erschienen.

 

Henriette Rosenthal, die laut der in Theresienstadt ausgestellten "Todesfallanzeige" evangelisch getauft war, führte ab 1928 den Haushalt von Professor Dr. Karl Herxheimer, dessen Ehefrau Olga Hepner (Jg. 1868), in diesem Jahr gestorben war. Herxheimer, geb. am 26 Juni 1861 in Wiesbaden, war Spezialarzt für Hautkrankheiten und hatte seit 1914 den ersten Lehrstuhl für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der neu gegründeten Frankfurter Universität inne. 1930 trat er in den Ruhestand. Er wohnte im Gärtnerweg, in der Wiesenau 38, in der Arndtstraße 17 und dann zusammen mit seiner Lebensgefährtin Henriette Rosenthal in der Westendstraße 92.

 

Der 80. Geburtstag von Karl Herxheimer am 26. Juni 1941 wird für ihn als der letzte Höhepunkt seines Lebens beschrieben, „denn viele Freunde und Schüler besaßen die Zivilcourage, ihren verehrten Meister zu besuchen und ihm ihre Glückwünsche zu übermitteln“ (Ärzteblattarchiv) Henriette Rosenthal schrieb am 7. Juli 1941 in einem Dankesbrief an die Ehefrau des Direktors der Hautklinik in Kassel: „Der 80. Geburtstag von Prof. H. ist sehr schön und für ihn sehr freudvoll verlaufen; (…) Unsere Wohnung gleicht einem Blumengarten, fast wie beim 70sten, und zahllose Briefe, Depeschen und last not least schöne Bücher deckten den Tisch.“ Drei Monate später, am 14. Oktober 1941, mussten beide in die Friedrichstraße 26 umziehen.

 

Im Frühjahr 1942 sollten Karl Herxheimer und Henriette Rosenthal außer Landes gebracht werden. Doch die Flucht scheiterte. Der Kriminalbeamte Christian Fries, der Stützpunktleiter einer kleinen Widerstandszelle war, die zum Leuschner-Kreis gehörte, schilderte 1947, wie es zu den Vorbereitungen des Rettungsversuches kam. „Im Frühjahr 1942 lernte ich den allseits hoch verehrten Geheimrat Prof. Dr. Karl Herxheimer, wh. Friedrichstrasse, kennen. Er wurde mir seinerzeit von Herrn Gustav Weigel, wh. Ffm. Textorstraße 17, auf der Oberschweinstiege vorgestellt. Weigel, von dem ich wusste, dass er verschiedene jüdische Personen laufend mit Lebensmitteln versorgte, war auch jahrelang der Betreuer des Geheimrats Herxheimer. Verabredungsgemäß traf ich dann noch drei oder vier Mal an der gleichen Stelle und in Gesellschaft des Herrn Weigel mit Herxheimer zusammen. Damals war beabsichtigt, Geheimrat Herxheimer und seine Hausdame, Frau Rosenthal, nach der Schweiz zu verbringen. Die Vorbereitungen, an denen neben Weigel der Stapobeamte Gottlieb Fengler (richtig: Gotthold) und Prof. Blum beteiligt waren, sind seinerzeit beinahe abgeschlossen gewesen. Ich selbst entnahm und vernichtete damals die in der Fahndungskartei der Kriminalpolizei von der Gestapo eingelegt gewesenen Steckkarten (Pass-Sperre für Juden) von Geheimrat Herxheimer und Frau Rosenthal. Gefälschte Pässe waren angefertigt. Prof. Blum befand sich bereits in der Schweiz und sollte Herxheimer mit einem Auto an der Grenze abholen, wohin er von dem Stapobeamten Fengler gebracht werden sollte. Leider scheiterte der Plan sozusagen in letzter Minute durch eine Ungeschicklichkeit der Frau Rosenthal."

 

Claire von Mettenheim erfuhr von Henriette Rosenthals so genannter Ungeschicklichkeit, die dazu führte, dass der Fluchtversuch scheiterte und sie darauf in ein Konzentrationslager abtransportiert wurden. Cläre von Mettenheim vermerkte diesen Vorfall in ihrem Tagebuch „’Man muss das eigene Schicksal nicht zu wichtig nehmen’, sagte sie (Henriette Rosenthal). Helfen? Nur Packpapier, sie wolle den halb-arischen Enkeln etwas schicken. Und das wird ihr schlecht bekommen: Sie wird von Nachbarn denunziert, dass ein Arier ein Paket weggebracht habe! Die Gestapo macht stundenlang Haussuchung und Frau Rosenthal kommt ins Gefängnis. Zum Zeitpunkt des Transports nach Theresienstadt wird sie entlassen, um vorher die Übereignung ihres Besitzes an den Staat zu bestätigen. Cläres Kommentar: ‚Man kann verzweifeln über solche Sachen’.“Dieser Gefängnisaufenthalt war es also, der die geplante Flucht von Herxheimer und Rosenthal verhinderte. Der Zeitpunkt war verpasst und der Rettungsversuch wurde abgebrochen". (Textauszug aus: Petra Bonavita, Nie aufgeflogen: Gotthold Fengler: Ein Gestapo-Beamter als Informant einer Widerstandszelle im Frankfurter Polizeipräsidium, Berlin 2013, S.27-29)

 

An Karl Herxheimer, der am 6. Dezember 1942  in Theresienstadt starb, erinnert bereits ein Stolperstein in der Westendstraße 92. 

Henriette Rosenthal, geb. Hirschberg 

Geburtsdatum:

Deportation:

Todesdatum:

12.9.1873

1.9.1942 Theresienstadt

20.12.1942

 

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Stolperstein Westendstraße 92 Henriette Rosenthal © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

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