Goldschmidt, Adolf (Aron), Lilly, Lotte und Hans

Goldschmidt, Adolf (Aron), Lilly, Lotte und Hans

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Stolperstein-Biographien im Westend

Goldschmidt, Adolf (Aron), Lilly, Lotte und Hans

Aron, genannt Adolf Goldschmidt wurde in Einartshausen bei Schotten geboren und hatte zwei ältere Brüder und drei ältere Schwestern. Die Eltern waren der Viehhändler Elieser Goldschmidt aus Einartshausen (1831-1905) und Esther, geb. Gumb, aus Gedern (1835-1896). Die Familie betrieb seit vielen Generationen Viehhandel in Einartshausen und lebte orthodox. Adolf Goldschmidt besuchte eine höhere Schule und ging als junger Mann nach Frankfurt. Dort machte er wahrscheinlich zunächst eine kaufmännische Ausbildung und betrieb später einen eigenen Großhandel für Schneidereibedarf.

 

Lilly Goldschmidt, geb. Rothschild, wurde in Frankfurt als älteste Tochter von Bernhard und Lina Rothschild, geb. Lichtenstein, geboren. Sie hatte zwei Schwestern, Martha und Else, die 1893 und am 27. Oktober 1898 in Frankfurt geboren wurden. Ihre Familie gehörte dem liberalen Frankfurter Judentum an und war nicht religiös. Lilly besuchte das Philanthropin.

 

Lilly Rothschild und Aron Goldschmidt heirateten am 9. März 1913. In der Börneplatz-Synagoge wurde das Paar von Rabbiner Nehemia Anton Nobel getraut. Das Paar wohnte in der Wittelsbacher Allee 1 in der Nähe des Frankfurter Zoos. In derselben Straße im Haus Nr. 11 wohnten auch Lillys Eltern und ihre Schwester Else. Am 14. Dezember 1913 wurde der Sohn Hans Ernst geboren.

 

1914 wurde Adolf Goldschmidt Soldat im Ersten Weltkrieg. Nach seiner Rückkehr erkrankte er 1919 an der spanischen Grippe und verlor als Folge der Krankheit sein Gehör. Er war nun völlig taub und konnte nur noch eingeschränkt seiner Arbeit nachgehen. 1920 wurde die Tochter Charlotte, genannt Lotte, geboren. Die Goldschmidts stellten 1922 ein nichtjüdisches Kindermädchen, Luise Nerper, ein, das 16 Jahre bei der Familie blieb und auch in der Nazizeit immer sehr loyal war. Für Lotte ersetzte Luise Nerper zum großen Teil die Mutter, die im Geschäft arbeiten musste.

 

Infolge von Geschäftseinbußen während der Wirtschaftskrise musste Adolf Goldschmidt 1932 sein Ladengeschäft in der Frankfurter Innenstadt aufgeben. Hans, der das Reformrealgymnasium des Philanthropin 1929 nach der Untersekunda verlassen und inzwischen die Städtische Höhere Handelsschule abgeschlossen hatte, ging nach Frankreich. Die Familie zog in die Beethovenstraße 60 und verlegte das Geschäft dorthin. Mit dem Nazi-Boykott nach 1933 verschlechterte sich die ökonomische Situation der Familie weiter. Anfang 1934 kehrte Hans nach Frankfurt zurück. In Frankreich hatte er keine Arbeitserlaubnis erhalten und war schließlich ausgewiesen worden. Ab Februar 1934 arbeitete er als Reisender im väterlichen Geschäft A. Goldschmidt &Co.

 

Lotte besuchte die Grundschule und das Realgymnasium des Philanthropin und engagierte sich bei den Jüdischen Pfadfindern. Sie gehörte zu den ersten Gruppen deutsch-jüdischer Kinder, die mit Unterstützung der Abteilung Kinderauswanderung der Reichsvereinigung in Berlin mit einem Gruppen-Affidavit von der German Jewish Children’s Aid (GJCA Ende 1934 in die USA gebracht wurden. Am 25. November 1934 erfolgte die Abreise am Frankfurter Hauptbahnhof nach Bremerhaven. Lilly Goldschmidt konnte die Kinder begleiten und noch bis zum Schiff bringen, das am 27. November auslief. Zusammen mit 14 anderen Kindern, darunter einem weiteren Mädchen aus Frankfurt namens Hilde, kam Lotte Goldschmidt am 7. Dezember 1934 im Hafen von New York an. Der GJCA vermittelte sie in eine Pflegefamilie in Philadelphia. Bei den Klopfers, einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie blieb sie bis zu ihrem Highschool-Abschluss 1938.

 

Lilly Goldschmidt versuchte Ende 1936 aus Verzweiflung über die schlechte finanzielle Situation und über all das, was den Juden angetan wurde, sich das Leben zu nehmen. Hans fand sie und brachte sie ins Krankenhaus. Da Louise Nerper aufgrund der Rassegesetze nicht mehr bei der Familie beschäftigt werden durfte und Adolf Goldschmidt nicht allein zuhause bleiben konnte, wies der Arzt ihn ebenfalls ins Krankenhaus ein. Dort sagte man ihm, dass seine Frau vielleicht nicht durchkommen würde. Die Vorstellung, dass er ohne sie mit seiner Behinderung in Nazideutschland keine Überlebenschance hatte, war für ihn wahrscheinlich der Auslöser dafür, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Er starb am 7. November 1936 im Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße. Lilly Goldschmidt wurde gesund, löste das Geschäft auf und bestritt ihren Lebensunterhalt fortan teilweise mit der Vermietung von zwei Zimmern der Wohnung in der Beethovenstraße 60.

 

Hans Goldschmidt trat im Dezember 1936 eine Stelle als Reisender bei M. Adler Senior in der Gutleutstraße 42/44 an, der Schmuckfirma Adler eines jüdischen Eigentümers. Er war dort bis zu seiner Entlassung infolge der „Arisierung“ der Firma am 31. Oktober 1938 tätig. Am 18. Dezember 1937 verlobten er sich mit Ellen Kastellan. Sie hatten sich im Sommer 1935 im Jüdischen Sportverein TSV Schild kennengelernt. Nach der standesamtlichen Heirat am 24. März 1938 wurde das Paar am 10. April 1938 in der Westendsynagoge von dem Offenbacher Rabbiner Dr. Max Dienemann getraut. Hans zog zu seiner Frau und den Schwiegereltern in die Bürgerstraße 87 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße 83).

 

Lilly Goldschmidt gab die Wohnung in der Beethovenstraße 60 nach dem Auszug ihres Sohnes auf und bezog im zweiten Stock der Liebigstraße 27b – vor dem Haus erinnern zehn Stolpersteine an ehemalige Hausbewohner - ein Zimmer als Untermieterin. Bei den Novemberpogromen wurden Hans Goldschmidt und sein Schwiegervater Herbert Kastellan verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Als Hans Goldschmidt am 21. Dezember zurück nach Frankfurt kam, musste er sich bei der Gestapo Frankfurt melden. Dort traf er auf den hohen Gestapobeamten August Presser, mit dem er früher einmal befreundet gewesen war. Er musste bei ihm unterschreiben, dass er Deutschland „so schnell wie möglich“ verlässt und sich bis dahin „einmal monatlich“ bei der Gestapo Frankfurt meldet. Durch die frühere Freundschaft hatte er bessere Konditionen erhalten als die meisten anderen. Die unmenschliche Behandlung während der Lagerhaft hat Hans Goldschmidt später in einem Interview der Shoah-Foundation ausführlich beschrieben.

 

Lotte hatte inzwischen in den USA über ihre Pflegeeltern und deren Bekannte Affidavits für ihre und die Familie ihrer Schwägerin besorgt. Hans und Ellen Goldschmidt verließen am 17. Januar 1939 Frankfurt und fuhren mit dem Zug nach Hoek van Holland, wo sie das Schiff nach Harwich nahmen. Für England hatten sie ein Transit Trainee Permit, eine vorübergehende Aufenthaltserlaubnis, erhalten. In London versuchten sie, sich mit kleinen Jobs über Wasser zu halten. Im Februar 1940 konnten sie den Ozean überqueren. Hans Goldschmidt berichtete: „Wir ließen uns für eine Schiffslinie registrieren, man wusste aber nicht, wann die Schiffe fuhren. Denn man fuhr mit 40 oder 50 anderen Schiffen sowie zwei Zerstörern im Konvoi. An einem Abend riefen sie an und sagten: Wir fahren morgen Nachmittag um zwei Uhr an Liverpool Street Station in London ab und bringen Sie direkt zum Schiff.“ Wir fuhren noch in derselben Nacht. Wir brauchten fast zwei Wochen, weil der Konvoi nicht auf gerader Linie, sondern in Bögen den Ozean durchquerte. Auf hoher See sah ich kaputte Kisten mit Äpfeln von einem Frachtschiff, das bombardiert worden war.“ Nach einem Zwischenstopp im kanadischen Halifax, gingen sie in Boston an Land und fuhren nach Denver/Colorado, wo sie in der Nähe von Lotte Goldschmidt lebten. Ihr in Rotterdam lagerndes Umzugsgut kam nie an. Es war von den deutschen Besatzungsbehörden beschlagnahmt und nach Deutschland transferiert worden.

 

Lilly Goldschmidt bekam im Mai 1940 ihr Visum und fuhr nach Rotterdam, von wo ihr Schiff am 10. Mai nach USA abfahren sollte. Doch es fuhren keine Schiffe mehr, weil die Deutsche Wehrmacht in der Nacht Holland und Belgien überfallen hatte. Lilly hatte in den Niederlanden einen Freund aus Frankfurt, Arnold Salomons. Dieser war wie sie verwitwet und bereits im April 1939 in seine holländische Geburtsstadt Almelo geflohen. Lilly Goldschmidt blieb bei ihm und lebte mit ihm zeitweise im Versteck bei einer holländischen Familie. Arnold Salomons war zeitweise im Arbeitslager De Bruine Enk in Nunspeet interniert. Dann wurden sie im Durchgangslager Westerbork interniert, wo sie am 6. Oktober 1942 heirateten. Da Arnold Salomons dekorierter Teilnehmer des Ersten Weltkriegs war, wurde das Ehepaar nach Theresienstadt deportiert. Arnold Salomons wurde von dort nach Auschwitz verschleppt, wo er am 18. Oktober 1944 ermordet wurde. Lilly überlebte Theresienstadt und wurde dort 1945 von den Alliierten befreit. Sie kehrte nach Almelo zurück, um dort auf ihren Mann zu warten. Im November 1946 emigrierte sie in die USA und lebte in Denver in der Nähe ihrer Kinder und Enkel. Sie starb 1973 in Portland.

 

Die Stolpersteine wurden initiiert von Renate Hebauf

Adolf (Aron) Goldschmidt

Geburtsdatum:

Todesdatum:

22.2.1878

7.11.1936 (Suizid)

 

Lilly Goldschmidt, geb. Rothschild

Geburtsdatum:

Flucht:

Deportation:

Befreit

15.3.1892

1940 Holland

Westerbork/Theresienstadt

 

 

Lotte Goldschmidt

Geburtsdatum:

Flucht:

29.3.1920

1934 USA

 

Hans Goldschmidt

Geburtsdatum:

Flucht:

17.12.1913

1939 England, 1940 USA

 

 

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Goldschmidt, Adolf (Aron) © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

 

 

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Stolpersteine Beethovenstraße 60, Lilly Goldschmidt © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

 

 

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Stolpersteine Beethovenstraße 60, Lotte Goldschmidt © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

 

 

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Stolpersteine Beethovenstraße 60, Hans Goldschmidt © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

 

 

 

 

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