Zimmerer, Willy

Zimmerer, Willy

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Stolperstein-Biographien im Nordend

Zimmerer, Willy

Willy Zimmerer
Willy Zimmerer © Privat / Michael Hayse, Foto: keine Angabe

 

Willy Zimmerer wurde in Frankfurt geboren. Seine Eltern waren Wilhelm Zimmerer und Fredericke, geborene Frisch. Wilhelm Zimmerer betrieb ein Kolonialwarengeschäft und später einen Zigarrenladen in der Kronprinzenstraße 40. Die Familie lebte bis 1934 in der Friedberger Landstraße 25. Willy Zimmerer hatte zwei Schwestern, Marie (1902–??) und Rosa (1905–1985), und einen Bruder, Fritz (1904–1962), der 1923 in die USA auswanderte. Die Mutter Fredericke Zimmerer starb 1935.

 

Willy Zimmerer arbeitete nach Abschluss der Volksschule zwei Jahre bei einem Weinhandel, verlor diese Stelle, als das Geschäft Konkurs anmeldete. 1919 erkrankte er an Grippe mit hohem Fieber, das zu einer Gehirnhautentzündung führte. Er entwickelte auch X-Beine, die sein Gehen behinderten. Sein Verhalten änderte sich grundlegend, er wurde passiv, menschenscheu und willensschwach. 1926 kam er für einige Monate in eine stationäre Behandlung in Darmstadt und konnte anschließend auch im Tabakwarengeschäft seiner Eltern arbeiten. Sein psychischer Zustand verschlechterte sich. Im Frühjahr 1927 hörte er gänzlich zu sprechen auf, sogar mit Familienmitgliedern. Er kommunizierte nur schriftlich. Wenn andere ihn nach der Ursache fragten, wurde er manchmal böse und zornig. Er fing an, nachts aufzustehen und durch die Wohnung zu streifen. Manchmal stand er sehr lange reglos vor einem Spiegel. Einmal verließ er mitten in der Nacht das Gebäude und klingelte an einem Nachbarhaus, dann widersetzte er sich, als Nachbarn versuchten, ihn nach Hause zu bringen.

 

Nach diesem Vorfall hat sein Vater ihn in die Nervenklinik der Universität Frankfurt eingeliefert. Der behandelnde Arzt notierte, dass er Fragen ausweichend beantwortete, und durch seine Zähne sprach. Manchmal hat er auf Fragen gar nicht reagiert, und gestikulierte mit beiden Armen während er hin und her schwankte. Einmal, als eine Untersuchung unterbrochen wurde und der Arzt das Zimmer für kurze Zeit verlassen musste, zog sich Willy nackt aus, stieg ins Bett und konnte nicht überredet werden, aufzustehen. Nach dem Grund gefragt, erwiderte er, dass er Angst hätte, der Arzt würde ihn hypnotisieren. Eine körperliche Untersuchung erwehrte er so heftig, dass die Bettdecke zerriss. Trotz seines ungewöhnlichen Verhaltens kamen die Ärzte zum Ergebnis, dass keine organische neurologische Krankheit festzustellen war. Er wurde für zehn Tage mit Jod behandelt und nach Hause geschickt.

 

Von 1935 bis 1937 lebte Wilhelm Zimmerer mit seinem Sohn in der Kronprinzenstraße 40 und 1938/1939 in der Friedberger Landstraße 103. Um 1940 zog der Vater in seinen Geburtsort Zeutern/Baden, wo er am 15.3.1944 starb. Willy Zimmerer zog zu seinen Schwestern Maria Unverzagt und Rosel Wagener in die Rotlintstraße 41. Die Geschwister wurden dort häufig von ihrer Kusine Frieda Müller und ihren beiden Kindern Helga und Heidi besucht, die in der Nähe wohnten.

 

Willy wurde am 6. März 1944 in die Universitätsnervenklinik in Frankfurt aufgenommen. Von dort wurde er am 17. März 1944 in die Heilanstalt Weilmünster verlegt, die seit Jahren als Mord- und Transitstation für die Nazi- “Euthanasie”-Aktionen diente. Seine Aufnahmeunter-lagen in Weilmünster notierten, dass Willy Anweisungen verstanden habe und darauf reagierte. Allerdings wiese er immer wiederholende Verhaltensmuster auf und gebe einsilbige Antworten, zumeist mit regloser Teilnahme. Die Diagnose lautete "akinetische Katatonie".

 

Am 13. Oktober wurde Willy Zimmer mit einem Sammeltransport nach Hadamar verlegt. Am 16. Dezember schrieb Hadamar einen Brief an Maria: “Ihr Bruder ist an einer Grippe mit hohem Fieber schwer erkrankt. Da Herzschwäche besteht, ist Lebensgefahr nicht ausgeschlossen. Besuch ist gestattet!” Zwei Tage später, am 18. Oktober 1944, um 6:45 Uhr wurde Willys Tod in seiner Patientenakte notiert. Als Todesursache wurde “Geisteskrankheit, Kopfgrippe” angegeben. In dieser Zeit wurde in Hadamar durch Unterernährung, Vorhalten von medizinischer Behandlung oder Verabreichung einer Medikamentenüberdosis getötet.

 

Erst am 4. Januar 1945 erhielt Maria Unverzagt den Brief über die angebliche Krankheit. Dagegen erreichte sie schon am 18. Dezember 1944 ein Telegramm, das sie über Willys Tod informierte. Kurze Zeit später kam eine Rechnung für die noch nicht beglichene Verpflegung. Dazu wurde vermittelt, dass zusätzlich 300 Reichsmark erforderlich seien, wenn sie die Asche ihres Bruders erhalten wollte.

 

Am 4. Januar schrieb Maria Unverzagt an Hadamar: “Ihre Mitteilung v. 16. 12. des Vorjahres über die schwere Erkrankung meines Bruders Willy gelangte erste heute in meinen Besitz. Es wäre vielleicht zweckmäßig gewesen, wenn Sie mich telegrafisch davon in Kenntnis gesetzt hätten, damit es mir möglich gewesen wäre, meinen Bruder noch einmal zu sehen. Die Rechnung über die entstandenen Bestattungskosten gelangte ebenso in meinen Besitz, und [ich] werde für die Erledigung des Restbetrages Sorge tragen. […] Da ich die Absicht habe, die Urne meines verstorbenen Bruders hier beisetzen zu lassen, bitte ich gleichzeitig um Mitteilung, wann und wo ich diesselbe in Empfang nehmen kann, sowie ebenso die Kleider meines Bruders. Für Ihre Bemühungen spreche ich meinen verbindlichen Dank aus.”

 

Der Stolperstein wurde initiiert von Michael Hayse, Professor an der Stockton University in Galloway in New Jersey (USA) und seiner Schwester Patricia Haller aus Pleasanton, Kalifornien. Beider Großmutter Frieda Müller war eine Kusine von Willy Zimmerer.

 

 

Säule auf dem Friedhof der Gedenkstätte Hadamar
Säule auf dem Friedhof der Gedenkstätte Hadamar © Privat / Michael Hayse, Foto: keine Angabe

 

Willy Zimmerer

Geburtsdatum:

Verlegung:

Todesdatum:

16.4.1901

17.3.1944 Weilmünster, 13.10.1944 Hadamar

18.12.1944

 

 

 

 

 

Stolperstein Rotlintstraße 41, Willy Zimmerer
Stolperstein Rotlintstraße 41, Willy Zimmerer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: keine Angabe

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