Künstlicher, Samuel, Rosa, Lotte und Erich

Künstlicher, Samuel, Rosa, Lotte und Erich

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Stolperstein-Biographien im Nordend

Künstlicher, Samuel, Rosa, Lotte und Erich

 

Samuel Künstlicher wurde in Homona in Ungarn geboren. Um 1900 kam er nach Berlin, besuchte dort die Schule und absolvierte eine kaufmännische Ausbildung. Im Ersten Weltkrieg nahm er als Unteroffizier an der Ostfront teil. Durch den Versailler Vertrag wurde er zum Staatsbürger der neu gegründeten Tschechoslowakei. Rosa Klein wurde in Wellmich am Rhein geboren. Sie arbeitete als Verkäuferin in Berlin, wo sie Samuel Künstlicher kennenlernte. Sie heirateten 1914 und hatten zwei Kinder, Erich und Lotte. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zog die Familie nach Frankfurt. Sie lebte in der Günthersburgallee 16, ab 1928 im Mittelweg 3, ab 1936 in der Merianstraße 31.

 

Erich und Lotte besuchten die jüdische Schule Philanthropin, Lotte das Lyzeum und Erich die Volksschule und später das Gymnasium, wo er bis zur Tertia blieb. Die Eltern waren religiös und besuchten die orthodoxe Synagoge der Jüdischen Gemeinde am Börneplatz. Erich und Lotte hatten keine deutschen Pässe, sie hatten tschechoslowakische Pässe.

 

Zusammen mit einem Partner gründete Samuel Künstlicher einen Großhandel für Musikinstrumente und Schallplatten in Frankfurt, die Firma „Künstlicher & Schott“, Verkauf von Platten der Marke Odeon und Columbia. Das Geschäft befand sich in der Taunusstraße 35. Bis zur „Arisierung“ 1935 ermöglichte es der Familie ein gutes Auskommen. Durch die Geschäftsaufgabe und die folgende Verarmung der Familie war Samuel Künstlicher ein gebrochener Mann und verstarb. Rosa Künstlicher nahm sich das Leben. Von ihren neun Geschwistern wurden fünf zusammen mit ihren Familien deportiert und ermordet. An ihre Schwester Franziska Appel und deren Tochter Herta erinnern Stolpersteine im Holzgraben 11.

 

Lotte Künstlicher versuchte 1939, kurz nach Ausbruch des Krieges, mit dem britischen Passagierschiff „Athenia“ in die USA zu kommen, wo ihr Verlobter auf sie wartete. Das Schiff wurde von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Während die meisten der über 1.000 Passagiere gerettet wurden, gehörte Lotte Künstlicher zu den 118 Menschen, die dabei umkamen.

 

Erich Künstlicher engagierte sich beim Bund jüdischer Pfadfinder, ab 1933 „Makkabi Hazair“, für die Rettung jüdischer Kinder. Er hatte einen von Baldur von Schirach unterschriebenen Führerausweis, der ihm auch nach der „Kristallnacht“ erlaubte, das Ausreisebüro von „Makkabi Hazair“ fortzuführen. Für die Jüdische Jugendhilfe mit Hauptsitz in Berlin, die für die Kinderauswanderung zuständig war, war er Orts- und Gauleiter für Frankfurt und Südwest-Deutschland. Diese „Auswanderung“ der Kinder erfolgte über jüdische Organisationen, die vor allem in England, Holland, Dänemark, Schweden und Frankreich den dortigen Regierungen klargemacht hatten, dass es sich um Kinder handelt, die nur auf die Weiterfahrt nach Palästina warten. 1938 reiste Erich Künstlicher als Leiter einer Jugend-Alijah-Gruppe nach Palästina, kehrte aber im Juli 1939 zurück, um eine Kindergruppe zu übernehmen, die über Schweden nach Palästina ausgewanderte. Da er keinen deutschen Pass hatte, konnte er nicht mitfahren und entschloss sich in Schweden zu bleiben. Dort lernte er 1944 seine Frau Esther, geb. Nolting, kennen, die 15-jährig mit Hilfe einer Jugend-Alijah-Gruppe nach Dänemark gekommen und von dort 1943 nach Schweden geflüchtet war. Erich und Esther Künstlicher heirateten am 28. September 1946 und wohnten an vier verschiedenen Adressen in Helsingborg. Erich Künstlicher war Werkzeugmacher in der Firma Eklektromekanik, 1952 startete er eine eigene Firma, Osmos plats AB, die in erster Linie Plastprodukte produzierte. Esther arbeitete in einem Fotolabor, wo sie Fotos und Ansichtskarten retuschierte. Ab 1954 war sie Hausfrau. Erich Künstlicher starb am 14. März 2002, Esther Künstlicher am 28. Juli 2018. Ihre beiden Kinder Marianne und Rolf Künstlicher leben in Limhamn bei Malmö und Stockholm. 

 

Die Stolpersteine wurden initiiert und finanziert von Mona Wikhäll und Christa Fischer sowie von Michaela Pfeifer und der Religionsklasse S2 der Europäischen Schule Frankfurt.
Bei der Verlegung waren Marianne Künstlicher, Limhamm, Rolf und Jakob Künstlicher, Stockholm, Anders Redelius, Limhamn, und Rasmus Künstlicher, Malmö, anwesend.

 

Literatur: Christa Fischer, Ein Helfer für Kinder – der selbst gerade dem Kindesalter entwachsen war. Erich Künstlicher. In: Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main. Lebenswege von geretteten Kindern. Herausgegeben von Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß, Frankfurt 2018.

 

 

Erich und Esther Künstlicher (1945)
Erich und Esther Künstlicher (1945) © Privat / Künstlicher, Foto: Keine Angabe

 

Erich Künstlicher 1939/40
Erich Künstlicher 1939/40 © Privat / Künstlicher, Foto: Keine Angabe

 

Erich und Lotte (1930er Jahre)
Erich und Lotte (1930er Jahre) © Privat / Künstlicher, Foto: Keine Angabe

 

Fotoalbum der Familie Künstlicher
Fotoalbum der Familie Künstlicher © Privat / Künstlicher, Foto: Keine Angabe

 

Grab von Rosa Künstlicher in Frankfurt am Main
Grab von Rosa Künstlicher in Frankfurt am Main © Privat / Künstlicher, Foto: Keine Angabe

 

 

 

Samuel Künstlicher 
Geburtsdatum:  19.6.1879 
Todesdatum:   21.9.1937 

 

Rosa Künstlicher, geb. Klein 
Geburtsdatum:  19.6.1879 
Todesdatum:  30.10.1942 Suizid 

 

Lotte Künstlicher 
Geburtsdatum:   12.7.1915 
Flucht:   1939 USA 
Todesdatum:   2.9.1939 MS Athenia von deutschem U-Boot versenkt 

 

Erich Künstlicher 
Geburtsdatum:  12.9.1920 
Flucht:    20.7.1939 Schweden 


 

 

Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Samuel
Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Samuel © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Rosa
Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Rosa © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Lotte
Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Lotte © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Erich
Stolperstein Mittelweg 3, Künstlicher, Erich © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

 

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