Moritz, Ludwig, Rosy, Wally und Hannah

Moritz, Ludwig, Rosy, Wally und Hannah

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Stolperstein-Biographien im Nordend

Moritz, Ludwig, Rosy, Wally und Hannah

Ludwig Moritz wurde in eine orthodoxe jüdische Familie in Gelnhausen geboren, seine Eltern waren Josef Moritz und Jettchen Moritz, geb. Glauberg. Er war Soldat im I. Weltkriegs und erhielt noch im Jahr 1935 das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. 1918 gründete er in Gelnhausen einen Lebensmittelgroßhandel, den er 1927 nach Frankfurt verlegte. Er war Mitglied der Frankfurter Getreidebörse und im Handel mit rohem und gebranntem Kaffee und Hülsenfrüchten spezialisiert. Er brachte die Marke „Mohren-Kaffee“ auf den Markt. Der Lebensmittelgroßhandel und das eigene Geschäft bestanden bis 1938.

 

Rosy Moritz wurde in Frankfurt als Tochter von Moritz (Moses) Prager (1862–1938) und Sophie Prager, geb. Nussbaum (1869–17.11.1939) geboren. Ludwig Moritz und Rosy Prager heirateten im Mai 1927 und hatten drei Kinder: Wally, Ellen (1931), und Hannah. Tochter Ellen starb Jahr 1936 und ist auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt begraben.

 

“Meine Eltern waren sehr fromm, aber modern. Die jüdische Religion und das Jüdischsein prägte unser Leben. Wir wohnten in einem schönen Teil der Stadt, umgeben von anderen jüdischen Familien. (…) Wir waren wesentlich eingebunden in der deutschen Zivilisation”, erinnerte sich Wally in einem Aufsatz über ihre Kindheit im Dritten Reich. Die Familie gehörte der Synagoge am Börneplatz an, die dem orthodoxen Flügel der Israelitischen Gemeinde in Frankfurt als Gotteshaus diente. Wally ging auch auf eine jüdische Schule. Ludwig Moritz gehörte seit März 1933 dem Vorstand der konservativen Gemeindesynagoge am Börneplatz an.

 

Schon ab 1935 suchte die Familie Moritz Wege in die Emigration, fanden aber keine. Wally erinnerte sich, dass ihre Eltern sich “ängstlich und nervös, bedroht und ausgestoßen fühlten. Schilder wurden in allen großen Geschäften angehängt, wo darauf stand, dass Juden unerwünscht seien … Wir wollten auswandern, aber wohin? Kein einziges Land wollte uns reinlassen. Die USA hatten ein Quotensystem für die Einwanderung. Wir gaben den Antrag ein, aber wir wären erst 1943 dran gewesen, und bis dahin wären wir sicherlich vergast worden … Unsere Lage war schrecklich und aussichtslos.”

 

Beim November-Pogroms vom 9./10. November 1938 wurde Ludwig Moritz festgenommen und in Buchenwald inhaftiert. Die Wohnung in der Fichtestraße 7 (entspricht heute Fichtestraße 3) wie in den Nachbarhäusern wurde verwüstet und ausgeplündert. Ludwig Moritz wurde nach vier Wochen unter der Bedingung entlassen, dass er und seine Familie Deutschland verlassen. Er musste sich nach der Rückkehr aus Buchenwald einer Ohr-Operation unterziehen. Rosy hatte sich inzwischen an ihre Schwester Frieda, die in den 1920er Jahren nach Kapstadt/Südafrika emigriert war, mit der Bitte gewandt, Visen für Südafrika zu arrangieren. Diese konnte die Erlaubnis für die Einreise in Süd-Rhodesien (heute Zimbabwe) organisieren.

 

Die Familie Rosy und Ludwig Moritz gelangte im April 1939 zusammen mit Rosys Mutter Sophie Prager an Bord des Passagierschiffs Pretoria nach Kapstadt. Von dort fuhren sie mit der Eisenbahn nach Bulawayo in Süd-Rhodesien. Rhodesien war eine britische Kolonie seit dem späten 19. Jahrhundert mit etwa sechs Millionen schwarzen Afrikanern, die von der europäischen Minderheit von nur 300.000 regiert wurde. Nach den damaligen Gegebenheiten gehörten die neuen jüdischen Einwanderer, die der Verfolgung in Deutschland knapp entkommen waren, der weißen Oberschicht an. Ludwig Moritz baute ein Textilhandelsgeschäft auf.

 

Eine vierte Tochter, Doris, kam im Dezember 1939 auf die Welt, sie starb weniger als ein Jahr nach der Geburt. Nach dem Krieg lernte Wally Lutz Hammerschlag, einen ebenfalls aus Deutschland geflohenen Juden, kennen. Er kam aus dem niedersächsischen Dorf Lauenau. Lutz hatte eine Fahrschule gegründet, und als Wally Fahrunterricht machte, haben sich die beiden verliebt. Sie heirateten im Jahr 1948 und bekamen vier Kinder: Robert (1949), die Zwillinge Shirley und Mark (1951) und Lennard (1958). Wally und Lutz zogen 1979 nach Israel, wo sie 1995 und 1997 starben.

 

Robert lebt in Atlantic City in New Jersey (USA), Shirley und Mark leben in Johannesburg/Südafrika, Lennard teilt das Jahr zwischen Kapstadt und Atlantic City.

Die Stolpersteine wurden initiiert von den Enkeln bzw. Söhnen Lennard und Mark Hammerschlag. Sie waren bei der Verlegung anwesend und wurden von ihren Freunden Thomas und Margot Berger aus Lauenau begleitet.

 

 

Bücher auf der Ausreiseliste (1)
Bücher auf der Ausreiseliste (1) © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Foto: keine Angabe
 
Bücher auf der Ausreiseliste (2)
Bücher auf der Ausreiseliste (2) © Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Foto: keine Angabe

 

Ludwig Moritz

Geburtsdatum:

Haft:

Flucht:

12.2.1893

9.11.-8.12.1938 Buchenwald

April 1939 Rhodesien

 

Rosy Moritz, geb. Prager

Geburtsdatum:

Flucht:

18.9. 1896

April 1939 Rhodesien

 

Wally Moritz

Geburtsdatum:

Flucht:

 15.2.1929

April 1939 Rhodesien

 

Hannah Moritz

Geburtsdatum:

Flucht:

23.7. 1937

April 1939 Rhodesien

 

 

Stolperstein Fichtestraße 3, Ludwig Moritz
Stolperstein Fichtestraße 3, Ludwig Moritz © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: keine Angabe

 

Stolperstein Fichtestraße 3, Rosy Moritz
Stolperstein Fichtestraße 3, Rosy Moritz © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: keine Angabe

 

Stolperstein Fichtestraße 3, Wally Moritz
Stolperstein Fichtestraße 3, Wally Moritz © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: keine Angabe

 

Stolperstein Fichtestraße 3, Hannah Moritz
Stolperstein Fichtestraße 3, Hannah Moritz © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: keine Angabe

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