Wertheimer, Lydia und Martha

Wertheimer, Lydia und Martha

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Stolperstein-Biographien in Sachsenhausen

Wertheimer, Lydia und Martha

Die beiden Schwestern Lydia und Martha Wertheimer wurden in Frankfurt am Main als Töchter von Juda Julius Wertheimer und Johanna, geb. Tannenbaum, geboren. Der Vater stammte aus Düdelsheim bei Büdingen, die Mutter aus Netra bei Eschwege. Der Vater war in den 1880er Jahren nach Frankfurt gekommen, hatte zunächst als Trödler und Lohndiener und zuletzt als Kultusbeamter für das Bestattungswesen gearbeitet. Er starb 1907. Die Mutter betrieb ein Schneideratelier auf der Zeil.

 

Lydia Wertheimer durchlief nach dem Schulbesuch eine private Haushaltungsschule und kümmerte sich ab 1907 um die Haushaltsführung für ihre Mutter. Am 1. August 1911 trat sie in die Metallgesellschaft AG ein und wurde Privatsekretärin des Gründersohnes Richard Merton. Ihn begleitete sie im Ersten Weltkrieg, Merton war Adjutant des Generalgouverneurs Freiherr von Bissing im besetzten Belgien. Lydias Tätigkeit in der Zivilverwaltung spielte sich im Rahmen des „Nationalen Frauendienstes“ ab. Dort arbeitete sie zusammen u.a. mit Marie Elisabeth Lüders, Dorothee von Velsen, Sophie Helmann. Im Sommer 1918 begleitete sie ihren Chef zu einem Einsatz in der militärischen Verwaltung in der Ukraine und im Frühjahr 1919 zu den Friedensverhandlungen von Versailles, wo Richard Merton zu den deutschen Verhandlungsteilnehmern gehörte.

 

1924 starb die Mutter. Die beiden Schwestern wohnten zeitlebens, von zweieinhalb Jahren abgesehen, beieinander, zunächst in einer Altbauwohnung im Oeder Weg 136, ab 1930/31 in einer damals hochmodernen Wohnung Unter den Kastanien 1, einem Bauprojekt des Neuen Frankfurt unter Ernst May, mit Zentralheizung, Wintergärten, fließend Warmwasser, Frankfurter Küche. Von dort wurden sie 1935 zugunsten „arischer“ Mieter vertrieben.

 

Martha Wertheimer hatte die Höhere Mädchenschule der Israelitischen Religionsgesellschaft, danach die Elisabethenschule mit dem angeschlossenen Lehrerinnenseminar besucht. Ihr Abschluss 1908 qualifizierte sie zum Unterrichten an Volks-, Mittel- und höheren Mädchenschulen. Von 1911 bis 1914 studierte sie an der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften in Frankfurt und zum Wintersemester 1914/15 an der eben gegründeten Universität Frankfurt. Nach nachgeschobenem Abitur am Wöhler-Gymnasium und einem Semester an der Universität Leipzig legte sie 1916 ihre Dissertation „Der staatstheoretische Inhalt des Briefwechsels zwischen Friedrich dem Großen und Voltaire“ vor. Für diese Arbeit erhielt sie am 1. Juli 1919 als vierte Frau der Universität Frankfurt die Doktorwürde.

 

Am Ende des Ersten Weltkriegs engagierte sie sich für das Frauenwahlrecht und trat als Rednerin in Frankfurt und umgebenden Gemeinden auf. Anfang 1920 trat sie eine Stellung bei der Offenbacher Zeitung an, von Gerichtsreportagen über Marktberichte, Theaterkritiken, Sportreportagen, Ratschläge für Lebensfragen bediente sie alle Genres. Zugleich übte sie sich als Schriftstellerin und Dramatikerin. In den 1920er Jahren unternahm sie – meist mit der Schwester Lydia – Auslandsreisen, die sie in Feuilletonskizzen für ihre Zeitung festhielt.

 

Im Frühjahr 1933 wurde sie als Jüdin aus der Offenbacher Zeitung entlassen und fand neue Beschäftigung in der Frankfurter Redaktion des Israelitischen Familienblattes. Dessen Berliner Feuilletonredaktion übernahm sie 1936, was sie zum ersten und einzigen Mal von ihrer Schwester getrennt leben ließ. Für ihre Zeitung unternahm sie im Herbst 1937 eine mehrwöchige Palästinareise. Sie kehrte nach Deutschland zurück, weil sie ihre Schwester nicht allein zurücklassen wollte und weil sie ihre Aufgabe im „Hier und Jetzt“ in Deutschland sah. Sie bereitete junge Juden auf die Auswanderung vor, gab Kurse in Hachscharah-Einrichtungen und war im Makkabi-Bund aktiv. Zugleich wirkte sie im Jüdischen Kulturbund.

 

Lydia Wertheimer wurde 1937 von Richard Merton auf Druck der Nationalsozialisten entlassen.  Nach einem Aufenthalt in Bayern bei ihren Freundinnen aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs übernahm sie in Frankfurt zunächst für mehrere Wochen die Haushaltsführung des „Heinmann’schen Mädchenpensionats“ im Gärtnerweg, das von Hedwig Levi-Michel, der Schwester des Kulturdezernenten Max Michel, geleitet wurde. Sie war auch ihre und Marthas gemeinsame Freundin.

 

Im November 1938 kehrte Martha Wertheimer nach Frankfurt zurück und übernahm Aufgaben in der Jüdischen Gemeinde: zunächst die Jugendfürsorge, bald die Organisation von Kindertransporten, bei denen sie viele hundert jüdische Kinder und Jugendliche vorwiegend nach England in Sicherheit brachte – sie selbst musste sich für ihre Rückkehr verbürgen, sonst wären die Transporte eingestellt worden. Auswanderungspläne betrieb sie zunächst nur halbherzig, sie wollte ihre Schwester nicht im Stich lassen.

 

Lydia Wertheimer arbeitete inzwischen für den belgischen Konsul Hermann Levi. Der Entzug ihres Reisepasses machte Emigrationsbemühungen ein abruptes Ende. 1939 stellte sie Emigrationsunterlagen zusammen, hoffend, dass ihr inzwischen ausgewanderter ehemaliger Chef sie nach England als Hausangestellte anfordern könnte. Lydia Wertheimer wurde ab September 1939 wegen angeblicher Beziehungen zu englischen Kreisen durch die Gestapo überwacht und am Jahrestag der „Kristallnacht“ verhaftet. Ihre Schwester Martha, die im Zuge der Gestapo-Haft ihrer Schwester auch Verhöre durch die Gestapo durchzustehen hatte,  mobilisierte Bekannte, Freunde, Anwälte und zahlte schließlich einen hohen Geldbetrag, um Lydia aus der Haft freizubekommen.

 

Verzweifelte und teilweise hektische Bemühungen folgten, um noch aus der Falle Deutschland zu entkommen – ehemalige Angehörige der Metallgesellschaft brachten Geld für ein Schanghai-Visum zusammen.

 

Weitere Wohnungswechsel folgten – die Adresse Beethovenstraße 42 gehörte im Mai 1941 zu den ersten zivilen Zielen, die von der britischen Luftwaffe bombardiert wurden, die Wohnung der Schwestern im Dachgeschoss ging in Trümmern auf. Martha wurde dabei schwer verletzt, verlor auch alle Manuskripte und ihre Bibliothek. Wiederhergestellt, widmete sie sich weiter der Arbeit in der Gemeinde,  kümmerte sich um Jugendliche in der Anlernwerkstätte und hielt Beratungsstunden ab.

 

Ab November 1941 mussten die beiden Schwestern in einer zwangszugewiesenen Unterkunft im „Judenhaus“ Fürstenberger Straße 167 leben. Von dort erhielt ihre nach Chile emigrierte Nichte am 9. Juni 1942 eine letzte Nachricht mit der Mitteilung über die bevorstehende Deportation. Am Abend wurden die Schwestern von der gemeinsamen Freundin, der nicht-jüdischen Frankfurterin Hedi Goedeckemeyer, verabschiedet. Zuletzt musste Martha noch eine kaum tragbare Aufgabe übernehmen: Da der von der Gestapo bestimmte Transportleiter, ein junger Wiesbadener Rechtsanwalt, am Bahnhof einen Nervenzusammenbruch erlitt, hatte Martha auf dem letzten Weg der Opfer für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.

 

Überliefert ist, dass Martha Wertheimer für sich und eventuell auch für ihre Schwester Gift bei sich hatte. Möglicherweise haben die Schwestern unterwegs auf der Deportation  ihrem Leben durch Gift selbst ein Ende gesetzt.

 

Die Stolpersteine wurden initiiert von Hanna und Dieter Eckhardt, Frankfurt.

 

Literatur: Hanna Becker, "...das Leben in die Tiefe kennengelernt...", in: Kingreen, Monica (Hrsg.), Nach der Kristallnacht, Frankfurt/New York 1999

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Lydia Wertheimer © privat/AWO-Archiv
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Martha Wertheimer © privat/AWO-Archiv
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Martha Wertheimer © privat/AWO-Archiv

Lydia Wertheimer

Geburtsdatum:

Deportation:

Todesdatum:

4.10.1884

11.6.1942 Izbica, Sobibor

unbekannt

 

Martha Wertheimer

Geburtsdatum:

Deportation:

Todesdatum:

22.10.1890

11.6.1942 Izbica, Sobibor

unbekannt

 

Stolpersteine Unter den Kastanien 1 Lydia Wertheimer
Stolpersteine Unter den Kastanien 1 Lydia Wertheimer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

Stolpersteine Unter den Kastanien 1 Martha Wertheimer
Stolpersteine Unter den Kastanien 1 Martha Wertheimer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

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