Bauer, Hugo, Wilhelm Caspari, Erwin Stilling, Ferdinand Blum und Eduard Strauß

Bauer, Hugo, Wilhelm Caspari, Erwin Stilling, Ferdinand Blum und Eduard Strauß

Stolperstein-Biographien in Sachsenhausen

Bauer, Hugo, Wilhelm Caspari, Erwin Stilling, Ferdinand Blum und Eduard Strauß

Hugo Bauer wurde in Frankfurt als Sohn des Kaufmannes Gustav Bauer geboren. Er besuchte das Kaiser-Friedrich-Gymnasium in Frankfurt, wo er 1901 die Reifeprüfung ablegte. Er studierte Chemie in Frankfurt und München und promovierte 1907. Nach einer Assistentenzeit in München und Mülhausen erhielt er 1909 eine Anstellung bei Paul Ehrlich am Georg-Speyer-Haus und konnte dort bei der Forschung an den Salvarsan-Präparaten mitwirken. Hugo Bauer nahm am Ersten Weltkrieg teil und wurde mehrfach verwundet. Zurück am Institut wurde er 1922 zum Abteilungsleiter des Chemischen Labors befördert.

 

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Georg-Speyer-Haus 2 © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Hugo Bauer wurde nach Inkrafttreten des nationalsozialistischen Reichsbürgergesetzes, das die Entlassung der letzten jüdischen Beamten verfügte, am 15. Oktober 1935 beurlaubt und kurz darauf zum 31.Dezember 1935 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Er war verheiratet und hatte drei Kinder: Hildegard (*1915), Hans (*1918) und Doris (*1924). Seine Tochter Hildegard flüchtete im Frühjahr 1936 nach Palästina. Noch im gleichen Jahr flüchtete auch Hugo Bauer mit seiner Frau Martha in die USA.

 

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Bauer, Hugo © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Hugo Bauer erhielt eine Anstellung am „John Hopkins Hospital“ in Baltimore und wechselte kurz darauf zum „Institute of Health“. Dort arbeitete sehr erfolgreich über Sulfonamide. Später wechselte er zum „National Institute of Arthritis and Metabolic Diseases“ und arbeitete bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1954. Er starb am 15. November 1959.

 

Ferdinand Blum kam als Sohn des jüdischen Naturforschers Isaac Blum, dem Vorsitzenden der Senckenbergischen Gesellschaft und Oberlehrer am Philanthropin, und seiner Frau Lea, geb. Rießer, in Frankfurt zur Welt. Er studierte Medizin in Freiburg, Heidelberg, Kiel und München, promovierte 1889 und approbierte 1890 in Freiburg. Er ließ sich 1892 in Frankfurt als Facharzt für innere Medizin nieder. Neben der praktischen Tätigkeit wandte sich Ferdinand Blum der Forschung zu. Mit dem selbstverdienten Geld betrieb der junge Arzt ein kleines Privatlabor. Die Einführung des Formaldehyds in die Härtungstechnik der Histologie machte Ferdinand Blum früh bekannt.

 

1893 heirate Ferdinand Blum die katholische Ärztin und Chemikerin Emma Louise Amann, die er in Freiburg kennengelernt hatte. Die beiden Töchter Pauline und Gertrude kamen 1894 und 1896 zur Welt. Die Familie wohnte in der Arndtstraße 51 im Frankfurter Westend. 1897 trat Ferdinand Blum zum Protestantismus über.

 

Der Biologische Verein begründete 1911 das Biologische Institut und übertrug seine Leitung Ferdinand Blum auf Lebenszeit. Das aus Spenden der Witwe des Juweliers Robert Koch errichtete Gebäude bildete zusammen mit dem Georg-Speyer-Haus und dem staatlichen Institut für experimentelle Therapie einen Gebäudekomplex und brachte ihn in freundschaftlichen Austausch mit Paul Ehrlich.

 

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Chemische Abteilung Paul-Ehrlich-Straße 42 © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Die Kombination von praktischer Tätigkeit und moderner endokrinologischer Forschung machte Ferdinand Blum zu einem berühmten Frankfurter Arzt. Seine Patientendatei soll über 14.000 Namen enthalten haben, darunter bekannte Frankfurter Namen, wie die Rothschilds. Trotz seiner Bekanntheit wurde auch Ferdinand Blum in der NS-Zeit mit einem Berufsverbot belegt und musste von der Leitung seines Instituts zurücktreten. Buchstäblich im letzten Augenblick vor Kriegsausbruch flüchtete er in die Schweiz und baute sich mit fünfundsiebzig Jahren eine neue Existenz auf.

 

Nach dem Krieg war Ferdinand Blum nicht verbittert. Im Gegenteil, nachdem er als Direktor des Biologischen Instituts wieder bestätigt wurde, leitete er sein Institut noch einmal kurze Zeit bis 1949. Zu seinen Ehren wurde das Institut 1951 in „Ferdinand-Blum-Institut für experimentelle Biologie“ umbenannt und vom Direktor des „Georg-Speyer-Hauses“ in Personalunion geführt.

 

Für seine verdienstvollen Arbeiten wurde Ferdinand Blum zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie ernannt. Die Johann Wolfgang Goethe-Universität verlieh ihm 1949 die Ehrendoktorwürde der Naturwissenschaften. Zu seinem 90. Geburtstag ehrte ihn die Stadt Frankfurt mit der Goethe-Medaille und der Bundespräsident verlieh ihm das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik.

 

Ferdinand Blum zeigte eine erstaunliche körperliche Rüstigkeit. Weit über sein achtzigstes Lebensjahr hinaus ging er zum Skilaufen. Insgesamt hat Ferdinand Blum weit über einhundert wissenschaftliche Beiträge veröffentlicht und hinterließ noch unveröffentlichte Arbeiten über Schilddrüsenprobleme.

 

Ferdinand Blum starb in seiner Wahlheimat Zürich.

 

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Kollegium in der Paul-Ehrlich-Straße © Paul-Ehrlich-Institut , Foto: keine Angaben

 

Wilhelm Caspari wurde in Berlin geboren. Er war von mosaischer Religion und konvertierte später zum Protestantismus. Er studierte Medizin in Freiburg und Berlin, legte 1895 das Staatsexamen ab und promovierte noch im gleichen Jahr. Nach kurzer praktischer Tätigkeit, unter anderem im Krankenhaus Moabit in Berlin, entschied sich Wilhelm Caspari für die wissenschaftliche Laufbahn. Er nahm 1897 eine Anstellung am Tierphysiologischen Institut bei Professor Nathan Zuntz in Berlin an. Bei ihm habilitierte er sich und erhielt 1906 einen Lehrauftrag für Ernährungsphysiologie. 1908 wurde er zum Professur und kurz darauf zum Abteilungsleiter ernannt.

 

Wilhelm Caspari war Soldat im Ersten Weltkrieg. Aus dem Feld heraus bewarb er sich auf die Stelle als Abteilungsleiter für die Krebsforschung am Frankfurter „Königlichen Institut für Experimentelle Therapie“ als Nachfolger von Professor Apolant. Zu Beginn des Jahres 1920 trat er die Stelle an. Wilhelm Caspari wurde zu einem der bekanntesten Krebsforscher seiner Zeit. Zu seinem 60. Geburtstag erschien 1932 eine umfangreiche Festschrift.

 

Wilhelm Caspari war verheiratet mit Gertrud Gerschel, der Tochter eines jüdischen Juristen und Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses. Die Familie hatte vier Kinder: Ernst, Fred, Irene und Max. Wilhelm Caspari wurde 1935 aufgrund des nationalsozialistischen Reichsbürgergesetzes, das die Entlassung der letzten jüdischen Beamten verfügte, am 15. Oktober 1935 beurlaubt und kurz darauf zum 31. Dezember 1935 zwangsweise in den Ruhestand versetzt.

 

Das Ehepaar Caspari musste 1941 die Wohnung räumen und in ein so genanntes Judenhaus umziehen. Der älteste Sohn Ernst Caspari, der über die Türkei in die USA emigrieren konnte, hatte sich lange um Visa für seine Eltern bemüht, scheiterte aber an der Bürokratie und den Kriegsereignissen. Die Einreisedokumente erreichten Frankfurt zwei Tage zu spät.

 

Wilhelm Caspari wurde aufgrund seiner Berühmtheit im Ghetto privilegiert behandelt. Ihm wurde eine relativ gute Wohnung in Marysin zugeteilt, und er konnte im Krankenhaus, später in der Statistik-Abteilung der Ghettoverwaltung, weiter arbeiten. Wilhelm Caspari hielt auch Vorträge zur Ernährung, um die Ghettobewohner dabei zu unterstützen, mit der Mangelsituation etwas besser zurechtzukommen. Er wurde auf dem alten jüdischen Friedhof in Lodz beigesetzt.

 

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Georg-Speyer-Haus © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Erwin Stilling wurde in Straßburg (Elsaß) als Sohn von Jakob Stilling, Professor für Augenheilkunde, und Gabriele Marie Stilling, geb. Höchberg, geboren. Nach der Reifeprüfung im Jahr 1900 nahm er das Studium der Medizin in Straßburg, Berlin und Heidelberg auf und legte 1906 das Staatsexamen ab. Er promovierte mit einer Arbeit über Schweinepestbazillen.

 

Ab 1908 arbeitete Erwin Stilling als wissenschaftlicher Assistent an den Universitätskliniken in Straßburg und Breslau. Im August 1914 wurde er zum Militär eingezogen. Wegen einer Typhuserkrankung wurde er bereits nach zwei Wochen als dienstunfähig entlassen und im Oktober 1914 für dauernd kriegsdienstunfähig erklärt.

 

Seit 30. November 1929 war er als wissenschaftlicher Bibliothekar der gemeinsamen Bibliothek des Staatlichen Instituts für Experimentelle Therapie und des Georg-Speyer-Hauses tätig. Er schrieb mehrere Referate über das Bibliothekswesen und wurde durch einen Beitrag zur Geschichte der Quecksilberbehandlung bekannt.

 

Erwin Stilling blieb Junggeselle. Er wohnte in der Bockenheimer Landstraße 101 im ersten Stock. Er war Mitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft und gehörte den Brüdern der Freimaurerloge zur aufgehenden Morgenröthe an, für die er 1932 einen Beitrag zu deren 125. Gründungstag schrieb.

 

Erwin Stilling wurde 1935 aufgrund des nationalsozialistischen Reichsbürgergesetzes, das die Entlassung der letzten jüdischen Beamten verfügte, beurlaubt und kurz darauf in den Ruhestand versetzt. In das Getto Lodz verschleppt, lebte er dort im November 1941 in der Rembrandstraße 10, ab Dezember 1941 in der Königsberger Straße 34.

 

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Strauß, Eduard © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Eduard Strauß wurde in Kreuznach als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Mit 16 Jahren kam er nach Frankfurt, wo er seine Reifeprüfung 1895 ablegte. Er studierte Chemie, Physik, Botanik und auch einige Semester Theaterwissenschaft und Medizin in Bonn, München und Berlin. Eduard Strauß beherrschte neben Latein und Griechisch noch vier gesprochene Sprachen fließend.

 

Eduard Strauß heiratete 1907 Beatrice, geb. Rosenberg. Die Töchter Elisabeth und Carola kamen 1908 und 1913 zur Welt. Seit 1907 arbeitete Eduard Strauß als Assistent an verschiedenen Krankenhäusern in Frankfurt, 1912 wechselte er zu Ferdinand Blum an das Biologische Institut, ab 1922 arbeitete er am benachbarten Georg-Speyer-Haus bei Hugo Bauer.

 

Strauß engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde Frankfurts. Als Freund und enger Mitarbeiter von Franz Rosenzweig, Martin Buber und Richard Koch war er Dozent am Jüdischen Lehrhaus.

 

Eduard Strauß wurde nach Inkrafttreten des nationalsozialistischen Reichsbürgergesetzes, das die Entlassung der letzten jüdischen Beamten verfügte, am 15. Oktober 1935 beurlaubt und kurz darauf zum 31.Dezember 1935 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Im Juni 1938 flohen er und seine Frau nach Italien und von dort im Dezember 1938 über Kuba in die USA. Da seine Frau amerikanische Staatsbürgerin war, erhielt Eduard Strauß bereits 1943 die Einbürgerung.

 

Eduard Strauß bekam in New York eine Anstellung am Krankenhaus Beth David. Später erfolgte ein Ruf an die Coster Research Laboratories. Von 1943 bis 1946 arbeitete er in der Chemischen Abteilung der New York University und ging mit 70 Jahren in den Ruhestand. Bis 1951 war er Mitarbeiter am Polytechnical Institute of Brooklyn, er starb am 23. August 1952.

 

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Wilhelm Caspari, Erwin Stilling, Hugo Bauer, Eduard Strauß, Ferdinand Blum (von rechts nach links) © Paul-Ehrlich-Institut, Foto: keine Angaben

 

Die Stolpersteine in der Paul-Ehrlich-Straße 42 wurden initiiert von Klaus Cußler vom Paul-Ehrlich-Institut in Langen.

 

Anwesend bei der Verlegung waren Professorin Rachel Caspari (Enkelin von Prof. Caspari) aus Michigan und weitere sieben Caspari-Angehörige aus den USA, Rene Jean Roesler (Urenkel von Ferdinand Blum) aus Kirn, Clemens Riesser, seine Frau Fanny geb. Riesser, war seine Urgroßtante, die Schwester seines Urgroßvaters Jacob Riesser und die Tochter von Raphael Riesser, dem Bruder von Gabriel Riesser.

Ferdinand Blum

Geburtsdatum:

Deportation:

03.10.1865

Flucht 1939 Zürich/ Schweiz

Eduard Strauß

Geburtsdatum:

Deportation:

18.11.1876

Flucht: 1938 über Kuba nach New York/ USA

Hugo Bauer

Geburtsdatum:

Deportation:

29.05.1883

Flucht: 1936 USA

Wilhelm Caspari 

Geburtsdatum:

Deportation:

Todesdatum:

04.02.1872

19.10.1941 Lodz

21.01.1944

Erwin Stilling 

Geburtsdatum:

Deportation:

Todesdatum:

25.10.1882 in Straßburg

19.10.1941 Lodz

unbekannt

 

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Stolperstein Paul-Ehrlich-Straße 42 Hugo Bauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

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Stolperstein Paul-Ehrlich-Straße 42 Wilhelm Caspari © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

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Stolperstein Paul-Ehrlich-Straße 42 Erwin Stilling © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

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Stolperstein Paul-Ehrlich-Straße 42 Ferdinand Blum © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

 

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Stolperstein Paul-Ehrlich-Straße 42 Eduard Strauß © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main

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