Eichhorn, Ludwig

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Stolperstein-Biographien in Niederrad

Eichhorn, Ludwig

Ludwig Heinrich Eichhorn wurde in Büdesheim im Main-Kinzig-Kreis geboren und wuchs dort auf. Seit Anfang November 1925 war er bei der Firma Hochtief in Frankfurt als Magazinverwalter des Bauhofes in der Gutleutstraße 310 beschäftigt. Am 11. März 1926 heiratete Ludwig Eichhorn Elisabeth Filz. 1929 trat er aus der evangelischen Kirche aus und ließ sich am 31. August 1931 als Zeuge Jehovas taufen. Seine Ehefrau Elisabeth wurde 1932 Zeugin Jehovas. Sie hatten zwei Söhne, Dieter und Lothar.

 

Ludwig Eichhorn sah zweimal im Frankfurter Hippodrom das „Photodrama der Schöpfung“, einen vierteiligen religiösen Film über das Universum, den Zeugen Jehovas seit 1914 in verschiedenen Variationen vorführten. Regelmäßigmissionierte er in Frankfurt und im Umland: „Um den sonntäglichen Felddienst außerhalb Frankfurts durchzuführen, verließen wir morgens um 6 Uhr unsere Wohnungen, fuhren aufs Land, gingen zwischen 9 und 10 Uhr in den Einsatz. Abends von 16 Uhr an wurden wir wieder in den Lastwagen aufgenommen […] Während unserer Tätigkeit von Haus-zu-Haus pausierten wir etwas und futterten aus der Hand.“

 

Nach dem Verbot der Zeugen Jehovas 1933 führte seine Weigerung, an der Parade am 1. Mai 1933 teilzunehmen, zu „Spannungen mit der Firmenleitung“. Seine Ablehnung des Hitler-Grußes machte für ihn die Situation unerträglich. „Unsere Untergrundtätigkeit erlangte in der Verbreitung der Luzerner Resolution ihren Höhepunkt“ (ein Protestbrief gegen das Verbot der Zeugen Jehovas und die Misshandlungen in den KZs). Ludwig Eichhorn wurde am 22. März 1937 festgenommen. Erst nach Protest seiner Ehefrau durfte er noch einen letzten Blick auf seine schlafenden Kinder werfen.

 

Bei der Vernehmung am nächsten Tag erklärte er: „Ich verrate keine Glaubensgeschwister […] Ich will mein Gewissen vor Gott nicht belasten!“ Zu seiner Ablehnung des „Deutschen Grußes“ sagte er: „Weil ich glaube, […] dass es der Bibel widersprechen würde.“ Die Frage, warum er es ablehne sein Vaterland mit der Waffe zu verteidigen, antwortete er: „Weil das 5. Gebot sagt: ‚Du sollst nicht töten!‘“ Die Vernehmung wurde von den verhörenden Beamten zusammengefasst: „Bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen äußerst fanatischen Verfechter für die Irrlehre der IBV“ (Internationale Bibelforscher Vereinigung).

 

Am Tag darauf, am 24. März 1937, kam  er in das Gefängnis Frankfurt-Preungesheim. Die Firma Hochtief entließ ihn am 30. April 1937. Am 30. Juli 1937 wurde er zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die durch die erlittene Untersuchungshaft längst verbüßt waren. Statt freigelassen zu werden, transportierte man ihn am 2. September 1937 in das KZ Buchenwald. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 336. Er musste im Erd- und Straßenbau, in einem Steinbruch, im Wegebau, sowie bei Kanalarbeiten und Leichentransporten arbeiten. Spätestens ab 1941 war er im Arbeitskommando 78 (SS-Bekleidungskammer) beschäftigt.

 

Am 11. Januar 1942 wurden „alle Bibelforscher ans Tor gerufen, weil sie sich einmütig geweigert hatten, sich an der Wollspende für die deutschen Truppen an der Ostfront zu beteiligen. Das Urteil des Rapportführers lautete: ‚Ihr Staatsverbrecher, ihr Himmelshunde, heute werdet ihr unter freiem Himmel (es waren 20 Grad Kälte) bis Einbruch der Dunkelheit arbeiten. Sämtliche Unterkleidung wird sofort ausgezogen!‘ Was dann auch geschah. Als der Block am Abend einrückte, mussten sämtliche Lederschuhe abgegeben und dafür Holzschuhe eingetauscht werden.“

 

Im Juli 1942 erkrankte Ludwig Eichhorn an schwerer Angina. „Nach 14tägigem Aufenthalt im Revier wurde ich mit Eiter im linken Unterschenkel entlassen. Ich musste, eingehakt bei zwei Mitgefangenen, mit hochgehaltenem linken Unterschenkel zur Arbeit ausrücken.“ Im August hatte sich im rechten Bein eine Venenentzündung gebildet, die ebenfalls nicht geheilt wurde.

 

Um den Zusammenhalt der Zeugen Jehovas im KZ zu erschweren, wurde ab November 1943 der „Bibelforscherblock“ aufgelöst und die Häftlinge auf alle Blöcke verteilt. Am 17. April 1944 wurde Ludwig Eichhorn von seinem Arbeitskommando weg in den SS-Kommandanturbunker eingesperrt mit der Bemerkung: „Rinn du Sau!“. Er wurde der Anstiftung zur Neuorganisation der Bibelforscher beschuldigt. Beim Verhör konnte geklärt werden, dass jeder bei ethischen Entscheidungen eigenverantwortlich handelte und keinen Anführer brauchte. Wenige Stunden später kam er aus dem Arrestbunker frei und zu seinem Arbeitskommando zurück.

 

Während der Haft durfte Ludwig Eichhorn nur kurze Briefe mit 25 Worten an seine Familie schreiben. Seine Frau stand bei der Versorgung der beiden kleinen Jungen allein da. Da sie sich weigerte, der staatlich geforderten Scheidung zuzustimmen, wurde ihr jegliche Unterstützung entzogen. Sie war gezwungen, die Wohnung in der Breubergstraße zu kündigen. Zunächst lebte sie mit ihren beiden Söhnen bei Verwandten in Bad Vilbel bis sie Arbeit fand in der Küche und Kantine des ehemaligem Arbeitgebers ihres Ehemannes. In unmittelbarer Nähe konnte sie eine kleine Wohnung in der Ulmenstraße 7 mieten. Da sie für den Lebensunterhalt sorgen musste, war ihr Sohn Lothar abwechselnd bei Verwandten untergebracht, mit sehr häufigen Schulwechseln. Sein drei Jahre älterer Bruder Dieter war außer bei Verwandten auch noch in der Kinderlandverschickung. Für die beiden Jungen bedeutete es, fast die gesamte Kindheit getrennt aufgewachsen zu sein. Am 22. März 1944 wurde die Wohnung durch einen Bombenangriff völlig zerstört. Der Familie wurde als Angehörige eines KZ-Insassen jegliche Unterstützung verweigert. Sie fanden Unterkunft bei Onkel und Tante.

 

Bei Kriegsende wurde noch versucht, das KZ Buchenwald zu räumen. Etwa die Hälfte der Häftlinge wurde auf einen Todesmarsch geschickt. Ludwig Eichhorn erwirkte mit den verbliebenen Zeugen Jehovas, dass sie in die frei gewordene „Russenbaracke“ einziehen durften. Er blieb bis 24. April 1945 in Buchenwald. Bei seiner Entlassung erhielt er einen Ausweis, der ihm bescheinigte, dass er vom 22. März 1937 bis 11. April 1945 inhaftiert war. Die „Frankfurter Presse“ kündigte in ihrer Ausgabe vom 10. Mai unter der Überschrift „Heimkehr aus der Hölle“ seine Rückkehr an. In einer langen Liste von Rückkehrern aus Buchenwald sind 12 Zeugen Jehovas genannt, darunter auch Ludwig Eichhorn. Sein früherer Arbeitgeber bescheinigte: „Nach Entlassung meldete er sich am 16.5.45 zurück und ist bei uns seit diesem Tage wieder tätig. Der Haftaufenthalt vom 23.3.37–15.5.45 wurde auf die Betriebszugehörigkeit angerechnet.“ Ludwig Eichhorn starb am 30. Oktober 1975 in Frankfurt.

 

Der Stolperstein wurde initiiert von den Zeugen Jehovas, Frankfurt.

 

Anwesend waren der Sohn Lothar Eichhorn und die Enkelin Linda Eichhorn-Born sowie Monika und Werner Hescher mit Mutter Ilse Ebert, die mit dem Ehepaar Eichhorn befreundet war.

 

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Ludwig Eichhorn, Passfoto Verfolgtenausweis © privat/Archiv JCD, Foto: Keine Angabe

 

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Ludwig Eichhorn (vorn) und Ehefrau mit der Gemeinde auf Missionsfahrt vor 1933 © privat/Archiv JCD, Foto: Keine Angabe

 

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Elisabeth Eichhorn mit den beiden Söhnen während der Ehemann im KZ war © privat/Archiv JCD, Foto: Keine Angabe

 

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Ludwig Eichhorns Entlassungsausweis aus dem KZ Buchenwald © privat/Archiv JCD, Foto: Keine Angabe

 

 

Ludwig Eichhorn

Geburtsdatum:

Haft:

31.10.1899

24.3.1937 Frankfurt-Preungesheim, 2.9.1937-11.4.1945 Buchenwald

 

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Stolperstein Breubergstraße 26, Ludwig Eichhorn © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

 

 

 

 

 

 

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