Finkernagel, Karl

Finkernagel, Karl

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Stolperstein-Biographien in Bockenheim

Finkernagel, Karl

Karl Heinrich Finkernagel wurde in Altenstadt bei Gießen geboren. Am 22. Juni 1904 heiratete er in Frankfurt die Köchin Karoline Wilhelmine (Mina) Mayer. Der gemeinsame Sohn Karl Friedrich wurde wahrscheinlich 1905 geboren. Die Familie wohnte seit 1907 in der Moltkeallee 58, 1. Stock (heute: Hamburger Allee).

 

Karl Finkernagel war Tapezierer und Polsterer. Ende 1918 oder Anfang 1919 wurde er durch öffentliche Plakatanschläge auf die IBV (Internationale Bibelforscher-Vereinigung)  aufmerksam und besuchte regelmäßig deren Versammlungen. Im März oder April 1925 wurde er getauft. Bald übernahm er die Leitung des Bezirks Bockenheim-Westend der dortigen Bibelforscher. Seine Aufgabe war es, sich darum zu kümmern, dass in seinem Bezirk die Bibelforscher und Interessenten die biblische Literatur erhielten.

 

Am 15. Dezember 1936 wurde Finkernagel verhaftet. Da man bei ihm Unterlagen mit Namen gefunden hatte, wurde er ausführlich dazu befragt. Zu seiner Einstellung zum Staat erklärte er, „dass ich bemüht bin, die Gesetze des Staates zu achten, soweit es meine biblische Überzeugung zulässt“. Nach seiner Vernehmung wurde Karl Finkernagel in „Schutzhaft“ genommen und in das Polizeigefängnis überführt.

 

Im Bericht über seine Vernehmung wurde festgestellt: „Finkernagel ist ein fanatischer Zeuge Jehovas, der in den Ideen der Bibelforscher sehr tief eingedrungen ist. Er gibt zu, vor dem Verbot der IBV ein rühriger Bruder gewesen zu sein.“ Bei der Hausdurchsuchung in seiner Wohnung hatte man 35 Kilogramm religiöse Literatur von Jehovas Zeugen gefunden. Ihm wurde zur Last gelegt, weiter an seinem Glauben festzuhalten und entsprechend aktiv zu sein. Deshalb wurde empfohlen: „Es wäre zweckmäßig, in diesem Falle einmal ein Exempel zu statuieren und F. eine angemessene Strafe zu erteilen, die etwa heute noch illegal arbeitenden IBV-Anhängern eine scharfe Warnung sein kann.“

 

Karl Finkernagel hatte nach vier Monaten Haft im Gefängnis Frankfurt-Preungesheim in der Abteilung 4, Zelle 129, immer noch keine Anklageschrift erhalten. Deshalb wandte er sich am 20. April 1937 und nochmals am 24. Mai 1937 schriftlich an den Untersuchungsrichter. Offenbar war durch die lange Ungewissheit und die Umstände auch seine Gesundheit angegriffen. Er hatte durch ein Gespräch vor seiner Zellentür mitbekommen, dass seine Überführung ins Gerichtsgefängnis Hammelsgasse bereits zum zweiten Mal abgesagt worden war. Nun bat er, nach Hause entlassen zu werden, dort könne er erst richtig arbeiten, hätte „die Gedanken aus dem Kopf und frische Luft, [...] da erhole ich mich sehr rasch. Ich erkläre hiermit, daß ich sowohl für meine Gesundheit wie für strengste Verschwiegenheit jede Verantwortung übernehme.“ Weiter schrieb er: „Sollten Sie aber absolut mein Leben haben wollen, so haben Sie u. alle Beteiligten auch die Verantwortung vor dem höchsten Richter, dem allmächtigen Gott Jehova. Ich hasse niemand u. will auch keine Rache […] Wenn Sie also etwas wiedergutmachen wollen und wollen einen Meuchelmord an einem unschuldigen Menschen verhüten, dann tun Sie es bitte sofort.“

 

Am 30. Juni 1937 fand die Hauptverhandlung des Sondergerichts statt. Das Urteil lautete auf einen Monat Gefängnis, was durch die sechsmonatige Untersuchungshaft bereits bei weitem abgegolten war. Er wurde noch am selben Tag entlassen, doch nach Hause kam er nicht. Er wurde der Polizei übergeben und nach Buchenwald deportiert. Am 7. August 1937 kam er dort an (Häftlingsnummer 1560). Gemäß einer Karteikarte wurde er bereits am 30. Juli 1937 in Buchenwald registriert. Er gehörte zu den ganz frühen Häftlingen des KZ Buchenwald, das erst im Juli 1937 von Lichtenburg-Häftlingen errichtet worden war. Nur zwei Tage zuvor, am 28. Juli 1937, hatte man den anfänglichen Namen des Konzentrationslagers „K.L. Ettersberg“ in „K.L. Buchenwald/Post Weimar“ geändert.

 

Der Eintrag in der Karteikarte lautet: „F. ist am 24. 8. 1937 gegen 9.30 h im Häftlingsrevier an Blut- und Kreislaufschwäche infolge Lungenentzündung gestorben.“ In der Sterbeurkunde, ausgestellt von der Gemeinde Hottelstedt, ist als Sterbeort „Hottelstedt K L Bu“ eingetragen.

 

Der Stolperstein wurde initiiert von den Zeugen Jehovas Frankfurt.


Karl Heinrich Finkernagel

Geburtsdatum:

Haft:

Todesdatum:

29.8.1869

15.12.1936 Gefängnis Frankfurt, 7.8.1937 Buchenwald

24.8.1937

 

 

 

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Stolperstein Hamburger Allee 58 Karl Finkernagel © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, Foto: Keine Angabe

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