Stadtschreiberfest 2011

Stadtschreiberfest 2011

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Zeltreden

Stadtschreiberfest 2011

Abschiedsrede: Thomas Rosenlöcher

Die Abschiedsrede von Thomas Rosenlöcher liegt leider nicht vor.

Antrittsrede: Thomas Lehr

Über das Fallen der Äpfel

Liebe Bergen-Enkheimerinnen und Bergen-Enkheimer,

Liebe Freunde,

Liebe Gäste,

 

Sie sollen mich kennenlernen. Aber wie? Nun, zunächst danke ich Ihnen ganz herzlich für den Preis, insbesondere der Jury und allen, die im Rahmen der Kulturgesellschaft und darüber hinaus an seiner Ausrichtung und Organisation beteiligt sind. Vielleicht sagt es etwas über mich, dass ich, wenn ich ein Amt hätte, es am liebsten vollkommen transparent machen wollte. Aber leider bin ich mir als Autor oft so undurchsichtig, dass ich Ihnen den gläsernen Stadtschreiber wohl kaum präsentieren kann. Wird er schwer am Amt tragen? Nun, es scheint mir ein recht fröhliches zu sein, und weil für mich das Schreiben eine Passion ist, ein fettes eifersüchtiges, tintensaufendes Ungeheuer, das auf meine Wiege sprang, um lebenslänglich mit mir zu spielen, trage ich die Hoffnung, ihm womöglich eine Zeitlang mit einem echten Amt imponieren zu können und es mit der Aussicht auf die gläsernen, wild wachsenden Aktenordner der dichterischen Imagination zu beruhigen, in denen Apfelbäume blühen und die Gedankenschwärme summen.

 

Gerade nach Abschluss meines langwierigen ost-westlichen Romans September. Fata morgana, nach zahlreichen Lesungen und Diskussionen über einen schwierigen Stoff, ist es sehr wohltuend, für eine Weile nach Bergen-Enkheim kommen zu dürfen. Ein solch renommierter Preis ist einer der schönen Endpunkte eines Schaffenszyklus in einem Schriftstellerleben, an dem einem eine Zeitlang die Worte fehlen dürfen. Die fehlenden Worte haben nämlich sonst gerade angefangen, quälend zu werden, und das muss so sein, denn ich befinde mich am Anfang eines neuen Projekts. Die Zustände, in die ich dabei gerate, sind nicht immer vorzeigbar, aber vielleicht gar nicht ungeeignet, mich kennen zu lernen. Am neuen Anfang nämlich muss man aus sich herausgehen, unter die Bücher und die Leute. Man muss von Bergen nach Enkheim oder umgekehrt. Als geborener südwestdeutscher Provinzler weiß ich, was Entfernungen sind und wovon ich rede. Man muss von Speyer nach Berlin, von Frankfurt nach Weimar, von Berlin nach New York. Für den Schreibenden ist selbst der Weg nach Bagdad nicht weit. Er muss nur das Wort hinschreiben, schon ist er da. Ist er natürlich nicht. Er muss das Wort hinschreiben – und dann den Abgrund spüren, das weiße Rauschen Hunderter unbeschriebener Seiten, das Vakuum des Nichtwissens und Nichtkönnens, das ihn davon trennt. Und hineinfallen, auch wenn er sich fürchtet. So beginnen all meine Bücher: Ein glänzendes Wort erscheint, verwandelt sich in einen Abgrund und sagt freundlich: Wenn du leben willst, spring! Ein Schriftsteller ist jemand, der besser lebt, wenn er sich zum Wort hin fallen lässt.

 

Eine gewisse Haltlosigkeit gehört zum Fallen dazu, sagte sich der Apfel, als er sich vom Ast löste. Während er fiel – und so mache ich es auch – kritzelte er sich allerdings noch rasch eine kleine Merkliste auf ein mitgerissenes Blatt, um nicht als Birne zu landen. Im Falle des kleinen Abgrunds dieser Rede hatte ich mir hastig notiert: Bergen-Enkheim, Äpfel, Goethe, Punkt. Was die Äpfel angeht, so könnte ich meinen Verleger Michel Krüger zitieren, der mich besorgt fragte, ob ich Apfelwein möge (er muss hier furchtbare oder wenigstens lehrreiche Erfahrungen besitzen). Ich könnte auch meine Antwort zitieren, in der ich kundtat, dass ich über die Rolle des Apfels in der Literaturgeschichte jederzeit enzyklopädisch wirken wolle und ansonsten, was die Alkoholsorten anginge, schon immer allzu gelehrig gewesen sei. Immerhin kann ich transzendentale Erfahrungen mit einer würdigen Flasche Calvados vorweisen. Was ich aber, an den Apfelstamm gelehnt, dann auch wirklich zitieren möchte, ist einen vorsorglich anonym gehaltenen Bekannten: Bergen-Enkheim, sagte er kopfschüttelnd, ein Kaff. Liegt aber inmitten schöner Streuobstwiesen. Das mit den Streuobstwissen gefiel mir. Meine Eltern nämlich, die hier mit auf den Bänken sitzen, sind immer noch so begeisterte Gärtner, dass sie sich vor einigen Jahren ein Grundstück im Pfälzer Wald gekauft haben, auf dem sie die unterschiedlichsten Apfelsorten züchten. Von ihnen weiß ich, dass in gärtnerischer Hinsicht die Streuobstwiese für das steht, was ich literarisch anstrebe: Eigenwilligkeit, Originalität, Tradition und Differenz anstelle der Plantagen-Produkte der Beststellerlisten. Man muss dort aber, sagte mein von der Anonymität geschützter Bekannter weiter, eine Rede in einem Zelt halten.

 

Da ich schon einige Reden gehalten habe, entsteht hier die besondere Herausforderung am oder im Zelt. Es ist nun wirklich lange her, dass ich das letzte Mal in einem Zelt geredet habe – und ich verstand zunächst nicht, weshalb ich mich bei der Erwähnung des Wortes dreißig Jahre jünger auf dem Bauch liegen sah, glücklicherweise nicht in einem Festzelt, sondern in einer Art textiler Zwei-Mann-Regentonne und in einem wasserfesten Schlafsack, anstatt mir einen Parteitags-Tribunen oder anderen Festredner vorzustellen, der vor einer Menschenmenge in einem großen Zeltraum sprach. Gewisse zeltische Prinzipien mögen aber ja das eine mit dem anderen verbinden, die Dünnhäutigkeit etwa, die das Wort nicht widerhallen, sondern gleich durchdringen lässt, fast als umgäben einen nur Wände aus Papier. Mit der Affinität von Plane und Blatt kommt noch mehr Literarisches ans Zelt, und auch das nur schwach Geschützte und schwach Schützende, das Temporäre und Nomadische, das sich mit dem Zelten verbindet, hat mit den oft fragilen Behausungen und Heimaten der Schreibenden zu tun und mit der prekären zeitweiligen Unterkunft, die ein Buch den Lesenden gewähren kann. Der tiefere oder besser persönlichere Grund, der mich bei dem Wort Zeltreden auf die intime Gesprächssituation eines Zwei-Personen-Zelts brachte, ist jedoch die Tatsache, dass mein Schreiben in und vor einem Zelt begonnen hat. Im Sommer 1981 verbrachte ich nach einem enervierenden Chemielabor-Praktikum vier Wochen meiner Semesterferien auf der griechischen Insel Andros. Dort schrieb ich eine kurze Liebesgeschichte mit einer solchen Leidenschaft in immer neuen, schrecklich ungelenken Versionen, dass meine naturwissenschaftlichen Kommilitonen mir prophezeiten, dereinst würde ein Schriftsteller aus mir werden. Siebzehn Jahre später hatte sich die knapp zehnseitige Geschichte in meinen Roman Nabokovs Katze verwandelt. Es geschah im Zelt und will wohl ab und an dahin zurück.

 

Goethe war selten zelten. Dass ich seinen Namen auf dem unweigerlich mit mir gemäß den Newtonschen Kraftgesetzen hinabstrebenden Blatt notiert habe, hat gute Gründe. Keines meiner Bücher ist so eng mit Johann Wolfgang Goethes Werk und seiner Person verknüpft wie der Roman September, nach dessen Fertigstellung ich nun diesen schönen Bergen-Enkheimer und somit ja auch ein wenig Frankfurter Preis erhalte. Die erste starke und vitale Verbindung ergab sich in der Anfangsphase der Romanarbeit. Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur über das Terrorattentat vom 11. September 2001 in New York zu schreiben, sondern auch über den daraus hervorgehenden Krieg im Irak. Der politische Konflikt einer westlichen und einer orientalischen Kultur sollte ausgeweitet und zu den historischen und kulturellen Hintergründen hin vertieft werden. Wenn man als Schriftsteller ein so schwieriges Unterfangen beginnt, dann sucht man im ersten Schritt – ich als Streuobstwiesen-Typus wenigstens – Anbindung und Hilfe bei der literarischen Tradition. So geriet ich schier automatisch an den West-Östlichen Divan, Goethes großes lyrisches Alterswerk, das mich mit seinem Mut, seiner Offenheit und Kraft, über die eigenen kulturellen Grenzen hinauszugehen, sehr inspiriert hat. Erst nachdem ich eine Zeitlang an dem Roman gearbeitet hatte, fiel mir auch das Charakteristische der historischen Situation auf, in der Goethe sich befunden hat, als er 1814 bis 1819, zwischen seinem 65. und 70. Lebensjahr am Divan schrieb. Ich sah eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem politisch rückständigen und zerstrittenen, freilich kulturell vielgestaltigen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts, das von der Blutwalze der modernen französischen Revolutionen und Feldzüge überrollt wurde, und der Situation der arabischen Länder im 20. Jahrhundert, die gleichfalls von außen über eine ganze Reihe von Kriegen in die substantielle Modernisierungskrise gerieten. Deshalb - und um seine Kraft zum Verständnis anderer Kulturen herauszustreichen, die sich auch in dem lebenslangen kulturphilosophischen Interesse am Islam zeigte – habe ich geschrieben, Goethe sei Araber gewesen. Allerdings auch einer, der wie sein Alter Ego, der persische Dichter Hafis, mit dem er den großen lyrischen Dialog im Divan führt, den Wein ganz ausgiebig zu loben verstand und zu den Gottesgaben des Arabers Nachfolgendes rechnete:

 

Den Turban erst, der besser schmückt

 

Als alle Kaiserkronen;

 

Ein Zelt, das man vom Orte rückt,

 

Um überall zu wohnen …

 

Zeltplanen aus nächster Nähe, einschließlich der seiner eigenen Kutsche oder Chaise, hat Goethe wohl vor allem 1792 auf dem Feldzug Preußens und Österreichs gegen Frankreich gesehen, den er später in seinem Erinnerungsbuch beschrieb. Wenn man sich als hellsichtiger Mensch durch das Fremde, durch andere Länder, durch die Wirklichkeit und Schrecken des Krieges bewegt, dann kommt man, auch als eher regierungskonformer Zeitgenosse, unweigerlich zu scharfen Einsichten, wie sie der Dichter in seiner Kampagne in Frankreich niederlegte:

 

So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben, zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem verzweifelsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter hat, und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst heißen mögen, ganz eigen unterscheidet.

 

Von dieser Heuchelei, die uns modernen Zeitgenossen doch recht bekannt erscheint, wieder abzugehen, auf die Wirklichkeit zu schauen und auf das oft kaum ermessliche menschliche Leid, das dort zu finden ist, nicht „immer hin zu leben“, weder als Mensch noch als Künstler, das war der Boden des Abgrunds, in den ich mit meinem September-Roman fallen wollte. Zehn Jahre nach dem Terrorattentat in New York haben wohl die meisten mit Blick auf den Irak und auf Afghanistan einen ernüchterten Blick bezüglich dessen, was man mit Gewalt und Propaganda erreichen kann, auch wenn man innenpolitisch eine Demokratie ist. Und zugleich gibt uns der demokratische Aufbruch in der arabischen Welt, so prekär er im Moment auch ausschauen mag, die Hoffnung, man habe dort klar und tiefgreifend erkannt, dass zu den größten Feinden der Araber die eigenen Diktatoren und der Glaube an die eigene Ohnmacht zählen. Doch vor einer allzu detaillierten politischen Darstellung setze ich hier einen Punkt.

 

Natürlich der Punkt. Den Punkt auf der Liste darf ich nicht vergessen. Denn, wer mich noch nicht kennt, der wird es bald erfahren. Egal, wie sie mich loben hören werden, am Ende wird es immer heißen: Aber er macht keinen Punkt. Wenigstens nicht in September. Seien Sie also gewarnt: keine Satzzeichen in einem 480-Seiten Roman. Hat er als ehemaliger Naturwissenschaftler eine mathematische Abneigung gegen Punkte, weil sie in ihrer nulldimensionalen Vertracktheit eigentlich quantenmechanisch unmöglich sind? (Lesen hierzu in meinem punktreichen Roman 42 weiter.) Oder will er damit nur, wie mancher argwöhnt, die armen Leser quälen? Nun, sehe ich so sadistisch aus und haben Sie bislang meinen ängstlich-arroganten Willen zur Unverständlichkeit bemerkt? Kein Punkt mehr am Baum. Alle sind auf die Streuobstweise gefallen. Gerne wollte ich meinen diesbezüglich aufgebrachten Kritikern empfehlen, mein Buch einfach in die blaue Tonne zu tun und stattdessen ihre eigenen oder die anderen Romane zu lesen, die das Terrorattentat mit den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und im Irak verbinden. Das Problem ist nur, dass es diese Romane nicht gibt. Das Problem könnte sein, dass man einen ganz eigenen Weg finden, dass man hineinfallen und punktlos halluzinieren muss, um ein solches Thema zu bewältigen. Als Schriftsteller kann man nicht einfach „immer hin leben“, das heißt konventionell und gefällig arbeiten, wenn man sich etwas Besonderes vornimmt. Zahlreiche willige Leser sind mir gefolgt und haben bemerkt, dass man sich anstatt auf rollenden Punkten auch auf den Webfasern eines fliegenden Teppichs fortbewegen kann, eigentlich sogar märchenhafter und eindrucksvoller. Versuchen Sie es einfach und springen Sie auf. Fünf Jahre lang stand ein Goethe-Zitat auf der ersten Seite des Manuskripts, das nur für mich allein gedacht war – aber im Zelt haben ja die Planen Ohren. Es soll auch das letzte Zitat des Geheimrats für heute abend sein, zumindest aus meinem Mund:

 

Fühlt ihr auch dergleichen Stärke?

 

Nun, so fördert eure Sachen!

 

Seht ihr aber meine Werke,

 

Lernet erst: so wollt er’s machen.

 

Ich habe es wirklich so gewollt, schmackhafte, eigenwillige, sonderbare, leicht säuerliche, sublime Äpfel. Kein Plantagenobst, kein Golden Delicious. Aber natürlich will ich der zuletzt genannten, auch über hundertjährigen Apfelsorte kein leichtfertiges Unrecht tun, ich suche ja immer weiter im und nach dem Wort. Deshalb gibt es noch gar keinen Kommentar zum ersten Punkt auf der Fallender-Apfel-Liste, nämlich zu Bergen-Enkheim, abgesehen von einer großen Begegnungsfreude. Ich muss hier erst einmal in Ruhe aus mir herausgehen – und wo das hinführte, erzähle ich Ihnen nächstes Jahr.

 

© Thomas Lehr, August 2011

Festrede: Katja Lange-Müller

Guten Abend, liebe Bergen-Enkheimerinnen und Bergen-Enkheimer, lieber Thomas Rosenlöcher, lieber Thomas Lehr, guten Abend Ihnen allen, die Sie uns – und jetzt mir – ein Ohr leihen wollen!

 

Wie anfangen?

 

Ja, wie anfangen? Eine Frage, die sich immer wieder nicht nur Anfänger stellen, sondern, womöglich noch öfter, selbst Fortgeschrittene – oder Fortschrittliche(?) – in puncto Lebensjahre, und zu denen gehören viele von uns, auch ich.

 

Was anfangen?

 

Eine Rede zum Beispiel. Aber die will geschrieben sein. Redeschreiben also. Klingt widersprüchlich genug, doch überredet ist überredet und zugesagt zugesagt. Fest-Rede. – Zelt-Rede. – In Bergen-Enkheim?! Das sind schon wieder Widerspruchspaare, gleich drei. Festessen, ja. Zeltplane, logisch. Und Bergen-Enkheim? Kommen diese beiden Wörter und die Menschen, die sich darin verbergen beziehungsweise verenkheimen, nicht noch immer nur aus dem einen Anlass zusammen, Fest- oder Zeltrede? Ich habe mich für Zeltrede entschieden; Zelt ist Metapher fürs Behaustsein auf unbehauste Weise. Ein Zelt ist ein Dach über dem Kopf, aber ein ambulantes; es lässt sich flugs aufbauen und ebenso schnell wieder abreißen um anderswo erneut aufgeschlagen zu werden – oder, wie hier, jedes Jahr zur gleichen Zeit am selben Ort. – Rituale sind nun einmal die Korsett- oder Zeltstangen der Ächzistenz.

 

Meine Rede, die dritte unter diesem Berger Zeltdach, bedurfte allerdings der Recherche, denn die Zeit, jene dem einen Volk, das wir zwei Völker mit gemeinsamer Sprache damals schicksalsschlagartig zu werden begannen, noch immer nicht recht begreifliche Zeit, in der ich Bergen-Enkheimer Stadtschreiberin war, sie liegt zweiundzwanzig Jahre zurück.

 

Wo anfangen?

 

Beim Damals? Beim frisch recherchierten Heute? Hätte ich damals vom Heute reden können? Wohl kaum. Kann ich heute von Damals reden? Durchaus. Also beginne ich beim Heutigen, bei dem, was ich wiedersah – oder überhaupt erst sah, denn damals war ich, von einem Tag auf den folgenden, wie blind für meine hiesige Umgebung. Bald nachdem mir Eva Demski den Schlüssel zum Haus an der Oberpforte übergeben hatte, Sie alle wissen es, traten meine Lands-, genauer: meine Stadtsleute, die Mauer ein, den „antifaschistischen Schutzwall“, wie dies Monstrum, diese Affenschande aus Sperrstreifen, Hinterland-Sicherungsmauer, elektrischem Streckmetallgitterzaun, Minenflächen, Stahlspitzenmattenfeld, Panzersperren, erstem Kontrollstreifen, Hundelaufanlage, Wachtürmen, Betonplattenwand mit Rundrohraufsatz, Peitschenmastflutlichtanlage, zweitem Kontrollstreifen und Fluchtspursicherungsweg im DDR-offiziellen Jargon hieß. – Und mit den Faschisten, auch daran darf, daran muss ich erinnern, waren Sie gemeint, die Bewohner Bergen-Enkheims, alle Bürger der BRD, denen ich mich angeschlossen hatte, denn ich war ja übergelaufen, zum „Klassenfeind“, mit dem ebenfalls Sie gemeint waren – und nicht minder nun auch ich. Und die Antifaschisten hinterm Schutzwall, das waren die „DDRler“, die „DeDeRonis“, wie die Tschechoslowaken sie schimpften, die „Zonis“, wie sie drüben beim Sender Freies Berlin hießen, „die Ossis“, für die sie selber sich hielten und halten.

 

Nichts von alledem, nichts von Vor-Damals, nichts von Damals, nichts von der wilden, aufgekratzten Stimmung in Berlin sah und spürte ich in Bergen, wo nur am Hang die – warum auch immer wild genannten – Obstbäume übers Tal ragten, aus deren Gezweige ich manchmal und in Gedanken ganz woanders einige verschrumpelte Zwetschgen pflückte, die, weil sie bereits manchen Nachtfrost abbekommen hatten, bräunlich-süß wie Pflaumenmus waren. Was Wunder, dass es mich auf den Zug zog, dass ich, eine vor fünf Jahren Abgehauene, plötzlich immerzu dorthin wollte wo ich hergekommen war. Wie viele Stunden saß ich in den Zügen via Hannover nach Berlin? Wie viel von meiner, glücklicherweise reichlichen, Stadtschreiberpreiskohle kosteten diese beinahe täglichen Reisen, die hin, mit nun stets überfüllten und die zurück, mit den erheblich leereren Gegen-Zügen.

 

Nahezu Nacht für Nacht plagte mich seinerzeit jener immer gleiche Traum: Ein großer, fetter Weißkittel, Oberbefugter einer Musterungskommission, der mich zu untersuchen hat und zu entscheiden, ob ich tauglich sei für den Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee der DDR, fragt mich nach meinen Namen. Ich, überzeugt, dass sich der Irrtum schnell aufklären lasse, dass dieser Arzt begreife, ich bin weiblich und schon deshalb völlig ungeeignet, antworte wie aus der Pistole geschossen „Lange-Müller, Katja, Ingeburg!“ Doch der Dicke wird nur noch größer und brüllt: „Sie dienen drei Jahre! Und ab heute heißen Sie Unterwegs, Unterwegs, Nachname Unterwegs, Vorname Unterwegs!“ – Unterwegs zwischen Oberpforte und Bahnhof Zoo oder umgekehrt sang ich manchmal leise die dritte Strophe eines alten Liedchens, deren absurde Komik mir gerade erst aufgegangen war: „Und weil Frankfurt so groß ist, da teilt man es ein/ in Frankfurt an der Oder und in Frankfurt am Main.“

 

Doch Halt! Das war das Stichwort, meins: Frankfurt am Main. Hier muss ich aussteigen – und wieder ein – ins Heute, ins Jetzt; es gilt der Fahr- und Rede-Plan, der fest-gefasste.

 

Noch immer bin ich viel unterwegs, zählen wir Dichter und Schriftsteller, zähle ich, auch nach dem Fall der Mauer, „mehr zum fahrenden als zum sesshaften Volk“, so formulierte es mein Kollege Gerhard Köpf einmal – hier, unter dem Zeltdach, – und fügte hinzu, dass da „ein großer Rest Vagantentum“ sei, „das diesem Stand“ eigne; unterwegs wie ein falsch adressiertes Postpaket oder wie ein U-Boot-Matrose, sage ich. Und dies Bild rührt her von einem kleinen Erlebnis, dass ich Ihnen nicht vorenthalten will:

 

Im Hackepeter, einer Ostberliner Spelunke nahe dem Kollwitz-Platz, einer jener schließzeitlosen Absturz-Kneipen, die es – zumindest bei uns – nicht mehr gibt, weder im Hessenlande noch in der deutschen Wieder-Hauptstadt, wartete ich einst auf einen Mann, der nicht kam, nicht zur verabredeten Zeit und später auch nicht. Am Nebentisch saßen zwei schon recht betrunkene alte Zausel, die wahrscheinlich längst gestorben sind. Der eine, in Tränen aufgelöst, beschwor seinen Kumpel immer wieder: „Ja, stimmt, ick bin um die Welt jefarhrn, x-tausend Mal um die janze Welt rum. Aber glaub mir, Paule, glaub mir, ick hab nüscht jesehn!“ Ich verstand nicht, wovon dieser traurige Suffkopp da faselte; doch nach ein paar weiteren, kaum weniger kryptischen Details, die der Zausel seiner Litanei hinzufügte, wurde mir klar, der war im zweiten Weltkrieg U-Boot-Matrose gewesen! Und er hatte, im Unterschied zu den meisten seiner Art, überlebt, was ihn jedoch nicht wirklich tröstete.

 

Diesmal komme ich aus Bamberg, wohin ich über Zürich und Nürnberg gelangt war, mit der AirBerlin, die meinen schweren Koffer derart ramponiert hat, dass er sich nicht mehr rollen lässt. Aber gottlob holt Buchhändlerin Monika Steinkopf, die beste und verlässlichste Freundin aller Stadtschreiber, mich ab; ein kühner U-Turn noch, schon bremst ihr blauer Polo am U-Bahnhof Seckbacher Landstraße und mir bleibt der Bus erspart, der, einer Dauerbaustelle wegen, nicht am Berger Rathaus hält.

 

Als ich sie entlanggehe, an diesem verregneten Sonntag Ende Juli, schiebt sich ein Müllauto die Marktstraße hinan; es frisst die Bananen, die Ironman-Triathleten beiderlei Geschlechts im Vorüberradeln diversen als Sparkassenclowns kostümierten Helfern aus den Händen gerissen, angebissen und weggeworfen haben. Wie jene fachliteraturnotorische Graugans ihrem Ersatz-Papa Lorenz nachlief, so folge jetzt ich diesem Müllauto, auf dessen Weg noch jede Menge halbleere Bananenschalen liegen; und weil ich ja alt genug bin und darum Veränderungen nicht mehr übermäßig schätze, freut es mich, dass Bergen 2011, abgesehen von den Bananenschalen, fast identisch zu sein scheint mit jenen Bildern, die in meinem Gedächtnis gespeichert sind; da ist der Kiosk, an dem heute allerdings kein einziger Trinker steht, der Blumen- und der Lotto-Laden, das Textilgeschäft, in dem ich weiland ein ziemlich bizarres rosa Nachthemd erwarb. Beim Bäcker daneben, der aufhat, kaufe ich mir eine Brezel. Die Kneipen und Restaurants, für die es eh zu früh ist, sind noch geschlossen, nicht hingegen der Italienische Eissalon, der mich Neu-Westlerin seinerzeit lehrte, das nicht nur Tabak süchtig machen kann, sondern auch gefrorene Nuss-Nougat-Creme.

 

An der Oberpforte biege ich ein; mein Herz klopft, als wollte ich jemanden besuchen, von dem ich nicht weiß, wie er die lange Phase der völligen Funkstille zwischen uns überstanden hat und wie ich ihn jetzt gleich vorfinden werde, falls er denn da sein sollte. In meiner Faust erwärmen sich die Schlüssel, deren Benutzung mir Thomas Rosenlöcher freundlicherweise gestattet hat; er verbringt das Wochenende auf Hiddensee und befasst sich dort mit seinem Gedicht für die Stadtschreiberblätter. – Diese zwei Schlüsselchen, die ich schon damals, sowie ich, um irgendetwas zu besorgen, vor die Tür getreten war, nie aus der Hand legte, nicht für den kürzesten Augenblick… Zu sehr fürchtete ich, sie könnten bei meiner womöglich späten Heimkehr verschwunden sein und ich müsste auf einer Bank nächtigen oder versuchen, die hart arbeitende Monika Steinkopf wach zu klingeln; Ammes und Adrienne Schneider aus ihren Betten zu holen, das hätte ich sicher nicht gewagt.

 

Unsere Namen, siebenunddreißig bereits, zieren das rauverputzte sandfarbene Haus in mittlerweile drei Spalten. Unten links ist noch etwas frei für zwei Schilder; aber mit der vierten Spalte, denke ich, werden sie wohl zwischen dem großen und dem kleinen Parterrefenster beginnen müssen. Auf dem Briefkasten neben dem Gartentor liegt noch immer der schwere Mauerstein. Noch immer? Womöglich hat ihn erst Thomas Rosenlöcher dort platziert, aus Sorge um seine Post; eine Sorge, die vermutlich wir alle hatten, denn wir müssen, ich kann es nicht oft genug sagen mit Gerhard Köpfs und eigenen Worten, gelegentlich reisen, unterwegs sein, – jedenfalls abwesend – auf die eine oder andere Art. Die Gartenbeete sind erfreulich verwildert; der Ginkgo-Baum, den Peter Härtling pflanzte, ist ein Riese geworden, ein üppig belaubter, außergewöhnlich prächtiger. Doch Helga M. Novaks Kaiserkronen kann ich, wiewohl Kaiserkronen ja mehrjährige Pflanzen sind, nicht erspähen. Was, frage ich mich, bedeutet eigentlich mehrjährig? Offenbar nicht: für immer. Die Mauer zwischen dem Stadtschreiberrefugium und dem Grundstück des Nachbarn, die zu meiner Zeit so hoch war, dass sie mich an jene erinnerte, die daheim in Berlin gerade weggespechtet wurde, ist einer neuen, recht niedrigen gewichen, einer, hinter der man sich nicht nackt sonnen kann. – Und gerade das hatte Heinz Czechowski geliebt, buchstäblich heiß geliebt, das „Freisein auf jedwede denk- und praktizierbare Art“, wie er mich beschwor, eines Sommerabends, da wir Biergartenbank und -Tisch aus dem Schuppen geholt, zwei, drei Flaschen Roten geöffnet und geredet hatten, über das Sternbild Wassermann, über diese und jene Mauer, die Wende, die Stasi…, bis in die Nacht, die so lau war, dass Heinz mit freiem Oberkörper dasaß und – ohne sein Hemd jemals wieder anziehen zu wollen – sitzen blieb, noch bei unserer vierten Flasche, die ich nicht mehr mit austrank.

 

Die unteren Räume des Hauses wirken wohl hoch, doch auch klein, viel kleiner als ich sie in Erinnerung habe; – und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich damals ebenfalls kleiner war, – kindlich klein womöglich; denn ich hatte ja, wie ein Kind, das Leben neu zu lernen. Oder waren mir die weiten Berliner Zimmer, die ich heute bewohne, einfach noch nicht vertraut und ich maß diese hier an denen in den ost-berliner Plattenbauten, die klein undniedrig sind?! Thomas Rosenlöcher, der auf der Insel Hiddensee dichtende und darum abwesende Hausherr, ist selbst abwesend anwesend, denke ich, und weiter: es ist klein und eng, eng, aber gemütlich; ein wenig fühle mich wie Schneewittchen bei den Sieben Zwergen. Nun ist Thomas Rosenlöcher, trotz seines märchenhaften Namens, ja beileibe kein Zwerg, auch keine sieben Zwerge übereinander; er hat nur versucht, es sich ähnlich behaglich zu machen, so behaglich wie möglich: Das schwarze Ledersofa in dem Zimmer, das an die Küche grenzt, ich hoffe, Thomas ist nicht sauer, wenn ich dies ausplaudere, verhüllt eine helle Wolldecke, auf dem großen Tisch stehen ein Salzstreuer, eine Kerze, ein Toaster, linker- und rechterhand liegen Platzdeckchen, drei, nicht sieben; für die wäre nicht einmal ein so großer Tisch groß genug. Vom obersten Brett des Regals daneben schaut eine Plastikgiraffe auf mich herab, weiter unten gibt es einen Stapel CDs, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Bach, Gesualdo. Vor den CDs wellt sich ein getrocknetes Ginkgo-Blättchen, das ich nicht zu berühren wage, obgleich es mich rührt, fast zu Tränen, wie vieles an diesem Ort – und an Thomas. Mein botanisch geschulter Blick überfliegt den langen, schmalen, uralten Arbeitstisch, der steuerbords mit der Fensterwand abschließt, und verweilt bei zwei deckellosen Schraubgläsern, die mehr oder weniger Grünes beinhalten: eine aus einem Kern gezogene, leider verdorrte Avocado-Pflanze und eine Chlorophytum, auch Fleischer-Palme genannt, deren Würzelchen noch knapp benetzt sind, so knapp, dass ich schnell etwas Wasser nachfülle. Es gibt noch ein weiteres vertrocknetes Ginkgo-Blatt, eine Maschine zum Bleistifte Anspitzen, bis obenhin gefüllt mit Spänen, die ausschauen wie winzige hölzerne Ballettröckchen, etliche Notizzettel verschiedener Formate, ein paar Fotos, die den lachenden Thomas und die lachende Alte-Post-Wirtin Dragi zeigen, Schnaps trinkend; wunderschöne Fotos. Im Regal des Kabuffs neben dem Wohn- und Arbeitsraum stehen die Bücher sämtlicher Stadtschreiber; wenigstens auf diese Art sind und bleiben wir ja doch präsent, denke ich. An diesen Büchern lehnen ebenfalls zwei Fotos, eins von Peter Bichsel und eins von Wolfgang Hilbig. Sind deren Fotografien ein Indiz dafür, dass sich auch Thomas während seines Stadtschreiberjahres einen über das Lesen hinausgehenden Kontakt zu seinen Vorgängern und vielleicht sogar einigen seiner Vorgängerinnen gewünscht hat, dass er, wie wohl viele von uns, hier gerne mit dieser oder jenem zusammen gewesen wäre? – Zusammensein? – Möglich, denke ich; Zusammenleben nicht mehr, nicht mit Hilbig, dessen Abbild ich lange ansehe; bis mir wieder einfällt, warum ich eigentlich gekommen bin, – nein, nicht nach Bergen, wo ich ja seit damals schon öfter mal war, sondern zum Stadtschreiberhaus, das ich seit 1990 nicht mehr betreten hatte und in dem ich jetzt umheräuge, doch nicht wie eine Voyeurin. Oder? Ich bin bloß auf der Suche nach Spuren, die eventuell zurückgeblieben sind von dem einen oder der anderen.Meine Spuren suche ich nicht – und finde sie dennoch, aber nur als unsichtbare Spuren, als Abdrücke, die manche Begegnung mit manchem dieser Ehemaligen und auch mit dem Amtierenden und sogar mit dem Künftigen hinterlassen haben – in der Rinde meiner Seele – oder was immer mein Innerstes umhüllt.

 

Alle Wände sind weiß wie unbeschriebenes Papier. Nirgends gibt es den geringsten Makel, in den weißen Möbelstücken weder einen Fleck noch einen Kratzer. Ich entdecke keinen verwaisten Nagel, ja, nicht einmal ein winziges Löchlein, das von einem solchen geblieben wäre, und nicht den blassesten Umriss eines Kalenders, eines Plakats, eines Porträts der oder des Liebsten, der Kinder, der Eltern, das einer meiner Nachfolger, Frau oder Mann, oder ein weiblicher, beziehungsweise männlicher Thomas-Rosenlöcher-Vorgänger hier angebracht haben mochte, um sich weniger einsam zu fühlen, näher bei jenen, die ihr oder ihm vielleicht manchmal fehlten und die sie – oder er – zumindest auf diese Weise im Blick hatte während der abendlichen Telefonate mit ihnen. Wo war Emine Sevgi Özdamars „türkische Ecke gegen tückisches Heimweh“ (ihre Worte), in der, wie sie mir erzählt hat, drei Kelims aus Malatya hingen? Ach, Sevgi, denke ich; meine wundervolle Sevgi, die jetzt, wie jedes Jahr zur Sommerszeit, daheim am Bosporus ist. Sevgi, die Bergen-Enkheim und dies Haus sehr wohl schätzte, aber nur tagsüber; sobald es dunkel und sie müde wurde, bezog sie gelegentlich bei Schneiders Quartier. Und ich weiß warum: Ihre erste Berliner WG logierte in einer finsteren, fußkalten Neuköllner Erdgeschossbude. Eines Nachts, ihre Mitmieter waren ausgeschwärmt und sie allein zu Bett gegangen, erwachte sie davon, dass ein fremder Mann vor ihr stand, der dann allerdings die Flucht ergriff. Denn Sevgi, die ihn irgendwie gerochen haben musste, erhob ein Mordsgeschrei. Glücklicherweise verschwand der Einbrecher – unverrichteter Dinge – und durch jenes Fenster, das er zuvor professionell lautlos aufgehebelt hatte. Dies Erlebnis, sagt Sevgi, habe sie derart traumatisiert, dass sie in Parterre-Wohnungen nicht mehr schlafen könne, nicht einmal, wenn es dort, wie im Stadtschreiberhaus, Jalousien gebe, und auch Hotelzimmer, die sie ohnehin nicht möge, hätten mindestens zwei Etagen hoch zu liegen.

 

Noch einmal gehe ich zurück in das Kabuff zu den Fotos der Kollegen Bichsel und Hilbig, sehr einprägsamen Fotos; ich frage mich, wer sie gemacht hat. Peter Bichsel schaut ironisch-nachsichtig wie so oft, doch Wolfgang Hilbig, ein ausnahmsweise wohlgenährter, glattrasierter Wolfgang, lächelt – wie so selten.

 

Als wir, Monika Steinkopf und ich, ihn eines Nachmittags im September 2001 hier besucht hatten, waren wir, obgleich er sich zu jener Zeit noch gesund fühlte, einem anderen Wolfgang begegnet. Das heißt, zunächst begegneten wir ihm gar nicht, wiewohl wir ja fest verabredet gewesen waren. Doch Monika, die ihn gut kannte – und kennt – aus seinen Büchern, irritierten die herabgelassenen Rollläden und der Stille hinter der Stadtschreiber-Tür, auch nach mehrmaligem Läuten, kein bisschen. „Er ist da“, rief sie. „Ich bin mir ganz sicher. Das macht er immer so, damit niemand merkt, dass er da ist. Außerdem arbeitet er meistens nachts, und am Tag versucht er zu schlafen.“ Überzeugt von der Sinnlosigkeit unserer Bemühungen, hatte ich den Rucksack voller Köstlichkeiten, die wir gemeinsam verspeisen wollten, schon wieder geschultert, da stand Wolfgang plötzlich auf der Schwelle und blinzelte uns entgegen – kleinäugig wie ein Maulwurf. Monika Steinkopf deckte den Gartentisch, ich briet die Lammfilets, gab Rosmarin hinzu, Knoblauch und Tomaten; selbst an solche Kleinigkeiten hatten wir gedacht. Wolfgang, der offenbar erst jetzt merkte, dass er hungrig war, fügte sich unserem Aktionismus. Und als wir gerade anfangen wollten zu tafeln, sagte er: „Moment, ich hab‘ was uns noch fehlt.“ Seine Augen, die, wenn er sich einmal freute, überraschend groß werden konnten, leuchteten dabei azurblau. Er lief ins Haus, kehrte zurück und servierte ein halbes Graubrot, das nicht den allerfrischesten Eindruck machte. „Dieses Berger Bäcker-Brot“, verkündete Wolfgang Hilbig stolz, „ist vor vier Tagen mit mir nach Leipzig gereist und gestern sind wir wieder hier angekommen, beide unversehrt.“ – Ich entnahm seinen Worten, dass er in all der Zeit nichts von dem Brot gegessen hatte, womöglich ja auch nichts anderes.

 

Ich schaue durch die Scheibe des kleinen Fensters Richtung Berger Hang; es regnet noch immer. So hat es 2007, drei Monate nachdem Wolfgang Hilbig gestorben war, auch geregnet, als ich – vor meiner Lesung aus „Böse Schafe“ – dort spazieren ging. Es war Anfang Dezember gewesen und kalt; die entlaubten Äste der Streuobstbäume stachen in den bleigrauen Himmel. Nur einer dieser Bäume trug noch einen kleinen orangeroten Apfel, der sich an seinem Zweig festzukrallen schien, so fest, dass die Herbstwinde ihn nicht hatten abschütteln und hinunterwerfen können zu den vielen, im welken Grase vergammelnden anderen. Und unversehens, ja schlagartig, beinahe wäre ich tatsächlich weggerutscht auf dem durchfeuchteten Trampelpfad und lang hingestürzt, entsann ich mich einer Passage aus meiner Lieblingserzählung von Wolfgang Hilbig, „Die Flaschen im Keller“. In dieser schaurig-komischen Geschichte geht es um einen Katakomben-artigen Keller, ein schier unerschöpfliches Flaschenkonvolut, einen sinnlosen Entsafter und quälenden Durst, aber auch um einen furchtbar fruchtbaren Garten. Und wenn ich diese Passage, was Sie mir gestatten mögen, verkürzt zitiere, so liegt das allein an meiner begrenzten Redezeit:

 

„Die Mutter hatte eines Tages einen (…) Behälter (…) zum Entsaften von Früchten heimgebracht, der helfen sollte, das Obst des Gartens (…) zu bewältigen. Dies schien vernünftig, da uns das Obst überschwemmte, obwohl sich der halbe Straßenzug an seinem Verzehr beteiligte. Doch der Garten war stärker. (…) Der weiße Aluminiumbehälter erwies sich als eine untaugliche Waffe: in jedem Herbst aufs neue erstickte er uns in den Wolken und Fontänen jenes Absuds, der die Küche in ein brodelndes Dampfbad verwandelte, und der, nachdem wir ihn nächtelang mit verbrühten Fingern umtanzt und vergeblich seine Wirkungsweise zu durchschauen gesucht hatten, immer wieder in einem Brei von brauner Apfelgrütze versackte, bis er schließlich in geschmolzenem Zucker, hochschäumendem Wasser und kochenden Apfelabfällen den Geist aufgab. (…) Längst war das Gehen auf irgendeinem Platz der Wohnung unmöglich geworden, im seifenglatten Matsch auf den Dielen rollten Äpfel und Birnen als Fußfallen, und die Flotte der obstgefüllten Handwagen, Wannen, Wäschekörbe, die den Hof eingenommen hatten, war ins Unübersehbare gewachsen. (…)Ach, es war umsonst, wenn ich in der Dunkelheit, gehüllt in das vom klebrigen Most durchfleckte Nachthemd, hinabschlich, um mich mit den Ziegen und Schweinen gegen die feindliche Macht zu verbünden: indem ich ihnen die Gatter öffnete und sie auf die Obstfracht losließ … wenn man mich dafür strafte, so nicht, weil ich die Ernte gefährden konnte, sondern weil ich die Haustiere mittels Durchfall umzubringen drohte. – Tagsüber, unter der noch brennenden Sonne, reiften die Früchte auf dem Hof zu Ende … längst faulten in der Entlegenheit des Waschhausschattens vergessene Fahrzeuge voller früher Birnen, wenn schon weiter vorn die mittleren und späten Sorten den Hof okkupierten … das Pflaster verwandelte sich in einen Sumpf von gelber Süße. (…) Die Eimer rosteten, (…) die Körbe schienen zu schwimmen (...) Das unbesiegbare Obst, nachdem es den Entsafter und seine Erfinder der Lächerlichkeit preisgegeben hatte, begann nun plötzlich von allein zu fließen, (…) es überspülte den Hof mit einer Glasur, in der sich riesenhafte Wespen- und Fliegenschwärme tummelten, die allein keine Furcht vor der irdischen Süße kannten und erst abzogen, wenn die Säfte zu Essig geworden waren. Wenn die blaue Essigflut den Hof im Mondschein in ein höllisches Areal verwandelte, wenn aus falscher Süße die wahre Säuernis herausgegoren war, in der man seiner Tränen nicht mehr Herr sein konnte, in der sich alle Menschenhaut verzweifelt zu kräuseln und zu sträuben begann, dann war es plötzlich, als sei es mit der Jugend ein für allemal vorbei. (…) – Zu dieser Zeit wurde es schon kalt, (…) bald mußte Schnee auf Schimmel und Fäulnis fallen. Der Garten nutzte die Zeit zum Nachschöpfen seiner Kräfte, (…) sein entlaubtes und verworrenes Geäst ragte in den hinterhältigen Glitzer des Sternenhimmels … und droben, wie um uns zu verhöhnen, am höchsten Zweig im unerreichbaren Wipfel des größten der Bäume leuchtete ein einziger knallrot gefrorener Apfel, der allen Versuchen, ihn zu pflücken, widerstanden hatte.“

 

Dieser einzige knallrot gefrorene Apfel machte mich fertig als ich an jenem Dezembertag über den Berger Hang schaute, so fertig, dass ich meiner Tränen nicht mehr frau werden konnte; denn er ist die Metapher für jene Form stoisch-heroischer Beharrlichkeit, die wenigstens zuüben ja kaum noch einer den Mut aufbringt. – Aber Ende Februar diesen Jahres, ich ging durch eine Berliner Schrebergartenkolonie und wieder leuchtete mir aus der Krone eines kahlen Baumes so ein verschrumpeltes rotes Äpfelchen entgegen, da dachte ich: Nein, das ist doch keine Metapher! Das ist Wolfgang Hilbig – in seiner eigentlichen Gestalt!

 

Am weit geöffneten Fenster des großen unteren Zimmers rauche ich eine Zigarette nach der anderen und bedaure, dass ich mir keine Flasche Wein mitgebracht habe. Meine Finger fahren über den Sprung in dem Marmorfenstersims; ich frage mich, wem von uns das wohl passiert ist und wie. Robert Gernhardt womöglich? Ihm, als einzigem von uns, war es ja auch gelungen, uns alle, die wir, bis er kam, schon hier gewesen waren, tatsächlich zu versammeln in einer einzigen Strophe eines Gedichtes, der „Ballade vom Berger Fratzenstein und seinen fatalen Folgen“, mit der er jenem spätgotischen Kopfrelief, das im Museum aufbewahrt wird und dessen Nachbildung sich am Treppenturm der Südfassade des Alten Berger Rathauses befindet, ein gereimtes Denkmal hinzufügte, eines, das er hier, genau hier, „enthüllte“ – anlässlich seines Abschieds – von Bergen-Enkheim, noch nicht vom Leben. Wiederum aus Redezeitgründen zitiere ich diese Ballade nicht ganz vollständig:

 

1479

 

Vor Zeiten stak ein Fratzenstein

in Bergens Unterpforte.

Und nahte ein Fremdling, dann

las er die folgenden Worte:

„Far, du Gauch.“

 

Im Mittelalter sprach man so,

so frei und derb und trocken:

„Du hast uns grade noch gefehlt.

Mann, mach dich auf die Socken –

verschwinde, du Gaukler!“

 

Ein Spielmann kam von Frankfurt her,

da war er zur Messe gewesen.

Barsch hat ihn Bergens Pförtner gefragt:

„Du Penner, kannst du nicht lesen?

Far, du Gauch!“

 

„Mein Herr, ich bin hungrig, mein Herr, ich bin müd,

mein Herr, laßt mich ein in Bergen!“

„Ich zähle bis drei, und dann bist du fort,

sonst rufe ich meine Schergen –

verschwinde, du Gaukler!“

 

„Und jagst du mich fort in die finstere Nacht,

so werd‘ ich den Ort hier verfluchen!“

„Und willst du das tun, so kannst du dies

von mir aus gerne versuchen:

Fluch, du Gauch!“

 

Der Pförtner stund still und lächelte bös‘,

der Spielmann sprach dunkle Worte,

dann trat er stracks vor und reckte die Faust

wohl drohend gegen die Pforte:

„Far, du Stein!“

 

Der Pförtner sah auf, dann hat er gelacht:

„Der Stein ist ja noch in der Mauer!

So wird’s auch in tausend Jahren sein,

der Spruch da ist nämlich von Dauer und nun

far, du Gauch!“

1992

Der Pförtner verging, und das Tor zerfiel,

und der Stein verschwand im Museum.

In Bergen aber rüstet man sich

für ein seltsames Jubiläum.

(…)

Die Kunde, sie geht von Mund zu Mund:

Es spukt an der Oberpforte!

Dort wechseln sich Gauch und Gäuchin ab

bei Spielen der finsteren Sorte:

Da sieht man den Krolow köppen,

da hört man den Rühmkorf born,

Kühn fragt die Novak den Härtling:

„Du trägst den Bichsel vorn?“

„Ihr fallt mir auf den Becker!“

schreit Kunert zornesroth.

vom Fels stürzt er köpf über,

die Demski schlüg‘ er tot,

wär‘ nicht die Hahn gekommen,

hätt‘ sie ihn nicht gefragt:

„Wer will denn gern hardt landen?“

Schon hat sie ihn gepackt

und trägt ihn mit Czechowski

wohl in ein ander Land,

weit über die lange Müller,

bis da ein Rothmann stand.

Dem setzt sie ihn auf die Schulter:

„Begrüß ihn nach altem Brauch!“

Und der Gerettete spricht: „Als zehnter

grüß‘ ich den neunzehnten Gauch!“

(...)

 

Als ich meine Notizen mit einem von Rosenlöchers Bleistiften niedergekritzelt, das Fenster, verriegelt, meine Zigaretten eingepackt habe – und, die Schlüssel wieder in der Hand, – gehen will, entdecke ich unter der Treppe doch noch etwas: vier seltsam altmodische Kleiderhaken; wahrscheinlich sind es jene, die Gerhard Köpf verlangt, bekommen und eigenhändig dort angeschraubt hat, nachdem er aus dem Bungalow der Enkheimer Familie Oertl ins endlich fertig renovierte Stadtschreiber-Häuschen gezogen war.

 

Mit Monika Steinkopf, die ihre Buchhandlung hier in Bergen seit 1978 unterhält, allemal besser als die Buchhandlung sie, und die sich demzufolge schon viel länger als Stadtschreiberhistorikerin, ach was -paläontologin betätigt, besuche ich abends Helmi’s Kneipe an der Marktstraße. Wir lassen uns zwei Averna und das Gästebuch bringen, aus dem Monika einige Seiten für das jüngst gegründete Archiv kopieren möchte, was ihr auch gern gestattet wird. Vier Blätter finden wir in dieser insgesamt recht beindruckenden Agenda, die wir gründlich studieren, eins, auf das Emine Sevgi Özdamar eine Feige, eine Melone, ein Pferd und den Mars gezeichnet hat, und drei von Wolfgang Hilbig beschriebene; seine letzte Eintragung lautet wie folgt:

 

„‘Fuffzehn‘, sage ich. Das ist keine besonders große Zeche! Also kann ich glücklich weggehen… Glücklich? – Nein, ich muß weggehen… Immer muß ich weggehen – was für ein Skandal! Aber ich kann ja auch wiederkommen! Was für ein Glück… für ein Jahr.“

 

Monika Steinkopf ist still geworden; ich bestelle, da Monika keinen mehr mag, noch einen Averna für mich und bin auch still. Was Monika denkt, kann ich nur vermuten. Vielleicht denkt sie ja, wie ich, an diejenigen aus der Stadtschreiber-Corona, die schon gegangen sind: An Franz-Josef Schneider, den spiritus rector des Stadtschreiberpreises von Bergen-Enkheim und Erfinder der neueren Stadtschreiberei überhaupt, an Nicolas Born, der mit dem „Auge desEntdeckers“ auf die „erdabgewandte Seite der Geschichte“ blickte, an Wolfgang Koeppen, den ich ebenfalls nicht persönlich kannte, aber immerhin habe ich seine große „Trilogie des Scheiterns“gelesen , an Jurek Becker, den gebürtigen Polen und deutschen Juden, der „vor dem Schriftsteller“ warnte und dessen Lügner Jakob mir ebenso vertraut ist wie „Aller Welt Freund“, an Karl Krolow, den Nachtreisenden, der mit einer „Hand voll Sand“ „Im Diesseits“ verschwand, an Robert Gernhardt und seine Meise: „Trinkt sie, baut sie Scheiße./ Da! Schon rauscht ihr drittes Ei/ wieder voll am Nest vorbei.“, an meinen Freund Wolfgang Hilbig, an den plebejischen Poeten Peter Rühmkorf, der keine „Denkanstöße vermitteln wollte“, weil er ja „kein Ziegenbock“ war, an Rolf Henke, den früheren Geschäftsführer der Kulturgesellschaft, der einmal, in der Karnevalszeit, mit abgeschnittenem Schlips und lustigem Hütchen bei mir aufkreuzte, an Paul Reisen, Bergens ehemaligen Apotheker, der seit 1974 als Bürgerjuror über 37 Stadtschreiberwahlen mitentschied, an Heinz Czechowski, den so gnadenlos ehrlichen Ritter der Freiheit, an Ammes, die zuhören konnte wie kaum eine, die – im mehrfachen Sinne des Wortes – echt großzügig war; einmal, als ich ihr „ein Ohr abkaute“ und nicht mal meine eigenen Zigaretten dabei hatte, überließ sie mir gleich zwei der legendären hellgrünen Schachteln ihrer Lieblingsmarke. Annemarie Schneider, deren Grab auf dem Berger Friedhof ich lange suchte – und nicht fand, bis eine junge Frau, die wohl ahnte, wohin ich wollte, mir den Weg wies. – Physisch werden sie nicht mehr zurückkehren nach Bergen-Enkheim, aber als diejenigen, die sie eigentlich waren, sind und bleiben, werden sie diesen Ort nie mehr verlassen, weilen siejetzt mit uns unter diesem Fest-Zelt-Dach. Lassen Sie uns, sobald alle Reden gehalten sind, auf und in gewisser Weise sogar mit jeder und jedem von ihnen ein Glas Trinken – wie es sich gehört in einem Zug; – nein, zwei Gläser: ein Glas Apfelwein und dazu, soviel Konsequenz zeichnet die Hessen ja aus, noch ein Gläschen Calvados!

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 

© Katja Lange-Müller, September 2011

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