Stadtschreiberfest 2008

Stadtschreiberfest 2008

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Zeltreden

Stadtschreiberfest 2008

Abschiedsrede: Reinhard Jirgl

Abschiedsreden, verehrte Gäste, beginnen oft mit einem Blick auf den Anfang, wenn es gilt, die Plötzlichkeit des Abschiedmoments noch ein wenig hinauszuschieben. Denn die andere Plötzlichkeit, das Hierherkommen vor einem Jahr, hieß, genau wie bei all meinen Vorgängern als Stadtschreiber, von einem Tag auf den andern aus der gewohnten Umwelt herausgenommen und hierher nach Bergen-Enkheim - in eine mir bis dahin fremde Gegend - versetzt zu werden. - Haben Sie hier leben und schreiben können? So lautet eine häufig gestellte Frage. Und meine Antwort fällt schlicht aus: Ja. Doch hieße es Ihnen heute und hier unschönen Dank sagen, wüßte ich nach diesem einen Jahr nichts anderes über meine Zeit an Ihrem Heimatort zu berichten.

 

Denn solch abrupter Wechsel vom Gewohnten ins Ungewohnte bot mir auch einige Stadt- und Landschaften mit Menschen in ihrem Alltag dar wie Seiten aus einem längeren mehrteiligen Text, der mir unverhofft unter die Augen gekommen war, den ich lesen mochte, um daraufhin das Gelesene im eigenen Schreiben anwesend sein zu lassen. Das meint nicht etwa die Nacherzählung dessen, was mir während dieser Zeit geschah; keine Sammlung von Begebenheiten aus diesem einen Jahr, um daraus einen launigen Text zu fabrizieren.- Ich möchte Ihnen vielmehr darüber berichten, wie ich als Fremder einiges von dieser Region mit den Menschen darin gelesen habe.

 

Natürlich lassen sich Stadt- und Landschaften sowie Menschen nicht lesen wie ein Buch. Leider. Aber zwischen Leben und Gehen auf der einen und Lesen und Schreiben auf der anderen Seite gibt es Entsprechungen, eine davon heißt Promenieren: Das absichtslose Durchstreifen von Gebieten und Büchern, mit der Möglichkeit zu finden - andere Menschen, andere Geschichten, neue Landschaften. Die Wälder hierzulande gehören zu den Nutz-Flächen, landschaftliche Ähnlichkeiten bleiben somit nicht aus. Es gibt hier keine Ur-Wälder mehr, und die sogenannt naturbelassenen Landschaften sind eher grammatikalische Regelverstöße, meist für Satire tauglich; unsere Wälder sind bürgerlich, und das Bürgerliche ist überall. Desgleichen in der Literatur: Sie ist in einer vielhundertjährigen Tradition, ob im sakralen oder im säkularen Sinn, eine Nutz-Literatur geworden, denn jeder Text hat seine Referenz zu einem konkreten Sinn; auch diejenigen Texte, deren Autoren diese Referenz ablehnen: Dann ist eben die Ablehnung des Sinns der Sinn. Und wie beim Lesen von Büchern, so auch beim Promenieren durch Städte und Landschaften treffe ich auf die Attribute des Erzählens: die Geschwätzigkeit, das Plappern, Stocken, Stottern, die Versprecher, das Abbrechen von Erzählstrecken, was den Bruchstücken aus abgehacktem Leben entspricht, dann wieder die weit ausgesponnenen und die kapriziösen Gedankenläufe sowie die einfachen Sätze, die unvermittelt rühren, unter die Haut gehen können. Und weil ich derlei in mir bekannten ebenso wie in bis dahin unbekannten Gegenden und Texten antreffen kann, ist das Moment der Wiederbegegnung, dem déjà vu verwandt, eine wesentliche Größe beim Promenieren durch Gegenden und Bücher.- Nebenbei, das Wiederbegegnen ist auch die Grundvoraussetzung, um Neues zu schaffen. Denn, wie man weiß, kann das Neue in seiner Neuheit nur dann erkannt werden, wenn es den Vergleich mit Bestehendem ermöglicht.

 

Ich gehe zu Füßen von Bergen durch das Enkheimer Ried, entlang auf gerade geführten Wegen, sagen wir: auf der Alten Gelnhäuser Straße, zunächst durch Aufforstungen zur Rechten, Kleingärten zur Linken, dann zu beiden Seiten Mischwald, und weil ich einen Wintertag erinnere, ist zwischen leeren Bäumen das Tageslicht hart und weiß. Aus anderen Wegen Jogger, abgehetzt und schweißrüchig, mit verzerrten Gesichtern schnaufend wie beim Geschlechtsakt; Wege, auf denen Hunde ihre Besitzer ausführen, und der Grad von Unerzogenheit der einen läßt auf den der anderen schließen. Jetzt und hier aber will ich keine Menschen! Die sind mir an solchen Orten wie Druck- und Setzfehler in einem Text: Zwiebelfische, Fliegenköpfe, Hurenkinder... - Ich will diese Perspektiven, die ich beim Promenieren antreffe, für mich allein:

 

Anblicke, die mich soweit an andere, weit entfernt von hier liegende Regionen erinnern, dass ich meinen kann, dieses Bruchstück eines Anblicks sei dort ausgeschnitten und an diesen Ort versetzt worden. Aber die Landschaft hier ist mir auch neu, denn sie ist noch unbedacht; ich kann sie mit Vorstellungen besiedeln, wie ich ein leeres Blatt Papier mit neuen Worten bedecken kann. Ein Blatt Papier aber hat keine Tiefe, es ist wie das Vergessen. Das ist erfreulich und zudem billigerweise notwendig für das Erinnern. Was nämlich am Schreiben Erinnern ist, ist Wiederkehr aus dem Vergessen und bedarf des Raumes. Landschaften der Erinnerung, das ist ein allgemein geläufiger Ausspruch, nun wird er konkret.

 

Dabei ist mir eine gewisse Eintönigkeit, das optisch Reizlose an solchen Land- und Waldschaften sehr wichtig: Bloß keine malerischen Ausblicke!, keine Bergesgipfel und Täler, von Touristen erst beseufzt, sodann mit Juhu und Hallo beschrien! Allein die Ebene kann sich steigern.- Also suche ich sooft wie möglich dieselben Orte auf, die dann zu den gleichen gehören; benutze dieselben Wegstrecken, lese einmal für Wert befundene Passagen immer wieder und neu, denn ich, der Spaziergänger, und ich, der Leser, bin ja zu keiner Stunde derselbe. –Aus dem Enkheimer Ried geht mein Weg den Hang hinauf über Streuobstwiesen - durch Baum- und Strauchwerk hindurchscheinend, wie Phantome aus der Bühnenversenkung im Theater, erheben sich im Dunst die Glasbeton-Stelen der Innenstadt. Dann überquere ich die Bundesstraße 521, zuvor die Hohe Straße: eine lineare Erzählstrecke mit einer Syntax, die ihre konstante Form besitzt. Vor den Blicken weit dahingebreitetes Land, zahlreich durchsetzt mit Waldstücken als Lehnwortinseln, - Geschichten, geschrieben in einfacher Sprache - einfach aber nicht simpel. Und weiter führt der Weg über den kahlen Gisis-Berg (längst verschwunden hier der "Bissel"-Wald, im Satzrhythmus ein fehlendes Wort). Am nordwestlichen Horizont beschließt die dunkle Saumlandschaft des Taunus den Blick, ein sanfter Wogenzug mit Einsattelungen und flachen Gipfeln; hier findet sich Anarchisches vom "Waldgänger". Später in den Bad Vilbeler Wald: in einer Senke gelegen, dennoch hügelig, die Hauptwege darinnen breit und oft mit Split bedeckt. Mischwald auch hier, doch anders als im Enkheimer Ried: strenger gesetzte, hohe glatte Stämme von Buchen, Erlen, Birken, Eichen, Fichten - Säulen für peripathetische Gänge.- Rotweiß leuchtend die Dörfer Gronau, Rendel, Karben, Dortelweil : Idiome, eingestreut in Erzählungen, die sich dem Fremden nicht anbiedern, sondern immer ganz bei sich bleiben. Über mir die hohe Wölbung des mit Überlandleitungen schraffierten Himmels - leider besiedelt nur von Wolken; schwebten dort oben Buchstaben und Wörter, wäre vieles zum Verständnis der Möglichkeiten mit unserer Schrift leichter. Und diese unterschiedlichen Landschaftserzählungen lassen sich durch einen großen Wegekreis von zwei und mehr Stunden Fußgang über Felder und Streuobstwiesen (Ernten verboten!) wie Geschichten zu einem Sammelband zusammenführen. Denn es ist die Anhänglichkeit des Fremden an das Vertraute, das jedes Fremde mit dem Vertrauten in ein besonderes Verhältnis bringt. Es ist das, was ich unter Anwesenheit verstehe! Anwesenheit sowohl an Orten als auch in Büchern; man lernt die Dimensionen von Zuhause-Sein kennen.

 

Die nur leiblich verstandene Anwesenheit an einem Ort liefe auf die Alternative hinaus: Entweder Sofa-Kartoffel (neudeutsch: couch potatoe) "Zuhause ist, wo der Fernseher steht" -, Dasein als semimobiles Gammelfleisch; oder "Zuhause ist, wo der Schreibtisch steht" – die Zwangsverpflichtung zur Sitzsamkeit. Zwar dürften die meisten Erfindungen immer im Sitzen gemacht werden, doch wenn man sitzen muß ohne zu müssen?- Demgegenüber meine ich mit Anwesenheit die Wahrnehmung dessen, was in den sichtbaren Dingen vorhanden ist, sobald man diese Sichtbarkeiten als einen geschriebenen Text auffaßt und in sich aufnehmen will. Das kann unabhängig sein vom Zeitaufwand; ein einziger Gang durch eine Gegend, einige Seiten Lesen in einem Buch, ein paar Worte mit Fremden können genügen, um zu wissen, womit oder mit wem man es zu tun hat. Das ist im übrigen ein demokratischer Aspekt – der einzige im Bereich der Literatur -, denn die Teilhabe am Promenieren, am Lesen und am Zuhören bedarf weder einer elitären Vorbildung noch einer gesellschaftlichen Stellung.- Und wenn ich Kleines mit Großem vergleichen darf, dann habe ich bei meinen Streifzügen einen berühmten, im echten Wortsinn einen Vor-Gänger: Immanuel Kant und sein täglicher Spazierweg in Königsberg. Immer denselben Weg zu immer der gleichen Stunde, zudem mit solch akkurater Pünktlichkeit, daß, als er sich doch einmal verspätet hatte, die Leute fragten, ob die Uhren falsch gingen, denn der Herr Professor Kant sei heute noch nicht vorübergegangen.- Was bedeutet dieses stete Aufsuchen immer derselben Orte?: An die Stationen meines Weges habe ich wie Markierungen meine Gedanken oder deren Bruchstücke angeheftet, um bei der Wiederkehr zu anderen, weiteren Gedanken zu gelangen; die Schreibarbeit, die niemand sieht. Hier an diesem Stein - dort vor jener Baumgruppe, auf dieser Bank und an jener Wegegabelung habe ich diesen und jenen Satz in Gedanken formuliert; die Orte sind mit meinen Sätzen besiedelt, und beim Wiedertreffen wie Induktoren auf den Stromfluß wirken diese Gedankensiedlungen für das Weiterschreiben forciv. Hierin auch besteht wohl das Geheimnis aller liebgewonnenen Orte - Liebe gewinnen durch sich und sein vergangenes, nach außen getragenes Selbst.

 

Und nun die Frankfurter Innenstadt, zwei ungleich große Teile, durch die eisernen Klammern der Brücken über den Main zusammengehalten. Wären diese Stadtteile ein Text, dann stellte der ein Konvolut dar, das zu einer einheitlichen Struktur jedoch nicht zusammengeht. Auch schreibt sich häufig Fremdverfügtes in den Stadttext ein: die Kriegsauswirkungen und die in der Nachkriegszeit hingesetzten Architekturen, wie sie die Physiognomie vieler deutscher Städte, die im letzten Krieg schwer zerbombt wurden, entstellen.- Die Zeilen alter Bürgerhäuser im Westend und der Platz um den Dom, sie nehmen sich in diesem Umfeld beinahe rührend aus, indem sie einige kurze, mit alten Wendungen neu geschriebene Phrasen formulieren, doch findet sich allenfalls in großer Entfernung deren Weiterführung, so daß auch dieses Erzählteil Fragment bleiben muß, die ewige Ruine: ein zerstückter Text. Das ist kein Einwand gegen die Stadt, sondern ein Kennzeichen für deren Erzählsubjekt. Es wird bezeichnet auch von den Hochhauskonstrukten im Zentrum, als seien diese Türme Gedenksteine im Totenkult für ein altes Bürgertum.

 

Diese Glasbetonbauten, narzißtisch posierend wie Nachwuchs-Mannequins, bedeuten für den Stadttext die Anhäufung aus fremdsprachlichen Partikeln zum Sprachengepantsche, jenem scheinpotenten Denglisch etwa, das in der eigenen Sprache verdorben gemachte Fremde, ein falsches Versprechen. Eine dergestalt ersehnte Urbanität ist Ausdruck einer über die Geschlechtergrenzen hinweg wirksamen Form von Penisneid.- Einige dieser Bankengebäude erscheinen zudem in der Ausführung unfertig, als seien bereits im Stil kommende Rezession und Pleite vorgeschrieben. Moderne Architektur sagt mitunter einfach die Wahrheit, und der Abstand zwischen Schönheit und Zweck in dieser Architektur ist dann eine Differenz des Moralischen.

 

Bin ich in Städten, ist mir die Stadt die Instanz des Bewußten, das Unbewußte dort sind die Parks. Bin ich in Dörfern, ist mir das Unbewußte die umgebende Landschaft. Provinz im schlechten Sinn ist dort, wo das Wort "kopflastig" ein Schimpfwort ist. Sowenig das Städtische automatisch Urbanität erzeugt, sowenig erzeugt eine Region von selbst Provinzielles; Urbanität wie Provinz beginnen und enden immer in den Köpfen. Mich interessieren Regionen, wo Stadt- und Landschaft ineinander übergehen, die Nahtstellen zwischen Bewußtem und Unbewusstem.

 

Bergen, ein Ort, dessen ältere Teile sich derart in einen Satzbau fügen, daß die Häuser nicht als gemacht, sondern gewissermaßen entstanden erscheinen aus der Landschaft am Grat eines bis zum Main weithin abgleitenden Hanges. Die Marktstraße ist der Hauptsatz, formuliert zu beiden Straßenseiten von enggeführten Häuserzeilen, durch Seitenstraßen und Gassen in ziemlich regelmäßiger Folge zäsiert. Die Fassaden im Schmuck eher karg und sachlich, die Traufhöhe nahezu einheitlich das 2. Stockwerk beschließend - folglich dominiert den Stil die Geschäftssprache des mittleren und späten 19. Jahrhunderts. Häuser-Wortarten, die man sonst eher überliest, doch stimmen sie für sich genommen, wie auch die unterschiedlichsten Geschöpfe in der Natur in ihrer Gesamtheit zueinander stimmen. Einzig das Heimatmuseum, inmitten des Hauptsatzes placiert, bedeutet den Einschluß eines sehr alten Wortes, das in der Lage ist, den flotten Handelston sowie den beliebigen Redefluß dieser Zeit zu stauen; man buchstabiert diese Ortspassage daher aufmerksamer, etwa wie das mittelhochdeutsche Wort "vridelichkeit" (was "Einfriedung, Schonung" heißt).

 

Wasser und Sprache finden stets ihren Weg, und die einmal gewählte Erzählweise führt sozusagen sich selbst auch zu weiteren Geschichten. Ziemlich genau in der Mitte des Hauptsatzes, in Parenthese, findet sich die Adjektiv-Substantiv-Funktion "alte Post": Das ist Dragicas Post, sie befördert nicht Briefe oder Pakete, sie befördert Speisen zum Leibgericht. Damit verbunden ist ein Jahre zurückliegender Richterspruch, der dem dortigen Satzgegenstand das wanderschütternde Lachen zu deklinieren trachtete. Daß ein Jurist solchen Spruch tatsächlich fällen konnte, ohne darüber selbst zu fallen, und sei's vor Lachen, das will mir für den Berufsstand der Juristen als höchst bedenklich erscheinen. –

Eine Topikbestimmung desselben Bergener Textes – 50° 9 Min. 21,59 Sek. nördlicher Breite sowie 8° 45 Min. 24,17 Sek. östlicher Länge -trifft (seit 1920) einen Erzählraum, dort auch schon einmal der "Mittelpunkt von Deutschland" ausgemacht wurde. Wie Porträtfotos und Epigramme an Wänden und Decke bezeugen: Hier ist wohl der einzige Ort in diesem Land, wo Geister auch tagsüber ihre Stunde haben! –Schließlich befindet sich in diesem Satzbau ein Kompositum, das den überlaufenden Breitöpfen des Idiotenfernsehens (das ist zunehmend eine Tautologie) auf eigene Art tapfer Widerstand leistet. Denn wo nichts mehr zu sagen ist, fluten die Worte kindisch und süß, die Bilder bunt und leer. Das ist der mediale Babybrei, der so leicht zu verschlingen ist und ebenso leicht den Kopf verdirbt. Um dagegen ein Publikum am Lesen von Büchern, die des Lesens wert sind, festzuhalten, dazu bedarf es wahrlich eines Stein-Kopfes!

 

Was Sie, verehrte Gäste, soeben von mir gehört haben, das waren Ansätze von Haltungen voller Eigensinn. Was ich noch nicht benannt habe, ist die Grundvoraussetzung für solch exklusives Gebaren: die Freizügigkeit. Die Freizügigkeit derer, die sich jemanden leisten mochten wie mich, dem einmal prophezeit wurde, daß er zwischen den Zeilen seiner Schriften verschwinden werde; einen Typ, der nach dem Zusammensein mit anderen Menschen diesen Menschen dann kein größeres Kompliment zu sagen weiß, als dieses: Ich habe das Empfinden, ich war während der Zeit in Ihrer Gesellschaft allein. - Somit habe ich heute noch einmal Grund, den Auslobern des Stadtschreiber-Preises von Bergen-Enkheim für diese große Freizügigkeit zu danken, die Sie mir über ein Jahr gewährt haben. Sie ließen mich im wesentlichen machen, was mir ersprießlich schien, das heißt vor allem meine Arbeit. Für eine große materielle Zuwendung als Gegenleistung Weniges zu verlangen, damit greift Freizügigkeit bereits in Freiheit über - auch für solch seltenes Erlebnis danke ich Ihnen sehr. Die Zeit hier war für mich eine wichtige und schöne Erfahrung.- À propos fahren: "Far du gauch" - diese Inschrift von 1479 im Fratzenstein über einem Portal zum Heimatmuseum weist nun auch mich des Weges. Mitgenommen habe ich aus der Region einige Perspektiven für meine Landkarte der déjà vus. Und damit werde ich ihnen künftig andernorts begegnen können in dieser schönen Form eines Wiedersehens.

Antrittsrede: Friedrich Christian Delius

„Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

Meine Damen und Herren,

jeder Preis ist ein Geschenk und eine wunderbare Überraschung. Und dieser, der Bergen-Enkheimer, ist ein ganz besonderes Geschenk, denn hier sieht man sich nicht nur von einer Jury ausgezeichnet, nicht nur von den Bergen-Enkheimer Bürgerinnen und Bürgern gefeiert, sondern auch von der Reihe der Vorgänger geadelt, der man nun, mehr oder weniger unverdient, zugesellt wird. Ich will die Namen nicht aufzählen, Sie kennen sie, aber ich muss den Namen des ersten Stadtschreibers nennen, weil er mir am meisten bedeutet, weil ich von keinem dieser vierunddreißig Vorgänger so viel gelernt habe wie von ihm, und weil ich schon vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren die Frechheit hatte, mich als sein Schüler zu bezeichnen, ich meine Wolfgang Koeppen. Er lebe hoch, der Alte! Und als Pfarrerssohn darf ich sagen: Sein Geist sei mit uns allen! Ich bedanke mich also für die Auszeichnung, für das Amt, für das Wohnrecht, für das Preisgeld und für die Aufnahme in die illustre Ahnengalerie. Ich danke Julie Zeh und Reinhard Jirgl für ihre Reden. Viele Geschenke auf einmal, ich bedanke mich herzlich und nicht zuletzt bei der Kulturgesellschaft - im wörtlichsten Sinne.

 

Aber wie kann ich mich erkenntlich zeigen?, habe ich überlegt. Was kann ich Ihnen bieten? Soll ich Ihnen eine schwungvolle Rede halten über große und kleine gesellschaftliche Missstände, die Sie genau so gut oder so schlecht kennen wie ich? Eine melancholische Betrachtung oder eine polemische Standpauke? Zum Thema Literatur und Politik mal wieder so richtig die intellektuelle Sau rauslassen? Soll ich Sie mit meinen Meinungen überrumpeln oder mich geschmeidig in eine aktuelle Debatte einfädeln? Nein, ich möchte es heute lieber nicht spielen, das alte Spiel vom schlauen Redner und dem ergebenen Publikum. Wenn schon, hab ich gedacht, dann sollen Sie von mir etwas bekommen, was eine gewisse Haltbarkeit hat. Etwas, an das Sie auch morgen beim Frühstück und in einem Monat vor den Fernseh-Nachrichten und hoffentlich in einem Jahr noch denken können. Ich habe also Ihnen, Ihnen allen, etwas mitgebracht.

Ein kleines Geschenk, bescheiden, leicht zu transportieren, und kein Staubfänger. Damit meine ich nicht meine Bücher, denn die müssen Sie nun mal leider erst kaufen, ehe Sie von ihnen, wie ich hoffe, mit einigem Gewinn an Erkenntnis, Freude, Verstörung, Unterhaltung, Phantasie und Erfahrung beschenkt werden. Nein, es ist ein sehr einfaches Mitbringsel, es passt in jede Handtasche oder Hosentasche, es passt auch in jeden Kopf. Es ist ein Merksatz fürs Leben, für jede Lebenslage, für jedes Alter, jedes Geschlecht, für unsere jungen Einwanderer ebenso wie für Senioren, für Schüler wie für Lehrer. Etwas für den grauen Alltag und den buntesten Fernsehabend. Mein Geschenk besteht aus einem Satz, und der Zufall oder die Ironie wollen es, dass ein Frankfurter Meister ihn verfasst hat, der in Frankfurt viel zu selten zu hören ist. Erschrecken Sie bitte nicht, mein kleines Geschenk ist tatsächlich von Goethe, ein Zweizeiler, den ich immer wieder gern zitiere und der auch auf dem Berger Marktplatz durch die Mikrofone und Lautsprecher schallen soll: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt,/ Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

Diesen Satz lässt der mittlere Goethe in seinem Stück „Torquato Tasso“ interessanterweise nicht den Dichter Tasso, die Hauptperson, sagen. Hier spricht kein Lobbyist in eigener Sache, sondern der Herzog, also der Politiker, der Staatschef von Ferrara, er verkündet eine politische Maxime, eine politische Weisheit.

Also noch einmal, zum Mitschreiben: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“ Schwer übertrieben? Nein.

Typisches, arrogantes Elitedenken? Nein.

Ziemlich durchgeknallt, der Goethe? Nein, im Gegenteil.

 

Wenn wir uns darauf einigen, dass Goethe unter Barbaren ungebildete oder bildungsunwillige, rohe oder grausame Menschen versteht, dann ist dieser Satz im Jahr 2008 vielleicht wahrer und brauchbarer als 1786, als er geschrieben wurde. Denn er richtet sich nicht nur gegen Rassisten und Religionsfaschisten, das ist selbstverständlich, sondern vor allem gegen die Barbaren innerhalb unserer, ich sag es betont provozierend: Kulturnation.

 

Der Satz richtet sich auch gegen die, die unsern Reichtum an Kultur, Kunst, Literatur, Dichtkunst ignorieren, verschleudern, verraten. Und das sind eben nicht nur die vielgeschmähten Finanzpolitiker und die mit Recht wegen massenhafter Kindesmisshandlung zur Hölle verdammten Shareholder des Privatfernsehens, nein, diese Verräter sind oft und gerade auch unter Bildungspolitikern, Medienleuten und Professoren zu finden.

Darf ich konkret werden und im Sendebereich des Hessischen Rundfunks bleiben, dem ich so viel an Bildung und Weltgewinn durch Musik und Literatur in meiner Jugend zu verdanken habe? Ich denke, wenn ich an Goethes Satz denke, unter anderem an die Chefs dieses Senders. Diese Barbaren vom Dornbusch haben zum Beispiel in wenigen Jahren fast alles, was die Hessen an Literatur und geschliffenem Wort erleuchten könnte, verbannt, gekappt oder eingedampft. Aus kriecherischem Gehorsam vor dem angeblichen Publikumsgeschmack, vor der heiligen Quote. Ein in allen Sendern herrschender Gehorsam, der allein auf Denkfaulheit gründet und nichts als eine Kapitulation vor der allgemeinen Verblödungssucht ist. Verzeihen Sie mir bitte die groben Worte, aber ich sehe täglich in Italien, wie schnell die Verschleuderung und die Verachtung von Kultur das Feld bereiten für die Barbarei eines Mafia-Media-Markt-Faschismus. Wir sind zum Glück weit davon entfernt, aber gerade darum ist der scharfe Blick so nötig.

Die deutschen Rundfunk-Chefs also, ich meine sie nicht persönlich, sondern als Beispiel, die Goethe Barbaren nennen würde, antworten, der Wortanteil sei gar nicht zurückgegangen. Das stimmt oft sogar. Aber es herrscht nun auch in der Kultur das Geschwätz vor, das halbschlaue Dreiminuten-Gelabere - und manchmal auch, ich weiß, zwanzig Minuten Lesung oder ein gescheites Gespräch. Aber Denken, Sprache und Sprachgefühl entwickeln sich nicht am Geplauder, sondern am geschliffenen Wort, im besten Fall an der Dichtkunst. „Vermutlich“, schreibt der Jurist Michael Stolleis, „orientiert sich die Magnetnadel des Sprachgefühls vor allem an dichterischen Meisterwerken.“ Und wie soll denn das Lernen der Schüler (20 Prozent der Fünfzehnjährigen können nur unzureichend lesen und schreiben) und Studenten (Massen von Chemik- und Physikstudenten müssen ihr Studium abbrechen, weil sie keine stilistisch klaren Sätze schreiben können und über keine ausreichende Formulierungs- und Differenzierungsfähigkeit verfügen, welche die Naturwissenschaften verlangen), wie soll das Lernen der Schüler und Studenten und damit das Denken und damit die Substanz der Demokratie gefördert werden in den verschiedenen Hörerkreisen auf den verschiedenen Wellen, wenn nicht durch eine klare prägnante und, ich scheue mich nicht das zu sagen - vorbildliche Sprache? Die neumodische faule Ausrede „Die Leute da abholen, wo sie sind“ ist von gestern, das alte Konzept Fordern und Fördern ist von morgen. Ja, höre ich schon antworten, der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Sender, ja, wo leben Sie denn, Herr Stadtschreiber? Haben Sie keinen älteren Hut auf Lager? Nein, dies ist, mit Verlaub, der allerneuste Hut, die aktuellste aller Fragen nach der Innovationskraft unserer medialisierten Gesellschaft in der globalisierten Welt, um es im üblichen Jargon zu sagen. Ich könnte darüber gern noch länger reden, aber ich begnüge mich damit, Ihnen eins von vielen Rezepten weiterzugeben, nämlich das, was der alte Goethe vor genau 222 Jahren ausgestellt hat: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

 

Sie merken, meine Damen und Herren, ich spreche hier nicht oder nicht nur als Lobbyist in eigener Sache. Ich erwarte keineswegs von jedermann Begeisterung für die Literatur. Ich erwarte aber von jedem Bundesbürger wenigstens zehn Sekunden Aufmerksamkeit für einen Musiker wie Daniel Barenboim, der das, was Goethe meinte, noch weiter und noch radikaler fasst. Er sagte in einem Interview: „Wer die Literatur, die Kunst, die Bildung, also den Dialog nicht fördert, der fördert den Egoismus, den Vandalismus, den Terrorismus.“ Wer immer in diesem Land etwas zu fördern hat, sollte sich diesen Satz hinter die Ohren schreiben oder auf die Visitenkarte drucken lassen, Politiker, Wirtschaftler, Medienleute.

 

Die aktuelle ökonomische Krise, die mehr und mehr auch unsern Alltag und unsere Konsumgewohnheiten verändert, ist entstanden vor allem durch ökonomischen Größenwahn: Wer nach 24 Prozent Rendite giert wie beispielsweise die führende Frankfurter Bank, der kann nur auf die Nase fallen. Je höher die Banketagen, möchte man meinen, desto stärker der Märchenglaube - der übrigens mit den in der Dichtkunst gespeicherten Erfahrungen leicht zu kurieren oder zu vermeiden gewesen wäre. Nebenbei: Hätten die Vorstände der Frankfurter Banken nur, sagen wir, je zwei Bücher der vierunddreißig Bergener Stadtschreiber mit Verstand gelesen, sie hätten Milliarden-Verluste vermieden, behaupte ich. Da sehen Sie, wie viel Frankfurt von Bergen lernen kann!

Noch bedenklicher als der Märchenglaube an die Hochrenditen ist der Glaube an die alleinseligmachende Quantität. Die an sich nicht unnütze Berufsgruppe der Betriebswirte hat in den letzten Jahren überall in Europa, aber wieder mal besonders gründlich in Deutschland die Macht ergriffen: Betriebswirte, Controller und die Hersteller der entsprechenden Software. Nichts dagegen, wenn diese Leute kontrollieren, ob Autofelgen oder Drogerieartikel kostenoptimal produziert und vertrieben werden. Aber mittlerweile hat das primitive Kosten-Nutzen-Denken alle gesellschaftlichen Bereiche erobert, infiziert, verpestet. Wo immer Sie sich umhören im Lande, überall sind ähnliche Klagen zu vernehmen: ob in Krankenhäusern, bei Anwälten, in Ministerien und Ämtern, in Schulen und Universitäten, Kultureinrichtungen, Bibliotheken, bei der Altenpflege, in der Verlagsbranche, ja sogar bei Förstern - überall wird ein gewaltiger bürokratischer Aufwand um sogenannte Erfolgskontrollen getrieben, wobei alles quantifiziert wird und die Qualität einer Arbeit, weil schwer messbar, immer weniger als Erfolg gilt. Und so werden viele dieser Einrichtungen, oft gerade die, um die man uns in anderen Länder beneidet, umgebaut, unterwandert, entkernt, zerstört. Die ganze Gesellschaft soll so funktionieren, wie die McKinsey-Jüngelchen, die Betriebswirte, die Barbaren der Quantität und der Taschenrechnermoral, wie ihre Maschinen, wie ihre Software-Programme es befehlen. Der Witz ist, dass überall der bürokratische Aufwand zunimmt und die Qualität der Arbeit abnimmt - alle schimpfen darüber, aber niemand schimpft laut auf die schleichende Machtergreifung von SAP, und man freut sich, wenn die Spieler von Hoffenheim ein Tor schießen, die angeblichen Außenseiter. In Wirklichkeit ist Hoffenheim mit SAP die heimliche Hauptstadt Deutschlands.

Sollen andere darüber disputieren, ob wir schon Sklaven der Software sind. Und angeblich immer weniger fähig, selber zu denken, selber zu entscheiden. Ich empfehle als bewährtes Hausmittel zur Stärkung des Immunsystems gegen die Viren und Bakterien der Output-Ideologen den Satz von Goethe, Sie kennen ihn inzwischen: „Und wer der Dichtkunst - also der Qualität, dem Differenzierungsvermögen, der Klugheit, der Freude, der Idee, der Schönheit - Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

 

Sie, meine Damen und Herren, die hier versammelten Bergen-Enkheimerinnen und Bergen-Enkheimer, gehören seit vielen Jahren zu denen, die die Dichtkunst durchaus vernehmen, ja sogar einzelne Vertreter dieser Kunst in Ihre Mitte laden, um sie noch besser vernehmen zu können, in das Stadtschreiberhaus an der Oberpforte, und dafür ist Ihr Stadtteil in ganz Deutschland, ja in Europa berühmt. Wenn ich Ihnen den Goethesatz mitbringe, trage ich vielleicht eine Riesen-Eule nach Athen. Aber leider besteht die Welt nicht nur aus Bergen-Enkheim, und deshalb soll mein kleines Geschenk Sie möglichst oft ermuntern und bestätigen, zum Widerspruch anstiften und, wenn es sein muss, aufhetzen: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“ Sie glauben nicht, bei wie vielen Gelegenheiten dies bescheidene Geschenk als Argument, als Waffe dienen kann. Und nicht nur dann, wenn Stimmen aus der Politik oder der Presse oder der Stammtische nörgeln, es reiche allmählich mit dem Stadtschreiber-Spektakel, das komme zu teuer, und überhaupt, warum kein Rapper als Stadtschreiber. Nun, bei dem letzten Punkt kann ich Sie beruhigen - ich rappe meinen Rap mit der „Minute mit Paul McCartney“ hier in Bergen am 24. September. Und was die anderen Nörgeleien angeht, Sie haben schon gewonnen, wenn Sie zurückschlagen mit dem Satz, den Sie inzwischen auswendig können: „Und wer der Dichtkunst Stimme ...“

 

In der Reihe der Stadtschreiber bin ich der 35. Das scheint viel, man kann darüber sinnieren, welch stolze Vergangenheit. Aber ich will einen kurzen Blick nach vorn wagen, in die Zukunft, noch einmal 35 Jahre weiter. Ich hoffe, es wird im Jahr 2043 auch ein Stadtschreiberfest geben. Wenn ein Satz wie der von Goethe zum Allgemeingut wird, dann sowieso. Es liegt also auch an Ihnen, meine Damen und Herren, wie Sie mit diesem Pfund wuchern, jeder auf seinem Feld. Also, 2043, da heizt man weniger und hockt mehr zu Hause, da fliegt keiner mehr in den Urlaub nach Indonesien oder auf die Canaren, da fährt man am Wochenende vielleicht mit der Bahn in den Taunus oder in die Rhön (wo übrigens mein nächster Roman spielt, der voraussichtlich während meiner Amtszeit erscheinen wird). Keine Angst bitte, auch bei der Umstellung auf mehr Wärme und weniger Energie hilft die Dichtkunst. Glauben Sie mir, die besseren Ingenieure, die besseren Wissenschaftler, die besseren Juristen sind fast immer die, die auch ein Ohr für die Künste haben. In 35 Jahren haben die Flachbildschirme nur noch Flachköpfen etwas zu bieten, wird der Internetzugang wahrscheinlich wegen Überlastung rationiert, und die arbeitslosen Controller mit Hartz IV-Bezügen und die McKinsey-Rentner fragen nach dem Sinn ihres Lebens und warum sie den Satz von Barenboim, den ich vorhin zitiert habe, nicht früher gehört haben. Ja, in dieser Zukunft werden die Bücher, die Literatur, die Kunst und Sätze wie der von Goethe vielleicht lebenswichtiger sein als heute. Wir sehen jetzt schon, wie immer mehr junge Leute dem verführerischen Sog der Künste folgen und auf diesen Wachstumssektor drängen, weil sie eines auf keinen Fall werden wollen: Barbaren. Wahrscheinlich ist die Autorin schon geboren, die in 35 Jahren hier stehen wird. Oder der Autor. Und ich wünsche, dass möglichst viele von Ihnen dann auch hier auf dem Marktplatz dabei sein werden und den Satz noch im Kopf haben werden, den der längst vergessene Delius Ihnen Anno 2008 eingetrichtert hat: „Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt, ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.“

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Tondokument des Stadtschreiberfestes 2008

© Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim

Stadtschreiberfest 2008