Matthias Thoma im Interview

Matthias Thoma im Interview

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Interviews

„Der Riederwald war eine der Keimzellen des professionellen Sports in Frankfurt“

Matthias Thoma, Leiter des Eintracht-Museums, im Interview

Matthias Thoma ist Leiter des Eintracht-Museums und eine Instanz, wenn es um die Frankfurter Sport- und Fußballgeschichte geht. Im Interview spricht Thoma über das erste Fußball-Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft in Frankfurt, dessen völkerverbindende Wirkung – und eine daraus hervorgegangene innenpolitische Tragödie.

Erstes Fußball-Länderspiel in Frankfurt: Deutschland gegen Schweiz am 26. März 1922 im Stadion am Riederwald (1)
Erstes Fußball-Länderspiel in Frankfurt: Deutschland gegen Schweiz am 26. März 1922 im Stadion am Riederwald (1) © Eintracht Frankfurt Museum

Eine Bildergalerie zum Spiel findet sich unterhalb des Textes.

 

Herr Thoma, am 26. März 1922, also exakt vor 100 Jahren, trug die Schweiz gegen Deutschland im Stadion am Riederwald das erste Länderspiel einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Frankfurt aus. War dies der Auftakt oder vorläufige Höhepunkt der Geschichte Frankfurts als Fußball-Metropole?
 
MATTHIAS THOMA: Das Freundschaftsspiel gegen die Schweiz war ein vorläufiger Höhepunkt. Nachdem sich der Fußball am Main um die Jahrhundertwende etabliert hatte, gab es schon einige Meilensteine. 1907 spielte erstmals eine Stadtauswahl gegen den englischen Meister Newcastle United (2:3). 1910 fand an der Festhalle eine „Internationale Ausstellung für Sport und Spiel“ statt, für die extra ein Stadion aufgebaut wurde. Höhepunkt der Ausstellung war am 22. Mai ein Spiel zwischen den „englischen Professionsspielern“ der Blackburn Rovers und des FC Chelsea (3:5) vor der Rekordkulisse von 6000 Zuschauern. Und 1920 fand auf dem Germania-Platz an den Sandhöfer Wiesen ein Endspiel um die Deutsche Meisterschaft statt. Damals verfolgten 35.000 Zuschauer das Spiel zwischen 1. FC Nürnberg und SpVgg Fürth; Nürnberg holte den Titel. Das Länderspiel am Riederwald war ein weiterer Höhepunkt.
 
Es existieren Bilder, die Menschenmengen auf dem Frankfurter Römerberg zeigen, wie sie zuletzt nach dem Pokalgewinn der Eintracht zusammenkamen. War ein Länderspiel gegen die Schweiz seinerzeit solch ein gewichtiges Ereignis?
 
THOMA: Tatsächlich war ein Fußball-Länderspiel damals eine Sensation. Nach dem Krieg stiegen die Zuschauerzahlen sowohl im Vereinsfußball als auch bei Länderspielen. Das erste Länderspiel nach dem Krieg war ein Freundschaftsspiel in der Schweiz, welches Deutschland mit 1:4 verlor. Das Spiel 1922 in Frankfurt war quasi das „Rückspiel“. Und es war erst das dritte Heimspiel nach Kriegsende, die anderen beiden fanden in Berlin gegen Ungarn, und in Dresden gegen Österreich, statt. Beeindruckend ist auch, dass sich die 20.000 Fans noch vor Spielbeginn auf dem Römerberg versammelten, um das schweizer Nationalteam zu begrüßen. Der Präsident des Schweizer Fußballverbandes betonte in seiner Ansprache seinen „Glauben an die völkerverbindende Kraft, die dem Fußballsport innewohne“. Das Länderspiel diente einmal mehr der Völkerverständigung, in Zeiten, in denen sich viele Nationen noch weigerten, gegen den „Kriegstreiber“ Deutschland Spiele auszurichten. Übrigens regte sich auch im französischsprechenden Teil der Schweiz heftiger Protest gegen das Spiel.  
 
Es wird gemunkelt, die schweizer Schlachtenbummler hätten mit ihrem Erscheinen unwissentlich den Mord an Reichsminister Walther Rathenau finanziert. Was hat es damit auf sich?
 
THOMA: Darüber hat der Sporthistoriker Ulrich von Berg vor einigen Jahren geschrieben. Als am Spieltag der schweizer Sonderzug ankam, musste der Frankfurter Hauptbahnhof für den gesamten Reiseverkehr 90 Minuten gesperrt werden, weil die Haupthalle von Schaulustigen vollkommen überfüllt war. Die Schweizer Spieler, Offizielle und Anhänger deckten sich in dem Chaos in der Außenstelle der Wechselstube „Baab & CO“ mit deutscher Währung ein. Der Mitarbeiter, der dort arbeitete, tat dies nur zur Tarnung: Ernst von Salomon war ein erbitterter Feind der Weimarer Republik, hatte schon in verschiedenen Freikorps gekämpft und war Mitglied der Frankfurter Gruppe der rechtsterroristischen „Organisation Consul“. Deren Ziel war es, die Republik zu beseitigen, was durch die Ermordung exponierter Personen der Demokratie erreicht werden sollte.

Und wie wurde Ernst von Salomon vom Spion zum Finanzier des Attentats?
 
THOMA: Die Vorbereitung des Mordes an Walther Rathenau verschlang viel Geld, das organisierte Ernst von Salomon am Spieltag. In seinem autobiografischen Roman „Der Fragebogen“ berichtete er später: „Ich war Angestellter bei einer Wechselstube in Frankfurt am Main. Diese stand am Hauptbahnhof, direkt am Ausgang von den Bahnsteigen zur Schalterhalle. Da war ein Fußball-Länderkampf in Frankfurt, Deutschland gegen die Schweiz. Die schweizer Fußballer und ihre Freunde kamen mit einem Sonderzug, die Leute wollten alle ihre Franken bei mir wechseln. Es war eine lange Schlange, ich blickte auf die Kurstafel, musste aber wohl den Kurz des französischen Franken mit dem des schweizerischen verwechselt haben, aber es hat keiner reklamiert. … Nachher, als ich zusammenrechnete, hatte ich einen Haufen Geld übrig, viel mehr, als ich nach dem richtigen Kurs hätte haben dürfen.“ Die Differenz packte von Salomon mit der Begründung ein, „die Bank, der die Wechselstube gehörte, die verdient so viel“.
 
Wie ging es nach dem Länderspiel gegen die Schweiz weiter mit DFB-Spielen in Frankfurt?
 
THOMA: Letztlich hat die Eintracht im Stadion am Riederwald ihre Spiele ausgetragen, welches der Verein ja auch finanziert hat. Als 1925 das städtische Waldstadion eingeweiht wurde, wollte die Stadt diesen Ort zusätzlich beleben. So hat die Stadt verfügt, dass publikumsträchtige Spiele um die süddeutsche Meisterschaft in diesem Stadion stattfinden sollten. Infolge dessen hat die Eintracht ihre Punktspiele am Riederwald ausgetragen, die großen Spiele wurden im Stadtwald ausgetragen. Das war für den Verein gar nicht so gut, denn im städtischen Stadion musste man Miete zahlen.
 
Lässt sich der Riederwald als Keimzelle des Frankfurter Profifußballs betrachten?

 
THOMA: Der Riederwald war sicher eine der Keimzellen des professionellen Sports in Frankfurt. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg, als ein großer Sportboom einsetzte, schufen sich die Vereine große Sportanlagen. Die Eintracht, aber auch der FSV, Reichsbahn Rot-Weiss oder der FTV 1860, bei dem auch Germania 94 spielte. Das Stadion am Riederwald, das 1920 noch am Ratsweg, wo heute ein Lebensmittelgroßmarkt steht, eröffnet wurde, galt als eines der modernsten Stadien Deutschlands. Mit dem Bau eines städtischen Stadions im Stadtwald wurde erst Anfang der 1920er Jahre begonnen, die Einweihung fand 1925 statt.

Wie kam es zum Umzug der Frankfurter Eintracht in das einstige Waldstadion im Süden der Stadt?
 
THOMA: Der „alte“ Riederwald, auf dem das Länderspiel stattfand, wurde 1943 bei Bombenangriffen zerstört. Nach Kriegsende fand auf dem Gelände die Trümmerverwertungsgesellschaft ihre Heimat. Die Eintracht eröffnete 1952 westlich der Pestalozzischule den neuen Riederwald, der hatte zu Beginn auch eine Kapazität von 40.000 Plätzen. Und hier fand der Fußballalltag statt. Oberligaspiele wurden am Riederwald ausgetragen, Endrundenspiele und Europapokalspiele im Waldstadion. Mit Gründung der Bundesliga 1963 wechselte die Eintracht ins größere Waldstadion. Es gab Vorgaben des Verbandes, die am Riederwald nicht umgesetzt werden konnten, nicht zuletzt aus Mangel an Parkplätzen.

Die Eintracht spielt und trainiert längst in Niederrad, der FSV Frankfurt residiert am Bornheimer Hang. Ist der Riederwald sportgeschichtlich inzwischen völlig bedeutungslos geworden?
 
THOMA: Natürlich nicht. Durch die Professionalisierung wurden die Ansprüche andere. Mittlerweile befindet sich am Riederwald ein hochmodernes Vereinsleistungszentrum. Die Jugendmannschaften trainieren am Riederwald, der Verein mit seinen fast 100.000 Mitgliedern ist hier zu Hause. Gerade wird am Riederwald noch eine große Turnhalle gebaut. Der Riederwald ist weiterhin das Herzstück der Eintracht, nur die Profis sind halt am Stadion. Aber wenn man mal ins Riederwaldstadion geht, sieht man noch die mächtigen Wälle, auf denen einst die Stufen der Stehränge waren. Mit ein wenig Fantasie kann man sich ausmalen, wie die Eintracht an der Stelle vor 40.000 Zuschauern gespielt hat.
 

Interview: Mirco Overländer

 

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