Interview Artur Schroers

Interview Artur Schroers

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"Wir wollen den Frankfurter Weg weiter beschreiten“

Im Interview spricht Artur Schroers, seit 1. Juli Leiter des Frankfurter Drogenreferats, über die Lage im Bahnhofsviertel, die Folgen der von der Bundesregierung geplanten Cannabis-Legalisierung, seine sonstigen Arbeitsschwerpunkte sowie die zukünftige Ausrichtung des Drogenreferats.

Artur Schroers, neuer Leiter des Frankfurter Drogenreferats, Foto: Ben Kilb
Artur Schroers, neuer Leiter des Frankfurter Drogenreferats © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Ben Kilb

Herr Schroers, wie lautet für einen Fachmann wie Sie die Definition von Sucht?

 
ARTUR SCHROERS: Der Begriff Sucht kommt von Siechen und nicht wie oft behauptet von Suchen. Gemeint sind Menschen, die eine psychoaktive Substanz in hoher Frequenz oder Intensität konsumieren oder benötigen. Aber auch der Kontext macht viel aus: Das Umfeld eines Menschen kann auch über die Entwicklung seiner Abhängigkeit entscheiden. Ein gutes Beispiel ist Ecstasy: In den 80er Jahren diente diese Substanz den Konsumierenden zunächst als Mittel der Selbsterfahrung. Inzwischen ist diese Substanz zu einer Partydroge geworden, die primär in der Clubszene und im Umfeld elektronischer Musik konsumiert wird. Generell ist bei jeder Form der Abhängigkeit zwischen dem psychischen Verlangen, dem sogenannten Craving, und körperlichen Auswirkungen zu unterscheiden. Glücksspielsüchtige etwa können eine immense psychische Abhängigkeit entwickeln, da die Geräte, an denen sie spielen, so konzipiert sind, dass sie das Belohnungssystem im Gehirn gezielt ansprechen.

 

Sie sind seit gut einem halben Jahr als Leiter des Drogenreferats im Amt. Wie fällt Ihre vorläufige Zwischenbilanz aus?

 
SCHROERS: Die Situation rund ums Bahnhofsviertel war bisher sehr dominant. Dort liegt ein absoluter Schwerpunkt unserer Arbeit, nicht zuletzt, da die Lage im Bahnhofsviertel äußerst komplex ist. Wir analysieren alle Umstände und Angebote und schauen, welche Akteure an einen Tisch geholt werden müssen. Zur Koordination der dezernatsübergreifenden Arbeit haben wir eine Task-Force gegründet und niederschwellige Angebote wie das Streetwork OSSIP mit zusätzlichen Stellen oder das Nachtcafé mit Öffnungszeiten auch tagsüber ausgebaut. Wir wollen konkret und lösungsorientiert arbeiten, mit „smarten“ Zielen, die erreichbar und überprüfbar sind. Neben den kurzfristigen Verbesserungen arbeiten wir vor allem mittel- und langfristig. Dazu braucht es aber auch die Unterstützung der Politik auf Landes- und Bundesebene. Das betrifft vor allem die Crack-Problematik, zu der wir jüngst eine eigene Konferenz veranstaltet haben. Damit sich Diskussionen nicht im Kreis drehen, fragen wir bei jeder Gesprächsrunde: „Was sind konkret die nächsten Schritte, die wir gehen (und wer ist dafür verantwortlich)?

 

Welchen Einfluss hat Ihr Referat denn konkret auf die Situation im Bahnhofsviertel?

 
SCHROERS: Wir wollen den Frankfurter Weg weiterbeschreiten. Es ist ein pragmatischer Ansatz mit schadensbegrenzenden Maßnahmen, die Betroffene und die Frankfurter Stadtbevölkerung entlasten. Dazu gibt es keine Alternative. Es geht darum, Probleme frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig zu intervenieren. Für die aktuelle Situation gibt es viele Auslöser, die sich gegenseitig verstärken. Um zum Beispiel Crackkonsumierende zu erreichen, müssen wir Angebote schaffen, die dem Konsummuster von Crack gerecht wird. Zum Beispiel Express-Rauchräume, vor denen Konsumierende nicht lange warten müssen, sondern schnell rein und raus können und doch in geschützter Atmosphäre konsumieren können. Menschen könnten auch verstärkt in die Einrichtungen gelenkt werden, wenn eine Toleranz des Mikrohandels gesetzlich möglich wird. Damit die Dealer aus dem Viertel verschwinden, braucht es wiederum polizeiliche Maßnahmen. Andere Städte wie zum Beispiel Zürich sind in der Hinsicht der Duldung des Kleinhandels weiter als wir, gerade auch bei der medikamentösen Behandlung von Crackabhängigen. Auch die Heroinvergabe ist dort niedrigschwelliger ausgelegt als es die gesetzlichen, sehr hochschwelligen Zugangsvoraussetzungen derzeit in Deutschland zulassen. Nicht zuletzt gibt es bei der Stadt Zürich anders als in Frankfurt auch im Umland Konsumräume. Das führt dazu, dass sich nicht alle Crack-Abhängigen aus einem riesigen Einzugsgebiet an einem Ort versammeln, weil es nur dort entsprechende Infrastruktur gibt.

 

Sie kommen in turbulenten Zeiten nach Frankfurt. Energiekrise, Krieg, die Folgen der Corona-Pandemie: Wie wirken sich diese Faktoren auf die Arbeit des Drogenreferates aus?

 

SCHROERS: Wir haben neun Mitarbeitende, die meisten davon in Teilzeit – und haben gemeinsam eine Vielzahl gewaltiger Aufgaben zu meistern, die sich durch die Pandemie und sonstigen weltweiten Krisen verschärft haben. Zugleich müssen wir die Arbeit vieler verschiedener Akteure finanzieren und begleiten. Dazu brauchen wir, neben Instrumenten der Bedarfserhebung und Wirksamkeitsbewertung, ein effektives Controlling, um nachzuvollziehen, wie wirksam einzelne Ansätze und Angebote sind. Das bedeutet auch, zu analysieren, wie sich verschiedene Maßnahmen ergänzen, da sie gegebenenfalls nur im Verbund Wirksamkeit entfalten. Der gesellschaftliche Nutzen muss durch Controlling und Evaluation nachvollziehbar werden. In diesem Sinne möchte ich gemeinsam mit meinem Team die externen Projekte und Programme managen, klare Stellung beziehen, mehr kommunizieren und vor allem Ergebnisse zur Minderung und Lösung von Konsum- und Suchtproblematiken liefern.

 

Welche Arbeitsschwerpunkte möchten Sie als Leiter des Drogenreferates in den nächsten Jahren setzen?

 

SCHROERS: Auch wenn das Bahnhofviertel viel Aufmerksamkeit und Ressourcen bindet, beschäftigen wir uns intensiv mit weiteren Themen wie der staatlich kontrollierten Abgabe von Cannabis als Genussmittel an Erwachsene. Hier sind wir über den Deutschen Städtetag mit starken und kompetenten Partnern im Austausch. Was mir persönlich zu kurz kommt, ist der Fokus auf die Schäden legaler Drogen wie Alkohol und Tabak. Hier müssen wir die Angebotspalette im Bereich Beratung und Prävention ausbauen, gerade auch für Erwachsene. Denn je nach Studie weisen fünf bis zehn Prozent aller Deutschen ein problematisches Trinkverhalten auf. Wenn man so mag, sind die Crack-Konsumierenden im Bahnhofsviertel die Spitze eines Eisbergs von Suchtproblematiken in der Gesellschaft.

 

Welche weiteren Schwerpunkte wollen Sie setzen?

 

SCHROERS: Was mir zudem sehr am Herzen liegt, ist die Einführung eines Drug-Checking-Angebots, das es Clubbesuchern ermöglicht, die Zusammensetzung und den Wirkungsgrad ihrer Party-Pillen anonym analysieren zu lassen. Dieses Angebot sollte es sehr niedrigschwellig auch in Drogenhilfeeinrichtungen geben. In Wien, wo ich zehn Jahre gearbeitet habe, wurde dieses Thema lange Zeit sehr erfolgreich betrieben. Wir dürfen aber auch nicht die Herausforderungen digitaler Abhängigkeiten aus den Augen verlieren. Das von vielen Erwachsenen vorgelebte Konsumverhalten hat direkten Einfluss auf die jüngere Generation, die schon vom Kleinkindalter an in digitalen Lebenswelten aufwächst. Auch hier gilt wie eingangs erwähnt die Faustregel: Wenn ein gewisses Maß des Konsums überschritten ist, kann es kritische Ausmaße annehmen. Allerdings muss etwa bei der Festsetzung von Regeln wie der Verwendungsdauer von Playstation oder Smartphone immer die individuelle Person und Situation mitbedacht werden. Bei Fragen hierzu gibt es Beratung in Frankfurt.

 

Sie sprachen eben von der geplanten Cannabis-Legalisierung. Wie stehen Sie zu diesem Vorhaben der Bundesregierung?

 

SCHROERS: Wir begrüßen es, wenn Cannabis unter staatlich kontrollierten Bedingungen an Erwachsene zu Genusszwecken abgegeben würde, anstatt dass sich Konsumierende Substanzen auf dem kriminellen Schwarzmarkt bei Dealern beschaffen. Konsumierende würden entkriminalisiert, entstigmatisiert und müssten sich bei staatlich zertifiziertem Cannabis nicht über Verunreinigungen oder dergleichen sorgen. Eine kontrollierte Abgabe würde erstmals eine Qualitätskontrolle und Transparenz über den THC-Gehalt ermöglichen. Mit staatlichen Vergabestellen oder lizensierten Fachgeschäften könnte auch der Jugend- und Gesundheitsschutz deutlich verbessert werden. Vor diesem Hintergrund unterstützen wir die Pläne zur kontrollierten Abgabe von Cannabis und bereiten uns vor, dass wir der zu erwartenden Nachfrage mit dem daher einhergehenden Beratungsbedarf und Präventionsangeboten für Jugendliche professionell begegnen können. Wann es letztlich losgeht, liegt aber auch daran, ob und wann die Europäische Kommission dem geplanten Gesetz zustimmt. Natürlich gibt es Stimmen, die in einer Cannabis-Legalisierung eine neue Drogenwelle sehen wollen. Aber wer nach Kanada oder in die USA schaut, wird erkennen, dass die Zahl der konsumierenden Jugendlichen durch die Legalisierung nicht gestiegen ist. Mich stört an der Debatte immer wieder die juristische Schere in den Köpfen bei der Bewertung der Schädlichkeit einzelner Substanzen, was auch die Unterscheidung nach vermeintlich harten und weichen Drogen betrifft. An den Folgen von Alkoholkonsum sterben jährlich weit mehr Menschen als an den Folgen vieler anderer Suchtmittel. Doch in unserer Gesellschaft war es eben über Jahrzehnte so, dass Tabak und Alkohol als Genussmittel angesehen wurden und alles andere „Teufelszeug“ ist. Gleich ob legal oder illegal - die Gefährdungseinschätzung sollte sich weniger nach juristischen Bewertungen, sondern mehr nach dem tatsächlichen toxikologischen, sozialen und individuellen psychosozialen Risikopotenzial ausrichten.

 

Ist es mitunter auch frustrierend, in Anbetracht der aufgezählten Herausforderungen in einem kommunalen Amt mit primär beratender Funktion zu arbeiten?

 

SCHROERS: Dieser Job bietet ohne Frage herausfordernde Aufgaben und abwechslungsreiche verschiedene Tätigkeiten. Ich habe gewusst, was mich erwartet, bevor ich von Mainz nach Frankfurt gewechselt bin. Mir macht es Spaß, gemeinsam mit einem motivierten Team auch große Kugeln im Drogenbereich ins Rollen zu bringen. Die nötige Kompetenz dazu ist im Drogenreferat vorhanden, sie muss aber auch auf die Straße gebracht werden und dazu sind politische Unterstützung und entsprechende Ressourcen vonnöten. Rückblickend würde ich sagen, ich bin hier gut angekommen, wir haben die Themen und Herausforderungen umfassend analysiert und erste Verbesserungen bewirkt. Jetzt ist es an der Zeit, die daraus folgenden Schlüsse zu ziehen und die nächsten Schritte zu gehen.

 

Interview: Mirco Overländer

 

 

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