Tramlinie 12

Tramlinie 12

Features

Nächste Haltestelle: Großstadt

Eine Reise durch die Moderne mit der Tramlinie 12 von Schwanheim nach Fechenheim

Die Tramlinie 12 fährt am Museum für Moderne Kunst vorbei, Foto: Andreas Varnhorn
Die Tramlinie 12 fährt am Museum für Moderne Kunst vorbei © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Andreas Varnhorn

Die Trambahnen, die heute durch Frankfurt fahren, zischen, blinken und blitzen. Sie streifen an elektrischen Oberleitungen entlang auf Schienen, die sich von Ginnheim nach Offenbach, von Louisa Bahnhof nach Preungesheim oder – im Falle der Tramlinie 12 – vom grünen Schwanheim bis ins Industriegebiet Fechenheims erstrecken.

Eng verwoben mit dieser Trambahngeschichte ist die Historie der Stadtteile, nach denen das Verkehrsmittel seine Schienen im Zuge der Industrialisierung wie Fühler ausgestreckt hat. Mit dem technischen Wandel ging ein Zeitenwandel in ehemaligen Dörfern wie Schwanheim und Fechenheim einher: vom Leben im Einklang mit der Natur hin zum Takt der Uhr. Wer auf der Strecke und während der Fahrt mit der Tramlinie 12 einmal genau hinhört und -sieht, kann die Spuren des großstädtischen und industriellen Aufbruchs in Frankfurt entdecken.

 

Der Blick zurück: Pferde, Schienen, Dampf – und dann Elektrizität
 
Die elektrischen Straßenbahnen gibt es bereits seit 138 Jahren in Frankfurt; aber der eigentliche Ursprung des Tramverkehrs der Stadt liegt noch weiter zurück, ganze 150 Jahre. Denn die erste Bahn, die am 19. Mai 1872 zwischen dem Schönhof in Bockenheim und der Hauptwache verkehrte, fuhr mit einer genügsamen Durchschnittsleistung von einem PS über die vor ihr liegende geschiente Straße.

Nicht von einer Maschine angetrieben, sondern von einem Pferd gezogen, erreichte das Fahrzeug etwa zehn Kilometer pro Stunde. So legte die Pferdebahn das Fundament für den heutigen innerstädtischen Schienenverkehr. Sie fuhr im Laufe der Jahre durch Bockenheim, Sachsenhausen, über die Konstablerwache – heute zentraler Verkehrsknotenpunkt, an dem auch die Linie 12 entlangrattert – und vielerorts mehr. Die Pferdebahn war über 32 Jahre lang ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens in Frankfurt und in ihren Hochzeiten wurden über 900 Pferde und mehr als 200 Wagen eingesetzt. Die Ausbauarbeiten der Pferdebahn konzentrierten sich auf die Erschließung der Stadtteile. Sie verband Bornheim, Bockenheim, Rödelheim, Sachsenhausen, das Westend, Nordend, Ostend und den Hauptfriedhof mit der Innenstadt.

Das frühere Bauerndorf Schwanheim und das ehemalige Fischerdorf Fechenheim zählten noch nicht zu diesen Stadtteilen; die Pferdebahn erreichte sie nicht. Beide Dörfer wurden erst am 1. April 1928 nach Frankfurt eingemeindet. Sie sind am gleichen Tag Teil einer Großstadt geworden und doch prägt sie ein ganz unterschiedlicher Charakter. Besonders in Fechenheim hat die Industrialisierung mit großen Veränderungen Einzug gehalten. Werbung, Logos, Kommerzialisierung – zahlreiche Fabrikansiedlungen bestimmen das Erscheinungsbild der Gegend. Zur Zeit der Pferdebahnen gab es nicht einmal eine Schienenverbindung nach Fechenheim. Heute fährt allein die Linie 12 an die hundert Mal am Tag von Schwanheim bis zur Endhaltestelle in der Fechenheimer Hugo-Junkers-Straße. 17,9 Kilometer legt die Tram auf dieser Strecke zurück.

Vor Schwanheims Idylle machte die technische Revolution derweil genauso wenig Halt wie vor Fechenheim. Die Schienen erreichten sie sogar schon früher: Vor der elektrischen Straßenbahn fuhr hier die Frankfurter Waldbahn, eine normalspurige Dampfstraßenbahn, die von 1889 bis 1929 verkehrte. 1899 übernahm die Stadt Frankfurt diese und integrierte die Strecken schrittweise in die elektrische Straßenbahn.

Wie die Großstadt selbst ist ihr Schienennetz gewachsen und mit diesem sind es die Distanzen, welche Straßenbahnen tagtäglich zurücklegen. An einem normalen Freitag, dem betriebsstärksten Tag aufgrund des Nachtverkehrs, sind es etwa 25.000 Kilometer, die alle Straßenbahnzüge in Frankfurt zusammengenommen zurücklegen. Die meisten von ihnen sind Straßenbahnen vom Typ S, der zweitjüngsten Fahrzeug-Generation Frankfurts, die seit Anfang der 2000er Jahre durch die Stadt rollen. Sie stellen mit 74 Exemplaren den größten Teil der aktuellen Flotte. Auch auf der Tramlinie 12 werden sie genutzt und könnten eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Kilometern pro Stunde erreichen; die etwa siebenfache Geschwindigkeit der Pferdebahnen. Da aber auch für die Linie 12 die regulären Geschwindigkeitsbegrenzungen in Frankfurt gelten, erreicht sie ihre Höchstgeschwindigkeit im Linienverkehr nicht.
 

 

Bitte einsteigen: Türen schließen automatisch und los geht die Fahrt durchs Grün
 
Wer in Schwanheim losfährt, tut dies in der Rheinlandstraße am alten Stationshäuschen der Frankfurter Waldbahn. In der dörflichen Umgebung des aus dem Jahr 1888 erhaltenen urigen Fachwerkgebäudes im Stil der Neurenaissance ist es zumeist ruhig. Wie ein Bote aus vorindustrieller Zeit kräht hier manchmal ein Hahn. Nebenan im Kobelt Zoo sitzt er und teilt sein Quartier mit wiehernden Pferden, grunzenden Schweinen und vielen weiteren Tieren.

In Schwanheim – früher „Sweinheim“ – mit seinen gepflasterten Straßen, wo vorangehende Generationen ihren Zeittakt vor allem nach den Bedürfnissen ihrer Nutztiere ausrichteten, hängt eine Uhr am Stationsgebäude. Mit minutengenauen Abfahrtsplänen von Zügen und Bahnen wurde diese im Industriezeitalter immer wichtiger. In der Rheinlandstraße fährt die Linie 12 meist sehr pünktlich ab. Am Stationshäuschen machen Tramfahrerinnen und -fahrer einige Minuten Pause, bevor sie zur nächsten Runde durch die Stadt aufbrechen. Eine Runde dauert dabei durchschnittlich eine Stunde und elf Minuten.

Von hier aus geht es durch Niederrad, am Universitätsklinikum vorbei und über die Friedensbrücke mit Blick auf die Skyline weiter in die Innenstadt. Für viele Fahrgäste ist es in die eine oder andere Richtung der moderne Weg zur Arbeit, auch für diejenigen, die im Stadtteil Flughafen direkt neben Schwanheim arbeiten.

Der Beginn der Fahrt aus Schwanheim führt durch die grüne Lunge der Stadt: An den Haltestellen Ferdinand-Dirichs-Weg bis Kiesschneise stehen rundum Bäume. Schwanheim ist bekannt für seinen Wald und die 58,5 Hektar große Düne, die Teil einer im Mittelalter weit ausgedehnten Dünenlandschaft ist. Bei einem Blick aus dem Fenster künden Flugzeuge im Landeflug bereits davon, was eigentlich kein Geheimnis ist: Die Idylle kennt ein Ende, denn die Fahrt geht schließlich, wenn man es hier auch noch nicht glauben mag, durch eine pulsierende Großstadt.

 

Wer hat an der Uhr gedreht? Jetzt wird es hektisch
 
Enge Kurven, kreuzender Verkehr, zur Tram sprintende Fahrgäste: „Ab der Friedensbrücke kann es schon ganz schön nervig werden. Aber so richtig konzentrieren muss man sich am Hauptbahnhof in der Münchener Straße“, berichtet ein Tramfahrer, der schon oft die Linie 12 gefahren ist und für den nichtsdestotrotz jede neue Runde eine Herausforderung darstellt.

Am Hauptbahnhof in der Münchener Straße herrscht so viel Trubel, dass meist nicht einmal mehr die Zeit für den üblichen Gruß per Handzeichen zwischen Trambahnkolleginnen und -kollegen auf gegenüberliegenden Fahrbahnen bleibt. Augen auf die Straße – jetzt ist volle Konzentration gefragt. Das multikulturelle Bahnhofsviertel ist eine Welt, in der die unterschiedlichsten Menschen aufeinandertreffen. Die Trambahnen füllen sich manchmal bis zum Rand; der Zeitdruck Zugreisender bringt Hektik in die Münchener Straße. „Und die Leute, die hier einsteigen, sind schon manchmal sehr speziell“, berichtet der Tramfahrer weiter und lacht.

Dass hier viel los ist, ist kein Wunder: Der Frankfurter Hauptbahnhof ist nach seinem Hamburger Pendant der am zweitstärksten frequentierte Fernbahnhof in Deutschland und die wichtigste deutsche Verkehrsdrehscheibe im Zugverkehr. Wo in Hamburg mehr als 550.000 Reisende pro Tag verkehren, sind es in Frankfurt um die 500.000 Reisende täglich. Interessanterweise ist das große, imposante Frankfurter Hauptbahnhofsgebäude nicht einmal älter als das kleine Stationshäuschen in Schwanheim. Der „Centralbahnhof Frankfurt“, so der ursprüngliche Name, wurde wie dieses im Jahr 1888 fertiggestellt. Nur scheint die Zeit hier im Bahnhofsviertel schneller zu vergehen – wenn auch die Uhr am Eingangsportal des Hauptbahnhofs objektiv gesehen genauso gleichmäßig voranschreitet wie ihr Gegenstück in Schwanheim. Ganz oben auf dem Eingangsportal ragen Symbolfiguren für Dampf und Elektrizität an beiden Seiten einer Atlas-Skulptur empor – einem Titanen der griechischen Mythologie – und tragen mit dieser Skulptur gemeinsam die Weltkugel. Atlas trägt wohl nur die ferne Vergangenheit. Denn Dampf, Elektrizität und Zeit sind das Dreiergespann des modernen Schienenverkehrs in Frankfurt.


Bitte aussteigen – Endstation: Fechenheim
 
Auf ihrer Weiterfahrt streift die Tramlinie 12 noch viele weitere Orte, die alle für sich spannende Geschichten zu erzählen haben. Vom Finanzverkehr im Bankenviertel am Willy-Brandt-Platz, über den Tourismus am Römerberg, die Ausstellungen im Museum für Moderne Kunst in der Braubachstraße bis hin zum Nachtleben an der Konstablerwache, am Friedberger Platz und in Bornheim – allesamt sind sie mehr oder minder Geschichten der Moderne. Über begrünte Gleise an der Eisporthalle vorbei geht es bis nach Fechenheim.

An der Endhaltestelle in Fechenheim aussteigend, treffen Fahrgäste auf eine weite, zumeist menschenleere Hugo-Junkers-Straße. Große, industrielle Gebäude und Baustellen säumen ihre Straßenränder. Gegenüber der Gleise steht die ehemalige Zentrale einer Ikone des deutschen Wirtschaftswunders: des 2012 insolvent gegangenen Versandhändlers Neckermann. Ein Name, der wie kaum ein anderer mit dem Gedanken an Kataloge verbunden ist. Und dann, nur wenige Minuten zu Fuß entfernt, findet sich in der Hanauer Landstraße das alte Rotklinkergebäude der Cassella-Farbwerke, einer der größten Arbeitgeber zur Zeit der Industrialisierung. Heute beheimatet das Gebäude nicht mehr „die Cassella“, aber es besteht noch als Teil des Industrieparks Fechenheim.

Rund um die Hanauer Landstraße prägen Gewerbebetriebe das Wirtschaftsleben. Im Industriegebiet in Fechenheim ist die Tramlinie 12 schlussendlich im Herzen der Industrialisierung angekommen. Es zeigt sich, wer mit dieser Trambahn fährt, fährt nicht nur durch die Stadt, sondern auch durch die sich rasend schnell verändernden Jahrzehnte moderner Stadtgeschichte.
 

Text: Anna-Lisa Meil

 

inhalte teilen