Einsteigen, bitte!

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Einsteigen, bitte! Vom Ginnheimer Spargel zur Grünen Soße

Eine Exkursion mit der Straßenbahnlinie 16

Schafft Verbindung: Die Tramlinie 16 auf der Friedensbrücke in Sachsenhausen, Foto: Jan Hassenpflug
Schafft Verbindung: Die Tramlinie 16 auf der Friedensbrücke in Sachsenhausen © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Jan Hassenpflug

Sie verbindet den nördlich gelegenen Stadtteil Ginnheim mit dem Frankfurter Süden und führt über Oberrad bis zur Stadtgrenze Offenbach. Dabei passiert sie nicht nur zentrale Orte Frankfurts, sondern weist selbst eine abwechslungsreiche Geschichte auf. Willkommen zu einer historischen Fahrt mit der Straßenbahnlinie 16.

 

RMV, VGF, die Namen sind heute ein Begriff, doch wie sah das zu den Anfängen der Tram in Frankfurt aus? Wo heute elektrisch betriebene Straßenbahnen unterwegs sind, rollten einst von Pferden gezogene Wagen über die Gleise.


VON EHEMALIGEN DÖRFERN ZU GRÜNEN OASEN

Ebenso vielfältig wie ihre Entwicklung von einer Pferde- zur elektrischen Bahn sind die Ortsteile, die die Tram 16 auf einer Strecke von zwölf Kilometern durchfährt. Dennoch lassen sich Parallelen zwischen Ginnheim und Oberrad – wo die Linie heute beginnt und endet – erkennen. Zwei Stadtteile gleicher, überschaubarer Größe, mit annähernd derselben Einwohnerzahl, um dieselbe Zeit Anfang 1900 in Frankfurt eingemeindet, sind die Viertel ehemalige Dörfer – mancher würde behaupten, sie seien es heute noch. Beide ermöglichen Zugang zu grünen Oasen: Das Ginnheimer Wäldchen und der Niddapark machen Ginnheim zu einem beliebten Naherholungsgebiet entlang der Nidda. Die Nähe zum Fluss ist auch Oberrad eigen: Am Mainufer gelegen, bieten sich die weitläufigen Felder, aber auch der zum Stadtwald gehörende Scheerwald, vorzüglich für Spaziergänge und Ausflüge an.


DIE FAHRT GEHT LOS

 

Die Erkundungstour der Ortschaften offenbart zunächst, dass Ginnheim der um sein Wahrzeichen gebrachte Stadtteil ist. Denn formal betrachtet steht der im Volksmund „Ginnheimer Spargel“ genannte Fernmeldeturm eigentlich in Bockenheim. Er wacht über die Endstation in Ginnheim, wo große Aushängeschilder an den Geschäften gegenüber der Gleise deutlich machen, worum es hier geht: Kiosk Endstation, Pilsstube Endstation oder Endstation 148 ist dort zu lesen. Die Haltestelle teilt sich die Tram-Linie 16 mit den U-Bahnlinien U1 und U9 – Endstation, alle aussteigen. Oder in unserem Fall: Alle einsteigen, die Erkundungstour geht los.

 

Das kleinstädtische Erscheinungsbild Ginnheims hinter sich lassend, bahnt sich die Linie 16 zunächst ihren Weg zur Bockenheimer Frauenfriedenskirche mit deren imposanten, fast schon andächtig auf die Fahrgäste herabschauenden Marienstatue an der Außenfassade. Von dort aus geht es entlang der für den Stadtteil typischen Altbau-Architektur zur Bockenheimer Warte. Man könnte meinen, auf einer Linie, die den Uni-Campus Bockenheim anfährt, seien viele Studierende anzutreffen. Dass dem nicht so ist, liegt vermutlich daran, dass der ehemalige Hauptcampus der Goethe-Universität sich aktuell in Auflösung befindet.


BOCKENHEIM SCHRIEB STRASSENBAHNGESCHICHTE

Benachbart zur Bockenheimer Warte und dem Uni-Campus befindet sich ein weiteres geschichtsträchtiges Gebäude und beeindruckt durch seine Gründerzeit-Architektur: das seit 1988 von den Städtischen Bühnen als Spielstätte genutzte Bockenheimer Depot. Wie der Name erkennen lässt, handelt es sich bei dem Industriedenkmal um ein ehemaliges Straßenbahndepot, ein Betriebshof der damaligen Pferdebahn und Hauptwerkstatt. Bis zu seiner Stilllegung 1978 fuhren in die dreischiffige Wagenhalle zahlreiche Bahnen ein- und aus, um gelagert, gewartet oder repariert zu werden.

 

Eine weitere Besonderheit macht den Bockenheimer Streckenabschnitt aus: Die erste Straßenbahnlinie Frankfurts, die 1872 eröffnete Pferdebahn, fuhr auf einem Teilstück der heutigen Linie 16. Mit den Pferdewagen setzte die damalige Frankfurter Trambahn-Gesellschaft einen Meilenstein für nunmehr 150 Jahre Straßenbahngeschichte in Frankfurt. Sich heute mit der Tram fortzubewegen geht deutlich schneller als noch zu Zeiten der Pferdebahnen, die durchschnittlich mit gemächlichen zehn Kilometern pro Stunde unterwegs waren.


BEGRÜNTE GLEISE UND MILLIONENPUBLIKUM

Endete die Pferdebahn damals in Bockenheim, fährt die heutige Linie 16 weiter Richtung Messe, die im Stadtteil Westend-Süd liegt. Als weltweit drittgrößtes Messegelände stellt sie einen der wichtigsten wirtschaftlichen Standorte in Frankfurt dar. Ebenso wie die Messe ist auch die kinetische Skulptur „Hammering Man“ ein Wahrzeichen Frankfurts – sie ist ein Symbol für Arbeit und steht seit 1991 vor dem Messeturm. Messe, Skulptur und Straßenbahn stehen für ständigen Wandel und Bewegung. Fahrgäste erreichen die Messehallen über die grüne Ludwig-Erhard-Anlage und fahren dabei über Rasengleis. Insgesamt 12,4 Kilometer begrünter Gleise gibt es im Frankfurter Stadtgebiet, wie die VGF informiert.

 

Nicht weniger dynamisch als an der Messe geht es am Hauptbahnhof zu, der trubeligsten Station der Linie. Wer schon einmal am Frankfurter Hauptbahnhof war, hat sofort das schnelllebige Treiben vor Augen. Das 1888 eröffnete Gebäude nutzen knapp 500.000 Reisende täglich. Fünf Bahnsteighallen schließen sich an das Empfangsgebäude an, auf dessen Dach die Figurengruppe Atlas mit Personifikationen von Dampf und Elektrizität thront: Ein Sinnbild für die (Straßen-) Bahngeschichte Frankfurts seit der Industrialisierung.


VERBINDUNG MIT "DRIBBDEBACH"

 

Ihrem Verlauf weiter folgend, verbindet die Linie 16 die Mainseiten „Hibbdebach“ und „Dribbdebach“. Über die Friedensbrücke fährt sie nach Sachsenhausen. Der Stadtteil gehört nicht nur seit dem Mittelalter zu Frankfurt und hat die höchste Bevölkerungsdichte, sondern er beheimatet auch einen Großteil der vielfältigen Museumslandschaft mit internationaler Strahlkraft. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht, liegen die Museen entlang des Mainufers und sind gut über die Haltestellen der Linie 16 erreichbar. Ebenso gut angebunden sind die Apfelweinkneipen, die zum Genuss des Frankfurter Nationalgetränks einladen.

 

Nicht nur kulturell ist der Ortsteil bedeutend, er beheimatet mit dem Südbahnhof auch einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im Straßenbahnnetz südlich des Mains. Das 2003 stillgelegte Sachsenhäuser Depot war der erste eigene Betriebshof der städtischen Straßenbahn. Seit der Umnutzung der östlichen Halle zum Supermarkt können die Besucherinnen und Besucher beim Durchstöbern der Regale den Charme der alten Werkstatt und Lagerhalle spüren.


DIE HEIMAT DER GRÜNEN SOSSE UND EIN NOVUM FÜR DEN ELEKTRISCHEN TRAMBETRIEB


Als letzten Stadtteil ihrer Reise steuert die Tram das „Gärtnerdorf“ Oberrad an, auf dessen weitläufige Felder von der Bahn aus immer wieder ein Blick zu erhaschen ist. Auf ihnen werden alle sieben Kräuter der Frankfurter Grünen Soße angebaut. Dem Regionalgericht ist seit 2007 ein eigenes Denkmal gewidmet, das Grüne-Soße-Denkmal, welches am Rande der Gartenbauflächen steht. Es ist vom Buchrainplatz, dem Ortskern Oberrads, gut zu erreichen. Die Umgestaltung des Platzes wurde 2013 abgeschlossen. Seitdem bietet er mit seiner Begrünung ein idyllisches Erscheinungsbild und samstags einen Wochenmarkt sowie ausreichend Platz für die neu gestalteten Straßenbahnhaltestellen in beide Richtungen.

 

Weniger bekannt als die Grüne Soße ist jedoch die Tatsache, dass 1884 die erste kommerziell betriebene elektrische Straßenbahn Deutschlands von Sachsenhausen über Oberrad nach Offenbach fuhr. Die Frankfurt-Offenbacher Trambahn-Gesellschaft setzte mit dieser bahnbrechenden Neuerung einen wichtigen Impuls sowohl für den Ausbau und die Modernisierung des Straßenbahnnetzes als auch für die Verbindung der Städte. Der Antrieb der Straßenbahn lief damals über zwei Oberleitungen. Aufgrund der noch unausgereiften, fehleranfälligen Technik folgten weitere Experimente von verschiedenen Privatunternehmen zum Umbau der Straßenbahn, unter anderem mit Dampfbetrieb, Akkus oder Unterleitungen, die aber alle keinen dauerhaften Erfolg versprachen.

 

Die einpolige Oberleitung, die bis heute verwendet wird, setzte sich ab 1899 durch und in kurzer Zeit konnten die bisherigen Linien elektrifiziert werden und die Straßenbahn setzte sich als leistungsstarkes Massenverkehrsmittel durch. Bereits ein Jahr vorher begann die Stadt Frankfurt zahlreiche Linien zu übernehmen und das Tramnetz sukzessive auszubauen; 1955 ging das letzte private Unternehmen in den Besitz der Stadt über. Heute betreibt die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) auf einer Linienlänge von 115,4 Kilometern das Straßenbahnnetz. Die Nutzung der Straßenbahnen macht rund 22 Prozent des Bus-, U-Bahn- und Straßenbahnverkehrs in Frankfurt aus.


DER ANSCHLUSS MIT DEN NACHBARN

Auch wenn die Anbindung Frankfurts an Offenbach per Straßenbahn auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückblickte, endet die Linie 16 seit 1996 an der Haltestelle Offenbach Stadtgrenze. Zuvor fuhr sie bis zum Alten Friedhof, nach allmählicher Kürzung der Strecke bis zum Marktplatz. Den Doppelbetrieb von S- und Straßenbahn empfanden Entscheidungsträger in Offenbach zunehmend als unwirtschaftlich und die Tram verschwand ab 1967 und endgültig 1996 aus der Stadt. Da der Wunsch nach einer erneuten Anbindung seit einigen Jahren immer lauter wird, haben die Städte Frankfurt und Offenbach gemeinsam mit dem Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) 2021 eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die im Rahmen der Fortschreibung des „Gesamtverkehrsplans der Stadt Frankfurt am Main 2035+ / Teil Schiene“ durchgeführt wird. Ob der Anschluss mit den Nachbarn erneut gelingt und sich die Straßenbahngeschichte fortschreibt, bleibt abzuwarten.


AUSFLUG GEFÄLLIG?

 

Vielleicht macht sich der ein oder andere nun auf den Weg, die grünen Oasen der jeweils am anderen Ende der Strecke liegenden Stadtteile auf eigene Faust zu erkunden und dabei Kulturdenkmäler, Kunstwerke und spannende Orte der Frankfurter Straßenbahngeschichte zu entdecken. Nicht zuletzt ist die Trambahn mit ihrer 150-jährigen Geschichte selbst ein Kulturgut.

 

Text: Melina Adam

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