Mobil sein heißt frei sein

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Mobil sein heißt frei sein: Bike Bridge bringt Frauen mit Migrationsgeschichte das Fahrradfahren bei

Der Verein stellt sich am 24. September auf der Frankfurter Ehrenamtsmesse vor

Noorsaba schiebt ihr Fahrrad zum Übungsplatz, Foto: Stefanie Kösling
Noorsaba schiebt ihr Fahrrad zum Übungsplatz © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefanie Koesling

Ein ungewöhnlicher Anblick auf dem Schulhof der Albrecht-Dürer-Schule in Sossenheim an einem Dienstagabend Anfang September: Wo sonst Kinder spielen, fahren trotz leichten Nieselregens 14 erwachsene Frauen auf den aufgemalten Straßen mit Fahrrädern und Rollern hin und her. Einige fahren schon ohne Probleme, andere sind noch wackelig unterwegs und werden von Trainerinnen am Gepäckträger stabilisiert. Sechs von ihnen sind heute für die bunte Gruppe von Frauen zuständig. Sie gehören zum Team Bike Bridge Frankfurt: Der Verein Bike Bridge mit Sitz in Freiburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Deutschland lebenden Frauen aus arabischen, afrikanischen oder asiatischen Ländern das Fahrradfahren beizubringen.

 

Franziska Freudenreich ist Koordinatorin des Frankfurter Ableger des 2015 in Freiburg gegründeten Vereins. Gemeinsam mit Ko-Koordinatorin Elisa Garbitz hält sie den Kontakt zu Geflüchteteneinrichtungen und Vereinen, die Frauen mit Migrationsgeschichte betreuen, sucht nach Trainingsplätzen und Trainerinnen und ist bei den Trainings natürlich auch selbst dabei. Am 13. September greift sie den sechs Trainerinnen unter die Arme, denn an diesem Abend sind 14 Frauen gekommen, um das Radfahren zu trainieren. „Ideal ist eine Eins-zu-Eins-Betreuung“, erklärt Franziska, „daraus wird heute nichts. Aber ich freue mich wahnsinnig, dass so viele Frauen gekommen sind.“

 


Mutig sein und Ängste überwinden

 

Vorbereitungen für den Fahrradkurs, Foto: Stefanie Koesling
Vorbereitungen für den Fahrradkurs © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefanie Koesling
Es ist die zweite Woche des Kurses in Sossenheim, der insgesamt acht Wochen dauern wird. Für viele Teilnehmerinnen ist das Fahrrad zu diesem Zeitpunkt noch eine große Unbekannte. So zum Beispiel für Elisabeth: Die Äthiopierin hat bereits im vergangenen Jahr an einem Bike&Belong-Angebot von Bike Bridge teilgenommen. Damals hat es noch nicht geklappt mit dem Fahrradfahren, deshalb nimmt sie dieses Jahr erneut Anlauf. In der zweiten Kurswoche ist Elisabeth deshalb bei den Anfängerinnen auf dem Fahrrad. Nach einer Aufwärmrunde mit Dehn- und Gleichgewichtsübungen hat Franziska die Gruppe in drei kleinere Einheiten aufgeteilt: Die absoluten Anfängerinnen üben erst einmal auf Rollern, die Rad-Anfängerinnen beginnen damit, die Fahrräder als Laufräder zu benutzen und dann vorsichtig anzufahren. Die Fortgeschrittenen versuchen sich auf einem am Rand des Schulhofs gelegenen Platz an anspruchsvolleren Übungen und umkurven bereits Hindernisse. Zu ihnen zählt auch die zwölfjährige Noorsaba, die gemeinsam mit ihrer Mutter an dem Kurs teilnimmt. Vor elf Monaten sind die beiden aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, sie leben jetzt in einer Unterkunft in Berkersheim. Sie haben bereits im Sommer an einem Bike Bridge-Angebot teilgenommen und sind nun mit zwei weiteren Frauen aus ihrem Stadtteil nach Sossenheim gekommen, um weiter üben zu können.

„Ich konnte vorher schon fahren“, erzählt Noorsaba. Im Straßenverkehr in der Stadt fühle sie sich jedoch nicht sicher genug – „deswegen bin ich wieder bei Bike Bridge.“ Ihre Mutter ist noch etwas wackeliger auf dem Rad unterwegs. Noorsaba gibt ihr Tipps und hilft auch hin und wieder aus, wenn sich bei der Kommunikation mit den Trainerinnen Sprachbarrieren auftun. Für Noorsabas Mutter stellt, wie für viele der Frauen in der Anfängerinnen-Gruppe, das richtige Treten noch eine Schwierigkeit dar: Viele treten nach hinten statt nach vorne, manche hören ganz mit dem Treten auf, wenn sie fahren. Die Trainerinnen setzen sich dann selbst auf die Räder und machen die richtigen Bewegungen vor. Wenn die Bewegung dann klappt, tut sich oft ein weiteres Problem auf: Viele Frauen fokussieren sich auf ihre Füße, um zu sehen, ob sie alles richtig machen. „Immer geradeaus schauen“, ermahnt Franziska. „Ihr müsst die Bewegung fühlen! Wenn ihr genug Übung habt, bewegen sich eure Füße von ganz allein.“

Ein Projekt mit Leichtigkeit

Franziska Freudenreich koordiniert Bike Bridge in Frankfurt, Foto: Stefanie Koesling
Franziska Freudenreich koordiniert Bike Bridge in Frankfurt © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefanie Koesling
Seit 2019 gibt Franziska bei Bike Bridge den Frauen Hilfestellung rund ums Radfahren. Auf den Verein aufmerksam geworden ist die 55-Jährige bei der Frankfurter Ehrenamtsmesse, wo er auch dieses Jahr wieder vertreten sein wird. „Ich wollte mich ehrenamtlich engagieren und war auf der Suche nach einem Projekt, in dem ich mit anderen Menschen teilen kann, was ich selbst schätze: Freude an der Bewegung und dem Miteinander“, erzählt sie.

Am Anfang war Franziska als Trainerin tätig. Mit dem Rückenwind aus Freiburg und dem Rückhalt des Trainerinnenteams entschloss Sie sich, Koordinatorin für Bike Bridge in Frankfurt am Main zu werden. Seitdem koordiniert sie gemeinsam mit der 27-jährigen Elisa die Kurse und das Trainerinnen-Team. Trotz des Altersunterschieds ergänzen sich die beiden super und können viele Kenntnisse aus ihren Jobs einbringen: Franziska ist Journalistin, Elisa Grafikerin. Aktuell managen sie ein Team von etwa 20 Trainerinnen. „Von den 20 Frauen sind aber nicht alle immer aktiv“, erläutert Franziska. „Manche nehmen sich aus beruflichen Gründen mal eine Weile raus, andere müssen sich für eine Zeit auf die Uni konzentrieren.“

Gemeinsam arbeiten Franziska und Elisa auch daran, das 2019 erstellte Konzept für Bike Bridge Frankfurt weiterzuentwickeln. So richteten sich die Kurse ursprünglich nur an Frauen in Flüchtlingseinrichtungen – denn eine solche lieferte der Freiburger Studentin Shahrzad Enderle vor sieben Jahren die Inspiration zur Vereinsgründung. In einer Unterkunft für Geflüchtete fiel ihr auf, dass sie in den Außenbereichen in erster Linie Männer und Kinder sah. Die Frauen dagegen hielten sich drinnen auf. So entstand ihre Idee, Frauen in einem Projekt zusammenzubringen, das ihnen nicht nur Freude und soziale Kontakte brachte, sondern sie auch mobiler machte. Franziska und Elisa wollen die Ziele von Bike Bridge nun erweitern, um auch Frauen, die bereits fest in den Stadtteilen leben, zu erreichen. „Unser Wunsch ist es, die Bewegungsfreude der Frauen zu wecken und ihnen Freiräume zu geben, etwas Neues zu lernen und anderen Menschen zu begegnen“, sagt Franziska. Die Fahrräder, die all das möglich machen, sind teilweise selbst gekauft, teilweise gespendet.


„Fahrrad fahren bedeutet mehr Mobilität, Lebensqualität und Freiheit für die Frauen“

 

Dass ihre Wahl für das Ehrenamt auf Bike Bridge gefallen ist, hat Franziska nie bereut. „Wenn man sieht, mit welcher Freude sich die Frauen auf den Rädern in der Stadt bewegen, ist das ein Geschenk“, sagt sie. Ein Geschenk für beide Seiten, denn natürlich profitieren auch die Teilnehmerinnen enorm von dem Kurs. „Fahrrad fahren bedeutet mehr Mobilität, Lebensqualität und Freiheit für die Frauen. Sie werden dadurch unabhängiger und selbstständiger. Die Teilnehmerinnen merken oft erst während der Kurse, was sie gewinnen können. Hier werden sie nicht nur mobiler, sondern finden auch neue Freundinnen und lernen viele Frauen kennen, die in ähnlichen Situationen leben wie sie“, berichtet Franziska.

Ein besonders schönes Erlebnis habe sie einmal gehabt, als der Ehemann einer Teilnehmerin seine Frau zum Kurs brachte und dann das Gespräch mit Franziska suchte. „Er kam zu mir und sagte: ‚Danke, dass Sie das alles für meine Frau möglich machen.‘ Das hat mich sehr berührt“, erzählt sie. Während des Kurses dabei bleiben durfte der Mann jedoch trotzdem nicht: Auf den Trainingsplätzen sind nur Frauen erlaubt. Auch das Trainerinnenteam ist rein weiblich.

Im Slalom um die Tischtennisplatten

Dina freut sich auf das Fahrradfahren, Foto: Stefanie Koesling
Dina freut sich auf das Fahrradfahren © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefanie Koesling
Der Mann von Teilnehmerin Dina ist beim Kurs dementsprechend auch nicht dabei – er war aber der Grund dafür, warum sie sich angemeldet hat. Als Kind in Palästina habe sie ein Fahrrad geschenkt bekommen, viel gefahren sei sie damit allerdings nicht, erzählt die 43-Jährige. Als Erwachsene habe sie es dann wieder versucht, fiel aber bei einer Tour herunter und traute sich dann eine ganze Weile lang nicht. „Jetzt ziehen wir bald nach Hanau. In der Nähe unserer neuen Wohnung gibt es viele Parks. Deswegen hat mich mein Mann gefragt, ob ich es nicht noch einmal versuchen will, damit wir gemeinsam mit den Kindern fahren können“, sagt Dina. Sie ist sehr froh, dass sie seinen Vorschlag angenommen hat: „Ich war unsicher auf der Straße, das ist jetzt viel besser. Ich bin total glücklich, dass es so gut klappt!“

In Woche 2 des Kurses ist Dina bereits in der Fortgeschrittenengruppe und kaum aus dem Sattel zu kriegen. Auf dem Schulhof dreht sie große Runden um die Tischtennisplatten und übt, Handzeichen zu geben und das Rad dabei einhändig zu steuern. Manchmal greift sie sogar den Trainerinnen unter die Arme: Am Ende der Stunde zeigt sie einer der Anfängerinnen, wie man richtig tritt, und erklärt ihr den Bewegungsablauf in ihrer Muttersprache. „Das ist natürlich ein Traum – wenn Teilnehmerinnen zu Trainerinnen werden“, sagt Franziska stolz. Stolz ist auch in der Abschlussrunde eines der vorherrschenden Gefühle. Hier bittet Franziska alle Frauen, kurz zu erzählen, wie sie sich während des Kurses gefühlt haben. Man merkt den Teilnehmerinnen an, dass sie begeistert sind, was sie in der kurzen Zeit bereits alles geschafft haben. Und vor allem zeigt sich dabei eins: Dass alle einen Riesenspaß daran haben, das Radfahren zu lernen.

 


Mehr Informationen zu Bike Bridge

 

Wer mehr über den Verein Bike Bridge wissen will oder sich selbst als Trainerin engagieren möchte, findet das Team rund um Franziska und Elisa am Samstag, 24. September, bei der 16. Frankfurter Ehrenamtsmesse im Römer am Stand 13. Die kostenlose Informationsbörse wurde 2007 erstmals veranstaltet – als Frankfurter Beitrag zur Woche des Bürgerschaftlichen Engagements. In diesem Jahr präsentieren sich über 50 gemeinnützige Organisationen und Projekte im Römer, die weitere ehrenamtliche Unterstützung suchen. Die diesjährige Veranstaltung findet außerdem in einem neuen erweiterten Format statt – dazu gehören eine Podiumsdiskussion und Fachvorträge für bereits Engagierte und Menschen, die es werden möchten. Zudem gibt es ein Kinderprogramm und ein soziales Catering.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite der EhrenamtsmesseInternal Link und auf der Seite von Bike BidgeExternal Link

Text: Laura Bicker

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