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Zeitzeugin Astrid Werndt besucht Ausstellung zum Frankfurter Auschwitz-Prozess

26.02.2025, 14:43 Uhr

Zeitzeugin Astrid Werndt (rechts) erzählt Anne Uhl (links), die an diesem Tag durch die Ausstellung führt, und ihrer Enkelin Charlotte Werndt (Mitte), wie es war. Foto: Chris Christes
Der Mut zur Wahrheit: Zeitzeugin Astrid Werndt (rechts) erzählt Anne Uhl (links), die an diesem Tag durch die Ausstellung führt, und ihrer Enkelin Charlotte Werndt (Mitte), wie es war, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes

„Ich habe ausgesagt – und jetzt lehre ich meinen Kindern das Lachen und nicht das Hassen“

Flüchtige Sonnenstrahlen dringen an diesem Wintertag durch die hohen Fenster vor dem Plenarsaal im Rathaus Römer. Der Saal ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier begann 1963 der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess. Angeklagt wurden 22 SS-Männer, die an der systematischen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden beteiligt waren. Bis zum 8. Mai ist die Ausstellung „‚Ich will sprechen über die Wahrheit, die dort war.‘ Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965“ im Foyer des Plenarsaals zu sehen. An der heutigen Führung nehmen drei ganz besondere Gäste teil: Die Zeitzeugin Astrid Werndt, geborene Levi, ihre Tochter Vera Schütze und ihre Enkelin Charlotte Werndt.


Der Mut zur Wahrheit

Zeitzeugin Astrid Werndt im Plenarsaal, in dem einst ihre Mutter Anni Levi aussagte, Foto: Chris Christes
Zeitzeugin Astrid Werndt im Plenarsaal, in dem einst ihre Mutter Anni Levi aussagte © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes

Anni Levi, die Mutter Astrid Werndts, sagte damals als Zeugin gegen den Gestapo-Mitarbeiter Heinrich Baab aus. Zuhause hingegen sprach sie nie über das Grauen, das im Zuge der NS-Verbrechen ihrer Familie widerfahren war. Astrid Werndt betritt an diesem Morgen den denkwürdigen Ort, an dem einst ihre Mutter stand, um auszusagen. „Wissen muss man eben aushalten, daran führt kein Weg vorbei“, ist Astrid Werndt überzeugt. Die Resilienz Anni Levis scheint sich auf ihre Tochter übertragen zu haben und bis heute generationsübergreifend alle Familienmitglieder zu prägen. Astrid Werndt mutet sich viel zu. Im Alter von 80 Jahren besuchte sie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und recherchierte dort in Archivunterlagen zu den genauen Umständen der Ermordung ihres Vaters Erwin. Heute, bei ihrem Besuch der Ausstellung, ist sie 89 Jahre alt.

Eine tiefe Verbundenheit zu Frankfurt

Die Familie Levi hat die Stadt maßgeblich mitgestaltet. Auch Astrid Werndt ist ein bekanntes Gesicht in Frankfurt. Ihr Geschäft, das „Bürstenhaus“, eine Frankfurter Institution, sei ihr Leben gewesen, schwärmt sie. Dabei lassen ihre leuchtenden Augen aber auch etwas von der Wehmut erahnen, wenn sie von der Zeit spricht, als dort die ganze Familie zusammenkam. Auch für ihre Enkelin Charlotte ist das „Bürstenhaus“ ein wichtiger Ort, an dem sie in ihrer Kindheit viel Zeit verbrachte und an den sie gerne zurückdenkt. Die Familie lebte in der Allerheiligenstraße 20, dort ist auch der Stolperstein im Gedenken an Erwin Levi verlegt. Nur einige Meter weiter, unweit der ehemaligen Synagoge, finden sich die Stolpersteine der Großeltern Astrid Werndts.

Von heute auf morgen zu Unmenschen erklärt worden

Es ist letztlich Anni Levi und auch einer gehörigen Portion Glück zu verdanken, dass Astrid Werndt und ihre sieben Geschwister überlebten. Ihre Mutter heiratete 1933 Erwin Levi, der jüdischen Glaubens war. Die Verbindung galt unter den Nazis als „Mischehe“, da Anni evangelisch getauft wurde. Als sogenannte „Geltungsjuden“ durften ihre Kinder nach NS-Recht nicht die Schule besuchen, nicht in den Park gehen, Fahrräder und Radio wurden ihnen abgenommen. Selbst die Luftschutzbunker durften sie während der Bombenangriffe nicht aufsuchen. Wöchentlich mussten sie sich bei der Gestapo melden. Der Vater war zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr bei ihnen. Am 8. Januar 1945 schicke Erwin Levi seiner Frau Anni aus dem Konzentrationslager Auschwitz ein letztes Lebenszeichen.


Die Kunst, das Lachen nicht zu verlernen


Zeitzeugin Astrid Werndt (rechts) und ihre Enkelin Charlotte Werndt vertiefen sich gemeinsam in eines der Ausstellungsdokumente, Foto: Chris Christes
Zeitzeugin Astrid Werndt (rechts) und ihre Enkelin Charlotte Werndt vertiefen sich gemeinsam in eines der Ausstellungsdokumente, Foto: Chris Christes © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes

Anni Levi hat nach ihrer Zeugenaussage im Auschwitz-Prozess einen Satz gesprochen, der seit jeher in der Familie nachhallt: „Ich habe nun ausgesagt. Und jetzt lehre ich meinen Kindern das Lachen und nicht das Hassen.“ Dieser einfache, aber so große Satz wurde zu Annis Lebensphilosophie, die sie auch an ihre Nachkommen weitergab und die bis heute in ihnen fortlebt. Vera Schütz erzählt: „Meine Oma hat Unglaubliches geleistet, aber sie wollte nie als Heldin gelten – so sehr sie auch eine war. Dafür bewundern wir alle in der Familie sie sehr.“

Es geht Astrid Werndt um die Würdigung dieser außerordentlichen Frau, die ihre Mutter war. Was sie an diesem Tag auch in die Ausstellung bewegt hat, ist das Verantwortungsbewusstsein, sich der Wahrheit zu stellen und sich die unfassbaren Verbrechen zu vergegenwärtigen, zu denen Menschen damals fähig waren.

„Angst, die habe ich nie“

„Bekommen Sie angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen manchmal Angst, Frau Werndt?“ Nein, Angst, die habe sie nie. Aber wenn sie Alice Weidel im Fernsehen sehe, bekomme sie Gänsehaut. Wenn es überhaupt etwas gebe, das sie fürchte, dann sei es Fremdbestimmung – und Unwissen, das zu Ignoranz führe.

Hand in Hand, Astrid in der Mitte, verlassen die drei Frauen schließlich die Ausstellung. Was bleibt und den Raum noch erfüllt, ist ihr Mut zur Wahrheit und nicht zuletzt eine unerschütterliche Lebensbejahung.
 
Weitere Informationen zur Ausstellung „‚Ich will sprechen über die Wahrheit, die dort war.‘ Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965“ im Foyer des Plenarsaals im Rathaus Römer finden sich auf der AusstellungsseiteInternal Link.

Text: Lily Gaines

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