Zeitzeugin Astrid Werndt besucht Ausstellung zum Frankfurter Auschwitz-Prozess
26.02.2025, 14:43 Uhr

„Ich habe ausgesagt – und jetzt lehre ich meinen Kindern das Lachen und nicht das Hassen“
Flüchtige Sonnenstrahlen dringen an diesem Wintertag durch die hohen Fenster vor dem Plenarsaal im Rathaus Römer. Der Saal ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier begann 1963 der erste Frankfurter Auschwitz-Prozess. Angeklagt wurden 22 SS-Männer, die an der systematischen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden beteiligt waren. Bis zum 8. Mai ist die Ausstellung „‚Ich will sprechen über die Wahrheit, die dort war.‘ Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965“ im Foyer des Plenarsaals zu sehen. An der heutigen Führung nehmen drei ganz besondere Gäste teil: Die Zeitzeugin Astrid Werndt, geborene Levi, ihre Tochter Vera Schütze und ihre Enkelin Charlotte Werndt.
Der Mut zur Wahrheit
Anni Levi, die Mutter Astrid Werndts, sagte damals als Zeugin gegen den Gestapo-Mitarbeiter Heinrich Baab aus. Zuhause hingegen sprach sie nie über das Grauen, das im Zuge der NS-Verbrechen ihrer Familie widerfahren war. Astrid Werndt betritt an diesem Morgen den denkwürdigen Ort, an dem einst ihre Mutter stand, um auszusagen. „Wissen muss man eben aushalten, daran führt kein Weg vorbei“, ist Astrid Werndt überzeugt. Die Resilienz Anni Levis scheint sich auf ihre Tochter übertragen zu haben und bis heute generationsübergreifend alle Familienmitglieder zu prägen. Astrid Werndt mutet sich viel zu. Im Alter von 80 Jahren besuchte sie die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und recherchierte dort in Archivunterlagen zu den genauen Umständen der Ermordung ihres Vaters Erwin. Heute, bei ihrem Besuch der Ausstellung, ist sie 89 Jahre alt.
Eine tiefe Verbundenheit zu Frankfurt
Die Familie Levi hat die Stadt maßgeblich mitgestaltet. Auch Astrid Werndt ist
ein bekanntes Gesicht in Frankfurt. Ihr Geschäft, das „Bürstenhaus“, eine
Frankfurter Institution, sei ihr Leben gewesen, schwärmt sie. Dabei lassen ihre
leuchtenden Augen aber auch etwas von der Wehmut erahnen, wenn sie von der Zeit
spricht, als dort die ganze Familie zusammenkam. Auch für ihre Enkelin
Charlotte ist das „Bürstenhaus“ ein wichtiger Ort, an dem sie in ihrer Kindheit
viel Zeit verbrachte und an den sie gerne zurückdenkt. Die Familie lebte in der
Allerheiligenstraße 20, dort ist auch der Stolperstein im Gedenken an Erwin
Levi verlegt. Nur einige Meter weiter, unweit der ehemaligen Synagoge, finden
sich die Stolpersteine der Großeltern Astrid Werndts.
Von heute auf morgen zu Unmenschen erklärt worden
Es ist letztlich Anni Levi und auch einer gehörigen Portion Glück zu verdanken,
dass Astrid Werndt und ihre sieben Geschwister überlebten. Ihre Mutter
heiratete 1933 Erwin Levi, der jüdischen Glaubens war. Die Verbindung galt
unter den Nazis als „Mischehe“, da Anni evangelisch getauft wurde. Als
sogenannte „Geltungsjuden“ durften ihre Kinder nach NS-Recht nicht die Schule
besuchen, nicht in den Park gehen, Fahrräder und Radio wurden ihnen abgenommen.
Selbst die Luftschutzbunker durften sie während der Bombenangriffe nicht
aufsuchen. Wöchentlich mussten sie sich bei der Gestapo melden. Der Vater war
zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr bei ihnen. Am 8. Januar 1945
schicke Erwin Levi seiner Frau Anni aus dem Konzentrationslager Auschwitz ein
letztes Lebenszeichen.
Die Kunst, das Lachen nicht zu verlernen
Anni Levi hat nach ihrer Zeugenaussage im Auschwitz-Prozess einen Satz
gesprochen, der seit jeher in der Familie nachhallt: „Ich habe nun ausgesagt.
Und jetzt lehre ich meinen Kindern das Lachen und nicht das Hassen.“ Dieser
einfache, aber so große Satz wurde zu Annis Lebensphilosophie, die sie auch an
ihre Nachkommen weitergab und die bis heute in ihnen fortlebt. Vera Schütz
erzählt: „Meine Oma hat Unglaubliches geleistet, aber sie wollte nie als Heldin
gelten – so sehr sie auch eine war. Dafür bewundern wir alle in der Familie sie
sehr.“
Es geht Astrid Werndt um die Würdigung dieser außerordentlichen Frau, die ihre
Mutter war. Was sie an diesem Tag auch in die Ausstellung bewegt hat, ist das
Verantwortungsbewusstsein, sich der Wahrheit zu stellen und sich die
unfassbaren Verbrechen zu vergegenwärtigen, zu denen Menschen damals fähig
waren.
„Angst, die habe ich nie“
„Bekommen Sie angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen manchmal
Angst, Frau Werndt?“ Nein, Angst, die habe sie nie. Aber wenn sie Alice Weidel
im Fernsehen sehe, bekomme sie Gänsehaut. Wenn es überhaupt etwas gebe, das sie
fürchte, dann sei es Fremdbestimmung – und Unwissen, das zu Ignoranz führe.
Hand in Hand, Astrid in der Mitte, verlassen die drei Frauen schließlich die
Ausstellung. Was bleibt und den Raum noch erfüllt, ist ihr Mut zur Wahrheit und
nicht zuletzt eine unerschütterliche Lebensbejahung.
Weitere Informationen zur Ausstellung „‚Ich will sprechen über die Wahrheit,
die dort war.‘ Der Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965“ im Foyer des
Plenarsaals im Rathaus Römer finden sich auf der AusstellungsseiteInternal Link.
Text: Lily Gaines