Sigrid Eichler uebernimmt die Leitung des ABI

Sigrid Eichler uebernimmt die Leitung des ABI

Portraits

Frankfurt baut auf ihre Expertise: Sigrid Eichler übernimmt die Leitung des ABI

Neue Leiterin des Amtes für Bau und Immobilien steht vor großen Herausforderungen.

Sigrid Eichlers Job tangiert auf mehreren Ebenen die großen gesellschaftlichen Fragen dieser Zeit: Die neue Leiterin des Amtes für Bau und Immobilien (ABI) muss trotz explodierender Bau- und Energiepreise, akutem Fachkräftemangel nebst demografischem Wandel, stetig wachsendem Flächenbedarf und chronischer Knappheit an geeignetem Bauland architektonische Großprojekte stemmen, um die Stadt fit für die Zukunft zu machen. Nicht nur die Aufgaben des Amtes für Bau und Immobilien sind für die Entwicklung Frankfurts von herausragender Bedeutung. Auch dessen Geschichte ist eine besondere: 2017 entstand das ABI als jüngstes Amt Frankfurts aus Hochbauamt, Liegenschaftsamt und Teilen des Stadtschulamtes. Die politischen Entscheider erhofften sich hiervon Synergie-Effekte und die beschleunigte Umsetzung zentraler Projekte wie beim Bau von Kindertagesstätten, Schulen und der Ertüchtigung des in die Jahre gekommen städtischen Gebäudebestandes. „Die Entscheidung, das ABI zu gründen, war in der Rückschau korrekt. Wir merken, dass viele Prozesse von Planung bis Bauausführung beschleunigt wurden. Wir sehen uns als Querschnittsamt, das als Dienstleister mit nahezu allen städtischen Institutionen zusammenarbeitet. Da sind möglichst kurze interne Abstimmungsprozesse natürlich von Vorteil“, sagt Eichler. Die Strukturen innerhalb des ABI und der Stadtverwaltung kennt die studierte Architektin aus dem Effeff: Im November 1998 trat die Leitende Baudirektorin ihren Dienst bei der Stadt Frankfurt als Technische Angestellte im Hochbauamt an. An eine Karriere, die in der Übernahme einer Amtsleitung münden würde, habe die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder damals nicht gedacht: „Mein erster Vertrag war auf ein Jahr befristet. Meine Aufgabe war es, die Bewerbung des Waldstadions für die Fifa-Fußballweltmeisterschaft vorzubereiten“, blickt Eichler auf den Beginn ihrer Zeit bei der Stadt Frankfurt zurück.

Sigrid Eichler, die Leiterin des Amtes für Bau und Immobilien, in ihrem Büro in der Solmsstraße, Foto: Salome Roessler
Sigrid Eichler, die Leiterin des Amtes für Bau und Immobilien, in ihrem Büro in der Solmsstraße © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler

Drei Top-Themen auf der Agenda

Nach zweieinhalbjähriger kommissarischer Tätigkeit übernimmt Eichler nun die Leitung des ABI mit seinen rund 750 Mitarbeitenden und insgesamt sechs Fachbereichen. Für sich und ihr Amt hat die neue Leiterin drei Top-Themen identifiziert: Erstens gelte es, bei der Entwicklung neuer Projekte wie Neubaugebiete einen weit über die Architektur hinausreichenden Ansatz zu verfolgen. „Wenn in Stockholm ein neuer Stadtteil entsteht, wird dieser ganzheitlich geplant, von der Kita, über die verkehrliche Anbindung, bis hin zu den stadtklimatischen Bedingungen und Auswirkungen vor Ort“, führt Eichler aus, die auch Gastmitglied des Frankfurter Städtebaubeirates ist.
 
Zweitens hat sich die Leitende Baudirektorin vorgenommen, dafür zu sorgen, dass ihr junges Amt weiter zusammenwächst und die Tätigkeitsbereiche der einzelnen Sachgebiete enger verzahnt werden. Drittens genieße die Moderation voranschreitender Digitalisierung sowie die Rekrutierung geeigneter Fachkräfte hohe Priorität, um das ABI vor den Folgen des demografischen Wandels zu bewahren und für die Herausforderungen der Zukunft zu rüsten.
 
In der ihr eigenen Nüchternheit stellt Eichler fest, dass sowohl die Aufgaben als auch die Erwartungen an ein städtisches Bauamt binnen der vergangenen zwei Jahrzehnte gleichermaßen gewachsen seien. So gehe es heute längst nicht mehr darum, funktionale Architektur zu liefern und dabei den Kostenrahmen einzuhalten. Aspekte wie Nachhaltigkeit, pädagogische Raumkonzepte im Schulbau, ökologische Verträglichkeit und städtebauliche Akzeptanz sind inzwischen wesentliche Grundvoraussetzungen. Hinzu kommt der gewaltige Preisanstieg von Baumaterial und Energiepreisen und der enorme Zeitdruck bei der Realisierung von Projekten.
 
„Mit Sigrid Eichler hat die Stadt Frankfurt eine weitere kompetente weibliche Führungskraft als Amtsleiterin gewinnen können, die sich in den bestehenden Strukturen des ABI bestens auskennt und ihr Fachwissen künftig an zentraler Position einbringt, um den städtebaulichen Herausforderungen der Zukunft zu begegnen“, sagt die für das ABI zuständige Stadträtin Sylvia Weber, Frankfurts Dezernentin für Bildung, Immobilien und Neues Bauen.

Kein Job für autokratische Führungspersönlichkeiten

Angst habe sie vor ihrer Mammutaufgabe nicht – aber großen Respekt, betont Eichler. Binnen der vergangenen Jahre sei sie sukzessive in ihre Rolle hineingewachsen und habe bemerkt, dass sich im Amt ein positiver Kulturwandel eingestellt habe, den sie weiter fördern möchte: „Ob als Technische Angestellte oder Abteilungsleiterin hatte ich stets Vorgesetzte, die meiner Expertise vertraut und mir bei Bedarf den Rücken gestärkt haben. Dieses Vertrauen möchte ich auch meinen Mitarbeitenden entgegenbringen“, sagt die neue ABI-Chefin. Ein anderer Führungsstil sei auch kaum denkbar. Denn in Anbetracht der Fülle an Aufgaben kann sich die Chefin selbst nicht bis ins letzte Detail mit jedem Projekt befassen.
 
Die Vielfältigkeit der Aufgaben zeigt sich anhand einiger Projekte, die das ABI zuletzt verwirklicht hat: Diese reichen von der denkmalgerechten Sanierung der Merianschule über die Errichtung von Kitas und Schulen in Holzmodulbauweise, den deutschlandweit gepriesenen Neubau des Historischen Museums, das nach 14 Jahren im August 2021 eingeweihte Blüten- und Schmetterlingshaus im Palmengarten oder aktuell den Umbau des Löwengeheges im Frankfurter Zoo. „Viele unserer Projekte sind absolute Prototypen, für die es keine Lösung nach Schema X gibt“, sagt Eichler. Dieser Facettenreichtum sei bei allen planerischen Herausforderungen aus fachlicher Sicht sehr spannend.
 
Facettenreich ist übrigens auch Sigrid Eichlers Berufsbiographie: Die 62-Jährige hat ihr Geschäft von der Pike auf gelernt und sowohl als freie Mitarbeiterin für diverse Architekturbüros gearbeitet, als auch als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Darmstadt, bevor sie 1998 in den Dienst der Stadt Frankfurt wechselte. Welchen Weg sie gegangen ist, hat Sigrid Eichler nicht vergessen. Und genau aus dieser Erfahrung speist sie ihre Zuversicht, das ABI binnen der nächsten Jahre zu einem leistungsstarken Querschnittsamt zu formen, als dessen wichtigste Ressource sie kompetente und eigenständige Mitarbeiter versteht. Denn Eichler weiß: „Das Amt wird sich beweisen müssen. Hierfür möchte ich die Grundlagen schaffen, um trotz knapp bemessenem Personal für die Vielzahl an Aufgaben gerüstet zu sein.“ 

Text: Mirco Overländer

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