Schweißen ist eine Kunst

Schweißen ist eine Kunst

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Schweißen ist eine Kunst

Studierende der Hochschule für Gestaltung lernen bei der Stadtentwässerung Frankfurt das besondere Verbinden von Materialien.

Ausbildungsleiter Said Sellak bringt Studierenden der HfG Offenbach das Schweißen bei.Foto: Holger Menzel
Ausbildungsleiter Said Sellak bringt Studierenden der HfG Offenbach das Schweißen bei. © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel

Nähte müssen gut und sauber sitzen. Das ist für einen Schneider genauso ein Handwerkzeug wie für einen Chirurgen. Aber auch ein Schweißer weiß eine gute Naht zu schätzen und über sie zu berichten – Said Sellak, Ausbildungsleiter bei der Stadtentwässerung Frankfurt am Main (SEF), zeigt es seinen Lehrlingen immer wieder. An diesem Morgen im August sind die Lehrlinge, die seinen Erklärungen folgen, keine klassischen Azubis. Zehn Studierende der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach stehen in der Ausbildungswerkstatt der SEF in Niederrad um den 43-Jährigen herum und hören aufmerksam zu. Für eine ganze Woche sind sie zu einem Workshop bei der SEF, um die Grundlagen des Schweißens kennenzulernen. Einen Tag Theorie haben sie hinter sich – Schweißtechnik ist ein eigener Fachbereich. Vier Verfahren gibt es: Metall-Aktivgas-Schweißen, Lichtbogenhandschweißen, Wolfram-Inertgas-Schweißen und Autogenschweißen. Sellak und seine Kollegen können in allen vier Verfahren ausbilden. Die Ausbildungswerkstatt der SEF ist Kursstätte für Schweißen, das bedeutet sie bietet auch Aus-, Fort- und Weiterbildung für externe Einrichtungen wie Siemens sowie stadtnahe und städtische Institutionen wie VGF und Mainova an.

Aber was hat eigentlich Abwasser mit Schweißen zu tun? Sehr viel sogar – Schieber müssen repariert oder Rohre passend zusammengestellt und eben geschweißt werden. „Es ist unser zweites Standbein. Als Azubi für Konstruktionsmechanik kann man das Schweißen auch bei der Stadtentwässerung lernen und anschließend arbeiten. Viele anfallenden Arbeiten können wir so selbst erledigen und müssen keine andere Firma dafür beauftragen. Das ist wirtschaftlich und wir können nach Außen unsere Dienstleistung der Aus- und Weiterbildung anbieten“, erklärt Sellak.

Davon profitieren auch die Teilnehmer des einwöchigen Workshops von der HfG Offenbach. Aufmerksam hören sie Sellak zu und wollen Vieles wissen. Für den Ausbildungsleiter anders als mit Azubis: „Die Studierenden wollen wegen ihres Hintergrunds als Studenten für Design einfach ganz andere Dinge wissen. Sie wollen verstehen, was da passiert beim Schweißen und dadurch entsteht mehr Dialog und mehr Austausch.“

Tobias Doch ist einer der Teilnehmer. Der 20-Jährige ist im Grundstudium und wird an diesem Tag zum ersten Mal selbst mit einem Schweißgerät arbeiten. „Dieser Workshop bietet die Möglichkeit, alle Schweißtechniken kennenzulernen. Als angehender Designer und Gestalter ist es mir wichtig die Verfahrensweisen zu kennen und zu wissen, wie man damit umgeht. Wenn ich eine Design-Idee habe, weiß ich so schon grob, ob es herstellbar ist“, erklärt der junge Design-Student. Seine Kommilitonin Xenia Watson stimmt ihm zu: „Ich will das Schweißen unbedingt lernen und bin sehr froh, dass wir diesen Workshop bei der SEF machen können. An der Hochschule haben wir ein Schweißgerät – nach diesem Kurs werde ich es nutzen können.“

Die ungewöhnliche Kooperation zwischen SEF und HfG kam auch über einen kleinen Umweg zustande – aber bekanntlich ist Frankfurt ja ein Dorf: Denn die Werkstatt der HfG kauft beim gleichen Händler für Schweißtechnik ein wie die SEF. Inga Brommer, Werkstattmitarbeiterin der HfG, fragte den Händler, wo ihre Studierenden einen guten Workshop machen könnten. Dieser empfahl die SEF als Ausbildungsbetrieb und Kursstätte. Schnell war der Kontakt hergestellt und die Kooperation unter Dach und Fach. „Dass die Werkstatt der SEF eine Kursstätte ist, ist eine gute Gelegenheit für uns. Die Studierenden haben verschiedene Designaufgaben. Beim Bau der Modelle unterstützen wir sie als Werkstatt an der HfG. Bei diesem Kurs können sie selbst ausprobieren, was alles möglich ist“, sagt Brommer.

Unter Coronabedingungen müssen die Kursteilnehmer sich nicht nur mit Schutzanzug und Schweißhelm gegen Verbrennungen schützen, sie müssen auch eine medizinische Maske oder eine FFP2-Maske aufsetzen und geimpft, genesen oder getestet sein. Die Kursteilnehmer von der HfG sind alle geimpft und vor Ort wurde ein Test gemacht – so ist die Sicherheit im Arbeits- und Gesundheitsschutz gewährleistet.

An diesem Workshop-Tag steht das Metall-Aktivgas-Schweißen, kurz MAG-Schweißen, auf dem Plan. Inzwischen haben Watson und Doch eine Schweißkabine zugeteilt bekommen. Vier kleine rechteckige Stahlbleche warten darauf zusammengeschweißt zu werden. Als erste macht sich Watson an die Arbeit. Zuvor stellt ihr Kommilitone an der Schweißmaschine die Parameter (Strom, Spannung und Drahtvorschub) ein. Hinter der Schutzwand und einem dickem roten Kunststoff-Vorhang blitzt und leuchtet es blau auf. Nach etwa 20 Minuten sind die vier Teile im rechten Winkel zueinander zusammengeschweißt – doch damit ist das Werk noch nicht fertig. Anschließend geht es ins Wasserbad. „Nicht langsam eintauchen, sondern schnell – und dann das Werkstück im Wasser rühren. Wenn ihr zu langsam eintaucht, dann wird das Metall gehärtet“, erklärt Sellak. Nach dem Wasserbad wird das Stück noch mit Luft aus einer Pistole getrocknet – es ist auch nicht mehr heiß. Watson streicht mit bloßen Fingern über die Naht – es ist eine sogenannte Kehlnaht, die entsteht beim Schweißen immer dann, wenn zwei Werkstücke aufeinanderstoßen und dabei in einem Winkel zueinanderstehen. Fürs erste Mal sei sie zufrieden. „Das ist voll mein Ding! Ich arbeite gerne handwerklich und es hat mir wirklich großen Spaß gemacht“, sagt die 29-jährige Watson.

Auch Tobias Doch hat inzwischen sein erstes Werkstück fertiggestellt. Er ist zufrieden fürs erste Mal: „Die Schwierigkeit ist, die gleichmäßige Geschwindigkeit beim Schweißen zu halten. Wenn man zu schnell ist, hält die Naht nicht, und wenn man zu langsam ist, wird sie löchrig“, erklärt er. Er könne gut nachvollziehen, dass jede Schweißtechnik monatelanges Üben brauche, bis man sie richtig gut beherrscht. „Auf jeden Fall macht es sehr viel Spaß“, versichert er.

Für den Einsatz der Studenten gibt es am Ende der Woche ein Zertifikat. Und einen Einblick in die Geschichte Frankfurts bekommen die Studenten ebenso: Ein Besuch in der ersten städtischen Klärbeckenanlage von 1882, welche die erste Anlage ihrer Art auf dem europäischen Festland war.

Text: Pelin Abuzahra

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