Fluglärmschutz

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„Fluglärm betrifft uns alle in der Region“

Sebastian Bickel, der neue Leiter der Stabsstelle für Fluglärmschutz, über Dezibel, Ansprechbarkeit und Mallorca-Flüge

Sebastian Bickel, Leiter der Stabsstelle Fluglärmschutz, in seinem Büro © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel
„Da kommt wieder einer.“ Sebastian Bickel steht am Fenster seines Büros und deutet auf einen Flieger, der wie ein Schatten durch die dichten Wolken gleitet. Zu hören ist ein dumpfes Rauschen, ein Geräusch, das viele Frankfurterinnen und Frankfurter gar nicht mehr wahrnehmen: Das der startenden und landenden Flugzeuge, die den Flughafen verlassen oder dort ankommen. „Nur, weil wir den Fluglärm nicht mehr ständig wahrnehmen, ist er nicht weg“, sagt Bickel. Und das sei ein Problem, denn Lärm mache krank.

Seit Dezember 2022 leitet Sebastian Bickel die städtische Stabsstelle für Fluglärmschutz. Wenn er jeden Flieger, der an seinem Fenster vorbeifliegt, beachten würde, würde er wenig zum Arbeiten kommen, da er freien Blick auf die viel beflogene Ost-Route des Flughafens hat. In der Innenstadt sind die Geräusche der Maschinen verhältnismäßig leise zu hören – die leidgeprüften Bewohnerinnen und Bewohner des Frankfurter Südens, die von der gleichen Route überflogen werden, kennen einen anderen Lautstärkepegel. Dennoch scheint der Lärm überall in der Stadt einfach da zu sein. Was kann man da tun?

Sensibilisieren, aufklären, vernetzen – die Stabsstelle bringt alle Akteure an einen Tisch

„Die Stabsstelle kann keine Maschinen umbauen und sie kann auch keine Gesetze ändern“, stellt Bickel klar. „Stattdessen verstehe ich uns als Plattform: Wir können Politik, Bürger:innen und die vielen involvierten Akteure, wie den Flughafen, die Fluggesellschaften, die Deutsche Bahn und die Bürgerinitiativen, vernetzen. Fluglärm betrifft uns alle in der Region, und dementsprechend sind wir auch eine Plattform für alle. Wir sensibilisieren, informieren, klären auf und machen auf das Thema aufmerksam. So können wir das Thema in kleinen Schritten bearbeiten und für Änderungen sorgen. Nicht, indem wir selbst etwas ändern, sondern indem wir die Menschen sensibilisieren, die die Möglichkeit haben, konkrete Änderungen anzustoßen.“

Es ist kein kleines Ziel, das sich der 38-Jährige gesetzt hat. Unterstützt wird er von seiner Kollegin Natascha Feuerbach, die sich um Anfragen und Beschwerden aus der Bevölkerung kümmert und Veranstaltungen organisiert, und seinem Kollegen Johannes Möllers, der auf die Datenauswertung spezialisiert ist und das Monitoring vorantreibt. Zudem arbeitet die Stabsstelle sehr eng mit der städtischen Fluglärmschutzbeauftragten, Stadträtin Ina Hauck, zusammen. Sie sei die politische Dimension der Stabsstelle, erklärt Bickel.
Den Lärm in Zahlen fassen

Eine der zentralen Aufgaben der Stabsstelle ist das Monitoring. Durch stadteigene Messstationen sind Bickel und sein Kollege Möllers in der Lage, die Lärmmesswerte in Datenbanken zu speichern und auszuwerten. So können sie einen monatlichen Bericht erstellen, der für einige Stellen im Stadtgebiet deutliche Überschreitungen der Grenzwertempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation aufzeigt. Diese liegen bei 40 Dezibel Dauerschallpegel bei Nacht und 45 Dezibel bei Tag. „40 Dezibel entspricht etwa einem leisen, bis zu 60 Dezibel einem lauten Gespräch“, gibt Bickel eine Orientierung. „Dazu kommt: Ein paar Dezibel mehr ist schon eine wahrgenommene Verdoppelung. Somit ist jedes Dezibel, das reduziert wird, wichtig.“

Neben dem Lärm zeichnet die Stabsstelle auch Flugbewegungen auf und macht diese für alle Interessierten zugänglich. „Wir klären auf, wie viele Flieger wo hingeflogen sind, welche davon Kurzstrecke fliegen, welche davon Billigflieger sind. Ebenso spielt auch die Flugzeit eine Rolle: Wie viele Maschinen sind tagsüber unterwegs, wie viele in der Nacht, und welche am Tagrand, also in den frühen Morgenstunden?“, erklärt der Stabsstellenleiter. Vor allem die Tageszeiten, die an das Nachtflugverbot grenzen, sind wichtig. „Zwischen 5 und 6 Uhr morgens ist das Nachtflugverbot bereits vorbei, die meisten Menschen schlafen jedoch noch. Hier geht es um Viertelstunden, zehn Minuten, fünf Minuten – jedes bisschen mehr Ruhe ist ein Gewinn.“ Das Monitoring möchte Bickel in den kommenden Monaten weiter ausbauen: „Wir wollen mehr Transparenz schaffen und die Zahlen verständlich kommunizieren. Die Daten sind bereits da – aber die Menschen legen sie teilweise unterschiedlich aus. Wir wollen sie so aufbereiten, dass sie für alle gut verständlich sind und jeder seinen Nutzen daraus ziehen kann.“

Ansprechbarkeit als Kernaufgabe

Wer Sebastian Bickel über Dezibelwerte und Flugbewegungen sprechen hört, denkt nicht, dass er noch nicht einmal ein halbes Jahr in seinem Job ist. Vorher hat er in der Schulentwicklungsplanung in der Stuttgarter Stadtverwaltung gearbeitet, studiert hat er Geschichte und Geografie auf Lehramt. Als er wieder näher an seine Heimat ziehen wollte – Bickel stammt aus dem Odenwald –, fand er die Stelle in Frankfurt und „war blitzverliebt“, wie er lachend erzählt. Seit Dezember geht er mit viel Motivation an die Sache ran. Wichtig ist ihm vor allem, die Stabsstelle und ihre Themen wieder verstärkt in den Fokus der Frankfurter Bevölkerung zu rücken: „Ich möchte den Plattformcharakter weiter stärken und vor allem in der Stadt präsenter sein. Wir wollen nicht nur vom Römer aus arbeiten, sondern mit Informationsständen in der Stadt auf das Thema aufmerksam machen und auch verstärkt auf die Ortsbeiräte zugehen.“

Präsenz zeigen Bickel und sein Team auch auf Veranstaltungen und Messen rund um die Themen Luftfahrt und Lärmschutz. „Wir bilden uns fort, um selbst gute Ansprechpartner zu sein. Das ist eine Kernaufgabe der Stabsstelle: Wir sind ansprechbar. Man kann uns anrufen, eine E-Mail schicken, bei uns vorbeikommen oder uns bei Veranstaltungen treffen. Dann können uns die Menschen ihre Probleme schildern und Fragen stellen, und wir klären auf, finden eine Lösung oder leiten sie an passende Kontakte weiter. Die oberste Priorität der Stabsstelle ist und bleibt der Schutz der Bürger:innen“, verdeutlicht Bickel.
„Es soll niemandem abgesprochen werden, in den Urlaub zu fliegen“

Die Präsenz in der Stadt will Bickel auch deswegen erhöhen, weil sie in den vergangenen Jahren durch die Corona-Pandemie wenig bis gar nicht vorhanden war. Genauso, wie auch der Fluglärm deutlich weniger wurde: Während der Lockdowns starteten und landeten kaum Maschinen am Frankfurter Flughafen. So schwer die Auswirkungen auf die Luftfahrtbranche waren, so gut tat die Abwesenheit der Flugzeuge den Ohren der Frankfurterinnen und Frankfurter in den sonst besonders vom Fluglärm betroffenen Stadtteilen. „Mich sprechen oft Leute an, dass der Lärm jetzt lauter sei als vor der Pandemie. Das stimmt aber nicht“, stellt Bickel klar, der die genauen Werte in den Monitorings ablesen kann. Den Menschen kommen die Flugzeuge jetzt nur lauter vor – denn so sehr wir uns an Lärm gewöhnen, gewöhnen wir uns auch an Stille.

Große Veränderungen in der Luftfahrtbranche sieht Bickel durch Corona langfristig nicht, jedenfalls nicht im Bereich der Ferienflieger. „Geschäftsreisen sind durch Corona deutlich weniger geworden. Die Firmen haben gesehen, dass Videokonferenzen Meetings vor Ort oftmals problemlos ersetzen können, und so natürlich auch eine Menge Geld gespart werden kann. Hier fallen auf jeden Fall viele Flüge weg. Was Urlaubsflieger angeht, kann man diese Entwicklung jedoch nicht beobachten, ganz im Gegenteil: Die Zahlen sind hoch wie eh und je“, erläutert der Stabsstellenleiter.

Auch der Klimawandel scheint viele Menschen noch nicht vom Fliegen abzuhalten. „Die Menschen denken schon viel darüber nach, aber es muss noch einiges passieren, dass sich wirklich Änderungen zeigen“, sagt Bickel. „Es geht auch nicht darum, dass die Menschen nicht mehr nach Mallorca fliegen dürfen. Es soll niemandem abgesprochen werden, in den Urlaub zu fliegen. Am Ende muss sich jeder und jede selbst fragen: Wo kann ich ansetzen, wo kann ich selbst einen Beitrag leisten? Das müssen wir für uns selbst entscheiden.“

„Am Ende ist es mehr als Fluglärm“

Das Thema Klimaschutz kann bei der Arbeit der Stabsstelle nicht außen vorgelassen werden, dafür sind die Überschneidungen zu groß. „Am Ende ist es mehr als Fluglärm“, sagt Bickel. Eine Erkenntnis, die sich von seinem beruflichen auf sein privates Leben übertragen hat: „Man sieht schnell den größeren Zusammenhang. Das merke ich durch die Stabsstelle auch für mich selbst: Man denkt um, wenn man sich mit dem Thema befasst, und möchte auch in anderen Lebensbereichen – Konsum, Kleidung, Mobilität – mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen. Man kriegt eine andere Haltung.“

Seine Einstellung zum Fliegen selbst muss der Fluglärmexperte nicht mehr verändern. „Ich fliege so gut wie gar nicht. Alle Flüge, die ich in meinem Leben gemacht habe, kann ich an einer Hand abzählen“, erzählt er. Flugzeuge sieht er lieber aus der Ferne – zum Beispiel von seinem Bürofenster aus.

Weitere Informationen zur Stabsstelle Fluglärmschutz finden sich unter frankfurt.de/fluglaermschutzInternal Link.
 
Text: Laura Bicker
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