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10.06.2014

Das verlorene Gedächtnis

Vor 150 Jahren wurde Alois Alzheimer in Frankfurt geboren

Frankfurt am Main (pia) Natürlich kennt jeder den Begriff Alzheimer. Ist jemand auffallend vergesslich oder schusselig, sagt mitunter dessen Umgebung: Du hast wohl Alzheimer. Die Krankheit gehört zu den dramatischsten degenerativen Erkrankungen. Ihr Entdecker und Namensgeber ist der deutsche Psychiater und Neuropathologe Alois Alzheimer, der vor 150 Jahren geboren wurde und aufs Engste mit Frankfurt verbunden ist.

Dass Alois Alzheimer zu den berühmtesten Ärzten weltweit gehören würde, ahnte niemand, als er am 14. Juni 1864 in Marktbreit in Unterfranken als Sohn eines Notars geboren wurde. Und ebenso wenig, dass er in Frankfurt, wo er auch begraben ist, unauslöschliche Spuren hinterlassen würde. Nach Frankfurt kam Alois Alzheimer im Jahr 1888. Als junger Arzt, frisch promoviert, hatte er sich mit Erfolg um die Stelle als Assistent des Psychiaters Heinrich Hoffmann in der von jenem gegründeten Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische beworben, die im seinerzeit noch weitgehend unbebauten Westend auf dem Areal des Affensteiner Feldes lag. Intensiv beteiligte sich Alzheimer dort an der Entwicklung einer neuen Behandlungsmethode für Geisteskranke, deren grundlegende Idee war, die Kranken möglichst ohne Zwang zu behandeln, insbesondere sie nicht Zwangsfütterungen zu unterziehen und ihnen möglichst keine Zwangsjacken anzulegen. Das war revolutionär für die damalige Zeit.

Heinrich Hoffmann, © Stadt Frankfurt am Main
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Humane Unterbringung für Kranke

Wie auch der Bau revolutionär war. Die äußere Gestaltung wurde durch die republikanische Stadtverwaltung festgelegt. Im „Deutschen Stil“, sprich Gotik, sollte gebaut werden. Die Frankfurter Bevölkerung quittierte das mit der spöttischen Bezeichnung „Irrenschloss“. Zur modernen Innenausstattung der Klinik gehörten Toiletten mit Wasserspülung. Eine Dampfmaschine pumpte Grundwasser vom Keller in hölzerne Reservoirs im Dachgeschoss. Neu war, dass Höfe für unterschiedliche Bereiche, jeweils unterschieden nach Geschlecht und Krankheitsbild der Patienten, eingerichtet wurden. Die wahre Revolution aber war, dass die Fenster der Klinik unvergittert waren. Der Anstaltsleiter, der Psychiater Heinrich Hoffmann, der auch als Autor der 1845 erschienen Struwwelpeter-Geschichten bekannt geworden, lebte mit seiner Familie unter einem Dach mit den Patienten. Als die Anstalt 1864 fertig gestellt wurde, lud er vor der feierlichen Eröffnung zu Tagen der offenen Tür. Als Leitbild seiner therapeutischen Arbeit wird Heinrich Hoffmann so zitiert: „Es muß vor allem so sein, daß der Eintritt des Arztes in eine Abteilung etwas vom Sonnenaufgang an sich habe.“

Die 'erste' Alzheimer Patientin

Alois Alzheimer und seine Kollegen führten für die Behandlung besonders unruhiger Patienten wärmende Dauerbäder ein. Im Park der Klinik durften sich einige Patienten frei bewegen. In der damals modernsten Einrichtung ihrer Art betreute Alois Alzheimer auch die Patientin Auguste Deter, die das Krankheitsbild kompletter geistiger Verwirrung zeigte. Alzheimer beschrieb dieses zunächst als „Krankheit des Vergessens“. 1906, nachdem Auguste Deter verstorben war und er sorgfältig die Veränderungen ihrer Hirnrinde untersucht hatte, publizierte Alois Alzheimer eine in Fachkreisen bis heute als vorbildlich geltende Fallstudie und beschrieb damit das Krankheitsbild, das jetzt seinen Namen trägt. Alois Alzheimer begegnete Auguste Deter erstmals am 25. November 1901, das weist deren Krankenakte aus. Wie aus dieser hervorgeht, hatte Deters Ehemann die stark verwirrte und wesensveränderte Frau in die Frankfurter Anstalt gebracht, weil er sich nicht mehr zu helfen wusste. Seine Frau war unerklärlich eifersüchtig geworden, konnte die einfachsten Verrichtungen im Haushalt nicht mehr erledigen, versteckte Gegenstände, fühlte sich verfolgt und behelligte mit Aufdringlichkeiten die Nachbarschaft.

Krankheit des Vergessens

Alois Alzheimer, dessen Frau Cecilie im Februar jenes Jahres nach schwerer Krankheit verstorben war, stürzte sich in die Arbeit und stellte bald fest, dass die Patientin Deter weder Orientierung über Zeit und Aufenthaltsort hatte, noch sich an Einzelheiten aus ihrem Leben erinnern konnte. Auf Fragen antwortete sie zusammenhanglos. Ihre Stimmungen wechselten rasch zwischen Angst. Misstrauen, Ablehnung und Weinerlichkeit.Es war nicht das erste mal, dass Alois Alzheimer dem Bild von kompletter geistiger Verwirrung begegnete. Bei früheren Fällen hatte er ähnliche Befunde gesehen, diesen indessen keine besondere Bedeutung zugemessen, denn die Patienten waren um die 70 Jahre und älter und Verwirrtheit im Alter galt als schicksalsgebende Begleiterscheinung. Auguste Deter weckte schon allein deshalb die besondere Aufmerksamkeit des Arztes, weil sie zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung erst 51 Jahre alt war. Viele Wochen lang widmete er sich der Patientin, unter anderem mit geduldigen Befragungen, die ihre schwere geistige Verwirrung offenkundig machten. Dabei war sie sich ihrer Hilflosigkeit durchaus bewusst. In einem Interview, so ist in der Krankenakte nachzulesen, äußerte sie: „Ich habe mich sozusagen selbst verloren.“ Alois Alzheimer gab dem Krankheitsbild daraufhin die Bezeichnung „Krankheit des Vergessens“.

Entdecker der Hirnveränderung

1902 wechselte der verwitwete Alzheimer von Frankfurt an die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg. Zwei Jahre später ging er nach München, vollendete seine Habilitationsschrift, und widmete sich Forschungen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Auguste Deter hatte er freilich nicht vergessen. Regelmäßig soll er sich in Frankfurt nach ihrem Gesundheitszustand erkundigt haben. Als sie aus Kostengründen in eine andere Einrichtung verlegt werden sollte, verhinderte Alzheimer das, weil er Auguste Deter unbedingt noch einmal untersuchen wollte. Am 9. April 1906 bekam Alois Alzheimer an seinem Arbeitsplatz in München einen Anruf aus Frankfurt: Auguste Deter war verstorben. Alzheimer veranlasste, dass ihm die Krankenakte zugeschickt wurde - und das präparierte und konservierte Gehirn der Patientin. Aus der Akte las er, dass sich Auguste Deters Geisteszustand wenige Jahre vor ihrem Tod, den übrigens eine Blutvergiftung verursacht hatte, dramatisch verschlechtert hatte. Bei der Untersuchung ihres Gehirns unter dem Mikroskop fand Alzheimer zu Grunde gegangene Nervenzellen und Eiweißablagerungen, so genannte „Plaques“, in der gesamten Hirnrinde. Am 3. November 1906 stellte Alzheimer auf einer Fachtagung in Tübingen das später nach ihm benannte Krankheitsbild als eigenständige Krankheit vor. Alzheimer letzte Lebensstation war Breslau. An der Friedrich-Wilhelm-Universität übernahm er einen Lehrstuhl und wurde Direktor der „Königlich Psychiatrischen und Nervenklinik“. Am 19.Dezember 1915 starb Alois Alzheimer in Folge von Herzbeschwerden und Nierenversagen. Er wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof (Gewann J an der Mauer 447a) neben seiner Frau beigesetzt. Das Relief in der Mauer zeigt eine kniende Frau und einen ihr zugewandten Knaben.

Großer Fund für die Medizingeschichte

So wie am 25. November 1901 die stationäre Einweisung der Auguste Deter in die „Städtische Heilanstalt für Irre und Epileptische" in Frankfurt für Alois Alzheimer ein Wendepunkt in seinem Leben war, so dürfte 95 Jahre später für Professor Konrad Maurer der Fund der „Aerztlichen Acten“ dieser Patientin ein einmaliges Erlebnis gewesen sein. Der damalige Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Niederrad war 1995 im Keller des Hauses mehr oder minder zufällig auf die Krankenakte von Auguste Deter gestoßen, die seit 1909 als verschwunden galt. Dies war ein großer Fund für die Medizingeschichte und für Konrad Maurer Anstoß für die erste Biographie über Alois Alzheimer, die er gemeinsam mit seiner Frau Ulrike verfasste. (Konrad Maurer, Ulrike Maurer: Alzheimer, 2000, Verlag Piper, ISBN-10: 3492232205).

Heilung als langfristiges Ziel

Maurer war seit 1996, dem Gründungsjahr der Alzheimer Forschung Initiative (AFI), Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates. 2001 wurde er zum Vorsitzenden des Beirates gewählt und 2008 in den Vorstand der AFI berufen. Er gehört zu den wichtigsten Alzheimer-Forschern im Lande. Wie er mitteilt, sind bereits einige Medikamente auf dem Markt, die den Ausbruch der Alzheimer Erkrankung verzögern. Die Substanzen greifen in die typischen Veränderungsprozesse im Gehirn ein. Maurer: „Mittelfristig ist das Ziel, den Ausbruch der Krankheit um fünf Jahre zu verzögern. Dann können viele Patienten ihren Lebensabend ohne Symptome beschließen. Langfristiges Ziel der Alzheimer-Forschung bleibt aber, einen Weg zu finden, wie wir diese Krankheit vermeiden oder heilbar machen können.“

Von Sylvia A. Menzdorf