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28.11.2019

Buchvorstellung: Der Tassilo-Liutpirc-Kelch im Stift Kremsmünster

Tassilo-Liutpirc-Kelch, © Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz/V.-Isenhardt<br />
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(ffm) Das Archäologische Museum stellt die Ergebnisse eines fünfjährigen Forschungsprojektes zum Tassilo-Liutpirc-Kelch in einer opulenten Publikation seiner wissenschaftlichen Schriftenreihe vor.

Im Sommer 794 wurde auf der großen Synode in der Kaiserpfalz Franconofurd Herzog Tassilo, der letzte Regent aus dem bairischen Geschlecht der Agilolfinger, in einem Schauprozess von seinem jüngeren Vetter, dem Frankenkönig Karl dem Großen, abgesetzt und aller Ämter enthoben. Von 748 bis zu seinem ränkevollen Sturz 788 in der Pfalz Ingelheim durch Karl, übte Tassilo eine glanzvolle Herrschaft über das alte Herzogtum Baiern aus, das von der Donau im Norden bis nach Südtirol im Süden und vom Lech im Westen bis zur Enns im Osten reichte. Regensburg und Salzburg waren die Residenzen.

Im Stift Kremsmünster in Oberösterreich ist einer der kostbarsten liturgischen Gefäße des frühen Mittelalters erhalten: ein überreich verzierter und prunkvoll beschrifteter Abendmahlskelch. Eine Inschrift auf seinem Fuß sagt, dass er vom Baiernherzog Tassilo III. und seiner Gemahlin, der Langobardenprinzessin Liutpirc, gestiftet wurde.

Seit Jahrhunderten umgeben Glanz und Staunen den Tassilo-Liutpirc-Kelch. Der Forschung gilt das vor etwa 1250 Jahren geschaffene singuläre Kunstwerk als Symbol des alten Baierns und Zeugnis einer künstlerischen Verschmelzung mediterraner und insularer (irisch-angelsächsischer) Kunst im neuen kulturellen Zentrum Salzburg. Hier wirkte der universal gebildete irische Abt und Bischof Virgil von 749 bis 784 mit seinen gelehrten Begleitern. Doch bis in die jüngste Zeit wusste man wenig über die Herstellung, Authentizität und ursprüngliche Funktion des Kelches. Die Botschaft der geheimnisvollen Bilder und Ornamente blieb trotz mannigfachen Bemühungen ein weithin ungelöstes Rätsel.

Erstmals konnte jetzt der altehrwürdige Kelch in einem fünfjährigen Forschungsprojekt des Archäologischen Museums, des Stifts Kremsmünster und des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz umfassend untersucht werden. Die Ergebnisse werden in einem 496 Seiten starken Werk vorgelegt, an dem 20 international renommierte Wissenschaftler (unter anderem Archäologen, Archäometriker, Goldschmiede, Historiker, Kunsthistoriker, Theologen) aus vier Ländern mitwirkten. Noch nie wurde der Kelch so eingehend und detailliert dokumentiert, beschrieben und nach jüngstem Stand der Technik analysiert und erforscht. Damit wurde eine völlig neue, für die kommenden Jahrzehnte gültige Basis für die kunst- und kulturhistorischen sowie landesgeschichtlichen Deutungen und Einordnungen des Kelches erarbeitet und präsentiert. Historiker beleuchten das historische Umfeld des Kelches und seiner Stifter. Die Schrift- und Bildzeugnisse zur Geschichte des Kelches im Kloster werden erstmals systematisch vorgelegt. Völlig neu sind auch die von theologischer und kunsthistorischer Seite unternommenen Vorschläge einer ikonografischen Deutung des tiefsinnigen, uns heute verborgenen Bildprogramms. In detektivischer Akribie wird die verlorene Schatzkunst Tassilos III. wieder zum Leben erweckt. Von großem Wert sind Vergleichsstudien über zwei Parallel-Denkmäler zum Tassilo-Liutpirc-Kelch: das Rupertuskreuz von Bischofshofen (circa 760–780) und den zerstörten Eligius-Kelch aus Chelles (circa 650), die in dieser Publikation ebenfalls Eingang fanden.

Weitere Informationen zu den beteiligten Instituten, der Finanzierung des Bandes und zu den wesentlichen Ergebnissen finden sich in der angehängten PDF-Datei.