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30.03.2011

Letzte Ruhestätte eines Hyperaktiven

Grab des „Zappel-Philipp“ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof entdeckt

Die Landkarte literarischer Orte in Frankfurt ist um einen Anziehungspunkt reicher. Auf dem Hauptfriedhof entdeckte ein Friedhofskenner nun das Grab des Zappel-Philipp-Urbilds. Er hieß Philipp Julius von Fabricius und lebte von 1839 bis 1911 in der Mainstadt. Mit „Paulinchen“ ruht auf dem Hauptfriedhof auch ein weiteres Vorbild für eine Struwwelpeter-Geschichte.

Frankfurt am Main (pia) Wer kennt ihn nicht, den Zappel-Philipp aus Heinrich Hoffmanns Bilderbuchklassiker „Der Struwwelpeter“. Seine Geschichte und die vom zündelnden Paulinchen ergänzen seit der im Frühjahr 1846 erschienenen zweiten Auflage das zu Weihnachten 1845 herausgekommene Bilderbuch. Der fiktive Urahn der hyperaktiven Kinder, nach dem das Krankheitsbild der Aufmerk-samkeits-Defizits-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) als „Zappel-Philipp-Syndrom“ benannt wurde, hatte ein reales Vorbild. Wie das mit Streichhölzern spielende Paulinchen stammt auch das Urbild des Wackelbuben aus dem Bekanntenkreis des Autors Heinrich Hoffmann. Es war der Frankfurter Arzt Philipp Julius von Fabricius, der von 1839 bis 1911 in Frankfurt gelebt hat.

Der Entdecker ist Grabmalpate

Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof hat nun der Grabmalpate und Friedhofskenner Dieter Georg das Grab des Zappel-Philipp-Urbilds gefunden. Der Entdecker des Grabes, Dieter Georg, der sich als „Grabmalpate“ um zehn denkmalgeschützte Grabstätten auf dem Hauptfriedhof kümmert, hat inzwischen auch die Pflege und Restaurierung der letzten Ruhestätte des „Zappel-Philipp“-Fabricius und dessen Angehörigen übernommen.

Heinrich Hoffmann: Zeichnung des Zappelphilipp aus de, Jahr 1844
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Der Frankfurter Arzt outete sich selbst

Recherchen des Heinrich-Hoffmann-Museums, das heute in Struwwelpeter-Museum umbenannt ist, hatten bereits vor Jahren ergeben, dass der am 22. Januar 1911 verstorbene Arzt Philipp Julius von Fabricius sich selbst als Urbild des Zappel-Philipp geoutet hatte. Als 1901 der Ärztliche Verein in Frankfurt ihr sieben Jahre zuvor verstorbenes Gründungsmitglied Heinrich Hoffmann mit einem Denkmal ehren wollte und dafür Geld sammelte, zeichnete Fabricius, zu diesem Zeitpunkt geachteter Arzt, Geheimer Sanitätsrat und seit 1889 geadelt, seinen Beitrag mit dem Zusatz: „Urbild des Zappel-Philipps“. Diese Selbstenthüllung belegt ein nach dem Tod von Fabricius im Jahr 1911 erschienener Zeitungsartikel, der im Struwwelpeter-Museum im Frankfurter Westend aufbewahrt wird. Die wertvolle Entdeckung von Dieter Georg schließt eine Leerstelle auf dem Frankfurter Struwwelpeter-Stadtplan. Auch Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth ist begeistert: „Ein aufschlussreiches Detail zur Geschichte eines in Frankfurt entstandenen Stückes Weltliteratur. Wir freuen uns sehr.“

Auch Pauline war Tochter eines Hoffmann-Freundes

Der Vater des „Zappelphilipps“, Friedrich Wilhelm Fabricius, war ein Kollege aus dem Team der Armenklinik, die Struwwelpeter-Verfasser Heinrich Hoffmann 1834 mit anderen jungen Ärzten gegründet hatte. Wie Heinrich Hoffmann in seinen Lebenserinnerungen berichtet, unternahmen die jungen Ärzte auch privat viel miteinander. Ein weiterer Kollege an dem Hospital, das bedürftige Frankfurter und Bewohner der umliegenden Dörfer kostenlos versorgte, war Adolf Schmidt. Wie Friedrich Wilhelm Fabricius hatte auch Schmidt Kinder im Alter von Heinrich Hoffmanns Sohn Carl, für den der „Struwwelpeter“ ursprünglich als Weihnachtsgeschenk vom Vater gefertigt worden war. Dr. Schmidts Tochter Pauline soll als Fünfjährige beim Spiel mit Zündhölzern die Gardinen in der Wohnung angezündet haben. Das Abenteuer ging gut aus, der Brand konnte gelöscht werden. Pauline starb jedoch bereits 1856 mit 15 Jahren an Tuberkulose. Auch sie ist auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben.

Noch ein Vorbild für den Anti-Helden

Zur Darstellung des „Zappel-Philipp“ fand Heinrich Hoffmann eine weitere Anregung im Werk seines Malerfreundes Heinrich von Rustige. Der junge Maler kam 1838 an das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt und schuf im selben Jahr das Ölgemälde „Die unterbrochene Mahlzeit“, das heute in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe hängt. Es zeigt eine Familienszene mit Vater, Mutter und vier Kindern am Esstisch. Einer der Söhne ist mit dem Schemel umgefallen und hat den Tisch halb abgedeckt. Schüssel, Brot und zerbrochene Teller liegen auf dem Boden. Hoffmann kannte mit Sicherheit das Gemälde seines Freundes Rustige, der Mitglied in Hoffmanns 1840 gegründeter geselligen Künstler- und Gelehrtengesellschaft „Die Tutti Frutti und ihre Bäder im Ganges“ war. Heinrich Hoffmann hat selbst nie konkrete Vorbilder für seine Anti-Helden aus dem „Struwwelpeter“ benannt. Allerdings bemerkte er in seinen Lebenserinnerungen doch zu dessen Entstehung: „So ganz aus der Luft gegriffen waren übrigens die Geschichten doch nicht, die eine oder andere war doch auf praktischem Boden gewachsen“.

pia/Beate Zekorn-von Bebenburg

Die Grabstelle von Dr. Philipp Julius von Fabricius liegt im Gewann F, Grabnummer XXII, nahe dem Mausoleum Reichbach-Lessonitz auf dem Weg zwischen dem alten und neuen Portal an der rechten Seite.

Struwwelpeter-Museum (Heinrich-Hoffmann-Museum), Schubertstraße 20, 60325 Frankfurt am Main. www.struwwelpeter-museum.de, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.