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13.06.2018

Ein neues Haus für die Auseinandersetzung mit Anne Frank

Oberbürgermeister Peter Feldmann (3.v.r.) schneidet zusammen mit (l-r) dem Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, dem Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der Kuratorin des Lernlabors, Deborah Krieg, der Zeitzeugin und Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn, dem Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Stefan Zierke und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, das Band zur Eröffnung des Anne Frank Lernlabors durch, 12. Juni 2018, © Stadt Frankfurt, Foto: Rafael Herlich
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Mit einem prominenten Festakt hat die Bildungsstätte Anne Frank das Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr.” eröffnet

(ffm) Nach einer langen Phase des Umbaus und der Neukonzeption hat die Bildungsstätte Anne Frank am 89. Geburtstag von Anne Frank, am Dienstag, 12. Juni, ihr Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr.“ neu eröffnet – im Rahmen eines großen Festakts mit knapp 160 Gästen. In der nun als Lernlabor konzipierten Dauerausstellung werden fortan wieder junge Menschen mit dem Leben und Werk Anne Franks vertraut gemacht – und, wie Direktor Meron Mendel in seiner Begrüßung betont, für Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung in der Gegenwart sensibilisiert. „Mit dem neuen Lernlabor sprechen wir alle Jugendlichen an und holen sie dort ab, wo sie stehen. Von Beginn an haben wir sie bei der Entwicklung miteinbezogen. So ist ein Lernumfeld entstanden, das Jugendliche für Themen begeistert, die von vielen bislang als ‚langweilig‘, ‚bedrückend‘ oder ‚zu schwer‘ wahrgenommen werden. Gegen Politikverdrossenheit und Resignation steht die Botschaft des Lernlabors: ‘Deine Meinung zählt!‘“

In seinem Grußwort sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann, Beiratsmitglied im Trägerverein der Bildungsstätte: „Die Frage, wie wir heute leben wollen – in Frankfurt und in Deutschland – bestimmt in diesen Tagen die Schlagzeilen. Leider ist es wieder so weit: Die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit und die Shoa wird leichthin weggewischt, aufgerechnet und relativiert. Die Stimmen derer, die einen Schlussstrich wollen und die sich nicht zuständig fühlen, werden lauter. Deswegen ist es wichtig, das Tagebuch der Anne Frank neu – immer wieder neu – zu lesen. Nicht als ein historisches Dokument.“

Schülerinnen und Schüler entdecken das neue Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank, 12. Juni 2018, © Foto: Felix Schmitt
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Nachdem am Nachmittag die erste Schulklasse das Lernlabor erkundet hatte, eröffnete am Abend Hausherr Meron Mendel offiziell das Lernlabor mit dem verheißungsvollen Titel „Anne Frank. Morgen mehr“; dieser leitet sich aus der Schlusszeile des ersten Tagebucheintrag ab, den Anne Frank im Versteck verfasste. In seiner Rede betonte Mendel den besonderen interaktiven Zugang, der klassische Exponate und Belehrung vermeidet und stattdessen auf Interaktion setzt: „In einer Zeit, in der uns immer plattere und immer aggressivere Antworten vorgesetzt werden, wollen wir Fragen zur Diskussion stellen, Widersprüche offenhalten.“ Laut Deborah Krieg, stellvertretende Direktorin und Kuratorin des Lernlabors, könne man gar nicht früh genug damit beginnen, jungen Menschen Ambiguitätstoleranz näher zu bringen, um sie gegen die vereinfachenden Parolen rechtspopulistischer Parteien und Akteure zu stärken. Krieg unterstrich den demokratischen Charakter des Lernlabor-Konzepts: „Ohne Mitmachen funktioniert hier nichts, wie in der Demokratie auch. Gesellschaft ist ja auch ein Prozess des Suchens und Ausprobierens – ein Experimentierfeld.“

Die gelungene Kombination aus Inhalten, Technik und dem frischen grafischen Look soll eine Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart schlagen. An der Medieninstallation „Lebendige Geschichten“ etwa begegnen die Besucher den acht Personen, die sich in Amsterdam zusammen versteckten. Das „Virtuelle Hinterhaus“ wiederum reproduziert die Situation im Versteck in ihrer ganzen Beklemmung: „Hier wird nicht historisiert, sondern im Gegenteil Gegenwart hergestellt“, sagte Kuratorin Deborah Krieg.

„Die Erinnerung an Anne Frank in Frankfurt und die Verbindung zu Frankfurt – das ist auch etwas, das erstritten werden musste. Denn Frankfurt hat sich mit der Erinnerung an Anne Frank schwer getan. Bis in die neunziger Jahre hatten Stadtpolitik und Stadtgesellschaft wenig Interesse an der Verbindung von Anne Frank und ihrem Geburtsort gezeigt. Ohne das bürgerschaftliche Engagement hätte sich vermutlich nichts bewegt“, merkte Oberbürgermeister Feldmann kritisch an.

Stefan Zierke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sagte: „Die inhaltliche und pädagogische Entwicklung des Lernlabors haben wir im Rahmen des Bundesprogramms ‚Demokratie leben!‘ als Modellprojekt finanziert. Modellprojekte entwickeln und erproben innovative Ansätze im Bereich der Demokratieförderung und der Präventionsarbeit. Ziel ist vor allem die Weiterentwicklung der pädagogischen Praxis in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das Lernlabor ist zweifellos ein gelungenes Beispiel für ein erfolgreiches Modellprojekt. Ich gratuliere der Bildungsstätte und wünsche mir, dass die Ansätze des Lernlabors über Frankfurt hinaus Wirkung entfalten werden.“

Den Reden schlossen sich zwei Gesprächsrunden an. Zeitzeugin und Ehrenbürgerin der Stadt Frankfurt Trude Simonsohn, die dem Haus seit seiner Gründung verbunden ist, sagte im Gespräch: „Das Lernlabor schenkt den Stimmen von Jugendlichen Gehör. Es vermittelt ihnen, dass sie etwas tun und sich wehren können, wenn Unrecht geschieht.“

Auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, war voll Lob: „Angesichts der jüngsten Angriffe auf Jüdinnen und Juden in Deutschland sind neue, innovative Ansätze in der Antisemitismusbekämpfung aktuell besonders gefordert – das Lernlabor der Bildungsstätte Anne Frank bietet genau den richtigen Ansatz: Es spricht Jugendliche auf Augenhöhe an, holt sie in ihren direkten Lebenswelten ab und stellt die Fragen, die Anne Frank in ihrem Tagebuch formuliert, wieder neu zur Debatte.“ Schuster hob besonders die innovative Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart hervor: „Die Thematisierung von Antisemitismus, Rassismus und weiteren Formen der Menschenfeindlichkeit macht das Lernlabor zu einem wegweisenden Bildungsangebot, um junge Menschen gegen Antisemitismus und gegen andere Ideologien der Ungleichwertigkeit stark zu machen. Dafür kann man der Bildungsstätte Anne Frank und ihrem Leiter Meron Mendel nur gratulieren.“

„In Zeiten, in denen Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus Konjunktur haben, stehen wir als Zivilgesellschaft zusammen, um verschiedenen Formen der Menschenfeindlichkeit entschieden entgegen zu treten“, sagte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. „Die Eröffnung des Lernlabors ist auch ein Anlass, um die langjährige erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der Bildungsstätte Anne Frank und dem Zentralrat der Muslime in Deutschland zu würdigen. Mich hat besonders beeindruckt, dass bei der Entwicklung des Lernlabors Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Perspektiven und Zugehörigkeiten, aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen und verschiedenen Gemeinden einbezogen wurden. Auf diese Weise ist es der Bildungsstätte Anne Frank gelungen, mit dem Lernlabor ein Bildungsangebot zu schaffen, dass tatsächlich alle Jugendlichen in der Migrationsgesellschaft überzeugend anspricht.“

Besonderer Dank galt den an der Entwicklung beteiligten Partnern in den Bereichen Gestaltung und Projektmanagement (Gestaltung von Orten, Exposition), Grafik (Pixelgarten) und Medienstationen/installationen (Meso): „Dank der Expertisen aus unterschiedlichen Bereichen ist das Lernlabor inhaltlich, ästhetisch und technisch auf der Höhe der Zeit“, lobte Mendel.

Das hatten am Nachmittag auch schon die Frankfurter Schüler einer neunten Klasse der IGS Eschersheim bekräftigt, die zusammen mit der Frankfurter Bildungsdezernentin Sylvia Weber das Lernlabor als offiziell erste Besucher erkunden durften. Bildungsdezernentin Weber zeigte sich besonders beeindruckt von der Station „Racist Glasses“, die sichtbar macht, wie Diskriminierung entsteht: „Vorurteile und Stereotypen gehören leider zum Alltag, wir alle tragen ab und an eine ‘Racist Glass‘ – das ist uns häufig gar nicht bewusst. Die Diskriminierungsbrille im Lernlabor ist ein geniales Mittel, um Jugendliche auf ihre eigenen Vorurteile aufmerksam zu machen und sie zu irritieren, ohne sie bloßzustellen. Das neue Lernlabor ist ein Glanzstück für die Bildungslandschaft Frankfurts und ich freue mich, dass es von heute an alle Schülerinnen und Schüler in Frankfurt besuchen können.“

Im Anschluss an den musikalischen Ausklang des Abends, der von einer Produktion des Philharmonischen Vereins der Sinti und Roma geboten wurde, konnten die Gäste das Lernlabor besichtigen. So hatten sie auch Gelegenheit, ihre Stimme bei der Kampagne „Morgen mehr?“ abzugeben, die – inspiriert von der engagierten Haltung Anne Franks – die Fragen, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll, an die Menschen in Frankfurt zurückgibt. Abstimmen kann man auch im Internet auf der Seite http://www.morgenmehr.org – oder während des großen Open House-Wochenendes am 16. und 17. Juni. „An dem Publikumswochenende sind alle Menschen herzlich dazu eingeladen, das Lernlabor auszuprobieren“, so Direktor Meron Mendel. Mit dabei sind prominente Frankfurterinnen und Frankfurter – darunter der Rapper und Musikproduzent Moses Pelham sowie die Rabbinerin Elisa Klapheck.

Eröffnungswochenende am 16./17. Juni

Zusammen mit bekannten Gesichtern das Lernlabor entdecken: Bianca Schwarz (Moderatorin bei YOU FM), Moses Pelham (Rapper und Musikproduzent), Gabriele Scherle (Pröpstin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau), Khola Maryam Hübsch (Journalistin und Publizistin), Elisa Klapheck (Rabbinerin) und Esther Schapira (Journalistin und Filmemacherin) findet das Eröffnungswochenende statt.

Zwei Wege führen ins Lernlabor: Anmeldung per E-mail an Siraad Wiedenroth unter E-Mail: swiedenroth@bs-anne-frank.de) oder den Hashtag #morgenmehr auf den Sozialen Medien nutzen und die Bildungsstätte im Post markieren. Die begrenzten Plätze gehen an die ersten 200 Personen.

Anne Frank. Morgen mehr. – Das Konzept

Im Sinne des „Morgen mehr“ setzt das neue, besonders für Gruppen von Jugendlichen konzipierte Lernlabor auf Partizipation und Teilhabe. Neben einer pädagogischen Kraft begleitet ein digitales Tool die Besucher durch die Ausstellung, hilft bei der Bedienung der Stationen und lenkt ihre Aufmerksamkeit je nach persönlichem Fokus. An die Stelle klassischer Exponate treten Interaktionen, die die Besucher mit Leben und Werk Anne Franks vertraut machen und zugleich motivieren, in einen Austausch über aktuelle Formen von Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung zu kommen.

Zum Beispiel macht an der Station Racist Glassess eine simple Brille deutlich, wie sexistische, antiziganistische, rassistische oder antisemitische Stereotype aussehen. An der Station Hate Speech werden die Besucher*innen aufgefordert, Hassrede im Netz zu erkennen und gegen sie zu intervenieren. Die im Labor gemachten Erlebnisse und getroffenen Entscheidungen werden digital gesammelt, fließen ein in die gemeinsame Auswertung am Ende des Besuchs. So soll ein Besuch mit Diskussion und Debatte abschließen, die Mitarbeiter*innen der Bildungsstätte begleiten und moderieren.

Anne Frank ist für viele Jugendliche bis heute ein Türöffner, sich mit der Geschichte des NS und mit Ideologien der Ungleichwertigkeit zu beschäftigen. In einem historischen Teil begegnen die Besucher Anne Frank und ihrem Tagebuch, sowie den acht Personen, die sich mit Anne Frank zusammen versteckt hielten, und ihren Helfer. Ein „Virtuelles Hinterhaus“ macht das Versteck in Amsterdam erfahrbar. Darüber hinaus gibt es Stationen zur populärkulturellen Rezeption von Anne Frank in Film, Literatur und Comic. Anne Frank steht im Lernlabor zwar im Zentrum, die Besucher*innen begegnen aber auch anderen Jugendlichen aus unterschiedlichen Zeiten, die jeweils unterschiedliche Formen von Ungerechtigkeit oder Unterdrückung ihrer Zeit erlebt und kommentiert haben – von der Abolitionistin Charlotte L. Forten bis zur Friedensnobelpreisträgerin Malala und Jamie Raines, der von seinem Weg vom „Mädchen“ zum „Mann“ berichtet.

So wird es möglich, Erfahrungen von Diskriminierung und Verfolgung voneinander zu trennen und in ihrer Verschiedenheit zu verstehen. Gleichzeitig soll eine spezifisch jugendliche Perspektive eröffnet werden: Junge Leute, so die Botschaft, waren immer schon betroffen von unterschiedlichen Formen gesellschaftlicher Diskriminierung, immer schon kommentieren sie Gesellschaft, mischen sich ein und sagen ihre Meinung. Dieser Zugang erleichtert es den Trainer, das Gespräch mit den jungen Besucher zu suchen, sie nach ihrer Haltung zu fragen und ihnen glaubhaft zu vermitteln: ‚Deine Meinung zählt!‘ Anmeldung unter http://www.bs-anne-frank.de/morgenmehr .

Morgen mehr? – Die Kampagne

Begleitet wird die Ausstellung von einer mit der Werbeagentur Publicis Pixelpark entwickelten Medienkampagne, die von einer Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk und der VGF getragen wird: Die Frage „Morgen mehr?“ ist auf zahlreichen Plakatwänden in der Frankfurter Innenstadt und auch auf den Fahrscheinautomaten des öffentlichen Nahverkehrs zu sehen. Darunter zeigen fröhliche Comic-Figuren aus der Feder des Hamburger Illustrators Sebastian Iwohn Situationen, mit denen Werte wie Offenheit, Engagement und Mitmenschlichkeit symbolisiert werden: Menschen mit Behinderung beim gemeinsamen Sport, ein schwules Paar, eine Demo. Stets werden die Betrachter*innen dabei persönlich angesprochen: „Du entscheidest, wie frei unsere Stadt sein soll“ und „Du entscheidest, wie gleichberechtigt unsere Stadt sein soll“ sind nur zwei der Slogans, die von der engagierten Haltung Anne Franks inspiriert sind. Menschen in Frankfurt wird deutlich gemacht, dass sie mitbestimmen können, wie unsere Stadt sich entwickelt.