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Neumann, Helene und Richard

Helene Neumann

und ihre Kinder Gega, Richard, Annemie und Elisabeth Neumann (v.l.n.r.)

Helene Neumann war verheiratet mit dem Justizrat Dr. jur. Paul Neumann (Jg. 1858). Bei der Eheschließung ließen sich beide taufen und gehörten von da an der evangelisch-reformierten Kirche an. Sie wohnten im eigenen Haus Grüneburgweg 103/Erdgeschoss. Sein Büro hatte Paul Neumann in der Bockenheimer Anlage 50. Sie hatten neben Richard noch die drei Töchter Elisabeth Neumann, geb. 19.4.1900, Annemarie (Annemie), geb. 6.8.1902, und Gertrud (Gega), geb. 2.3.1905.

Auch wenn die Neumanns vom Judentum zum Christentum übergetreten waren, galten sie für die Nationalsozialisten als „Juden“. Unter dem Druck der Verhältnisse verkauften sie 1935 das Haus und zogen in das Diakonissenheim Bethesda in der Körnerwiese 6. Das Haus in der Körnerwiese gehörte der Diakonissenanstalt Bethesda und wurde als Alten- und Pflegeheim geführt. Wahrscheinlich handelte es sich um die Neumanns, die dort zu dieser Zeit als namentlich nicht mehr bekanntes „nichtarisches pflegebedürftiges Ehepaar“ untergebracht war und ausziehen musste, weil die NS-Behörden drohten, der Einrichtung sonst den Status der Gemeinnützigkeit zu entziehen, wodurch sie steuerpflichtig geworden wäre.

Im November 1938 zogen die Neumanns in die Pension „Hirschfeld“ in der Myliusstraße 40. Die Pension wurde von den Eltern Mile Braachs geführt. Paul Neumann starb dort Ende 1939 „einen friedlichen Tod“. Im September 1941 musste die Pension zugunsten eines NSV-Kindergartens aufgegeben werden. Mile Braach zitiert die Erinnerungen ihrer Mutter, die beschreibt, wie die neun Pensionäre am letzten Tag vor dem erzwungenen Auszug noch eine kleine gemeinsame Andacht abhielten: „Juden und Christen – Evangelische und Katholiken – saßen friedlich zusammen und Lisbeth (gemeint ist Elisabeth Neumann) machte ihre Sache so schön und taktvoll, dass keiner sich verletzt fühlen konnte. Am Abend hatten wir dann noch eine sehr schöne Abschiedsfeier und Dr. Ascher hielt eine ganz wunderbare Rede (...) So nahmen wir Abschied voneinander und unsere Wege trennten sich.“

Helene Neumann zog mit ihrem Sohn und wahrscheinlich auch der Tochter Elisabeth in die Beethovenstraße 21 (sog. Judenhaus). In dem Haus Beethovenstraße 21 wohnten sie zusammen mit ihren beiden Cousinen, der Witwe Ella Ottilie Marckwald, geb. Hirschhorn (Jg. 1874), und der ledigen Marie Nanny Hirschhorn (Jg. 1876), beide Töchter von Ottilie Hirschhorn, geb. Dondorf, und Emil Sigismund Hirschhorn. Diese Cousinen wurden nach der Deportation ihrer Verwandten gezwungen, in ein Zimmer im Erdgeschoss des Hauses Gaußstraße 14 umzuziehen. Dort gingen die beiden Schwestern angesichts ihrer für den 15. September 1942 angekündigten Deportation am 12. bzw. 13. September 1942 gemeinsam in den Tod.

Die beiden Töchter Gertrud und Annemarie waren bereits 1933 nach Israel beziehungsweise 1936 in die USA emigriert. Elisabeth Neumann war von 1925 bis 1939 Gemeindeschwester der reformierten Gemeinde, wo sie wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen wurde. Ab Mai 1941 war sie zur Arbeit in der Druckerei Osterrieth dienstverpflichtet, im März 1942 erhielt sie Geldsendungen an die Mutter und den Bruder mit Vermerk „Empfänger gestorben“ zurück. Sie konnte sich im Mai 1942 der bereits anberaumten Deportation entziehen und am 23. 5. 1942 über die Schweizer Grenze entkommen. Von 1946 bis 1963 war sie erneut Gemeindeschwester der reformierten Gemeinde und starb am 31. 8. 1988.

Personen
Helene Neumann, geb. Dondorf
Geburtsdatum:3.7.1876
Deportation:19.10.1941 nach Lodz
Todesdatum:22.1.1942
Richard Neumann
Geburtsdatum:28.6.1901
Deportation:19.10.1941 nach Lodz
Todesdatum:14.1.1942

Quelle

Mile Braach, Rückblende, Erinnerungen einer Neunzigjährigen, Frankfurt 2002; Archiv von Bethesda, Wuppertal
Foto: privat