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Was geschah von Oktober bis Dezember?

1. Oktober: Eröffnung der ersten linken Buchhandlung der BRD

Neben der Opernruine vereinigt das libresso Bücher mit Espresso und wird Szenepunkt der Neuen Linken. In diesem Kontext versteht sich die Buchhandlung als Teil von APO und Studentenbewegung. Hier soll politische Literatur umfassend und kontrovers präsentiert und zugänglich gemacht werden. Mit ihrer Initiative fördern sie die Verbreitung des wissenschaftlichen Sozialismus, dessen revolutionär anmutende Schriften zu Zeiten des Kalten Krieges sonst an keinem Ort zu finden sind. Tatsächlich werden im libresso politisch heiße literarische Eisen geschmiedet: Zwischen den Beinen der Kunden werden Raubdrucke gepackt und bundesweit versandt. Mit dem Scheitern der links-revolutionären Visionen schließt die Buchhandlung 1979 ihre Türen.

8. Oktober: Einführung von Schutzhelmen bei der Polizei Frankfurt

Aufgrund der sich durch das gesamte Jahr 1968 ziehenden gewalttätigen Demonstrationen erhält die Polizei Frankfurt 1800 Schutzhelme aus Plastik mit Gesichtsschild und Nackenschutz.

14. Oktober: Kaufhausbrand-Prozess

Wegen gefährlicher Brandstiftung in den beiden Kaufhäusern Schneider und Kaufhof am 3. April müssen sich die vier Angeklagten Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein vor der Vierten Großen Strafkammer verantworten. Vertreten werden sie durch ihre Wahlverteidiger Otto Schily, Horst Mahler, Klaus Eschen und Ernst Heinitz. Gemeinsam mit ihren im Saal anwesenden Sympathisanten gestalten sie die Gerichtsverhandlung zu einem Happening, indem sie permanent versuchen, das Gericht und seine juristischen Vertreter lächerlich zu machen.

Um Andreas Baader und Gudrun Ensslin gründet sich 1970 die RAF, die als links- terroristische Vereinigung vermeintlich die Forderungen der 68er-Bewegung durch das Konzept Stadtguerilla in die Praxis umsetzt und der Bundesrepublik Deutschland den Krieg erklärt.

30. Oktober: Prozessende zu Anti-Springer-Demonstrationen

Die beiden Angeklagten werden vor dem Jugendschöffengericht freigesprochen.

31. Oktober: Urteilsverkündung im Kaufhausbrand-Prozess

Als Landgerichtsdirektor Zoebe der Brandstiftung jeglichen Zusammenhang mit der Studentenbewegung und der APO aberkennt, brechen heftige Tumulte aus. Der Saal wird nach der Urteilsverkündung geräumt. Das Urteil über jeweils drei Jahre Zuchthaus nehmen die Angeklagten mit brennender Zigarette im Mund entgegen. Die Befreiung Andreas Baaders am 14. Mai 1970 aus dem Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin durch eine Gruppe um Ulrike Meinhof gilt als Geburtsstunde der RAF, die mit ihren politischen Aktionen die 1970er Jahre prägen werden.

12. November: Demonstration für geschlechtsspezifische Gerechtigkeit

Bei einer Magistratsversammlung anlässlich des Jubiläums zu 50 Jahren Frauenwahlrecht besetzen Vertreterinnen der neuen feministischen Frauenbewegung das Rednerpult und entreißen Oberbürgermeister Willi Brundert das Mikrofon. Sie demonstrieren hierin ihre Empörung über die noch immer nicht gewährleistete Gleichstellung von Frauen im politischen wie gesellschaftlichen Bereich.

Seit Oktober erinnert die Veranstaltung „Frauen in unserer Zeit – 50 Jahre Wahlrecht der Frauen“ an die Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts 1918.

14. November: Protest gegen Einzug der NPD in die Stadtverordnetenversammlung

Während der konstituierenden Sitzung der neu gewählten Frankfurter Stadtverordnetenversammlung protestieren Anhänger der „Demokratischen Aktion Hessen“ – ein am 25. September gegründeter Zusammenschluss von Gewerkschaften, Professoren, SPD- und FDP-Politikern – gegen den Einzug der rechtsextremen Partei. Im In- wie Ausland wird mit deren politischer Präsenz der (Wieder-)Anstieg eines organisierten Rechtsextremismus in Deutschland befürchtet.

15. November: Schadensersatzprozess der Societätsdruckerei

Vor der Zweiten Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt müssen sich Vertreter des SDS verantworten. Die Druckerei stellt wegen den durch die Anti-Springer-Demonstrationen an den Ostertagen entstandenen Schäden eine Forderung von 71.540,59 DM.

18. Dezember: starkes Polizeiaufgebot besetzt am frühen Morgen das Institut für Sozialforschung

Zu diesem Zeitpunkt halten sich keine StudentInnen mehr im Gebäude auf.
Die Polizeiaktion kommt wohl als Reaktion auf die studentische Besetzung des Seminargebäudes Myliusstraße 30 am 9. Dezember zustande. Am 17. Dezember wird ein Aushang von Theodor W. Adorno, Ludwig von Friedeburg, Jürgen Habermas und Alexander Mitscherlich angebracht: „Wir fordern ein letztes Mal unsere Studenten auf, das Haus Myliusstraße 30 unverzüglich zu räumen.“

19. Dezember: Beschluss zur Streikfortsetzung nach der Weihnachtspause

Nachdem am 16. Dezember die Verschiebung der Wahl zum Studentenparlament ins nächste Jahr festgesetzt wird, beschließen 1000 Studenten eine Fortsetzung des „aktiven Streiks“ nach der Weihnachtspause. Sie drohen auch mit der kompletten Lahmlegung der Universität, sollte es zu weiteren Polizeiaktionen kommen.

31. Januar 1969: Studentisches Hausverbot durch Institutsdirektor Theodor W. Adorno

Die Auseinandersetzungen zwischen Studenten und IfS ziehen sich bis ins nächste Jahr hinein und finden am 31. 1. ihren Höhepunkt. Gegen 76 Studenten, die in das Institut für Sozialforschung eindringen und von der Polizei festgenommen werden, erstatten die Direktoren des Instituts Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Der Rädelsführer Hans-Jürgen Krahl kommt in Untersuchungshaft. Insbesondere in der Gerichtsverhandlung gegen ihn zeigt sich in den folgenden Monaten der entstandene Disput zwischen Theoretikern und Praktikern der Frankfurter Schule. Die Gesellschaftsanalytiker um Adorno, sind mit ihrer Kritischen Theorie sozusagen indirekte Wegbereiter der studentischen Proteste. Die Aktionen ihrer „Schüler“, die sich bald gegen die Professoren selbst richten gehen den Intellektuellen jedoch zu weit. Die Studenten der 68er-Bewegung wollen die Gesellschaft nicht nur analysieren, sondern verändern. Ihr jugendlicher Aktionismus stößt bei ihren Mentoren auf Vorbehalte und Ablehnung.