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Was geschah von April bis Juni?

April: Einzug der „Mutter antiautoritärer Kinderläden“

Mit Monika Seiferts Kinderschule eröffnet hier eine Einrichtung sozialpädagogischer Kindererziehung. Ebenso begrenzt wie das rauminterne Mobiliar, sind auch die erzieherischen Verbote. Statt klischeevermittelndem Spielzeug setzen Kinderläden auf freies Spielen. Für die Kinder heißt das: Mit Schuhen aufs Sofa? Auf Matratzen hopsen? An Wände kritzeln? Alles erlaubt…

Bereits 1967 hatte die sogenannte Kinderladenbewegung ihren Ursprung in Bockenheim gefunden, wo Monika Seifert die erste Kinderschule Deutschlands initiierte. Unter maßgeblichem Anstoß der zweiten deutschen Frauenbewegung greift sie das schlecht ausgebaute System öffentlicher Kinderbetreuung auf. Einerseits sucht man dessen unterstützenden Wirkung auf das traditionelle Rollenbild einer mütterlichen Hausfrau entgegenzuwirken. Andererseits geht es maßgeblich auch um eine Neuausrichtung der Kindererziehung. Neben die weibliche Emanzipationsbestrebung tritt innerhalb der Kinderladenbewegung die weibliche Initiative für einen gesellschaftlich-antiautoritären Prinzipienwandel mit dem Anspruch auf eine innere Selbständigkeit von Kindern. Offen wird eine Abkehr vom autoritären Erziehungswesen der Schlagstock- und Prügelstrafen-Generation gefordert und eine Erziehung zur Kritikfähigkeit angestrebt.

3. April: Kaufhausbrand

In der Nacht brennen zwei Etagen des Frankfurter Traditions-Kaufhauses Schneider, sowie eine Abteilung des Kaufhofs wenige Häuser weiter westlich. Durch die Kaufhaus-Brandstiftung entsteht ein Sachschaden von über 2 Mio. DM.

Eine anonyme Anruferin kündigt die Tat beim Frankfurter Büro der dpa schon vor Auslösen der Brandsätze als „politischen Racheakt“ an. Die Verantwortlichen der Tat werden später proklamieren, dass sich der Kaufhausbrand gegen die westliche Konsumwelt als Ausprägung des Kapitalismus richte und Ausdruck des Protests gegen den aus dem kapitalistischen System verursachten Vietnamkrieg sei. Eine Belohnung von 50.000 Mark soll zur raschen Ergreifung der Brandstifter führen. Tatsächlich werden bereits einen Tag später die Verdächtigen Andreas Baader, Thorwald Proll, Horst Söhnlein und Gudrun Ensslin verhaftet.

6. April: Schweigemarsch anlässlich der Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968

Der Zug von 1000 jungen Christen beider Konfessionen durch die Innenstadt endet mit einer Kundgebung auf dem Römerberg. Das Gedenken an den amerikanischen Friedens-Nobelpreisträger wird mit einem Protest gegen den Krieg in Vietnam verbunden.


12. April: Anti-Springer-Demonstration

Ausgelöst wird sie durch das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April. Der SDS beschuldigt neben der Politik die Springer-Presse, alle Oppositionellen zu Freiwild gemacht zu haben. Auch die 2000 Demonstranten in Frankfurt sehen in der Bild-Zeitung den eigentlichen Urheber für den antioppositionellen Fanatismus des Attentäters. Bei dem Versuch die Auslieferung des Blattes zu verhindern liefern sie sich Straßenschlachten mit der Polizei. Drei Tage später setzen am Ostermontag bundesweit tausende Studenten und Angehörige der Außerparlamentarischen Opposition ihre Protestaktionen gegen das Dutschke-Attentat fort und liefern sich auch in der Mainmetropole erneute schwere Straßenschlachten mit der Polizei.

Mai: Einzug des 2. Frankfurter Headshops

Mit der Eröffnung von „Heidi loves you“ knüpft Paul-Gerhard Hübsch, alias Hadayatullah Hübsch, an die Headshop-Bewegung an und lässt „Love, Peace and Flower-Power“ für kurze Zeit in die Bockenheimer Landstraße ziehen. Nach einer Razzia muss die Lokalität am 20. September jedoch ihre Türen wieder schließen. Die Beamten finden geringe Mengen Haschisch und eine Wasserpfeife, 35 Personen werden vorübergehend festgenommen. Offiziell wird die Schließung mit konzessionslosem Alkoholausschank und „unzureichend“ gepflegten sanitären Einrichtungen begründet.

15. Mai: Lahmlegung des Universitätsbetriebs

Rund 2000 Schüler, zahlreiche Gewerkschaften und Belegschaften von Verlagen und Betriebsdelegationen unterstützen den von SDS ausgerufenen Streik als Protest gegen die Notstandsgesetzgebung. Mindestens 20 Frankfurter Betriebe stehen schließlich unter Warnstreik. Der Universitätsstreik wird nach zwei Tagen schließlich beendet.

24. Mai: Schließung der Universität durch Universitätsleitung bis 1. Juni

© Institut für Stadtgeschichte, Foto: Hans Rempfer (Ausschnitt)
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27. Mai: Proklamation der „Gegenuniversität“

Der Schriftzug „Johann-Wolfgang-Goethe-Universität” am Hauptgebäude wird von den Studenten mit „Karl Marx Universität” überklebt. Am Portal der Uni prangt ein Porträt von Karl Marx, die Räume des Rektorats werden besetzt, seine Bar geplündert und die Amtskette entwendet. Sie taucht nie wieder auf. Zwar kommt es nachfolgend zu einer organisatorischen Umgestaltung des Universitätsbetriebes, nicht jedoch zu einer Reform von Lehrinhalten und –formen, was die studentischen Proteste der Jahre 1968 und 1969 weiter belebt. Erst das Hessische Universitätsgesetz vom 12. Mai 1970 bringt nachhaltige Veränderungen in den Entscheidungsstrukturen der Universität und die Studierenden erhalten ein direktes Mitbestimmungsrecht.

27. Mai: Demonstration gegen die Notstandsgesetzgebung

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen protestiert mit 12.000 Teilnehmern gegen eine befürchtete Entdemokratisierung der Bundesrepublik durch die Einführung einer von der Regierung angedachten Notstandsverfassung.

28. Mai: Aufruf zum Widerstand

Ein Kreis von Intellektuellen versucht vor Mikrofonen und Fernsehkameras des hr Widerstand gegen die Notstandsgesetzgebung und deren drohende Anwendung zu mobilisieren. Die im Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks zusammengekommenen bekannten Künstler, Schriftsteller und Professoren – unter ihnen der Frankfurter Professor Theodor W. Adorno, der Schriftsteller Heinrich Böll, Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein und der Philosoph Ernst Block – zählten zum Aktionskomitee „Demokratie im Notstand“. Wie auch die universitäre Bewegung maßgeblich auf dem moralischen Wiederaufbau der bundesdeutschen Wissenschaftskultur durch soziologische und philosophische Kreise fußt, sind es jene intellektuellen Köpfe, die sich öffentliches Gehör verschaffen und die an gesellschaftlichem Einfluss gewinnenden Medien zu einem sozial-kritischen Aufruf nutzen.
Als Polizisten zwei Tage später die von Studenten besetzte Goethe-Universität räumen, postieren sie auch in der Bettinaschule Einsatzkräfte. Die Schule wird durch das politisch motivierte Demonstrationsverhalten der Schüler von Seiten der Justiz als Aktionszentrum von Schülerprotesten wahrgenommen und somit als Ort soziopolitischer Unruhe auch polizeilich ins Visier genommen.

30. Mai: Studentische Verkehrsblockade als Reaktion auf Polizeibesetzung

14. Juni: Urteilsverkündung im 3. Frankfurter Auschwitz Prozess

Die beiden Angeklagten werden wegen Tötung von Häftlingen durch Misshandlung, Ertränken, Erwürgen, Erschlagen und Tottreten zu jeweils lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Seit Prozessbeginn am 30. August 1967 sind 130 Zeugen verhört worden. Der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte begann bereits am 20. Dezember 1963 im Saal der Stadtverordnetenversammlung des Rathauses und siedelte 1964 in das neuerbaute Bürgerhaus Gallus um. Fast 20 Jahre hat es gedauert, bis nach Kriegsende zunächst 22 Täter des NS-Regimes im ersten Frankfurter Auschwitz Prozess vor Gericht gezogen werden. Die Beweisaufnahme ist maßgeblich durch die 340 Zeugenaussagen geprägt.

1965 und 1966 folgt mit drei Angeklagten und 140 Zeugen der zweite Auschwitzprozess in der Stadt. Insgesamt wird in den drei Prozessen über 25 Angeklagte verhandelt. Wegen Mordes in zwischen 5 bis mindestens 475 Fällen werden 7 Angeklagte zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt; 10 Angeklagte erhalten wegen „gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord“ in jeweils mehreren Fällen Zuchthausstrafen zwischen 14 Jahren und 3 Jahren und 3 Monaten. Sie kennzeichnen eine der wichtigsten Phasen der (juristischen) Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Auch die 68er Bewegung greift die immer noch mangelnde Bereitschaft zum Ausbau der Erinnerungskultur auf. Es wird jedoch nicht nur eine erinnerungskulturelle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gefordert, sondern auch die (gesellschaftliche) Verurteilung der ehemaligen NS-Elite, die nach Kriegsende kritiklos wieder ins gesellschaftliche und politische Leben aufgenommen worden war.