KA 28 vom 27.11.2012 Der sozio-ökonomische Einfluss auf die Bildung

KA 28 vom 27.11.2012 Der sozio-ökonomische Einfluss auf die Bildung

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KAV 2012 Anregungen und Anfragen

KA 28 vom 27.11.2012 Der sozio-ökonomische Einfluss auf die Bildung

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© Stadt Frankfurt Main

Frankfurt a. M., 27.11.2012

 

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 20. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 26.11.2012 wird der Magistrat gebeten, die nachfolgenden Fragen zu beantworten:

 

1. Welche Maßnahmen werden gegen einen sich häufig negativ auswirkenden Einfluss der sozio-ökonomischen Situation der Schüler/-innen auf den Bildungserfolg in die Wege geleitet?

 

2. Was wird in diesem Zusammenhang gegen die Benachteiligung von Migrant/-innen unternommen?

 

3. Inwieweit werden die bei dem OECD- Bildungsbericht „Bildung auf einen Blick 2012“ festgestellten Defizite bei der Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung berücksichtigt?

 

Begründung:

Laut dem jüngsten OECD- Bildungsbericht „Bildung auf einen Blick 2012“ entscheidet die sozio-ökonomische Situation in Deutschlands Schulen über den Schulerfolg eines Kindes. „Arbeiterkinder haben selten Chancen aufzusteigen. Sie bleiben oft hinter dem Bildungsniveau ihrer Eltern zurück.“

Das betrifft überdurchschnittlich häufiger die Jugendlichen mit Migrationshintergrund als die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.Bei sinkenden Ausgaben für Bildung, festgestellt bereits in der Studie 2011, belegte Deutschland den 30. Platz unter 36 Staaten. Unter diesen Umständen ist an eine Verbesserung der Situation nicht zu denken. Unser Bildungssystem ist nicht in der Lage, den Bildungsaufstieg von einer Generation zur nächsten zu ermöglichen. Dass nur 20 Prozent der jungen Generation einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern schaffen, verwundert deshalb nicht. In anderen vergleichbaren Ländern ist diese Quote fast doppelt so hoch.

Rückblickend müssen wir feststellen, dass sich auch nach 11 Jahren PISA-Studie in unserem Land wenig verändert hat. Die Bildungsbenachteiligung der sozial Schwachen ist immer noch vorhanden. Das lässt uns mit großen Sorgen in die Zukunft blicken.

Der Zustand unseres Bildungssystems trägt zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft bei und gefährdet unsere Zukunft.

 

Anlage

 

gez. Sertac Cetiner

(stellv. Vorsitzender der KAV)

Stellungnahme des Dez. IV –Bildung und Frauen-

Amt/Betrieb: - 40.52.3 Stadtschulamt -

Frankfurt a. M., 20.02.2013

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 08.03.2013 zur Kenntnis genommen.

 

Ein zentrales Anliegen des Magistrats ist es, mit seinen Angeboten das Gelingen von Bildungskarrieren mit vielfältigen städtischen Angeboten zu unterstützen und dadurch insbesondere Benachteiligungen abzubauen, die im Zusammenhang mit der sozio-ökonomischen Situation von Kindern und Jugendlichen stehen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund führt dieser Zusammenhang noch immer viel zu oft zum Misslingen von schulischen Karrieren.

 

Dies setzt bereits vor der Schule an. Es gibt ein stadtweit gutes und differenziertes Angebot an Kindertagesbetreuung für Kinder aller Altersgruppen. Dort werden Kinder verschiedenster sozialer, kultureller und sprachlicher Herkunft gefördert. Beispielhaft sind die Maßnahmen in Kitas zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Familien „in besonderen Problemlagen“ sowie das Angebot der (derzeit zehn) Kinder- und Familienzentren benannt. Das Qualifizierungsprojekt „Wortstark“, das sich nunmehr in der dritten Durchführungsphase befindet, legt ein besonderes Augenmerk auf die Sprachförderung der Kitakinder. Um diese vor der Schule begonnenen Bildungsprozesse zu sichern, müssen die Übergänge vom Kindergarten in die Grundschule für alle Kinder gleichermaßen gut gelingen. Hierzu wird ab März 2013 ein entsprechendes Pilotprojekt „Gelingende Übergänge vom Kindergarten in die Grundschule“ in zwei Frankfurter Modellregionen starten, das an die Ergebnisse des Bundesprojekts „Lernen vor Ort“ anknüpft.

 

Der Magistrat zielt mit seinen Angeboten der Jugendhilfe und der sozialpädagogischen Förderung in Schulen auf die Erhöhung von Bildungsbeteiligung von Kindern und Jugendlichen. Er begleitet und entwickelt Jugendhilfeprojekte in Schulen im Rahmen von drei Förderprogrammen. Hierzu zählen „Sternpiloten – Frankfurter Lerngruppen“ an Grundschulen und die Programme „Jugendhilfe in der Schule“ und „Projekte der Beruflichen Orientierung“ in Schulen mit den Bildungsgängen Hauptschule, Realschule und Förderschulen. Die geförderten Projekte sind kontinuierliche Angebote der Jugendhilfe am Ort Schule und werden von anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe durchgeführt.

 

Die Sternpiloten - Frankfurter Lerngruppen sind ein Kleingruppenangebot in der Grundschule. Ziele sind die Entwicklung und Förderung von personalen und sozialen Kompetenzen, der Sprachkompetenz und der Fähigkeit, mit den alltäglichen Anforderungen schulischen Lernens angemessen umzugehen. Das Projekt ist an 47 allgemeinbildenden Schulen installiert.

 

An den 25 allgemeinbildenden Frankfurter Schulen, die den Hauptschulabschluss ermöglichen und an sechs Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen wurden Jugendhilfeprojekte eingerichtet. Das Angebot wird derzeit aus Mitteln des Bildungs- und Teilhabepaketes auf die Zielgruppe Realschüler/innen ausgeweitet. Sozialpädagogische Fachkräfte sind kontinuierlich am Ort Schule tätig und arbeiten mit den Lehrerinnen und Lehrern auf einer verbindlich vereinbarten und gleichberechtigten Basis zusammen. Das Angebot zielt auf die Stärkung der Lebens- und Handlungskompetenz benachteiligter Schülerinnen und Schüler, auf die Gewährleistung der Bildungsbeteiligung und bringt jugendhilfespezifische Ziele, Ansätze und Methoden ein.

 

Der Magistrat fördert darüber hinaus die berufliche Orientierung an Schulen mit dem Ziel der Entwicklung der biografischen Selbstkompetenz der Schülerinnen und Schüler, sowie der Ausbildungsreife und der Persönlichkeit. Die Förderung erfolgt als Auftragsbestandteil der Jugendhilfe in der Schule, im Rahmen der Kompetenzerfassung und -entwicklung, sowie darüber hinaus in den Programmen SchuB - Schule und Betrieb, Frankfurter Hauptschulprojekt und Praxisorientierte Hauptschule.

 

Eine gesetzliche Grundlage für Jugendhilfeangebote in Schulen ist §13.1 des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz). Die Jugendhilfeangebote zielen damit ausdrücklich auf den Ausgleich individueller und sozialer Benachteiligung und Beeinträchtigung. Die Angebote sind darüber hinaus den „Leitlinien für die interkulturelle Orientierung und Kompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe für die Stadt Frankfurt“ verpflichtet. Darin heißt es: „Ziel und Aufgabe der Jugendhilfe ist es, allen Kindern und Jugendlichen unabhängig von Geschlecht, sozialer Herkunft und kultureller Identität die gleichberechtigte Teilnahme an den Angeboten der Jugendhilfe zu ermöglichen. […] Die Arbeit der Träger der Jugendhilfe in den von ihnen durchgeführten Angeboten und Maßnahmen erfolgt mit allen Zielgruppen auf der Grundlage der hier formulierten Ziele, insbesondere hinsichtlich der Grundsätze von Integration und Partizipation sowie der Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus.“

 

Die durch den Magistrat geförderten Jugendhilfeangebote in Schulen können auf diese Weise junge Menschen und ihre Familien unterstützen, Bildungsbiografien stabilisieren, Übergänge erleichtern und somit die inklusive Wirkung der Schule stärken.

 

Stellungnahme - Landesschulamt und Lehrkräfteakademie -

 

Ausgewählte Arbeitsschwerpunkte in der Lehrerausbildung zu den schulpädagogischen Aufgaben-und Handlungsfeldern Interkulturalität/interkulturelle Öffnung von Schulen, Inklusion und soziale Ungleichheit/Bildungsbenachteiligung

 

Einführung

In der gegenwärtigen gesellschafts- und bildungspolitischen Diskussion über konstruktive Formen des Umgangs mit kultureller und sozialer Heterogenität kommt dem schulischen Sozialisationsprozess eine besondere Bedeutung zu, zum einen, weil hier kulturelles Wissen weitergegeben und interkulturelle Kommunikationskompetenz vermittelt wird, zum anderen, weil die Schulsituation selbst eine interkulturelle ist.

Die Lernangebote zur interkulturellen Bildung im Rahmen der Lehrerausbildung in Frankfurt am Main setzen sich zum Ziel, die Schlüsselqualifikation ‚interkulturelle Kompetenz‘ in der Lehrerausbildung als wesentliches Moment der professionellen Entwicklung von Lehrerinnen und Lehrern zu fördern.In der Ausbildung der angehenden Lehrerinnen und Lehrer geht es einmal darum, praxisorientierte Angebote für schulisches interkulturelles Lernen kennenzulernen: Die Bedeutung außerschulischer Lernorte für die interkulturelle Bildung, Modelle für einen konstruktiven Umgang mit Mehrsprachigkeit in der Schule oder die gemeinsame Entwicklung von Unterrichtsmaterialien für den interkulturellen Fachunterricht.

Gleichzeitig stehen die selbstreflexiven Annäherungen der Lehrerinnen und Lehrer an die eigenen subjektiven Vorstellungen von Kultur, von kultureller Identität und kulturellen Zuschreibungen im Mittelpunkt. Ein kompetenter Umgang mit kultureller und sozialer Heterogenität in der Einwanderungsgesellschaft schließt ebenso ein pädagogisches Nachdenken über gesellschaftliche Benachteiligung und individuelle und institutionelle Formen der Diskriminierung ein sowie die Reflexion alltäglicher und oft subtiler Spielarten von Ausgrenzung und Rassismus im gesellschaftlichen und schulischen Alltag. Diese fachlichen und normativen Anforderungen an schulische Bildung liegen den im Folgenden skizzierten Lernangeboten der Lehrerausbildung zugrunde.

 

Angebote im Rahmen des Vorbereitungsdienstes/ 2. Phase der Lehrerausbildung

 

Interkulturelle Bildung am Studienseminar GHRF (zertifiziertes Kompetenzzentrum für interkulturelle Bildung)

 

  • Seminarentwicklung und Profilbildung in der Lehrerbildung: 'Interkultureller Lernort Frankfurt am Main': In handlungs- und anwendungsorientierten Lernumgebungen und auf der Grundlage komplexer situierter Aufgabenformate sollen die Lehrkräfte in der Ausbildung wissenschaftlich fundierte Praxis- und Reflexionskompetenz im schulischen Handlungsfeld 'interkulturelles Lernen' entwickeln.
  • 'Vom multikulturellen Klassenzimmer ins multikulturelle Lehrerzimmer' – Bildungsbiografien und professionelles Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern in der Einwanderungsgesellschaft – Frankfurter Netzwerk für Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund.

 

  • Interkulturelle Öffnung von Schulen – Fachforen zur unterrichtspraktischen interkulturellen Bildung an Frankfurter Schulen zu folgenden Themenstellungen :

 

  • Interkulturelle Elternarbeit: Konzeptionelle Grundlagen und Praxistipps
  • Mehrsprachigkeit in der Schule als Herausforderung und Chance
  • Interkulturelle Kompetenz als Chance – Interkulturell sensible Berufsberatung und berufliche Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

 

  • Die Welt im Klassenzimmer: Interkulturelle Erziehung im Fachunterricht und in Projekten
  • Flüchtlinge und ‚Sans Papiers‘ in der Bundesrepublik Deutschland – Ein Thema für die Schule?
  • Praxisgruppe ‚Ethnisierte Konflikte‘
  • Interreligiöser Dialog: Begegnung Judentum - Islam

 

Modul ‚Diversität in Lehr- und Lernprozessen nutzen

  • Schlüsselkompetenz Sprache – Durchgängige Sprachbildung in multikulturellen Lerngruppen
  • Deutsch als Zweitsprache: Didaktik und Methodik- Inklusive Unterrichtsformen an Grund- und Sekundarstufenschulen
  • Unterrichten in heterogenen Lerngruppen – Kooperation im Team
  • Pädagogische Beziehungen zwischen Inklusion und Exklusion: Konstruktiver Umgang mit Heterogenität im pädagogischen Alltag
  • Schulen mit besonderen Konzepten in Frankfurt am Main – Schulen, an denen ‚Diversity‘ gelebt und genutzt wird.

 

Module ‚Erziehen, Beraten Betreuen (EBB) und Diagnostizieren, Fördern, Beraten (DFB)

  • Individuelle Förderung und Inklusion als Rahmenkonzepts schulischen Handelns in der Einwanderungsgesellschaft

 

Fachmodul ‚Politik und Wirtschaft‘ am Studienseminar GHRF in Frankfurt am Main

  • Vielfalt entdecken, Differenz denken: Diversity Studies in der politischen Bildung und im Politikunterricht
  • Gesellschaftliche Ausschlussmechanismen und Wege zur Inklusion
  • Zur Aktualität des Konzepts der ‚gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit‘‘ (W. Heitmeyer)

 

Weitere Veranstaltungen, Foren und Fachtagungen:

Lehrerbildungsforum Politik und Wirtschaft vom 27. bis 28.10.2011 zum Thema ‚Interkulturelles Lernen in Schule und Unterricht‘ in Fuldatal

 

Klausurtagung am Studienseminar GHRF Frankfurt am Main am 22.11. 2012 zum Thema: ‚Lehrerprofessionalität interkulturell‘

 

Regionaltagung des Studienseminare für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen, des Studienseminars für Gymnasien und des Studienseminars für berufliche Schulen in Frankfurt am Main: Kooperation Ausbildungsschulen und Studienseminare am Bildungsstandort Frankfurt am Main am 05.09.2011:‚Umgang mit kultureller Vielfalt in Lehrerbildung und Schule‘

 

Kooperation ‚Xenos – Integration und Vielfalt/Landesschulamt und Lehrkräfteakademie (Laufzeit des Projektes: 2012-2015)

 

Angebote für Fachleiter und Fachleiterinnen, Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst und für Mentoren und Mentorinnen u.a. zu folgenden (schul) pädagogischen) Themenstellungen:

  • Kinderrechte in Schule und Unterricht - konzeptionelle Grundlagen und Praxisbeispiele
  • Partizipation in der Schule: Feedback-Kultur
  • Critical incidents beim Umgang mit Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus in Schule und Unterricht: Aus problematischen Vorfällen lernen
  • Pädagogische Beziehungen zwischen Inklusion und Exklusion: Respektvoller Umgang mit Heterogenität im pädagogischen Alltag 
  • Schule in der Einwanderungsgesellschaft
  • Übergänge gestalten – Schule öffnen – mit Heterogenität umgehen: Schulische Berufsorientierung als kompetenz- und anwendungsorientierter Lernprozess

 

gez. Sarah Sorge

(Stadträtin)

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