KA 1 vom 03.05.2011 Nix verstehen, Dottore! – Migranten werden falsch oder zu oft behandelt

KA 1 vom 03.05.2011 Nix verstehen, Dottore! – Migranten werden falsch oder zu oft behandelt

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KAV 2011 Anregungen und Anfragen

KA 1 vom 03.05.2011 Nix verstehen, Dottore! – Migranten werden falsch oder zu oft behandelt

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© Stadt Frankfurt Main

Frankfurt a. M., 03.05.2011

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 5. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 02.05.2011 wird der Magistrat gebeten, nachfolgende Fragen zu beantworten:

 

Liegen dem Magistrat Informationen vor:

 

1.) In wieweit bei der Ärztekammer, in Krankenhäusern und beim Amt für Gesundheit (Fachstelle „Migration und Gesundheit“) ein Sprachprogramm mit kultursensiblen Inhalten zur Fortbildung für Ärzte und Krankenpflegepersonal vorgehalten wird ?

 

2.) Muttersprachliches bzw. multilinguales, ärztliches, seelsorgerisches und krankenpflegerisches Personal in Krankenhäusern sowie Kliniken vorhanden ist ?

 

Begründung:

Der Gießener Medizinforscher, Michael Knipper sprach bei der Enquetekommission Migration und Integration am 8. April 2011 im Hessischen Landtag insbesondere über defizitäre medizinische Versorgung des Klientels mit Migrationsnachweis bzw. Hintergrund. Die Gründe hierfür seien einerseits auf die beiderseitigen sprachlichen Barrieren und andererseits die mangelhafte kultursensible Intervention des Arztes zurück zu führen. Der Gießener Internist, Herr Hans–Ulrich Klör, der Türkisch-Deutschen Gesundheitsstiftung argumentierte ebenso, dass die Kulturvermittlung und Übersetzung von „Dolmetscher/Innen mit „ärztlichem Niveau“ (Zitat: FR vom 10.04.2011, “Arzt und Patient ratlos“) unabdingbar sei.

 

gez. Enis Gülegen

(Vorsitzender der KAV)

Stellungnahme des Dez. X –Umwelt, Gesundheit und Personal-

Amt/Betrieb: 53 AL/S

Frankfurt a. M., 28.07.2011

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 29.08.2011 zur Kenntnis genommen.

 

Frankfurt am Main zeichnet sich durch eine große sprachliche und kulturelle Vielfalt aus. Die Unterschiede bedingt durch die Herkunft und die soziokulturellen Prägungen bereichern, bereiten im alltäglichen, menschlichen Miteinander manchmal aber auch Probleme. Ursache für Probleme ist in diesem Zusammenhang nicht nur die Schwierigkeit, kulturelle Aspekte im Umgang mit Migrantinnen und Migranten zu berücksichtigen, sondern häufig sind dies auch sprachliche Barrieren.

 

Die im Gesundheitssektor auftretenden Schwierigkeiten werden meist in Verbindung mit Kommunikationsproblemen genannt. Diese erschweren eine angemessene und vollständige Schilderung von Symptomen, wodurch der diagnostische Prozess erschwert wird. Schwierigkeiten bei der Kommunikation führen auch dazu, dass Migranten und Migrantinnen den Empfehlungen der Ärzte nicht nachkommen oder die Anweisungen anders oder unvollständig umsetzten, was wiederum zu einem eingeschränkten Therapiererfolg führen kann.

 

Der Magistrat teilt die Ansicht der KAV, dass die Notwendigkeit zur Identifizierung von Ursachen, die zu Problemen sowohl in der ärztlichen Behandlung als auch der Pflege führen, besteht und unterstützt die Maßnahmen zur Problemlösung.

 

Zu den Fragen 1.) und 2.):

 

Im Rahmen der Aktivitäten zum Thema „Gesundheitliche Versorgung von Migrantinnen und Migranten“ wurden bereits unterschiedlichste Maßnahmen entwickelt, die den Zugang und die gesundheitliche Versorgung verbessern sollen.

 

Ein Beispiel ist der gesundheitliche Wegweiser mit über 1.700 Adressen von Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf der Internetseite der Stadt Frankfurt (Startseite>Leben in Frankfurt> Gesundheit> Adressen> Ärzte und Psycho-therapeuten), der neben Fachgebieten, Zusatzbezeichnungen und Schwerpunkten auch die Möglichkeit bietet, Ärzte und Psychotherapeuten gezielt nach Fremdsprachkenntnissen zu wählen.

 

Beim Amt für Gesundheit wird die Teilnahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an externen Fortbildungsmaßnahmen zur interkulturellen Kompetenz unterstützt. Für besondere Leistungsbereiche wie die „Internationale Humanitäre Sprechstunde“ wird die Teilnahme an Sprachkursen (z.B. Arabisch) ermöglicht.

 

Zur Beantwortung der Fragen wurden sowohl die Landesärztekammer als auch die Frankfurter Kliniken um Stellungnahme gebeten.Die Antwort der Landesärztekammer steht noch aus und wird der KAV unaufgefordert zur Verfügung gestellt, sowie diese vorliegt.

 

Die Frankfurter Kliniken haben auf Anfrage folgendes mitgeteilt:

 

Die befragten Krankenhäuser teilen die Ansicht, dass der Therapieerfolg zu einem großen Teil von der Kommunikationssituation abhängig sind. Alle Krankenhäuser verfügen deshalb über einen Pool von Dolmetschern. Problematisch beim Einsatz von Dolmetschern ist jedoch, dass sich die Gesprächssituation durch die Anwesenheit einer fremden Person grundlegend ändert. Ist allerdings bei einem sensiblen Gespräch zwischen Arzt und Patient ein Dolmetscher aus den Reihen der Ärzte oder des Pflegepersonals anwesend, kann die Beeinträchtigung einer vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre minimal gehalten werden. Diese Beobachtung unterstützt die Forderung der KAV nach dem Einsatz von Dolmteschern aus den Reihen des Krankenhauspersonals.

 

Krankenhaus

Liegen dem Magistrat Informationen vor:

1) In wieweit bei der Ärztekammer, in Krankhäusern und beim Amt für Gesundheit (Fachstelle „Migration und Gesundheit“) ein Sprachprogramm mit kultursensiblen Inhalten zur Fortbildung für Ärzte und Krankenpflegepersonal vorhalten wird?

2) Muttersprachliches bzw. multilinguales, ärztliches, seelsorgerisches und krankenpflegerisches Personal in Krankenhäusern sowie Kliniken vorhanden ist?

 

Klinikum Frankfurt Höchst

1) Jährliche Fortbildung des Pflegepersonals – keine ärztliche Fortbildung.

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Stiftung Hospital zum heiligen Geist

1) Fortbildungen im eigenen Rahmen durch Weiterbildungscurricula.

Unterstützung durch Formulare und Merkblätter.

Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten).

 

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Angebot von Sprechstunden und Infoveranstaltungen.

 

St. Katharinen-Krankenhaus

1) Regelmäßige Fortbildungen im eigenen Rahmen.

Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten).

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Katharina-Kasper gGmbH

1) Regelmäßige Fortbildungen im eigenen Rahmen.

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Krankenhaus Sachsenhausen

1) Regelmäßige Fortbildungen im eigenen Rahmen.

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Frankfurter Rotkreuz- Krankhenhäuser

1) Fortbildungen im eigenen Rahmen durch Weiterbildungscurricula.

Unterstützung durch Formulare und Merkblätter.

Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten).

 

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

Verein Frankfurter Stiftungskrankenhäuser

1) Spezieller medizinischer Sprachführer.

Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten).

Unterstützung durch Formulare und Merkblätter.

 

2)Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität

1) Es liegen keine Sprachprogramme vor.

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik

1) Es liegen keine Sprachprogramme vor.

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim

1) Fortbildungen im eigenen Rahmen durch Weiterbildungscurricula.

Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten).

 

2) Wird abgedeckt durch Pflege- und ärztliches Personal.

 

 

Frankfurter Diakonie-Kliniken

1) Unterstützungsleistung durch Intranet (Dolmetscherlisten). Vertrag mit Sprachschule. 4x wöchentlich Sprachcafé.

2) Wird abgedeckt durch Pflege-, ärztliches und seelsorgerisches Personal.

 

gez. Dr. Manuela Rottmann

(Stadträtin)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 8. Sitzung vom 12.09.2011, Kenntnisnahme