KA 58 vom 17.08.2010 Die Situation des muttersprachlichen Unterrichtes an Frankfurter Schulen

KA 58 vom 17.08.2010 Die Situation des muttersprachlichen Unterrichtes an Frankfurter Schulen

header image

KAV 2010 Anregungen und Anfragen

KA 58 vom 17.08.2010 Die Situation des muttersprachlichen Unterrichtes an Frankfurter Schulen

logo_kav_stadtlogo_150x80
© Stadt Frankfurt Main

Frankfurt a. M., 17.08.2010

 

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 48. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 16.08.2010 wird der Magistrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

 

Die KAV beobachtet mit Sorge, dass das Interesse der Teilnahme am muttersprachlichen Unterricht schwindet. Zu dieser Entwicklung hat die seit Jahren andauernde (falsche) Politik der Landesregierungen beigetragen.

 

Vor diesem Hintergrund wird der Magistrat gebeten, bezüglich des aktuellen Zustandes des muttersprachlichen Unterrichtes an Frankfurter Schulen folgende Fragen zu beantworten:

 

1. Wie viele Schüler und Schülerinnen nehmen am muttersprachlichen Unterricht teil?(Auflistung nach Schule und Sprache/Herkunft) Sind die Noten, die für diesen Unterricht erteilt werden, versetzungsrelevant? Wenn nein, warum?

 

2. Warum findet der muttersprachliche Unterricht in der Regel nachmittags statt?

 

3. Wie groß ist das Interesse der Schüler und Schülerinnen an diesem Unterricht?

Gibt es dabei Unterschiede in Bezug auf Nationen oder Sprachen?

 

4. Wie ist das Interesse der Erziehungsberechtigten an diesem Unterricht?

Gibt es dabei Unterschiede in Bezug auf Nationen oder Sprachen?

 

5. Wer stellt die Lehrkräfte für den muttersprachlichen Unterricht? Das Kultusministerium oder die Konsulate der betreffenden Herkunftsländer?

 

6. Wie wird sich der muttersprachliche Unterricht an Frankfurter Schulen entwickeln?

 

Begründung:

Obwohl die Mehrsprachigkeit und Fremdsprachenkenntnisse in Zeiten der Globalisierung immer an Bedeutung gewinnen, werden die muttersprachlichen Kompetenzen der Migrantenkinder nicht ausreichend gewürdigt und gefördert. Die Herkunft und die Muttersprache hat für alle Migranten eine prägende Bedeutung für die Identitätsfindung, die soziokulturelle Entwicklung, den schulischen und auch den beruflichen Erfolg. Dies muss bei der Integration unbedingt mitberücksichtigt werden. Für die Persönlichkeitsentwicklung, das Selbstwertgefühl und den schulischen Erfolg ist es wichtig, die mitgebrachte sprachliche Kompetenz der Kinder und Jugendlichen wertzuschätzen – in allen Alters- und Klassenstufen.

 

Aus diesem Grund fordert die KAV, dass der muttersprachliche Unterricht an Frankfurter Schulen sowohl qualitativ als auch quantitativ, nicht ab-, sondern ausgebaut wird.

 

gez. Enis Gülegen

(Vorsitzender der KAV)

Stellungnahme des Dez. II –Bildung und Frauen-

Amt/Betrieb: 40.52.2 - Stadtschulamt -

Frankfurt a. M., 14.10.2010

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 29.10.2011 zur Kenntnis genommen.

 

Grundsätzlich ist diese Fragestellungen das Staatliche Schulamt für die Stadt Frankfurt am Main zuständig. Die Beantwortung konnte im Rahmen der Amtshilfe vorgenommen werden.

 

Zu 1

Folgende Tabelle (Tabelle 1) konnte das Staatliche Schulamt für die Stadt Frankfurt am Main zur Verfügung stellen. Diese gibt einen Überblick zu der Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler, die Unterricht in der Herkunftssprache erhalten, sowie die dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer. Zusätzlich ist im Anhang eine tabellarische Auflistung anhand der Herkunftssprachen und die entsprechenden Schulen zu finden.

 

Die Noten, die für den Unterricht in der Herkunftssprache erteilt werden, sind durch eine Gesetzesänderung seit dem Jahr 2000 nicht mehr versetzungsrelevant.

 

Aus: Sprachenatlas

Unterricht in der Herkunftssprache

Ein Baustein für die Erziehung zur Zwei- und Mehrsprachigkeit

 

Kurze Erläuterung der Rechtslage

Unterricht in der Herkunftssprache, früher „Muttersprachlicher Unterricht“ genannt und durch den Erlass von 1978 und die Verordnung von 1983 geregelt, fand bis 1997 für die Klassen 1-10 als Pflichtunterricht statt. Nach der Verankerung im Hessischen Schulgesetz (1992) und geregelt durch die „Verordnung zur Förderung migrationsbedingter Mehrsprachigkeit“ vom 11. Februar 1999 erfolgte die Förderung für die Klassen 1 bis 6 als Pflichtunterricht und ab Klasse 7 konnte im Bildungsgang der Realschule oder im gymnasialen Bildungsgang der Unterricht in der Herkunftssprache als Fach des Wahlpflichtangebots fortgesetzt werden. Der Besuch war für die Schülerinnen und Schüler verpflichtend und die Note versetzungsrelevant.

Zur Qualitätssicherung wurden in dieser Zeit für die Sprachen der Arbeitsmigranten (Arabisch, Bosnisch, Griechisch, Italienisch, Kroatisch, Portugiesisch, Spanisch, Serbisch und Türkisch) Rahmenpläne, Handreichungen, Sprachliche Qualifikationen und entsprechende Unterrichtsmaterialien entwickelt.

Gemäß Artikel 3 § 1 Nr. 4 des Ersten Gesetzes zur Qualitätssicherung in hessischen Schulen (30.Juni 1999) und durch die Verordnung über die Stufentafeln vom 19. April 2000 wurde der Herkunftssprachenunterricht als Freiwilliger Unterricht neu geregelt. Dadurch wird anstelle der Benotung nur die Teilnahme am Unterricht bestätigt.

 

Auswirkungen der Rechtslage:

Die Neuregelung führte im Laufe der Zeit dazu, dass die Teilnehmerzahl kontinuierlich zurückging und das Unterrichtsangebot jetzt nur noch von einem Drittel der Schülerschaft wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass die veränderte Rechtslage suggerieren kann, dass die Muttersprache/Herkunftssprache für die allgemeine Entwicklung des Kindes und der Heranwachsenden an Bedeutung verloren hat.

Diesem Eindruck gegenüber ist jedoch festzuhalten, dass sich ungeachtet der Form des Angebots des Unterrichts in der Herkunftssprache – ob als Pflichtunterricht oder Freiwilliger Unterricht - sich nichts an dessen grundsätzlicher sprachlich-psychologisch-pädagogischer Notwendigkeit für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ändert.

 

Zu 2:

Aus schulorganisatorischen und stundenplantechnischen Gründen findet der Unterricht in der Regel an den Randstunden oder nachmittags statt, da dem „Regelunterricht“ Vorrang gewährt wird.

Ausnahmen bilden einige Schulen in denen koordiniert mit dem Unterricht in der Herkunftssprache (KOALA - Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht) gearbeitet wird.

 

Zu 3:

Es gibt immer wieder neue Anfragen seitens der Schulen und/oder Elternschaft, denen nicht immer entsprochen werden kann (Lehrermangel und/oder Schülerzahlen mit denen nicht immer geeignete Lerngruppen gebildet werden können).

Das Interesse hat auch oft mit der schulischen Organisation des Unterrichts in der Herkunftssprache und dessen Qualität zu tun. Oft gibt es Überschneidungen mit anderen Fächern und der Nachmittagsunterricht schreckt viele ab, da der Unterricht manchmal erst nach 15.30 Uhr oder gar ab 16.00 Uhr stattfindet. Neben der Freiwilligkeit ist dies ein wesentlicher Grund für die sinkenden Zahlen in den weiterführenden Schulen.

 

Insgesamt hat das Interesse weniger mit den Nationen, sondern vielmehr mit dem Bildungsstand der Eltern zu tun.

Spanisch als Sprache bildet, prozentual gesehen, eine Sonderrolle.

 

Zu 4:

Zu dieser Frage gibt es keine Untersuchungen. Nach den Erfahrungen des Staatlichen Schulamtes für die Stadt Frankfurt am Main liegt es meist daran, wann und wie der Unterricht stattfindet. Zudem, wie schon oben erwähnt, hängt es häufig von dem Bildungsstand der Elternschaft ab.

Die veränderte Rechtslage spielt dabei ebenfalls eine wesentliche Rolle. (Siehe oben – Auswirkungen der Rechtslage)

 

Zu 5:

Aufgrund des sogenannten Auslaufmodells (ab 2000 – Einstellungsstopp) geht der Unterricht in der Herkunftssprache verstärkt in die Verantwortung der Konsulate über. (Siehe obige Statistik zu Frage 1).

 

Zu 6:

Durch den vermehrten Einsatz von Lehrkräften aus den Herkunftsländern, wird sich die Qualität des Unterrichts von Sprache zu Sprache sehr unterscheiden. Das Schulsystem in den unterschiedlichen Herkunftsländern wird eine gewisse Prägung für den Unterricht mit sich bringen.

Wichtiger aber wird sein, dass es sich um Lehrkräfte handeln wird, die nicht in der Lage sein werden, die Situation der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund einzuschätzen. Die Sprachbarrieren der „Konsulatslehrkräfte“ werden größer sein als die der bisherigen „Landeslehrkräfte“. Auf der didaktisch-methodischen Ebene wird es enorme Differenzen geben.

Trotz Einführungs- und Fortbildungsseminaren, die für die „Konsulatslehrkräfte“ angeboten werden, wird diese Kluft (sprachliche und didaktisch-methodisch) im besten Falle gegen Ende deren Dienstzeit aufgehoben. Nach höchstens fünf Dienstjahren werden die Lehrkräfte wieder in ihre Heimatländer zurückkehren und das Rotationsprinzip wird die Probleme erneut mit sich bringen. Das bisher mit großer Mühe aufgebaute integrativ-kooperative Arbeiten der HSU-Lehrkräfte mit ihren deutschen KollegInnen (z.B. KOALA-Schulen) kann so nicht mehr weiter geführt werden.

Wenn die Lehrmittelfreiheit für die Schülerinnen und Schüler, die von den Konsulatslehrkräften unterrichtet werden, aufgehoben wird, wird das Staatliche Schulamt keinerlei Kontrolle mehr über die Bücher und deren Inhalte haben mit denen die Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden.

 

gez. Jutta Ebeling

(Bürgermeisterin)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 2. Sitzung vom 10.01.2011, Kenntnisnahme

inhalte teilen