KA 54 vom 15.06.2010 Sprachlose Kinder I

KA 54 vom 15.06.2010 Sprachlose Kinder I

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KAV 2010 Anregungen und Anfragen

KA 54 vom 15.06.2010 Sprachlose Kinder I

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© Stadt Frankfurt Main

Frankfurt a. M., 15.06.2010

 

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 47. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 14.06.2010 wir der Magistrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

 

1. Warum sprechen so viele Kinder immer noch so schlecht deutsch?

 

2. Wie kommt es, dass die Sprachauffälligkeiten bei Frankfurter Kindern zunehmen statt abzunehmen – trotz der vielen Sprachförderungsprogramme?

 

3. Was gedenkt der Magistrat zu tun?

 

Begründung:

In dem jüngsten Bericht zur Kindergesundheit in Frankfurt am Main 2002-2008 sind erschreckende Daten mit ansteigendem Trend zu Defiziten in der Sprachentwicklung der Frankfurter Kinder bei der Einschulungsuntersuchung festgestellt worden ( Im Jahre 2002-2006 von 11,2% zu 13,6% im Jahre 2002-2008).

Als „gravierend“ sind die defizitären Deutschkenntnisse heißt es im Bericht. Denn nur 57% der Kinder konnten fehlerfrei Deutsch sprechen, 28% zeigten „grenzwertige Deutschkenntnisse“, bei 15% konnten lediglich „marginale Deutschkenntnisse“ festgestellt werden. Davon sind zwar vermehrt, aber nicht nur Kinder aus Migrantenfamilien betroffen.

 

gez. Enis Gülegen

(Vorsitzender der KAV)

Stellungnahme des Dez. II –Bildung und Frauen-

Amt/Betrieb: - Stadtschulamt / 40.51.1 -

Frankfurt a. M., 06.12.2010

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 20.12.2011 zur Kenntnis genommen.

 

1. Es liegen dazu keine wissenschaftlich fundierten Untersuchungen vor.

 

2. Der Entwicklungsstand von Einschülern wird im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen erfasst. Seit 2005 geschieht dies anhand spezifischer Tests, die im Screeningverfahren S-ENS durchgeführt werden. Die Auswertungen im letzten Kindergesundheitsbericht beziehen sich nur auf die Untersuchungsjahre 2007 und 2008. In den Jahren vor 2005 wurde mit anderen methodischen Instrumenten gearbeitet.

 

Im Bereich der Sprachentwicklung wurden unterschiedliche Tests mit voneinander abweichenden Ergebnissen durchgeführt:

Bereich Deutschkenntnis: 56,9 % unauffällige Kinder

Pseudowörter: 72,9 % unauffällige Kinder

Wörter ergänzen: 65,1 % unauffällige Kinder

Sätze nachsprechen: 70,4 % unauffällige Kinder

Artikulation: 73,3 % unauffällige Kinder

 

Wie an den Zahlen deutlich wird, müssen die Ergebnisse differenziert betrachtet werden. Im Bereich Deutschkenntnisse schneiden Kinder deutscher Herkunft deutlich besser ab als Kinder mit Migrationshintergrund. Im Kindergesundheitsbericht ist dazu angemerkt: „Dies ist verständlich, weil Kinder deutscher Herkunft, im Gegensatz zu anderen Kindern, Deutsch zumeist als einzige Sprache sprechen.“ (Kindergesundheitsbericht, S. 136)

 

Zur Fragestellung, ob Frankfurter Kinder im Vergleich zu hessischen Kindern besser oder schlechter abschneiden, ist laut Kindergesundheitsbericht nicht eindeutig feststellbar: „Die hier vorliegenden Zahlen der Untersuchungsjahre 2007 und 2008 für Frankfurt am Main und Hessen unterliegen jedoch enormen Schwankungen, weshalb die Zahlen mit Vorsicht zu interpretieren sind.“ (Kindergesundheitsbericht, S. 142)

 

Für alle Kinder ist die Förderung der Sprachkompetenz von hoher Bedeutung. Sprache lernt ein Kind durch Sprechen und vielfältige Kommunikationsangebote. Insbesondere die frühe Kommunikation sowohl in der Familie als auch in den Kinderbetreuungseinrichtungen hat hier einen großen Stellenwert. Isolierte Sprachförderprogramme – evtl. kurz vor der Einschulung – scheinen hier wenig erfolgversprechend.

 

3. Die städtischen Kindertageseinrichtungen haben bereits vor zehn Jahren erkannt, dass ohne ausreichende Sprachkenntnisse ein erfolgreicher Bildungsweg nicht möglich ist. Zur Verbesserung der Chancengleichheit insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund wurde das Sprachförderkonzept „Meine, deine, unsere Sprache“ entwickelt und in den städtischen Kitas etabliert. Der Film „Erzähl mir ’ne Geschichte“ wurde dabei als Dokumentations- und Schulungsmaterial hergestellt. Seit 2005 ist das Konzept verbindlicher Entwicklungsschwerpunkt in allen städtischen Kitas.

 

Darüber hinaus werden ständig Fortbildungen für das Fachpersonal zu unterschiedlichen Sprachförderthemen angeboten. Zur Gewährleistung der Sprachförderung in den Einrichtungen haben alle städtischen Kitas seit 2007 Sprachförderbeauftragte benannt.

 

Weil der Spracherwerb maßgeblich durch das Elternhaus beeinflusst wird, wurden auch hier bereits in den 90er Jahren Förderprogramme wie „Mama lernt Deutsch“ oder „Hippy“ installiert. Überdies beteiligen sich einzelne Einrichtungen an Praxis- und Forschungsprojekten wie z.B. „LiSeDaZ“, „Frühstart“ oder „mitSprache“.

 

Die Stadt Frankfurt am Main beteiligt sich am Bundesprogramm Lernen vor Ort, das sich mit der Weiterentwicklung eines lokalen Bildungsmanagements beschäftigt. Zu den Aktionsfeldern von Lernen vor Ort gehört u.a. das Thema Sprachförderung.

 

Seit 2009 finanziert der Magistrat das trägerübergreifende Modellprojekt „Wortstark“. Wortstark ist ein Sprachförderprojekt, das sowohl mit ErzieherInnen aus Kindertageseinrichtungen, als auch mit ehrenamtlichen Müttern arbeitet, die Aktivitäten für Eltern rund um das Thema Sprache organisieren. Dadurch werden die Familien in die Förderung der Sprachentwicklung ihrer Kinder eingebunden. Die teilnehmenden ErzieherInnen als auch die Ehrenamtlichen werden im Projekt intensiv fortgebildet.

 

Wortstark ist regional angesiedelt und läuft in jeder Region für zwei Jahre. Es hat im Frankfurter Westen mit 14 Kindertageseinrichtungen in den Stadtteilen Höchst, Unterliederbach, Sindlingen, Nied und Zeilsheim begonnen, in dieser Region läuft das Projekt bis Ende 2011. Im nächsten Jahr wird das Projekt im zweiten Durchgang in den Stadtteilen Gutleut / Bahnhofsviertel, Gallus und Griesheim wiederum mit ca. 14 Kindertageseinrichtungen starten.

Der trägerübergreifende Ansatz soll dazu beitragen, dass möglichst viele Träger von Kindertageseinrichtungen in Frankfurt am Main an dieser Qualifizierungsmaßnahme beteiligen und sich auf Leitlinien zur Sprachförderung verständigen. Das Konzept der regionalen Ansiedelung hat zum Ziel, Sprachfördernetzwerke in den Regionen aufzubauen.

 

Darüber hinaus werden Ansätze zur Sprachförderung im neuen Integrationskonzept als Querschnittsaufgabe vieler Bereiche benannt. In laufenden Maßnahmen von 10A ist z.B. an eine Einbeziehung weiterer Kitas in „mitSprache“ zu denken, das Modellprojekt mitSprache (10A) ist seit April 2010 auf inzwischen fünf Kitas erweitert worden.

Vgl. Integrationskonzept Handlungslinien 19-24.

 

Es ist davon auszugehen, dass ohne diese Fülle an Sprachförderprogrammen der Anteil der Kinder mit Sprachauffälligkeiten noch deutlich höher wäre. Der moderate Anstieg weist jedoch darauf hin, dass insbesondere die Integration der Elternhäuser in die Förderprogramme noch weiter intensiviert werden sollte.

 

gez. Jutta Ebeling

(Bürgermeisterin)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 4. Sitzung vom 28.03.2011, Kenntnisnahme

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