KA 39 vom 18.11.2008 Neuer Sprachtest für Kindergartenkinder

KA 39 vom 18.11.2008 Neuer Sprachtest für Kindergartenkinder

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KAV 2008 Anregungen und Anfragen

KA 39 vom 18.11.2008 Neuer Sprachtest für Kindergartenkinder

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© Stadt Frankfurt Main

Frankfurt a.M., 18.11.2008

 

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 31. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 17.11.2008 wir der Magistrat gebeten, folgende Fragen zu beantworten:

 

Der Presse FAZ und FR vom 06.11.2008 ist zu entnehmen, dass Kindertagesstätten von der Einführung eines Tests zur Sprachstandserhebung (Projekt KISS) für Kindergartenkinder unter der Federführung des Stadtgesundheitsamtes Gebrauch machen können.Mittels des Testes sollen sprachauffällige Kinder frühzeitig ermittelt und gezielt unterstützt werden. Das Erziehungspersonal wird demnach von Sprachexpertinnen/Sprachexperten des Stadtgesundheitsamts geschult, welche wiederum von Fachleuten der Uniklinik dafür vorbereitet werden. Die Verknüpfung medizinischer Aspekte mit Spracherwerbsentwicklung, zumindest wie es der Presse zu entnehmen ist, erscheint der KAV vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund (mit natürlicher Mehrsprachigkeit) sehr fraglich, vor allem, wenn keine Indikatoren im Verfahren auftauchen sollen.

 

Daher fragt die KAV bei dem Magistrat an:

 

1. Welche und wie viele Testformen werden hier angewandt, wie erfolgt der Sprachtest und in welchem Zeitraum?

 

2. Welche Kooperation mit Sprachwissenschaftlern liegt dem von der Uniklinik entwickelten Verfahren zugrunde?

 

3. Wie wird das Erziehungspersonal dafür vorbereitet? Wenn es stimmt, wie man inzwischen erfahren hat, dass die Vorbereitung in 8 Stunden erfolgt, welche Aufgaben sollen Erzieher/Innen durchführen?

 

4. Welche Institution soll dann die Ergebnisse evaluieren?

 

5. Welche Validität hat dieses Sprachverfahren und wodurch wird es attestiert?

 

6. Es wird berichtet, dass Wortschatz, Aussprache und Grammatik geprüft werden. Wie werden die Kinder mit anderen Muttersprachen behandelt: Werden kontrastiv diese Kenntnisse in Deutsch mit denen in der Muttersprache aufgenommen und verglichen?

 

Wenn nicht, werden Merkmale auf Grund einer vorhandenen Mehrsprachigkeit im Verfahren angegeben / aufgenommen?

 

Fragen wie "Wie fühlt sich ein Teddy an" können Kinder anderer Muttersprachen erheblich benachteiligen, vor allem wenn sie gerade in Kitas gehen, um auch Deutschkenntnisse zu entwickeln bzw. erwerben. Diese Frage könnten sie wohl eher mit Erfolg in der Muttersprache beantworten. Das Ergebnis würde damit zu anderen Schlussfolgerungen führen und bei ihnen eine Sprachauffälligkeit schon vorprogrammiert sein. Es geht hier um Kinder zwischen 4 und 4 ½ Jahren!

 

7. Im Artikel wird auf 7 Sprachexperten in Frankfurt, 99 in Hessen hingewiesen. Wer sind diese Expertinnen/Experten und in welchen Institutionen sind sie tätig? Arbeiten die meisten im Gesundheitsbereich?

 

8. Worin besteht dann die medizinische oder pädagogische Hilfestellung im Fall einer Sprachauffälligkeit, die an diesem Verfahren anknüpft?

 

gez.Enis Gülegen

(Vorsitzender der KAV)

Stellungnahme des Dez. II –Bildung und Frauen

Amt/Betrieb: 40.52.1 - Stadtschulamt -

Frankfurt a. M., 02.02.2009

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 20.02.2009 zur Kenntnis genommen.

 

Bei dem Sprachtest für Kindergartenkinder handelt es sich um das Sprachscreeningverfahren „KISS“, das vom Hessischen Sozialministerium zur Überprüfung des Sprachstands von 4 bis 4 ½ -jährigen Kindern, die Kindertageseinrichtungen in Hessen besuchen, entwickelt wurde.

Die Einführung des Sprachscreeningverfahrens findet unter der Federführung des Stadtgesundheitsamtes statt, das in Kürze den Trägern von Kindertageseinrichtungen die Teilnahme anbieten wird. Der städtische Träger setzt derzeit KISS in keiner städtischen Kita ein; bislang sind Sprachexpertinnen in zwei Kindertageseinrichtungen in Frankfurt tätig. Die Beantwortung der Anfrage erfolgt in Kooperation mit dem Stadtgesundheitsamt.

 

Zu 1.

KISS besteht aus drei Teilen:

- Kinderbogen: Anhand einer Bildvorlage wird dieSprachstandsbestimmung mit dem Kind vorgenommen. Diese umfasst die Spontansprache, Artikulation, Wortschatz, Wort- und Satzgrammatik.

- Kitabogen: Beobachtungen der pädagogischen Fachkräfte zur sprachlichen Entwicklung des Kindes in der Kindertagesstätte und Faktoren, die die sprachliche Entwicklung dort beeinflussen.

- Elternbogen: Bisherige sprachliche Entwicklung des Kindes im heimischen Umfeld und Faktoren, die die sprachliche Entwicklung dort beeinflussen.

 

Das Screeningverfahren soll von den pädagogischen Fachkräften der Kindertageseinrichtungen mit den 4 – 4 ½ -jährigen Kindern durchgeführt werden. Vom Zeitaufwand her sind vorgesehen:

Kinderbogen: etwa 15 MinutenKitabogen sowie Auswertung des Sprachstandes: etwa 15 Minuten

Elterngespräch: je nach Bedarf

 

Hinzu kommt der zeitliche Aufwand für die notwendigen Absprachen zwischen pädagogischen Fachkräften der Kita und den Sprachexperten/-innen des Gesundheitsamtes.

 

Ob diese Zeitangaben in der Praxis realitätsgerecht sind, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Es liegen noch keine umfänglichen Praxiserfahrungen vor.

 

Zu 2.

An der Entwicklung des Sprachscreeningverfahrens „KiSS“ war eine multiprofessionelle Arbeitsgruppe aus Fachärzten/-innen, Phoniatern/-innen, Linguisten/innen, Logopäden/-innen, päd. Fachkräften, Psychologen/-innen, Sprachheilpädagogen/-innen sowie Sprachwissenschaftler/-innen beteiligt. Mit der Federführung wurde vom HSM die Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie der HNO-Universitätsklinik Frankfurt am Main beauftragt.

 

Zu 3.

Pädagogische Fachkräfte aus Kindertageseinrichtungen müssen an einer Schulung teilnehmen; diese umfasst eine 6-stündige theoretische Schulung und eine 2-stündige Praxis begleitende Schulung. Die Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte bestehen in der Durchführung des Screenings mit dem Kind sowie in der Auswertung. Weiterhin dokumentieren die pädagogischen Fachkräfte zum einen ihre Beobachtungen zur sprachlichen Entwicklung des Kindes im Kitabogen, zum anderen die Ergebnisse der Elterngespräche im Elternbogen. In der Auswertung gilt es zwischen Kindern zu unterscheiden, die

- unauffällig sind,

- sprachpädagogisch förderbedürftig sind oder

- medizinisch abklärungsbedürftig sind.

 

Sollte ein Kind medizinisch abklärungsbedürftig sein, gibt die pädagogische Fachkraft die Information an eine/einen Sprachexpertin/en des Gesundheitsamtes weiter, die das Kind erneut überprüft und den Eltern gegebenenfalls eine Vorstellung bei einem Kinderarzt / einer Kinderärztin empfiehlt. Ebenso gibt der/die Erzieher/in „Zweifelsfälle“ an die Sprachexperten/-innen weiter.

 

Zu 4.

Die Evaluation wird durch fachlich hierfür zuständige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Universitätsklinik durchgeführt.

 

Zu 5.

Veröffentlichte schriftliche Ergebnisse über die Validität von KISS liegen bisher nicht vor; eine Publikation ist geplant.

 

Zu 6.

Die Prüfung von Wortschatz, Aussprache und Grammatik der deutschen Sprache ist Bestandteil des Sprachscreenings. Bei der Auswertung wird berücksichtigt, ob es sich um ein Kind mit Migrationshintergrund handelt. Kenntnisse in der Muttersprache werden nicht erfasst und können daher auch nicht mit den Kenntnissen der deutschen Sprache verglichen werden. Im Elternbogen werden Eltern zu ihrer Einschätzung gefragt, wie das Kind die Familiensprache spricht.

 

Zu 7.

Die in Frankfurt am Main zur Verfügung stehenden Expertinnen sind vom Beruf her Logopädinnen, Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachheillehrerinnen. Die Logopädinnen sind sowohl im Gesundheitsbereich tätig als auch in eigenen Praxen. Die Sprachwissenschaftlerinnen sind in Universitäten bzw. Schulen, die Sprachheillehrerinnen ebenfalls in Schulen tätig.

 

Zu 8.

Medizinisch auffällige Kinder werden von den Sprachexperten/innen erneut untersucht und bei attestiertem Bedarf an die niedergelassenen Fachärztinnen bzw. –ärzte für Kinder- und Jugendmedizin zur weiteren Diagnostik und gegebenenfalls spezifischer Therapie empfohlen. Kinder mit sprachpädagogischem Förderbedarf werden von den Fachkräften der Kindertageseinrichtungen entsprechend dem in der jeweiligen Kita eingesetzten Sprachförderprogramm unterstützt.

 

gez. Jutta Ebeling

(Bürgermeisterin)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 35. Sitzung vom 20.04.2009, Kenntnisnahme

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