KA 12 vom 21.08.2007 Kultur- und religionssensible Betreuung der älteren Migranten in Frankfurt

KA 12 vom 21.08.2007 Kultur- und religionssensible Betreuung der älteren Migranten in Frankfurt

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KAV 2007 Anregungen und Anfragen

KA 12 vom 21.08.2007 Kultur- und religionssensible Betreuung der älteren Migranten in Frankfurt

Frankfurt a.M., 21.08.2007

 

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 17. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung am 20.08.2007 wird der Magistrat gebeten, folgende Anfrage zu beantworten:

 

Die Arbeitsmigranten der 1. Generation, die in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen sind, haben das Rentenalter erreicht. Diese Menschen haben viele Jahrzehnte für die deutsche Wirtschaft gearbeitet, Steuern und Sozialabgaben bezahlt. Wie ihre deutschen Altersgenossen haben sie verdient, in ihrem „Lebensabend – Rentenalter“ ein menschenwürdiges Leben zu führen.

 

Auch Frankfurt am Main, die Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil in Deutschland ist von dieser Entwicklung betroffen. Sie hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass auch die Migranten in ihrem Rentenalter ein menschenwürdiges Leben führen.

 

1. Wie viele Menschen leben in Frankfurt, die das Rentenalter erreicht haben und einen Migrantenhintergrund haben? Nach Möglichkeit nach Herkunftsland und Religionszugehörigkeit aufschlüsseln.

 

2. Wie wird sich in Frankfurt der Anteil der Migranten, die das Rentenalter erreicht haben in den kommenden 20 Jahren entwickeln?

 

3. Besteht in Frankfurt ein Bedarf der migrantensensiblen (kultur- und religionssensible) Betreuung im Bereich Altenpflege und betreutes Wohnen. Wird dieser Bedarf in den kommenden 20 Jahren zu- oder abnehmen?

 

4. Wenn ein Bedarf besteht, wie möchte die Stadt Frankfurt diesen Bedarf abdecken? Ist für eine kultur- und religionssensible Betreuung der älteren Migranten eine Kooperation mit den Religionsgemeinschaften, insbesondere mit den muslimischen Religionsgemeinschaften denkbar, bzw. ist so eine Kooperation geplant?

 

5. Wäre die Einrichtung einer Altenpflege und/einer Betreutes-Wohnen- Anlage speziell für Muslime in Kooperation mit einer in Frankfurt ansässigen muslimischen Religionsgemeinschaft denkbar?

 

6. Werden in den bestehenden kirchlichen und städtischen Altenpflegeeinrichtungen ältere Migranten, die nicht zu den christlichen Religionen gehören (z.B. Muslime) aufgenommen? Wenn ja? Welche Erfahrungen hat man mit ihnen gemacht?

 

7. Gibt es in Frankfurt und Umgebung modellhafte Altenpflege oder Betreutes-Wohnen-Einrichtungen für ältere, nicht christliche Migranten? Welche Erfahrungen hat man bisher gemacht?

 

gez. Enis Gülegen

(Vorsitzender der KAV)

 

Stellungnahme des Dez. VIII – Soziales, Senioren, Jugend und Sport –

Amt/Betrieb: 51.F11 – Jugend- und Sozialamt –

Frankfurt a. M., 13.03.2008

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 31.03.2008 zur Kenntnis genommen.

zu Frage 1:

Wie viele Menschen leben in Frankfurt, die das Rentenalter erreicht haben und einen Migrantenhintergrund haben? Nach Möglichkeit nach Herkunftsland und Religionszugehörigkeit aufschlüsseln.

 

Die Zahl der über 65-jährigen Ausländerinnen und Ausländer und der Deutschen mit Migrationshinweis nach Religionszugehörigkeit und Herkunftsland ist den beigefügten Tabellen zu entnehmen. Beim Merkmal Religionszugehörigkeit ist zu berücksichtigen, dass es sich ausschließlich um die steuerlich relevante evangelische oder katholische Religionszugehörigkeit handelt. Eine weitere Aufteilung ist nicht möglich. Die Gruppe "sonstige" enthält daher alle Personen mit einer anderen Religionszugehörigkeit oder ohne Religionszugehörigkeit einschließlich derjenigen, die aus der Kirche ausgetreten sind.

 

Graphik siehe neben stehend

 

zu Frage 2:

Wie wird sich in Frankfurt der Anteil der Migranten, die das Rentenalter erreichthaben in den kommenden 20 Jahren entwickeln?

 

Vorausberechnungen über die Entwicklung verschiedener Altersgruppen liegen nur für die Bevölkerung insgesamt vor und basieren derzeit noch auf der letzten Bevölkerungsprognose aus dem Jahr 2003.

 

Für die über 65-Jährigen stimmt die seitdem festgestellte tatsächliche Entwicklung sehr gut mit der damals vorausberechneten Entwicklung überein. Demnach steigt die Gesamtzahl der über 65-jährigen Frankfurterinnen und Frankfurter von rund 105 000 in 2003 über 107 500 (2007) auf 109 000 bis zum Jahr 2010 und geht bis 2020 wieder auf rund 105 000 zurück. Es ist derzeit davon auszugehen, dass die Entwicklung bei den über 65-jährigen Migrantinnen und Migranten nicht wesentlich von diesem Muster abweicht.

 

Zu Frage 3:

Besteht in Frankfurt ein Bedarf der migrantensensiblen (kultur- und religionssensible) Betreuung im Bereich Altenpflege und betreutes Wohnen. Wird dieser Bedarf in den kommenden 20 Jahren zu- oder abnehmen?

Bei den Anfragen, die an die „Wohnungsberatungsstelle für Körperbehinderte und Senioren“ im Team „Koordinierungsstelle Wohnen und Pflege zuhause“ bezüglich der Wohnungsversorgung älterer Migrantinnen und Migranten in einer Seniorenwohnanlage bzw. im Betreuten Wohnen gerichtet werden, steht bisher der Wunsch nach einer migrationssensiblen Betreuung nicht im Vordergrund. Wesentlicher ist der Wunsch, bei einem Wohnungswechsel (weiterhin) in der Nähe der Kinder und Enkelkinder zu leben, der sowohl von den älteren Migrantinnen und Migranten als auch von deren Angehörigen geäußert wird.

Älteren Migrantinnen und Migranten ohne weitere Familienangehörige ist der Erhalt des Wohnumfelds wichtig, wenn beispielsweise gute nachbarschaftliche Kontakte oder die Anbindung an ein Gemeindezentrum bestehen. Ist dies nicht gegeben, wird eine Wohnungsversorgung dorthin angestrebt. Dies trifft vor allem auf Migrantinnen und Migranten zu, die erst im Rentenalter nach Frankfurt gekommen sind.

Auch eine gute Infrastruktur und Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sind wichtige Gesichtspunkte bei der Wahl einer Seniorenwohnanlage.

Diese wesentlichen Wünsche in Bezug auf Betreutes Wohnen unterscheiden sich nicht von denen anderer älterer Bürger.

Gründe hierfür könnten sein, dass Betreutes Wohnen in der heutigen Angebotsstruktur eher von „modernen“ Migrantinnen und Migranten und deren Familien nachgefragt wird und mehr traditionell ausgerichtete Familien weiterhin im Verbund mit den erwachsenen Kindern oder anderen Angehörigen zusammenleben.

 

Es ist anzunehmen, dass aus obigen Gründen integrative Ansätze gerade bei älteren Menschen einer behutsamen Vorbereitung bedürfen. Eventuell könnten entsprechende Angebote an bereits vorhandener ethnischer Infrastruktur in Familie, Nachbarschaft, Verein, Begegnungsstätte und Selbsthilfegruppe anknüpfen und sich im Verlauf dem Wandel der Vorstellungen bei den folgenden Migrantengenerationen im Alter anpassen.

 

Zu Frage 4:

Wenn ein Bedarf besteht, wie möchte die Stadt Frankfurt diesen Bedarf abdecken? Ist für eine kultur- und religionssensible Betreuung der älteren Migranten eine Kooperation mit den Religionsgemeinschaften, insbesondere mit den muslimischen Religionsgemeinschaften denkbar, bzw. ist so eine Kooperation geplant?

 

Im Teilbericht III der Partizipativen Altersplanung - „Angebote und Hilfen zur selbst bestimmten Lebensführung in stationären Einrichtungen“ - befassten sich die Autorinnen und Autoren im Kapitel 5.2 mit dem übergreifenden Thema der „Kultursensiblen Aspekte“. Die an dieser Stelle aufgezeigten Bedarfe und die formulierten Handlungsempfehlungen stehen im Internet als PDF-Datei zum Download zur Verfügung: www.frankfurt.de - Jugend- und Sozialamt - Publikationen - Altersplanung in Frankfurt am Main (rechter Kasten Teilberichte I-IV).

Diese Handlungsempfehlungen werden - wie alle Handlungsempfehlungen der Teilberichte I-IV - in den abschließenden Teilbericht V einfließen, der zurzeit unter Federführung des Dezernates VIII erarbeitet wird.

 

Zu Frage 5:

Wäre die Einrichtung einer Altenpflege und/einer Betreutes-Wohnen- Anlage speziell für Muslime in Kooperation mit einer in Frankfurt ansässigen muslimischen Religionsgemeinschaft denkbar?

Diese Frage kann angesichts der aktuellen Diskussion sowohl in bildungspolitischer Hinsicht (Stichwort: türkische Schulen und Universitäten) aber auch unter Berücksichtigung der Segregations- und Assimilationsproblematik auch bei älteren Migrantinnen und Migranten „aus dem Stand“ nicht beantwortet werden.

 

Zu Frage 6:

Werden in den bestehenden kirchlichen und städtischen Altenpflegeeinrichtungen ältere Migranten, die nicht zu den christlichen Religionen gehören (z.B. Muslime) aufgenommen? Wenn ja? Welche Erfahrungen hat man mit ihnen gemacht?

 

Alle bestehenden Einrichtungen der stationären Pflege sind Vertragspartner der gesetzlichen Pflegeversicherung und zur Aufnahme pflegebedürftiger Menschen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes verpflichtet.

Die Einrichtungen der stationären Pflege nehmen auf, sofern dem Pflegebedarf und den Wohnvorstellungen des Aufnahmesuchenden entsprochen werden kann, unabhängig von seiner sozialen Herkunft, Religion oder Weltanschauung.

 

Zu Frage 7:

Gibt es in Frankfurt und Umgebung modellhafte Altenpflege oder Betreutes-Wohnen-Einrichtungen für ältere, nicht christliche Migranten? Welche Erfahrungen hat man mit ihnen gemacht?

 

In Frankfurt am Main existieren derzeit drei stationäre Einrichtungen, die in besonderer Weise kulturelle und religiöse Aspekte der Pflege für ältere, nicht christliche Migranten anbieten und kontinuierlich in Anspruch genommen werden. Hier sind zu nennen:

- das Interkulturelle Altenhilfezentrum Victor-Gollancz-Haus in Sossenheim in der Trägerschaft des Frankfurter Verbandes für Alten und Behindertenhilfe e.V. mit seinem Wohnbereich für 11 pflegebedürftige Migrantinnen und Migranten muslimischen Glaubens,

- das Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Bornheim mit seinem Angebot transkultureller Pflege

- die Henry- und Emma-Budge Stiftung in Seckbach, wo Menschen jüdischen und christlichen Glaubens unter einem Dach wohnen und gepflegt werden.

 

Nach Aussagen der Leiterin der erstgenannten Einrichtung sind die Erfahrungen im Altenhilfenzentrum als sehr positiv zu bezeichnen. Seit Eröffnung vor ca. drei Jahren hat sich dort interkulturelles Zusammenleben entwickelt, was auch bei Feierlichkeiten anlässlich der verschiedenen religiösen Festtage wie z.B. Weihnachten und Opferfest zum Ausdruck kommt.

 

Eine Einrichtung „Betreutes Wohnen“ für ältere, nicht christliche Migranten ist nicht bekannt.

 

Zu modellhaften Angeboten in der Umgebung Frankfurts können an dieser Stelle keine Angaben gemacht werden.

 

gez. Prof. Dr. Daniela Birkenfeld

(Stadträtin)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 26. Sitzung vom 05.05.2008, Kenntnisnahme

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Graphik zur Frage 1