KA 31 vom 02.03.2005 Einrichtungen für ältere Menschen muslimischen Glaubens

KA 31 vom 02.03.2005 Einrichtungen für ältere Menschen muslimischen Glaubens

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KAV 2005 Anregungen und Anfragen

KA 31 vom 02.03.2005 Einrichtungen für ältere Menschen muslimischen Glaubens

Frankfurt a.M., 02.03.2005

Anfrage an den Magistrat der Stadt Frankfurt am Main

 

Gemäß Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 35. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung am 01.03.2005 wird der Magistrat gebeten, die folgende Anfrage zu beantworten.

 

1. Wie viele Einrichtungen für ältere Menschen muslimischen Glaubens gibt es in Frankfurtam Main?

a) Gibt es Einrichtungen ausschließlich für Muslime?

b) Gibt es Einrichtungen, die unter anderem auch auf ältere Menschen muslimischen Glaubens eingerichtet sind, z.B. durch die Auswahl der Speisen?

 

2. Ist es geplant, die Anzahl dieser Einrichtungen (a und b) in Zukunft zu erhöhen?

 

3. Ist das Personal dieser Einrichtungen interkulturell so geschult, dass es auf dieLebenssituation der Menschen mit muslimischem Glauben eingehen kann?

 

Ist es geplant, z.B. durch Fortbildungen, das Personal weiterhin interkulturell zu schulen?

 

Begründung:

Es ist bekannt, dass die Migranten der ersten Generation bereits heute im Rentenalter sind. Bei den Migranten der zweiten Generation ist es so, dass sie in kurzer Zeit ebenfalls ihr Berufsleben beenden werden. Immer mehr von ihnen haben inzwischen auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Zahl der älteren Migranten muslimischen Glaubens, die zu einem Großteil Deutsche sind, wird also in Zukunft mehr und mehr zunehmen.

Wir möchten wissen, ob die sozialen Angebote, besonders die Anzahl der Alteneinrichtungen, auf diese sich verändernden Bedingungen eingehen werden.

 

gez. Hüseyin Sitki

Vorsitzender der KAV

Stellungnahme des Dez. VIII -Soziales und Jugend-

Amt/Betrieb: 51.F11 -Jugend- und Sozialamt-

Frankfurt a. M., 01.07.2005

 

Der Magistrat hat die nachstehende Stellungnahme am 01.08.2005 zur Kenntnis genommen.

 

1. Wie viele Einrichtungen für ältere Menschen muslimischen Glaubens gibt es in Frankfurt am Main?

 

Folgende Einrichtungen in Frankfurt am Main - Beratungsstellen, Begegnungsstätten, Treffpunkte - werden auch von älteren Menschen muslimischen Glaubens aufgesucht. Sie können sich dort beraten und unterstützen lassen, Freizeit- und Bildungsangebote wahrnehmen. Die Palette der Angebote variiert gemäß den Konzepten der Träger. Die Träger ermöglichen nach Bedarf muttersprachliche Kommunikation und bilinguale Informationsveranstaltungen, die z. B. auch in Moscheen stattfinden können.

1.a Gibt es Einrichtungen ausschließlich für Muslime?

Das Alten- und Pflegeheim Victor-Gollancz-Haus im Stadtbereich Höchst des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe hat sich insbesondere auf pflegebedürftige Muslime eingestellt. Es leben dort bereits 14 Menschen muslimischen Glaubens und es möchten weitere Bewohner dort einziehen. Das Angebot an Pflegeplätzen soll darum erhöht werden.

Das Konzept des Victor-Gollancz-Hauses ist auch im Benehmen mit Muslimen entwickelt worden. Es ist jedoch nicht vorgesehen, hier eine Einrichtung ausschließlich für Muslime zu schaffen. Vielmehr soll dieses Haus kultursensibel gestalteten Angeboten einen Lebensraum für alle alten Menschen aus den umliegenden Stadtteilen bieten, die dort wohnen und gepflegt werden wollen.

 

1.b) Gibt es Einrichtungen, die unter anderem auch auf ältere Menschen muslimischen Glaubens eingerichtet sind, z.B. durch die Auswahl der Speisen?

Im Stadtbereich West des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe bieten das Pflegeheim Bockenheim und das Sozial- und Rehazentrum West ihren muslimischen Bewohnerinnen und Bewohnern und Gästen in der Tagespflege und in den Seniorenrestaurants auch immer ein Menue für Muslime zur Auswahl an.

 

2. Ist es geplant, die Anzahl dieser Einrichtungen ( a und b ) in Zukunft zu erhöhen?

 

Zu a) Gibt es Einrichtungen ausschließlich für Muslime?

Seitens der Stadt ist es zurzeit nicht geplant, Einrichtungen ausschließlich für Muslime zu schaffen.

 

Zu b) Gibt es Einrichtungen, die unter anderem auch für ältere Menschen muslimischen Glaubens eingerichtet sind?

Die Einrichtungen sind bemüht in kultursensibler Weise auf die Wünsche ihrer Kunden, d. h. ihrer Gäste, ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, einzugehen und sich auf neue Entwicklungen einzustellen. Anregungen aus dem soziokulturellen Umfeld ihrer Kunden muslimischen Glaubens sind hier willkommen.

 

3. Ist das Personal dieser Einrichtungen interkulturell so geschult, dass es auf die Lebenssituation der Menschen mit muslimischem Glauben eingehen kann?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der zu 1a genannten Einrichtung des Stadtbereichs Höchst des Frankfurter Verbandes sind auf ihre Aufgabe vorbereitet, für und mit alten Menschen muslimischen Glaubens zu arbeiten. Sie werden von muttersprachlichen Betreuern unterstützt und methodisch in Fallbesprechungen geschult, Fortbildungen werden teamspezifisch durchgeführt.

 

Im Stadtbereich West des Frankfurter Verbandes für Alten- und Behindertenhilfe ist die Mitarbeiterschaft der Einrichtungen ( s. zu 1b ) des Interkulturellen Altenhilfezentrums in Bockenheim mit einem von der EU geförderten Personalentwicklungs- und Qualifizierungsprogramms auf diese neue Aufgabe vorbereitet worden, das beinhaltet hier auch die Arbeit mit älteren und pflegebedürftigen Menschen muslimischen Glaubens.

 

Die älteren Menschen muslimischen Glaubens – wie auch anderer Glaubensrichtungen – sind keine homogene soziale Gruppe. Die unterschiedlichen individuellen Wünsche und Bedürfnisse jedes Menschen sollten bei der interkulturellen Öffnung der Altenhilfeeinrichtungen berücksichtigt werden. Diese Positionen vertreten viele Institutionen, Verbände und Migrantenorganisationen bundesweit. Sie sind im „Memorandum für eine kultursensible Altenhilfe – Ein Beitrag zur Interkulturellen Öffnung am Beispiel der Altenpflege“ (Arbeitskreis „Charta für eine kultursensible Altenpflege“, Juni 2002) zusammengefasst.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Studie „Lebenssituation der älteren allein stehenden Migrantinnen“ des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Stand: März 2004), die unter anderem Angaben für Frankfurt am Main beinhaltet. Zu der hier untersuchten Gruppe von Frauen, die ihr Leben weitgehend alleine meistern, wird hier festgestellt „Es gibt im Alter keinen generellen Rückzug in die ethnische Gemeinschaft. Sowohl für stark familienorientierte Migrantinnen als auch für moderne, autonomieorientierte Frauen ist die ethnische Gemeinschaft keine zentrale Orientierungsgröße“.

 

Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände sowie einige Ambulante Pflegedienste haben begonnen, sich für die Zielgruppe der älteren Migrantinnen und Migranten zu öffnen (s. Wegweiser „Älterwerden in Frankfurt“, Internet: www.aelterwerden-in-frankfurt.de).„Der Prozess der Interkulturellen Öffnung ist kein Zusatzangebot, sondern betrifft die ganze Organisation und erfordert einen transparenten langfristigen Entwicklungsprozess auf allen Ebenen“ (s. „Memorandum...“).

Damit die Altenhilfeangebote in Frankfurt sich zunehmend auf ältere Migrantinnen und Migranten einrichten können, gewinnt ein generationsübergreifender Dialog mit den Migrantenvereinen und Gemeinden an Bedeutung. Es ist wünschenswert, dass Mitglieder der KAV zur Anregung und Unterhaltung eines in diesem Sinne konstruktiven Dialogs beitragen und helfen, Brücken zu bauen.

 

Eine Aufgabe der Gegenwart und Zukunft ist die Sensibilisierung sowie die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals der Frankfurter Altenhilfeeinrichtungen genauso wie das Verankern des Themas kultursensible Pflege im Ausbildungsprogramm der Altenpflegeschulen.

 

Beispiele der Zusammenarbeit von städtischen Trägern und Verbänden sind hier:

Im Rahmen des Projektes „Informationsreihe für türkische ältere Menschen“, das seit 2002 vom DRK, Bezirksverband Frankfurt am Main e.V. in Zusammenarbeit mit dem Amt für multikulturelle Angelegenheiten und dem Türkischen Volkshaus e.V. durchgeführt wird, werden nicht nur ältere Migrantinnen und Migranten über die Altenhilfeangebote informiert, sondern auch die Altenhilfeeinrichtungen in direktem Gespräch mit den Menschen muslimischen Glaubens über ihre Wünsche und Bedürfnisse informiert.

 

Darüber hinaus planen das DRK, Bezirksverband Frankfurt am Main e.V. und das Amt für multikulturelle Angelegenheiten eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen für die Beschäftigten des DRK im Herbst 2005 durchzuführen.

 

Der „Frankfurter Arbeitskreis für ältere Migrantinnen und Migranten HIWA“ gestaltet im Jahr 2005 die „Kampagne für eine kultursensible Altenhilfe“. Eine zweitägige Fachtagung im Herbst 2004 für Beschäftigte der Frankfurter Alten- und Pflegeeinrichtungen „Aufeinander zugehen“ anlässlich des 10-jährigen Jubiläums dieses Arbeitskreises bildete den Auftakt zu dieser Kampagne.

 

gez. Franz Frey

(Stadtrat)

 

Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung, 40. Sitzung vom 05.09.2005, Annahme

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