K 81 vom 14.06.1995 Erleichterung des Zugangs der Migrantenklientel zu den sozialen und Psychosozialen Versorgungseinrichtungen

K 81 vom 14.06.1995 Erleichterung des Zugangs der Migrantenklientel zu den sozialen und Psychosozialen Versorgungseinrichtungen

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KAV 1995 Anregungen und Anfragen

K 81 vom 14.06.1995 Erleichterung des Zugangs der Migrantenklientel zu den sozialen und Psychosozialen Versorgungseinrichtungen

Frankfurt a. M., 14.06.1995

Anregung an die Stadtverordnetenversammlung

 

Gemäß dem Beschluss der Kommunalen Ausländer- und Ausländerinnenvertretung (KAV) der 36. öffentlichen ordentlichen Plenarsitzung vom 13.06.1995 wird folgende Bitte an die Stadtverordnetenversammlung gerichtet:

 

Die Stadtverordnetenversammlung wird gebeten, den Magistrat zu beauftragen, die KAV zu informieren, was die Stadt Frankfurt bzw. die entsprechende Ämter drei Jahre nach der Veröffentlichung des Gutachtens des AMKA und ein Jahr nach der entsprechende Anhörung unternommen haben, um der Migrantenklientel den Zugang zu den sozialen und psychosozialen Versorgungseinrichtungen zu erleichtern.

 

Ganz konkret wollen wir wissen, wie sich in den letzten Jahren der Anteil ausländischen Fachpersonals entwickelt hat – insbesondere bei

 

- den ständigen psychiatrischen Kliniken

- den psychosozialen Kontakt – Beratungsstellen (bisher kein ausländisches Fachpersonal – Angaben nach Gutachten Gaitanidis 1992)

- den städtischen Erziehungsberatungstellen (bisher keine MigrantInnen)

- beim psychologischen Dienst (bisher keine)

- beim ADS (bisher nur eine Südafrikanerin)

- beim Sozialamt / Wohnungsamt (bisher keine)

- beim Jugendamt / Jugendzentren / Streetworkern

- bei der Jugendgerichtshilfe (bisher 9 % bei 55 % ausl. Klientenanteil)

- bei der offenen Kinder- und Jugendarbeit (bisher 5 % bei Besucheranteil von 60 – 90 %)

 

Was unternimmt die Stadt Frankfurt, um die extreme Unterrepräsentation nicht – deutscher Bürgerinnen und Bürger in den sozialen und psychosozialen Diensten zu beseitigen?

Wir fragen die Verwaltung und die politischen Entscheidungsträger, ob es nicht – so wie in Niederlangen und den USA – möglich ist, den Anteil der ethnischen Minderheiten an Personal durch „positive“ und „affirmative action“ zu erhöhen, in dem freiwerdende Stellen vorrangig an gleichqualifizierte MigrantInnen vergeben werden und die freien Träger bei der Zuschußvergabe zu bevorzugen, die sich um die Anstellung von ausländischen MitarbeiterInnen bemühen?

 

Um genügend qualifizierte Bewerber für diese Stellen zu mobilisieren, schlagen wir vor, für diese Stellen öffentlich zu werben (wie bei den Erzieherinnen). Auch sollte die Stadt Frankfurt auf die Ausbildungsinstitutionen hinwirken, dass sie ihren Anteil an ausländischen SchülerInnen und StudenInnen durch geeignete Maßnahmen erhöhen (z. B. durch Werbung, Erleichterung der Zugänge, Brückenkurse und Einrichtung berufsbegleitender Ausbildungsgänge zur Nachqualifikation geeigneter MitarbeiterInnen).

Begründung:

Seit vielen Jahren fordert die Fachöffentlichkeit, die Expertenszene der in den migrantenspezifischen Einrichtungen Tätigen und die engagierte Fachbasis der allgemeinen sozialen und psychosozialen die staatlichen und kommunalen Instanzen – aber auch die freien Träger – auf, endlich die längst überfällige interkulturelle Öffnung der sozialen und psychosozialen Dienste voranzutreiben, um die angemessene Versorgung der Migrantenbevölkerung sicherzustellen.

 

Kritisiert wird die Praxis, dass die rat- und hilfesuchenden Migranten/innen wegen der sprachlichen und kulturellen Versändigungsprobleme an die migrantenspezifischen Dienste weitergeleitet werden. Diese können wegen ihrer vergleichsweise schlechteren und weniger flächendeckenden Ausstattung die wachsende Nachfrage nicht mehr bewältigen.

 

Zur Sicherstellung der Versorgung geht kein Weg vorbei an der interkulturellen Öffnung der Regeleinrichtungen:

- durch Einstellung von migrantenspezifisch qualifiziertem Fachpersonal

- durch Schulung der deutschen Mitarbeiterschaft (in Aus-, Fort- und Weiterbildung) zur Erlangung interkultureller Kompetenz

- und durch die zielgruppenadäquate Umstrukturierung der Angebote (wortnah, integrierte Beratungs- und Hilfsangebote, Netzwerkarbeit)

 

Zu diesem Resümee kommt das vom AMKA in Auftrag gegebene Gutachten von Professor Gaitanidis (FH Frankfurt) vom Juli 1992. Und auch der von der Stadt – in Zusammenarbeit mit dem AK „Migration und psychische Gesundheit“ – organisierten „Anhörung zur psychosozialen Versorgung von MigrantenInnen“ am 26.01.1994 wurden diese Reformziele mit Nachdruck vertreten (Vgl. u. a. Statement von R.. Wolf – Almanasreh, Positionspapier des AKs in der Dokumentation der Anhörung sowie Stellungnahme zahlreicher Fachleute, bei dieser Anhörung. Die Situation ist untragbar. Bei fast 1/3 der Migranten/innen der Stadt Frankfurt gibt es in allen Bereichen der sozialen Versorgung keine adäquaten Ansätze zur Behebung der Missstände.

 

Zur weitern Begründung verweisen wir auf das Heft Nr. 5 der Mitteilungen der Bundesbeauftragten vom Dezember 94 und legen die Einführung und Nachbemerkung hier in Kopie bei.

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