Der Student im Erstsemester

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Corona-Geschichten

"Viele Kommilitonen sind für mich nur ein Gesicht und ein Name auf dem Bildschirm"

Student Magnus Welkerling erlebt sein erstes Semester an der Goethe-Universität virtuell von zu Hause aus

Student Magnus Welkerling auf dem Frankfurter Uni Campus im Westend, Foto: Holger Menzel
Student Magnus Welkerling auf dem Frankfurter Uni Campus im Westend © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel

Laute Partys, lange Lerntage in der Bibliothek, auf dem Campus in der Sonne sitzen, in der Mensa stundenlang quatschen – so sehen die Erinnerungen vieler Frankfurterinnen und Frankfurter an ihre Studienzeit an der Goethe-Universität aus. Natürlich geht es an der Uni auch ums Lernen, aber viele denken vor allem gerne an die lustige Zeit mit den Kommilitonen zurück, von denen viele zu Freunden fürs Leben geworden sind. Magnus Welkerling hofft, dass er diese Erinnerungen auch einmal haben wird. Momentan sieht der Uni-Alltag für den 19-Jährigen, der im vergangenen Jahr sein Abitur am Heinrich-von-Gagern-Gymnasium im Ostend gemacht hat und nun im ersten Semester Geschichte und Katholische Theologie studiert, ganz anders aus, denn er spielt sich größtenteils virtuell ab.

Vor Corona hat Welkerling sich den Uni-Start anders vorgestellt. Viele neue Menschen kennenlernen, sich über den Stundenplan und die Vorlesungen austauschen, viel reden und lachen. Stattdessen hat er die Einführungswoche zu Hause vor seinem Laptop verbracht. „Die Tutoren haben sich wirklich viel Mühe gegeben“, erzählt er. „Es war ein schöner Versuch! Aber natürlich kann es nicht genauso sein, wie wenn man vor Ort wäre.“ Los ging es eigentlich wie auch vor Corona: Die Studierenden konnten sich auf der Online-Plattform OLAT, die die Goethe-Universität für ihr Vorlesungsverzeichnis und für die Veröffentlichung von Benotungen nutzt, ihren Stundenplan zusammenstellen. Einziger Unterschied: Statt Raumnummern steht hinter den meisten Vorlesungen und Proseminaren jetzt, ob sie live oder aufgezeichnet stattfinden. Live bedeutet, dass die Studenten sich in einen Zoom-Call einwählen, andernfalls haben die Dozenten den Kurs im Vorhinein aufgenommen. Das betrifft meistens Vorlesungen, bei denen die Studenten in erster Linie zuhören. „Es fühlt sich oft so an, als würde man einen Podcast hören“, erklärt Welkerling. Wer Fragen hat, kann diese per E-Mail an den Professor schicken. Die aufgezeichneten Vorlesungen bleiben für längere Zeit auf OLAT online – wer also etwas nicht verstanden hat, kann dort noch einmal nachschauen. Für Welkerling ist das einer der größten Vorteile am Online-Lernen: „So flexibel kann man bei Präsenzveranstaltungen nicht sein. Wenn ich wollte, könnte ich nachts um 3 meine Vorlesung anschauen!“

Vor Ort auf dem Campus bleibt es ruhig. Wer in das Hörsaalzentrum will, muss am Eingang angeben, zu welcher Veranstaltung er möchte. Viele gibt es davon nicht: „In Katholischer Theologie gibt es eine Präsenzveranstaltung, die für alle Erstsemester verpflichtend ist. Da kann ich dann andere Studierende mal in echt sehen. Alle anderen Vorlesungen und Proseminare finden virtuell statt – viele Kommilitonen sind für mich nur ein Gesicht und ein Name auf dem Bildschirm“, sagt Welkerling. Und teilweise nicht mal das, denn es ist nicht verpflichtend, im Zoom-Raum seine Kamera einzuschalten. „Manchmal muss es für die Profs wirklich schwer sein, wenn über die Hälfte der Studierenden ihre Kameras aushaben und sie ihre Gesichter nicht sehen können. Es wird immer darum gebeten, die Kameras einzuschalten, aber einige wollen es trotzdem nicht“, erzählt Welkerling von seinen Erfahrungen in den virtuellen Seminarräumen der Uni.

Überraschenderweise kann in den Proseminaren, in denen die Beteiligung der Studenten gefordert ist, jedoch auch online eine Diskussion aufkommen. „Das geht schon, aber dafür ist bei allen eine bestimmte Grunddisziplin nötig. Wenn im Call alle durcheinander sprechen, versteht man am Ende kein Wort mehr. Aber wenn man sich gegenseitig aussprechen lässt, klappt das“, sagt Welkerling. Die meisten seiner Kurse finden als Zoom-Call statt und sind nicht vorher aufgezeichnet – das sei aber von Fach zu Fach unterschiedlich und komme auch auf den Dozenten an.

Was bei einem Zoom-Call natürlich nicht geht: Während des Seminars mit den Kommilitonen quatschen. Sich zu konzentrieren sei aber auch zu Hause nicht immer einfach, sagt Welkerling, der in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Bockenheim wohnt. „Manchmal muss ich mich zur Konzentration zwingen. Zu Hause gibt es auch viel Ablenkung. Dann fällt zum Beispiel mein Blick auf ein Regal in meinem Zimmer und ich denke mir, ach, das müsste man auch mal wieder aufräumen“, lacht der Student. Und so richtig viel Freude bringt das Lernen zu Hause auch nicht: „Vor Ort in der Uni macht es sicherlich mehr Spaß. Für mich ist der aktuelle Zustand eher ein Mittel zum Zweck“, sagt Welkerling. Beschweren will er sich aber nicht – denn auch wenn das Studieren zu Hause nicht mit einem „normalen“ Studium vergleichbar ist, ist es in der aktuellen Lage zumindest sicher.

Beim virtuellen Lernen bleiben natürlich auch technische Probleme nicht aus. „Das passiert immer wieder mal, aber es ist nicht so schlimm, dass man das Gefühl hat, deshalb nicht mehr mitzukommen. Ich bin nur einmal wirklich rausgekommen, als ich Kaffee über meinem Laptop verschüttet habe“, erzählt Welkerling, „da ging natürlich erstmal nichts mehr. Aber mit der Hilfe von meinen Kommilitonen konnte ich mir danach alles Wichtige herleiten.“ Der Austausch mit den anderen Studierenden findet in erster Linie über Whatsapp statt – dort wird sich in Chatgruppen unterhalten. In einem Proseminar laufe die Unterhaltung über ein datenschutzkonformes Chatprogramm der Uni ab. Auch mit den Tutoren aus älteren Semestern, die die Erstsemester unterstützen, wird über Whatsapp kommuniziert. Manche Professoren sind für ihre Studenten jedoch besonders gut erreichbar: „Eine Professorin bietet zusätzliche virtuelle Sprechstunden an, in denen man Fragen zu allen Themen stellen kann, die man im Seminar nicht ganz verstanden hat“, sagt der Geschichtsstudent.

Probleme, dem Stoff zu folgen, hat er keine. Auch das wissenschaftliche Arbeiten, zu dem viele Erstsemester erst einmal den Zugang finden müssen, lässt sich seiner Meinung nach virtuell gut vermitteln. „Natürlich habe ich keinen Vergleich, wie so etwas vor Ort ablaufen würde, aber wir wurden in den Online-Kursen sowohl in Geschichte als auch in Theologie sehr gut ins wissenschaftliche Arbeiten eingeführt. Wir haben ausführlich gelernt, wie man Quellen recherchiert, sie liest und interpretiert – da konnten wir uns online wirklich gut einarbeiten“, erklärt Welkerling.

Wer diese Quellen und andere Literatur zitieren muss, braucht dafür die Bibliothek. Zum Glück sind mittlerweile viele Bücher als E-Books erhältlich und können über das Online-System der Unibibliothek abgerufen werden. Alle anderen können zur Abholung bestellt werden. Wer ein Buch aus dem Präsenzbestand, der nicht ausgeliehen werden kann, lesen möchte, muss im Vorhinein einen Platz in der Bibliothek reservieren. Mit ein bisschen Planung sei das gut machbar, sagt Welkerling.

Natürlich muss das Erlernte auch überprüft werden. Normalerweise beginnt Ende Januar die Klausurenphase des Wintersemesters, doch auch das ist dieses Jahr anders. Mittlerweile ist es möglich, online Klausuren zu schreiben, Magnus Welkerling muss aber ausschließlich Hausarbeiten und kleinere Abgaben einreichen und ein Referat halten. Darüber ist er ganz froh: „An der Goethe-Uni läuft das wohl alles sehr human ab, aber an anderen Unis werden angeblich für Online-Klausuren Programme genutzt, die die Augenbewegungen des Studenten tracken, damit kontrolliert werden kann, dass dieser sich an die Regeln hält“, sagt er.

Gefeiert wird nach der Prüfungsphase nicht. Auch während des Semesters gibt es momentan – natürlich – keine Partys. Aber auch private Treffen haben die Studenten ins Internet verlegt. In der Fachschaft Geschichte gibt es einmal die Woche das Angebot, sich in einem extra zur Verfügung gestellten Zoom-Raum zu treffen, um sich kennenzulernen, zu unterhalten und gemeinsam etwas zu trinken. Das „wahre“ Studentenleben vermisst Welkerling nicht: „Das habe ich ja nie kennengelernt. Wie es normalerweise abläuft, merke ich meistens nur dann, wenn ältere Freunde zu mir sagen: ‚Bei euch gibt es das ja gar nicht!‘“

Auch in den Semesterferien ist einiges nicht so, wie es mal war. Normalerweise waren sie die perfekte Zeit, um Geld zu verdienen; im Lockdown sind jedoch klassische Studentenjobs wie kellnern oder verkaufen nicht möglich. Welkerling ist froh, dass er bereits einen Nebenjob hat: In den Sommermonaten arbeitet er als Sauberkeitsbotschafter der Kampagne #cleanffm, zusätzlich hat er für den Winter eine Stelle als Nachhilfelehrer angenommen. An seiner Bafög-Bewerbung schreibt er gerade. Von einigen Kommilitonen weiß er, dass es dank der Pandemie weniger rosig aussieht: Viele haben ihre Nebenjobs verloren oder konnten sie gar nicht antreten und sind dadurch in äußerst schwierige finanzielle Situationen geraten. Fast unmöglich wird es dadurch auch, zu sparen, um sich Träume wie ein Auslandssemester zu erfüllen.

An Dinge wie ein Auslandssemester mag Magnus Welkerling momentan gar nicht denken. „Es bringt nichts, zu planen – wer weiß, wann das wieder möglich sein wird“, sagt er. Große Hoffnungen auf ein „normales“ Studentenleben wolle er sich lieber nicht machen, da sie in der momentanen Situation zu leicht enttäuscht werden könnten. Aber er hat ja auch noch fünf Semester bis zum Bachelor-Abschluss vor sich: Vielleicht können er und seine Kommilitonen sich irgendwann doch noch an die gesellige Seite des Studentenlebens erinnern.

Text: Laura Bicker


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