Isabel Bergen

Isabel Bergen

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Corona-Geschichten

"Ich vermisse es, den Menschen zu zeigen, was ich an Frankfurt liebe"

Gästeführerin Isabel Bergen über die katastrophalen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Branche

Seit März fehlen die Touristen in Frankfurt. Den Frankfurterinnen und Frankfurtern zeigt sich das vor allem in Form leerer Plätze und Straßen – gar nicht so schlecht, finden manche. Für die Tourismusindustrie sind die Reisebeschränkungen jedoch das schlimmste, was passieren konnte: Sie zählt zu den am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Branchen in Deutschland und weltweit. Im August dieses Jahres reisten rund 64 Prozent weniger Touristen nach Frankfurt als im gleichen Monat im Jahr 2019. Es sind jedoch nicht nur Hotels, Reiseveranstalter und Reisebüros, die unter den strengen Maßnahmen zur Einschränkung des Virus leiden. Auch viele Solo-Selbstständige sind betroffen. Dazu zählt auch Gästeführerin Isabel Bergen, die sich dieses Jahr existenzielle Fragen stellen muss. Denn was macht eine Gästeführerin ohne Gäste?

Gästeführerin Isabell Bergen auf dem Römerberg
Gästeführerin Isabell Bergen auf dem Römerberg © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel

Für Bergen gibt es auf diese Frage nach neun Monaten Pandemie eine klare Antwort: Sie sucht sich einen neuen Job. Denn sie steht vor einer Vielzahl von Problemen. Als Solo-Selbstständige zahlt Bergen Kranken-, Renten- und Berufsunfähigkeitsversicherung selbst. „Das sind alles Kosten, die ich jetzt nicht mehr tragen kann“, sagt die 38-Jährige. Aufträge gibt es so gut wie keine. Dabei fing das Jahr gut für sie an: Nachdem sie im vergangenen Jahr Mutter einer Tochter wurde, wäre ihre Elternzeit eigentlich bis September dieses Jahres gegangen, sie entschied sich jedoch im Januar dazu, im Mai für einen Monat arbeiten zu gehen. „In der Hochsaison im Mai wollte ich das Elterngeld für einen Monat aussetzen und hatte bereits Aufträge im vierstelligen Bereich. Aber dann kam der März und mit ihm die Stornierungen“, erzählt Bergen.

 

Zurückgreifen auf Ersparnisse

 Rational sei ihr sehr früh bewusst gewesen, wie schwierig die Lage für sie werden würde. „Ich bin aber erstaunt darüber, wie sehr mich meine Elternzeit eingenommen hat. Im Oktober wurde mir klar: Jetzt musst du dich kümmern, jetzt sieht es wirtschaftlich wirklich schwierig aus“, sagt die junge Mutter. Bis dahin habe sie von ihrem Ersparten sowie dem Einkommen ihres Mannes gelebt, wie es auch viele ihrer Kollegen derzeit tun. Bergen ist Vorstandssprecherin des Vereins der Frankfurter Stadt- und Gästeführer und offizielle Gästeführerin der Stadt Frankfurt, ausgebildet, geprüft und zertifiziert von der Tourismus + Congress GmbH Frankfurt. Der Verein der Gästeführer zählt aktuell 110 Mitglieder. Etwa die Hälfte von ihnen arbeitet hauptberuflich als Gästeführer oder ist auf das Einkommen aus der nebenberuflichen Tätigkeit angewiesen. „Wir leben von unserem Ersparten. Das ist eigentlich für die lange Bank gedacht – wir zahlen ja auch in das soziale System ein, kümmern uns um unsere Rente. Viele haben die Krankenversicherung gestundet oder Beitragsfreistellungen bei der Rentenversicherung beantragt. Dabei brauchen wir das Geld ja für später“, beschreibt die Gästeführerin die prekäre Lage ihrer Branche.


Hilfen vom Staat gab es zwar – aber diese reichten nicht aus: „Als Solo-Selbstständige sind wir am Anfang durchs Raster gefallen. Die erste Überbrückungshilfe war nur für die Betriebskosten. Bei mir sind das Telekommunikation, Website, Fahrtkosten zu den Führungen und die Anschaffung von Literatur. Sie sind also recht gering – ohne Aufträge konnte ich meine anderen laufenden Kosten so nicht mehr decken.“ Dazu kommt, dass die Gelder den Gästeführern zwar finanziell weiterhelfen, aber nicht das eigentliche Problem lösen: „Die Überbrückungshilfen jetzt im November konnten einige Kollegen beantragen. Das Problem ist: Die Hilfe ist für den Lockdown, aber die Gäste bleiben ja trotzdem weg. Aufträge kommen auch danach erst einmal nicht rein und die Gästeführer im Nebenberuf haben zumeist keinen Anspruch“, erklärt Bergen.

Aus Bergens Sicht wurde in Baden-Württemberg eine gute Lösung gefunden: Dort bekommen Solo-Selbstständige – also nicht nur Gästeführer, sondern zum Beispiel auch Künstler – 1180 Euro im Monat, erzählt sie. „Das würde ich mir auch für Hessen wünschen. Stattdessen werden wir hier ständig auf Hartz IV verwiesen. Das ist natürlich ein sehr schwerer Schritt. Zudem wissen wir von Fällen, bei denen Gästeführern Hartz IV nicht genehmigt wurde. Es hieß, dass es unbürokratisch und unkompliziert ablaufen sollte, aber viele Dinge sind nicht klar. Für uns stellt sich deshalb die Frage, ob wir trotz Hartz-IV-Antrag nicht sogar Schulden aufbauen.“

 

‚Uns fehlt der Kontakt mit den Menschen‘

Es sind jedoch nicht nur die schlechte wirtschaftliche Lage und die unsichere Zukunft, die den Gästeführern zusetzen. „Wir leben von der Interaktion mit den Gästen“, erläutert Isabel Bergen. Das ist neben der finanziellen Seite auch ein Grund, warum virtuelle Stadtführungen in ihren Augen echte Führungen nicht ersetzen können. Einige Kollegen hätten die Chance genutzt und während des Lockdown im Frühjahr eine Online-Alternative aufgebaut. „Es funktioniert – aber es ersetzt nicht die Anzahl an Aufträgen, die man persönlich bekommt. Und wir sind alle Gästeführer aus Leidenschaft. Wir wollen den Menschen unsere Stadt zeigen und nicht vor dem Bildschirm stehen und ins Leere reden. Uns fehlt der Kontakt mit den Menschen“, sagt die Stadtführerin. Auch nach vielen Monaten ohne Aufträge erstrahlt ihr Gesicht, wenn sie von ihren Führungen und Gästen erzählt und davon, warum sie ihren Job so liebt: „Es sind die Kleinigkeiten, die eine gute Führung ausmachen, wie zum Beispiel der Stein der Ochsenküche. Die Gäste bemerken solche Dinge oft gar nicht. Wenn man sie dann darauf hinweist, sind sie häufig total überrascht. Natürlich geht das auch digital, aber es ist etwas ganz Anderes, wenn man dabei die Reaktion der Menschen sieht. Ich vermisse den Kontakt mit den Menschen und die Möglichkeit, ihnen Frankfurt zu zeigen – ihnen zu zeigen, was ich an Frankfurt liebe.“

 

Bleibt Frankfurt das Mekka für Geschäftsreisende?

Bergen gibt Führungen auf Deutsch, Englisch und Spanisch, ihre Gäste kommen häufig aus den USA. Einige wollen einfach Frankfurt und seine Umgebung erkunden, andere betreiben Ahnenforschung. Ein besonders wichtiger Teil sind jedoch die Geschäftsreisenden: Ob große amerikanische Unternehmen oder auch Universitäten, ihre Mitarbeiter möchten die Stadt, in der sie Zeit verbringen, besser kennenlernen. Der Reisebranche sagen jedoch viele dank Zoom-Meetings und Online-Konferenzen eine düstere Zukunft für den Geschäftstourismus voraus. Bergen erinnert jedoch daran, dass diese Befürchtungen bereits vor 30 Jahren aufgekommen sind: „Geschäftsreisen werden wahrscheinlich weniger werden, allerdings glaube ich, dass viele Meetings nicht durch digitale Treffen ersetzt werden können. Bereits in den 90er Jahren dachte man, dass sich die Face-to-Face-Kommunikation durch die beginnende Digitalisierung reduzieren würde – das hat sich aber nicht bewahrheitet. Hier in Frankfurt sind viele Branchen mit sehr komplexen Strukturen angesiedelt, wie beispielsweise das Banken- oder Versicherungswesen. Und je komplexer die Strukturen, umso mehr Face-to-Face-Kontakte sind nötig. Vieles passiert ja auch beim Kaffee trinken, beim Feierabendbier, beim Networking. Arbeitsgruppen lassen sich definitiv einfach online abwickeln, aber im hohen, komplexen Entscheidungsbereich geht das meiner Meinung nach nicht.“


Isabel Bergen hofft, dass „ihre“ Gäste wieder nach Frankfurt kommen – seien es Geschäftsreisende oder Freizeitreisende – und sie ihnen wieder ihre liebsten Orte in der Stadt zeigen kann. Dazu zählen ganz klassisch der Römerberg und die Paulskirche. „Ich finde es unglaublich spannend, dass es sich hier um deutsche und nicht nur um Frankfurter Geschichte handelt. Hier wurde Demokratiegeschichte geschrieben – direkt vor unserer Haustür“, begeistert sie sich für die Geschichte der Kirche. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass sie weiterhin andere Menschen mit ihrer Begeisterung für Frankfurt anstecken kann – auch wenn es dann nebenberuflich sein wird.

 

Text: Laura Bicker

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