Die Fleckenbühler

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Corona-Geschichten

Quarantäne

Eine Bewohnerin der Sucht-Selbsthilfegruppe ,Die Fleckenbühler‘ berichtet über einen Corona-Ausbruch in ihrer Einrichtung

Helga Meyer (73), eine Bewohnerin der Sucht-Selbsthilfegruppe ,Die Fleckenbühler‘ berichtet über einen Corona-Ausbruch in ihrer Einrichtung. Der Text erschien im Original in der Zeitschrift ,die Fleckenbühler‘ und wurde in vorliegender Form lediglich marginal redigiert.

Helga Meyer, aufgenommen am Donnerstag (10.12.2020) in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler / lensandlight
Helga Meyer, aufgenommen am Donnerstag (10.12.2020) in Frankfurt am Main © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler

Ich war froh, als die Maskenpflicht kam. Bis dahin kam ich mir immer ein bisschen dämlich vor, wenn ich eine trug – beim Einkaufen oder in der Straßenbahn. Drosten hatte ja dazu geraten, wenn man auch kaum Masken bekommen konnte. Die Bedrohung war immer noch sehr abstrakt, ich kannte noch nicht einmal jemanden, der jemanden kannte, der mit Covid-19 infiziert war, aber jedenfalls trugen dann alle diese Masken und sahen gleichermaßen blöd damit aus. Meine ersten erstand ich in der Apotheke. Gegen Spende konnte man dort eine von Pfadfindern genähte Maske bekommen, die das Geld dem Kobelt-Zoo, ein kleiner Zoo in Schwanheim, spenden würde. 

Diese Masken sind für mich immer noch die besten, da sie am Hinterkopf zusammengebunden werden. Ich trage Hörgeräte und die anderen Masken verhaken sich immer und es besteht die Gefahr, dass ich die Hörgeräte mit dem Gummi herausreiße. Alle Hygienemaßnahmen hielt ich ein, aber ich kann nicht sagen, dass ich irgendeine Bedrohung empfand.

Das änderte sich schnell, als am 19. Oktober der erste Frankfurter Fleckenbühler positiv auf Covid 19 getestet wurde. Er wurde schon bei den ersten Krankheitsanzeichen in sein Zimmer verbannt. Aber, wie wir wissen, ist man schon vor den ersten Symptomen ansteckend. Wir hatten auch schon vorher Menschen mit Erkältungssymptomen isoliert. Bisher war es immer gut ausgegangen und die Infektionen waren simple Erkältungen. Diesmal war es anders. Es kamen ein, zwei, drei weitere Infizierte hinzu. Wir baten das Gesundheitsamt, uns alle testen zu lassen. Das Rote Kreuz wurde damit beauftragt. Wir wurden in einem Abstand von einer Woche zweimal alle getestet. 

Und nun konnte man sehen, wie ansteckend diese Krankheit ist. Von 66 Bewohnerinnen und Bewohnern waren 53 infiziert. Von den Infizierten hatten einige sehr schwache oder keine Symptome. Einige hatten so etwas wie eine milde Grippe, das waren die ersten, die erkrankten, und ich dachte schon: Ach, so schlimm ist es ja nicht. Meine Einstellung änderte sich aber schnell, da dann doch einige heftig krank wurden. Einer musste sogar für eine Woche ins Krankenhaus. Bis zum 20. November waren alle soweit wieder gesund, einige fühlen sich aber noch sehr schwach. An einigen Tagen hatten wir bis zu 28 Kranke im Haus!

Unsere Helden waren die Köchinnen und Köche. Seltsamerweise wurde in dieser heißen Phase niemand in der Küche krank. Da ich selbst mit meinem Mann zusammen drei Wochen in Quarantäne war, weiß ich, wie wunderbar die Kranken mit Essen versorgt wurden. Wagen mit Tabletts wurden durch das Haus gefahren und das Essen wurde jeweils vor die Tür gestellt. Kurz wurde an die Tür geklopft und wenn man diese dann einen Moment später öffnete, stand ein Teller mit appetitlich angerichtetem gutem Essen vor der Tür. Selbstverständlich mit Salat und Nachspeise.

Es ist eine harte Zeit, auch für uns, obwohl wir doch immer noch mehr Gesellschaft haben als Menschen, die in ihrer Wohnung allein leben. Aber es hat sich so viel geändert. Schon zu Anfang der Pandemie (ich hasse dieses Wort) haben wir im Frankfurter Haus gleitende Zeiten für die Essensausgabe eingeführt, damit nicht alle zusammen im Essraum sitzen. Das hat zur Folge, dass man manche Mitbewohner nur noch selten sieht, weil sie zu anderen Zeiten essen. Dann ist es üblich, dass jemand, wenn er seinen nüchternen Geburtstag feiert, zum Frühstück an einem schön gedeckten Tisch mit Kerzen und Kuchen mit seinen Freunden sitzt und viele umarmen und beglückwünschen ihn oder sie – normalerweise. Besuche zwischen den Häusern (Hof Fleckenbühl, Jugendhilfe Leimbach, Haus Frankfurt) gibt es nicht. Es ist eine allgemeine Unsicherheit spürbar. Man hält sozusagen bedauernd Abstand, schaut sich ratlos an, wenn man sich sonst umarmt hätte. Und wir haben natürlich heftige finanzielle Einbußen durch die Schließung der Zweckbetriebe, aber das ist ein anderes Thema.

Also, jetzt nach eigener Erfahrung, kann ich nur dazu raten, die Abstands- und sonstigen Regeln einzuhalten. Und ich schreibe jetzt nicht: Bleiben Sie gesund, das kann ich nicht mehr hören, aber natürlich wünsche ich Ihnen das von Herzen.

P.S. Ich war übrigens weder krank noch infiziert.

So war der zeitliche Ablauf

Am 15. Oktober zeigte Jimmy Symptome, wurde isoliert und getestet. Das Gesundheitsamt wurde informiert.

Am 19. Oktober kam das positive Testergebnis. Das Haus wurde dicht gemacht, das erste Mal in unserer Geschichte nahmen wir niemanden mehr auf, im Haus wurden Masken getragen.

Am 20. Oktober wurden alle Zweckbetriebe geschlossen.

Am 21. Oktober waren schon neun Bewohner isoliert.

Am 23. Oktober testete das DRK alle Bewohner.

Und so ging es dann weiter

Die Ergebnisse unseres ersten Testes gingen irgendwo zwischen Labor und Deutschem Roten Kreuz in den Tiefen eines Computers verloren. Eine Woche später wurden wir alle noch einmal getestet. Am darauffolgenden Sonntag (also zehn Tage nach dem ersten Test) kam dann ein Virologe vom Gesundheitsamt zu uns ins Haus, um mit uns die Lage und das weitere Vorgehen zu besprechen. 

Inzwischen hatten sich auch die Ergebnisse der ersten Testung angefunden. Und so sah es dann aus: Von 66 Bewohnerinnen und Bewohnern hatten 53 ein positives Testergebnis. Einige hatten gar keine Symptome, einige hatten so etwas wie eine leichte Grippe und einige waren heftig krank, einer musste sogar ins Krankenhaus, ist aber inzwischen wieder zuhause.

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