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Vom Sammeln, Forschen und Vermitteln: Evelyn Brockhoff geht in den Ruhestand

09.07.2021, 08:00 Uhr

Evelyn Brockhoff im Institut für Stadtgeschichte
Evelyn Brockhoff im Institut für Stadtgeschichte © Stadt Frankfurt am Main , Foto: Holger Menzel

Evelyn Brockhoff liebt Geschichte, Kunstgeschichte und ihre Heimatstadt Frankfurt am Main. Daher ist es nicht übertrieben, zu sagen, dass sie den idealen Job für sich gefunden hatte: 17 Jahre lang leitete sie das Institut für Stadtgeschichte (ISG), wo sie auch vorher bereits acht Jahre gearbeitet hat. Das Frankfurter Stadtarchiv im mittelalterlichen Karmeliterkloster in der Innenstadt hat unter ihr eine Entwicklung erlebt, die in ganz Deutschland ein Echo hervorgerufen hat. Brockhoff hat das Stadtarchiv der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute laden Ausstellungen, Vorträge und Konzerte die Frankfurterinnen und Frankfurter ein, mehr über ihre Stadt zu erfahren. Nun geht die 65-Jährige in den Ruhestand.

Für Brockhoff hat es sich „glücklich gefügt“, dass ihr ein Job am ISG angeboten wurde. Denn schon bevor sie dort 1996 als stellvertretende Leiterin ihre Arbeit aufnahm, kreuzte das Stadtarchiv immer wieder ihren Weg. Alles begann mit ihrer Promotion: Nach ihrem Magisterabschluss in Kunstgeschichte, Klassischer Archäologie und Kulturanthropologie an der Goethe-Universität entschied sich die gebürtige Frankfurterin 1982 dazu, ihre Doktorarbeit zu verfassen. Diese sollte sich um Frankfurt und klassizistische Architektur drehen. Der Grund dafür war ein einfacher: „Ich konnte es mir schlichtweg finanziell nicht leisten, über irgendwelche italienischen Grabmäler in Florenz zu promovieren“, erzählt Brockhoff. „Deshalb wollte ich mir ein Frankfurt-Thema suchen und bin wochenlang in die Universitätsbibliothek gegangen und habe Bücher gewälzt. Und auch im Stadtarchiv war ich oft.“ Am Ende fand sie das passende Thema in dem klassizistischen Frankfurter Stadtbaumeister Johann Friedrich Christian Hess – ein Name, der sie ihr ganzes Arbeitsleben über begleiten sollte.

„Ich habe mich noch nie auf eine Stelle beworben“

Ihre Promotion über Hess – der unter anderem die Paulskirche und die Alte Stadtbibliothek erbaut hat – öffnete Brockhoff viele Türen, auch die des ISG. Dessen damaliger Leiter, Prof. Wolfgang Klötzer, fand das Thema des bis dato wenig erforschten Baumeisters so spannend, dass er die Doktorandin bat, sich bei Fragen direkt persönlich an ihn zu wenden. „Ich habe das Haus schon während meiner Promotion als Nutzerin kennengelernt, und auch die Menschen, die dort gearbeitet haben. Prof. Klötzer, der später auch mein Zweitgutachter wurde, hat damals gesehen wie ich dort herumgewirbelt habe, und sagte immer zu mir: ‚Sie würde ich vom Fleck weg einstellen!‘“, erzählt Brockhoff.

Ihr Weg führte sie zunächst aber nicht direkt ins ISG. Durch ihre Bewerbung für den Johann Philipp von Bethmann-Studienpreis wurde der damalige Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf auf sie aufmerksam, und auch ihn faszinierte Brockhoffs Promotionsthema. „Er schrieb mir, was das für ein tolles Thema sei, da es sich gewissermaßen um seinen Vor-Vor-Vor-Vorgänger handelte“, berichtet sie. „Haverkampf begann Mitte der 1980er Jahre mit der Sanierung der Paulskirche aus Anlass des 140-jährigen Jubiläums der ersten gesamtdeutschen Nationalversammlung 1848. Weil das so gut passte, fragte er mich, ob ich nicht die Gestaltungswettbewerbe für das Wandbild in der Wandelhalle, die Glasfenster, die Glocken und die Fahnen organisieren wollte.“ Dieser Wettbewerb führte Brockhoff zur nächsten Station in ihrem Lebenslauf, denn in der Jury saß auch der damalige Oberbürgermeister Wolfram Brück, der von ihrer Arbeit beeindruckt war. Im November 1986 wurde sie Referentin für kulturelle Angelegenheiten in seinem Büro. Dort arbeitete sie eng mit dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann und verschiedenen Museumsdirektoren zusammen, bevor sie 1989 als Kuratorin, Archivleiterin und stellvertretende Direktorin ins Deutsche Architekturmuseum kam. 1996 fragte sie Prof. Dieter Rebentisch, der zu dieser Zeit das ISG leitete, ob sie ins Stadtarchiv wechseln wolle. Er und Brockhoff kannten sich bereits, da er ihre Doktorarbeit lektoriert hatte. „Ich habe mich in meinem ganzen Leben nie auf eine Stelle beworben. Es war für mich immer ein glücklicher Zufall. Hess war meine Eintrittskarte und hat mich mein Leben lang begleitet“, fasst Brockhoff zusammen.

 

Stadtgeschichte für alle

Brockhoff nennt es einen glücklichen Zufall, aber ihre Begeisterung für Frankfurt und seine Geschichte sind nie unbemerkt geblieben und haben der gebürtigen Frankfurterin vieles ermöglicht. Eine Leidenschaft, die sie mit anderen teilen wollte – so begann die Neuausrichtung des ISG unter ihrer Führung. „Im Institut für Stadtgeschichte sammeln wir alle Dokumente und Unterlagen der Stadtverwaltung, aber auch der Stadtgesellschaft, die aus den Bürgern, Vereinen, Stiftungen, Firmen etc. besteht. So kann man beispielsweise nachweisen, von wem die Stadt Frankfurt den Stadtwald erworben hat – nämlich von Karl IV. Oder, wer der bedeutendste Jazzposaunist in Frankfurt war, nämlich Albert Mangelsdorff, von dem wir den ganzen Nachlass besitzen. Die Akquisition von Dokumenten ist das eine Standbein eines Archivs. Das zweite ist die Vermittlungsarbeit: Die Akten zum Sprechen zu bringen, den Frankfurtern zu zeigen, in was für einer geschichtsträchtigen und lebendigen Stadt sie leben. Das kann man am besten, indem man Geschichte erzählt“, erläutert Brockhoff ihre Herangehensweise an die Erinnerungsarbeit. So sind unter ihrer Ägide über 140 Ausstellungen und weit über 100 Publikationen zu den unterschiedlichsten Themen der Frankfurter Stadtgeschichte realisiert worden.


Stets eine Frau der Tat

Diesem Konzept stand jedoch ein wesentliches Problem im Weg: Das Stadtarchiv verfügte zu dieser Zeit nicht über die nötigen Räume, um Ausstellungen und Veranstaltungen zu organisieren. Das Karmeliterkloster, das sich das ISG heute mit dem Archäologischen Museum teilt, gehörte damals zum größten Teil anderen Ämtern. „Ich habe mich mit dem stellvertretenden Direktor des Archäologischen Museums, Prof. Egon Wamers, zusammengetan und mit ihm ein Konzept für ein ,Zentrum der Frankfurter Historie’ im Karmeliterkloster entwickelt. Davon konnten wir die Politik überzeugen – und 1998 wurden uns alle Räume zugesprochen“, erzählt Brockhoff. „Dann habe ich mit Ausstellungen, Vorträgen, Symposien, Führungen in die Tiefmagazine und zu den Wandmalereien von Jörg Ratgeb und Konzerten angefangen, das war mein Ding. Mir war es sehr wichtig, Menschen ins ISG zu holen, ihnen die Geschichte dieser historisch faszinierenden Stadt nahe zu bringen und mit ihnen in den Dialog zu treten. Durch diese Öffentlichkeitsarbeit sind wir zu einem wichtigen Teil der Frankfurter Kulturlandschaft geworden. Ich will damit nicht behaupten, dass das Stadtarchiv vorher ein Schattendasein geführt hat. Aber außer der Kernaufgabe, Dokumente zu sammeln, zu konservieren, zu archivieren und diese der Stadtverwaltung und Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen, gehört es heute ebenso dazu, selbst zu forschen, zu vermitteln und das Wissen an andere in Form von Publikationen, Ausstellungen, Vorträgen und vielem mehr weiterzugeben.“

Heute finden mehr als 150 Veranstaltungen im Jahr im ISG statt, fast 100.000 Menschen besuchen jährlich das Haus. Die Archivarinnen und Archivare musste sie jedoch erst davon überzeugen, wie wichtig es ist, eine intensive Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben: „Sie haben oft die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und haben sich gefragt ‚Mit was kommt sie denn jetzt noch alles?‘“, sagt Brockhoff lachend. „Als ich vorgeschlagen habe, Konzerte zu veranstalten, wussten sie damit am Anfang nichts anzufangen. Aber nach einer Weile haben sie mich gefragt: ‚Darf ich da auch mal kommen?‘ Darüber habe ich mich sehr gefreut.“

Jahrhundertaufgabe Digitalisierung: 3800 Jahre lang scannen

In Brockhoffs Zeit als Direktorin mussten sich die Archivare noch auf eine weitere große Umstellung einlassen, die auch ihre Chefin vor eine große Herausforderung stellte: die Digitalisierung. „Zu unserem 575. Jubiläum 2011 wurde ich sehr oft gefragt, ob wir bereits alles digitalisiert hätten. Ich habe mir dann mal einen Spaß erlaubt und gerechnet. Wenn eine Person unsere 25 Regalkilometer Akten scannt, dauert das 3800 Jahre. Und wenn nur eine Person unsere 2,5 Millionen Fotos scannt, würde das weitere 1700 Jahre dauern. Und dann sind sie lediglich gescannt – das Verzeichnen macht ja noch viel mehr Arbeit“, sagt Brockhoff. Mittlerweile hat jeder Archivar einen eigenen Scanner an seinem Platz. Das ISG arbeitet schon seit Mitte der 1990er Jahre mit modernen Archivierungsprogrammen – zu dieser Zeit gab es in den meisten Behörden der Stadt noch Schreibmaschinen – und vernetzt sich mit immer mehr Archiven deutschlandweit“, erzählt Brockhoff.

Unterstützung bei dieser Mammutaufgabe, alle Dokumente zu digitalisieren, bekommt das ISG auch von außen und von überraschender Stelle: „Uns helfen beispielsweise die Mormonen. Sie sind weltweit unterwegs, um ein globales Familienarchiv zu erstellen. Deswegen gehen sie in alle Archive und scannen dort die Kirchenbücher und die historischen Einwohnermeldekarteien. Sie kommen schon seit mehreren Jahren zu uns ans Haus und haben in dieser Zeit 2,1 Millionen Scans für den Eigenbedarf erstellt – zu unserem Glück erhalten wir von ihnen immer eine Kopie“, berichtet Brockhoff über diese ehrenamtliche Tätigkeit. Doch auch mit Unterstützung ist die Digitalisierung des Bestandes eine Aufgabe, die noch viele Nachfolger von Evelyn Brockhoff beschäftigen wird.

„Man muss führen wollen“

Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von der neuen, digitalen Arbeitsweise oder dem Vermitteln ihres Wissens zu überzeugen, war für Brockhoff nicht immer einfach. „Man muss die Menschen mitnehmen können“, beschreibt sie ihre Vorgehensweise. „Ich muss nicht die Superhistorikerin sein, dazu hat man die vielen qualifizierten Fachkräfte am Haus. Als Amtsleiterin muss man vor allen Dingen führen können. Mindestens genauso wichtig sind soziale Kompetenz, ein Händchen für Finanzen und Organisationstalent.“ Das gelte besonders auch für Frauen. „Ich habe in den 1990er Jahren noch die Erfahrung gemacht, dass Frauen oft gar nicht die volle Verantwortung übernehmen wollen. Aber wenn man in eine Führungsposition kommen möchte, muss man sich im harten Konkurrenzkampf behaupten. Die Stadt Frankfurt ist dafür der ideale Arbeitgeber. In jeder Stellenanzeige wird darauf hingewiesen, dass man sich besonders über die Bewerbung von Frauen freut, Teilzeitbeschäftigung ist immer möglich. Der Anteil von Frauen, gerade in unserem Institut, ist besonders hoch. Man muss es einfach wollen.“ Und Brockhoff wollte es – und wurde die erste Frau, die das Institut für Stadtgeschichte seit dessen Gründung im Jahr 1436 leitete.

Vom Treffen mit der Queen zum Tisch, an dem schon Kennedy saß

Nach so vielen Jahren als Direktorin des ISG, in denen sie stets in engem Kontakt mit der Frankfurter Stadtpolitik und -gesellschaft stand, kann Evelyn Brockhoff auf eine lange Reihe berühmter Persönlichkeiten zurückblicken, die sie durch ihre Arbeit kennenlernen durfte. Ob aus der Politik, der Wirtschaft, der Musik oder dem Sport – über das Stadtarchiv komme man mit Menschen aus allen Bereichen in Kontakt, erklärt Brockhoff. Die faszinierendste Person unter ihnen war für die Archivdirektorin jedoch keine Frankfurterin, sondern niemand geringeres als die Königin von England: „Die Queen war am 25. Juni 2015 in Frankfurt zu Gast und wollte die Goldene Bulle, das wichtigste Dokument, das die Stadt Frankfurt besitzt und das seit 2013 UNESCO-Weltdokumenterbe ist, sehen. Wir haben sie ihr in der Paulskirche präsentiert. Ich habe mit ihr selbst nicht gesprochen, aber ihr Mann Prinz Philip hat mir die Hand geschüttelt“, erzählt Brockhoff lachend. „Es war wirklich ein beeindruckendes Erlebnis und eine große Ehre. Eine Frau, die schon länger regiert, als ich auf der Welt bin – das ist einfach Wahnsinn und es war ein Privileg für mich, sie treffen zu können.“

Brockhoff hatte das Glück, dieses Privileg nicht an irgendeinem Ort erleben zu dürfen, sondern an dem Ort in Frankfurt, der für sie von ganz besonderer Bedeutung ist: der Paulskirche. „Ich verbinde so viel mit der Paulskirche – zum Beispiel meine Doktorarbeit und die Wettbewerbe. Ich habe aber auch die Dauerausstellung, die bis heute dort zu sehen ist, konzipiert und realisiert, und jede Menge weitere Ausstellungen vor Ort. Auch der Film, der dort in fünf Sprachen gezeigt wird, stammt von mir. Die Paulskirche hat mich immer beschäftigt. Paulskirche und Brockhoff, das ist eins. Das gehört zusammen!“, sagt die Direktorin und erzählt, dass sogar einige Möbel aus der Paulskirche ihren Weg in ihr Büro gefunden haben: „Der große Besprechungstisch und die Stühle aus dem VIP-Raum im Erdgeschoss, die bei der Sanierung 1988 ausgelagert wurden, stehen jetzt in meinem Dienstzimmer. Da haben schon Kennedy, Heuss und Adenauer drangesessen!“

Nun wird das Dienstzimmer mit den berühmten Möbeln an jemand anderen gehen. Aber auch nach ihrem letzten Arbeitstag bleibt Evelyn Brockhoff der Frankfurter Stadtgesellschaft erhalten. Für ihren Ruhestand hat sie schon viele Pläne; und die meisten davon drehen sich um Geschichte und Kunstgeschichte. So ist sie erst kürzlich der Benvenuto Cellini Gesellschaft beigetreten, dem Förderverein des Instituts für Kunstgeschichte an der Goethe-Universität, an dem sie studiert hat. Zudem ist sie Mitglied der Alumni-Gesellschaft der Universität. „Ich werde an meine Alma Mater zurückkehren und dort wieder Vorlesungen besuchen“, plant Brockhoff. Die über 30 Vereine und Kommissionen, in denen sie tätig ist, werden sie ebenfalls weiterhin beschäftigen. An erster Stelle steht dabei natürlich die Gesellschaft für Frankfurter Geschichte. Aber auch in der Frankfurter Historischen Kommission, die den Magistrat in geschichtlichen Fragen berät, sowie bei der Polytechnischen Gesellschaft und in ihrem Rotary-Club bleibt sie aktiv. „Ich werde mich auf jeden Fall weiter mit Geschichte beschäftigen. Und ich werde meinen Alterswohnsitz nicht ins Ausland oder in eine andere Stadt verlegen. Ich bleibe in Frankfurt – hier bin ich glücklich!“

 

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