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tinyBE und die Kunst zu erkennen, was wirklich wichtig ist

03.08.2021, 13:11 Uhr

Bob Hill Burrows Laure Bruvost; Foto: Jan Hassenpflug
Boob Hills Burrows von Laure Prouvost © Stadt Frankfurt am Main , Foto: Jan Hassenpflug

Wie lässt es sich minimalistisch wohnen und leben? Noch bis zum 26. September liefern bewohnbare Kunstinstallationen im Metzlerpark Inspiration zu dieser Frage  
 
Von außen gleicht der Grashügel mit Eingangstüre einem Hobbithaus, wie es die Filmtrilogie zu R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ berühmt gemacht hat. Nur wenig Tageslicht dringt durch eine Dachluke ins Innere des höhlenartigen Wohnraums. Gläser und Tassen stehen auf einer kleinen Anrichte neben dem Bett, einige Lampen erhellen das Gewölbe und ein Fernseher hängt an der Wand. Er irritiert inmitten des kargen Interieurs. Doch hier laufen nicht etwa aktuelle Nachrichten, ein Hollywood-Blockbuster oder gar die neuste Netflix-Produktion. Hier flimmert ausschließlich ein ausgewählter Kurzfilm über den Bildschirm. Er ist Teil der bewohnbaren Kunstinstallation von Laure Prouvost. Die französische Künstlerin hat ihr Werk rund um die Schöpfungskraft der Natur in Form des weiblichen Körpers arrangiert. 

Ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl. Was klingt wie die spartanische Einrichtung einer Gefängniszelle, definiert in der interaktiven Ausstellung „tinyBE – living in a sculpture“ in Darmstadt, Wiesbaden und vor allem im Metzlerpark des Museums Angewandte Kunst die bewusste Rückbesinnung auf das Wesentliche. Eine minimalistische Ausstattung eint alle bewohnbaren Skulpturen. Über den abstrakten Arrangements schwebt die Frage: Was braucht es wirklich zum Leben? Nicht nur die Künstler haben sich mit dieser existenziellen Fragestellung auseinandergesetzt. Auch die zufälligen Besucher der öffentlichen Parkanlage sind eingeladen, zu reflektieren, was mitten im materiellen Überfluss unserer Zeit verzichtbar sein könnte. Neugierige Blicke sind den seltsamen Häuschen jedenfalls sicher.

„Niemand wird dieses Erlebnis jemals vergessen“

Wer noch tiefer in die Selbstreflexion des eigenen Lebensentwurfs eintauchen möchte, kann sich sogenannten „day“ oder „night experiences“ anschließen. Denn die Behausungen lassen sich tatsächlich am Tag und sogar für eine Nacht buchen. Was sind das für Menschen, die sich dieser Erfahrung stellen? „Unter ihnen sind natürlich viele Abenteurer*innen, Kunst- und Kunstinteressierte“, verrät Kuratorin und Initiatorin Cornelia Saalfrank. „Aber unabhängig von Hintergrund und Vorwissen hilft die Kunst dabei, intuitiv das Wesentliche zu erfassen, zu sich selbst und zu grundlegenden Bedürfnissen zurückzukehren. Egal mit welchen Teilnehmer*innen wir bisher gesprochen haben – alle sind sich einig: Es macht etwas mit dir. Niemand wird dieses Erlebnis jemals vergessen.“ Das Interesse ist groß. Schon bald will tinyBE auch kurze Stippvisiten anbieten. Die gesamten Erlöse refinanzieren den Bau der Behausungen und decken das Engagement der beteiligten Kunstschaffenden ab. 

Maximal 30 Quadratmeter Wohnfläche, nachhaltige Baumaterialien und eine sanitäre Anlage außerhalb der Behausung – so die übersichtlichen Vorgaben, die das Team von tinyBE den Künstlern mit auf den Weg gegeben hat. „Für die Premiere in diesem Jahr haben wir bewusst nicht ausgeschrieben, sondern eigeninitiativ sowohl junge, unbekannte als auch international renommierte Kunstschaffende eingeladen. Es war uns wichtig, nicht etwa reinen Architekt*innen oder Designer*innen, sondern Künstler*innen eine Plattform zu geben“, gibt Saalfrank einen Einblick in die Vorbereitungen.
  
Im Hintergrund ragt der Commerzbank-Turm zwischen den Baumwipfeln hervor. Er schafft einen unwirklichen Kontrast zum länglichen Zeltpavillon, der umgeben von einem goldenen Gerüst am nördlichen Ende des Metzlerparks steht. Die Installation des US-amerikanischen Künstlerduos Mia Eve Rollow und Caleb Duarte widmet sich Aspekten von Vertreibung, Flucht und Migration. Vier Migranten aus Frankfurt haben selbst beim Aufbau mitgewirkt. So haben viele Projekte in ihrer Entstehung schon einen interaktiven Charakter. Der „Käfig“ symbolisiert einen ambivalenten Zufluchtsort, spielt an auf Ausgrenzung und Integration, die stetig zu verhandelnden Grenzen zwischen Innen und Außen, denen jede Migrationsgeschichte auf ihrem Weg begegnet. Seefrachtkisten gestalten das Innere. Sie verweisen darauf, wie Grundrechte im Kontext der Flucht verschwinden und der Mensch zur Ware wird. Überhaupt ist jedes Detail sorgsam durchdacht. Auch die goldene Farbe wurde nicht ohne Grund gewählt. Sie steht für die Rettungsfolie, die unterkühlten Körpern, zum Beispiel nach einem langen Aufenthalt im Wasser, das Leben sichern kann.
     
 „Jedes tinyBE-Haus greift einen bestimmten Aspekt auf. Wir haben uns bewusst für ein interdisziplinäres Konzept entschieden, bei dem viele Themen unserer Zeit zum Tragen kommen“, erklärt Saalfrank. Neben sozialen Perspektiven haben mediengeschichtliche Einflüsse, gar Erkenntnisse aus der Pilzbiotechnik, oder Hochschul-Kooperationen ihren Platz. Nachhaltigkeit ist das verbindende Element. Nicht nur die Verwendung entsprechender Baumaterialien festigt dieses übergeordnete Motiv. Das Freiluft-Baumhaus von Terence Koh etwa ist darauf ausgelegt, die Elemente, Wind und Wetter unmittelbar spürbar zu machen. Die Verbindung zur Natur ist hier allgegenwärtig.

Interaktives Kunsterlebnis mitten im öffentlichen Raum

Ganz bewusst sind die Kunstinstallationen keine isolierte Inszenierung, sondern Teil des öffentlichen Raums. Die urbane Atmosphäre ringsherum bleibt unverändert. Touristen strömen durch die Parkanlage, Kinder tollen auf der Wiese herum, Jugendliche sitzen auf Picknickdecken und hören Musik. So verliert das Kunstprojekt seinen Ausstellungscharakter. Stattdessen verschmilzt es mit der Umgebung und betont einmal mehr den Gegensatz zwischen einem minimalistischen Innenleben der abstrakten Wohnräume und der urbanen Reizüberflutung im Außen. Auch das ist Teil der Erfahrung.

Was ist wirklich wichtig, um glücklich zu leben? Wenn man sich mit der Idee hinter tinyBE auseinandersetzt, lässt einen diese Frage so schnell nicht mehr los. Sie trifft den Nerv einer Welt, die sich wie selten zuvor mitten im Wandel befindet. Auch wenn das Projekt einem Kunstcharakter entsprechend keine eindeutigen Antworten liefert, so regt es doch dazu an, sich wesentliche Fragen wieder und wieder zu stellen. Im Rhythmus von zwei Jahren will das Team um Cornelia Saalfrank andere Städte, vielleicht sogar Frankfurter Partnerstädte, zum Schauplatz von „tinyBE – living in a Sculpture“ machen. Dann wieder mit neuen spannenden Ideen. Ganz sicher werden auch wieder Menschen ahnungslos vorbeigehen, stutzig stehen bleiben und sich Tage später gedankenversunken Fragen: Was ist wirklich wichtig?
  
Über das bekannte Ticketportal EventimExternal Link können maximal zwei Personen eine zweistündige „day experience“ (Sonntag bis Donnerstag 90 Euro, Freitag bis Samstag 140 Euro pro Ticket) oder eine Nacht (Sonntag bis Donnerstag 120 Euro, Freitag bis Samstag 180 Euro pro Ticket) buchen. Stippvisiten sind schon ab fünf Euro möglich. Für eine Führung bezahlen die Besucher 18,50 Euro, ermäßigt 9,50 Euro. Alle Informationen zum Projekt und Kunstvermittlungsprogramm samt Terminen zu einzelnen Führungen finden sich unter TinyBeExternal Link im Internet.

Text: Jan Hassenpflug


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