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Für den Frieden im Geiste: Die Regina Pacis erstrahlt in neuem Licht

22.11.2020, 08:00 Uhr

Mit einer Größe von zwölf Metern thront die Marienfigur, auch genannt Regina Pacis, lateinisch für Königin des Friedens, in der mittleren der drei Portalnischen der Frauenfriedenskirche in Bockenheim und wacht über die eintretenden Besucher. Aus einiger Distanz sieht es so aus, als schaue sie mit ihren Mandelaugen direkt in die des Besuchers, um sagen zu wollen: „Komm herein, du bist willkommen. Ich gebe auf dich acht.“ Und somit tut sie genau das, wofür sie mit ihrem Namen steht.

Die Frauenfriedenskirche gilt als zentrale Gedächtniskirche für die Gefallenen und Opfer des Ersten Weltkriegs. Im Jahr 1916, während die Kriegsschlachten tobten und Millionen Soldaten ihr Leben ließen – allein über 700.000 davon in Verdun –, sollte mit dem Gotteshaus eine nationale Gedenkstätte für die katholischen Gefallenen errichtet werden. Deren Frauen, Mütter, Töchter und Anhängerinnen der katholischen Kirche waren es, die sich für die Schaffung eines Ortes aussprachen, an dem sie gemeinsam trauern und gleichzeitig neue Hoffnung für den Frieden und ihre Zukunft schöpfen konnten.

Die Idee zur Errichtung der Frauenfriedenskirche stammte von Hedwig Dransfeld (1871-1925), Frauenrechtlerin und Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes (KDFB), der 1903 in Köln im Zuge der Frauenbewegung gegründet wurde. Mit ihr als Vertreterin des KDFB und anderen katholischen Frauenverbänden sowie der Gemeinde St. Elisabeth in Bockenheim kamen nach Ende des Ersten Weltkriegs landesweit fast ausschließlich von Frauen finanzierte Stiftungsgelder in Höhe von 900.000 Reichsmark zusammen. 1923 sorgte die Inflation jedoch für den Verlust des Vermögens, weshalb später lediglich die Hälfte der Gelder erneut gesammelt werden konnte. Als es zur Architektenausschreibung kam und der Bau realisiert werden konnte, war die Initiatorin bereits verstorben.

„Die Frauen kamen busweise hierher“

Den Bauauftrag erhielt 1927 der Stuttgarter Architekt Hans Herkommer (1887-1956) für seinen Entwurf zur deutschlandweiten Ausschreibung unter Vorsitz von Ernst May, Frankfurts bekanntestem Stadtplaner und Begründer des Stadtplanungsprogramms Neues Frankfurt. Das Hauptaugenmerk zur Auswahl seiner Pläne lag vor allem auf der Verbindung eines Mahnmals und einer Gemeindekirche, die Herkommer geschickt umzusetzen wusste. Der Architekt schuf als Schüler von Paul Bonatz und Martin Elsaesser, der unter anderem die Frankfurter Großmarkthalle entwarf, einen modernen Sakralbau, der architekturgeschichtlich, ebenso wie die Heilig-Kreuz-Kirche am Bornheimer Hang, dem Neuen Frankfurt angehört.

Entscheidend sei vor allem dieser neue sakrale Gedanke gewesen, betont Franziska Baumgartl, Vorsitzende des Freundeskreises Frauenfrieden und Vertreterin für den Bauausschuss. „Das vermischt mit dem Expressionismus und dem Bauhaus-Denken ist eine ganz neue Art gewesen, sich an den sakralen Raum heranzutasten.“ Das Areal, bestehend aus dem Kirchengebäude, einem Pfarr- und Gemeindehaus, verschmilzt gemeinsam mit dem großen Gedächtnishof zu Ehren der Kriegstoten zu einer architektonischen Einheit.

Den Höhepunkt der Außenfassade bildet das Hauptportal mit der Mosaikstatue der Friedenskönigin Maria, genannt Regina Pacis, die der Kirche gleichzeitig einen Teil ihres Namens verlieh. Der Bildhauer Emil Sutor, zu dessen Werken auch die Bambi-Statuette des gleichnamigen Filmpreises gehört, gestaltete die Skulptur. Zur damaligen Zeit war die Frankfurter Regina Pacis die größte freistehende Marienstatue Europas, erfreute sich deshalb aber nicht uneingeschränkter Beliebtheit. „Vielen war sie für die damaligen Verhältnisse doch zu groß“, gibt Franziska Baumgartl zu. Ein weiteres Mosaikkunstwerk, entworfen vom Jugendstilmaler Matthias Stich, umrahmt die Portalfigur.

Die Grundsteinlegung erfolgte 1927 und bereits im Mai 1929 weihte der Fuldaer Bischof Joseph Damian Schmitt die Frauenfriedenskirche. Schon bald reisten Frauen aus dem ganzen Land mit Bussen an: „Die Krypta hat zwei Eingänge. Schlangenweise traten die Frauen ein und standen vor der Pietà um zu beten und zu trauern. Danach gingen sie auf der anderen Seite wieder nach oben heraus in das normale Leben, wo Zuversicht und die Hoffnung auf Frieden vorherrschten“, erzählt Baumgartl.

Doch der Frieden hielt nicht lange. Nur 15 Jahre nach ihrer Weihe nahm auch die Frauenfriedenskirche Schaden durch die Bomben von 1944. Ganz im Zeichen des Friedens trotzte die Maria am Eingangsportal den Luftangriffen auf Frankfurt und blieb unversehrt. Mit Kriegsende konnten Familien gegen ein Entgelt von 50 Reichsmark nun auch ihre im Zweiten Weltkrieg gefallenen oder vermissten Angehörigen namentlich in der Gedenkstätte verewigen. So und mit weiteren Spenden war die Finanzierung für einen Wiederaufbau in den 50er Jahren gesichert.

 

„So Gott will, werden wir keinen Krieg mehr erleben“

Zum Abschluss der Grundsanierung der Kirche, die 2018 aufgrund von Mängeln im Baugrund begann, erhält die Regina Pacis eine eigene Illumination, konzipiert und umgesetzt von Lichtdesigner Herbert Cybulska. Coronabedingt muss der für Sonntag, 22. November, geplante Festakt zur Wiedereröffnung mit zahlreichen Teilnehmern ausfallen. Die Präsentation der Lichtinstallation findet am Vortag in kleinem Kreis gemeinsam mit Oberbürgermeister Peter Feldmann und Constantin Alsheimer, Vorsitzender der Sponsorin Mainova, statt. Sie verleiht der Regina Pacis nun den letzten Schliff. Dass die Frauenfriedenskirche auf Ewigkeit ein Monument ausschließlich vergangener Schlachten bleiben wird, darauf hofft Franziska Baumgartl: „So Gott will, werden wir keinen Krieg mehr erleben.“

Die Sanierungskosten für die seit den 70er Jahren unter Denkmalschutz stehende Kirche belaufen sich auf insgesamt fünf Millionen Euro. Größtenteils tragen das Bistum Limburg und das Landesamt für Denkmalschutz die Kosten. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSB) unterstützt die Arbeiten mit 110.000 Euro. Hinzu kommen etliche private Spenden.

Das Bistum Limburg stellt zur Wiedereröffnung einen Livestream zur Verfügung, den Interessierte unter https://www.bistumlimburg.de/External Link verfolgen können.

Anlässlich der Sanierung und Neueröffnung der Frauenfriedenskirche wurde mit Franziska Baumgartl vom Bauausschuss Frauenfrieden ein Interview geführt.

 

‚So eine Kirche gibt es einfach kein zweites Mal‘

 

Franziska Baumgartl, seit 2017 Jahren Vorsitzende des Freundeskreises Frauenfrieden und des Bauausschusses, führt immer wieder Journalisten und Interessenten durch die erneuerte Kirche und wird dabei nicht müde, die Geschichte der Frauenfriedenskirche zu erzählen. Aus dem Rheinland stammend, kam sie der Liebe wegen nach Frankfurt und lebt heute nur etwa fünf Gehminuten von der Kirche entfernt. Ihre Kinder wurden in der Frauenfriedenskirche getauft, erhielten hier den Kommunions- und Firmunterricht. Im Interview mit Susanne Müller erzählt sie von ihrer Verbindung zur Frauenfriedenskirche.

 

Franziska Baumgartl vom Bauausschuss Frauenfrieden am Portal der Kirche mit der Mariastaue im Hintergrund, Foto: Holger Menzel
Franziska Baumgartl vom Bauausschuss Frauenfrieden am Portal der Kirche mit der Mariastaue im Hintergrund © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel
Frau Baumgartl, was macht die Kirche so besonders?

Franziska Baumgartl: Die Entstehungsgeschichte ist das Besondere, wie ja bei vielen Kirchen: Manche sind Pestkirchen oder Trauerkirchen, aber diese Kirche wurde von einem kleinen Kreis von katholischen Frauen entwickelt, nämlich nach den furchtbaren Schlachten des Ersten Weltkriegs. Die Frauen wünschten sich einen Ort, an dem sie gemeinsam für ihre Gefallenen beten konnten, die ja auf fremder Erde gefallen waren. Und sie nannten es „ein Stein gewordenes Gebet für den Frieden“. Denn auch wenn viele damals sicher noch an die Obrigkeit glaubten, diesen Krieg wollten sie sicher nicht.


Was verbinden Sie persönlich mit der Kirche?

Baumgartl: Wenn man sich klarmacht, wie diese Kirche entstanden ist, dass damit ein Ort geschaffen wurde, an dem man gemeinsam trauern konnte und dafür betete, dass nie wieder ein Krieg herrscht – das hat ja nun leider mit dem Zweiten Weltkrieg nicht funktioniert – dann ist das sehr berührend und hat mich überzeugt, mich hier zu engagieren.

 

Welche der Sanierungsarbeiten war für Sie von größter Bedeutung?

Baumgartl: Die Farben. Wegen eines Bombenangriffs 1944 flog der Kirche das Dach davon, die Farben liefen die Wände hinab. Später wurde nur mit einem Eierschalenton überstrichen. Bei der Restaurierung kamen nach und nach alle Originalfarben zum Vorschein. Die originale Farbgestaltung, die nun wiederaufgenommen wurde, lässt die Kirche in einem ganz anderen Licht erstrahlen.

 

Worauf freuen Sie sich nach der Wiedereröffnung am meisten?

Baumgartl: Ich hoffe, dass alle Gemeindemitglieder vorbeischauen und begeistert sind. Viele von ihnen haben durch Corona Kirchen meiden müssen, deshalb wäre es schön, wenn dieser neugestaltete spirituelle Raum sie wieder willkommen heißt. Wir hoffen auch sehr, dass Frauenfrieden als Pfarrkirche die Menschen anspricht. Das würde mich freuen. Und wer beten will, kann immer vorbeikommen – die Kirche wird auch tagsüber wieder geöffnet sein.

 

Wie wichtig ist Ihnen, dass der Oberbürgermeister zur Wiedereröffnung vorbeischauen wird?

Baumgartl: Die Sanierung der Frauenfriedenskirche hat bei den Menschen ein großes Interesse hervorgerufen. Wir haben Spenden aus ganz Deutschland erhalten. So eine Kirche, mit dieser Geschichte und in diesem Baustil, die gibt es einfach kein zweites Mal. Deshalb ist sie ein Monument regionaler, wenn nicht nationaler Bedeutung. Dass die Vertreter der Stadt der Kirche Beachtung schenken, macht sie auch gleichzeitig zugänglicher für die Öffentlichkeit in Frankfurt und darüber hinaus.

 

Interview: Susanne Müller

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