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Gesundheitslotse Boujemaa Toukad über Medizin, Vertrauen und Zuhören

17.07.2020, 13:00 Uhr

Gesundheitslotse Boujemaa Toukad
Gesundheitslotse Boujemaa Toukad © Stadt Frankfurt am Main , Foto: Maik Reuß

Jedem Thema Platz und Raum geben. Gesundheitslotsen helfen Menschen mit Migrationshintergrund, sich in dem medizinischen System Deutschlands zurechtzufinden.

Wenn Boujemaa Toukad über Gesundheit spricht, dann spricht er nicht allein über Medizin, sondern über Vertrauen, Sprache und über das Zuhören. Toukad ist Gesundheitslose im Programm „KoGi“ (Kommunale Gesundheitsinitiativen – interkulturell). Das Programm wurde 2012 vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt in Kooperation mit der Selbsthilfekontaktstelle ins Leben gerufen. Boujemaa Toukad klärt als einer von annähernd 80 bereits ausgebildeten Gesundheitslotsen aus 29 unterschiedlichen Ländern Menschen mit Migrationsgeschichte auf – über das Gesundheitssystem, Patientenrechte, übertragbare Krankheiten, Kindergesundheit, den Umgang mit Medikamenten oder Mund- und Zahngesundheit.

Toukad, der selbst vor 40 Jahren als junger Student aus Marokko nach Deutschland kam, kennt die Gedanken, Gefühle und Sorgen von Menschen, die zunächst fremd in einem Land sind. Er arbeitet in Vereinen, in denen er als Multiplikator für Menschen mit Migrationsgeschichte aktiv sein kann. Er spricht mit viel Wissen und Leidenschaft über seine ehrenamtliche Arbeit im Projekt „KoGi“ – stets ruhig und besonnen. Seine Aufgabe sieht er neben der Aufklärung und der Vermittlung von Wissen auch darin, Menschen Mut zu machen und Hoffnung zu geben. „Im Jahr 2017 habe ich während meiner Arbeit in einem Verein von dem Projekt des Gesundheitsamtes erfahren. Ich dachte sofort: Migration und Gesundheit – das ist genau das richtige für mich!“ Er habe dann mit Hans Wolter, Initiator des Projektes im Gesundheitsamt, ein Gespräch geführt und schnell sei ein Termin für die Qualifizierung zum Gesundheitslotsen gefunden worden.

Rund vier Monate habe die Schulung gedauert. Toukads Schwerpunktthemen sind das Gesundheitssystem und Patientenrechte. Der 66-Jährige studierte in den 80er Jahren zunächst Germanistik und Erwachsenenbildung. Jahre später, im Jahr 2004, setzte er noch ein Aufbaustudium zum Masters of Law (LLM) drauf, denn in Marokko hatte er bereits Jura studiert. „Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der besten, aber auch ein kompliziertes, deshalb ist es wichtig, sich auszukennen und auch sein Wissen weiterzugeben.“ Der dreifache Vater weiß: „Hilfe und Unterstützung von Migranten wird von Migranten angenommen – es geht dabei um Vertrauen, Status und Intimität.“


KOBI Lotse Boujemaa Toukad
KoGi Lotse Boujemaa Toukad © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Maik Reuß
Die Sprache ist der Schlüssel selbst

Toukad hat Erfahrung mit diesen Themen – 1987 begann er zunächst bei einem Wohlfahrtsverband als Jugendgerichtshelfer im Auftrag der Stadt Frankfurt. Danach wechselte er zum Sozialamt. Später arbeitete er dann als „Ausländerbeauftragter“ beim Polizeipräsidium in Frankfurt. Bis zu seinem Ruhestand war er danach 22 Jahre bei der Jugendförderung der Stadt Rüsselsheim tätig. Seiner Heimat Frankfurt ist er stets mit ehrenamtlichem Engagement treu geblieben. Durch seine Arbeit habe er über die Jahre viel gelernt, Erfahrungen gesammelt und sich eingelesen. Das Gesundheitswesen hat für ihn viel mit Bildung zu tun: „Dazu gehört auch die Sprache. Denn wenn ich die Sprache verstehe, verstehe ich auch den Arzt – dann ist das ein Erfolg für die Beratung und die Therapie.“

In seinen Vorträgen als Gesundheitslotse in verschiedenen Einrichtungen erklärt er den Menschen, dass sie sich Informationen suchen, verstehen, auswerten und dann anwenden müssen – das erfordere Geduld und Sprachkompetenz. „Viele können die Sprache nicht, und wieder andere können nicht Lesen oder Schreiben. Deshalb ist die Arbeit der Lotsen so wichtig, denn wir bringen die Informationen und die Aufklärung zu den Menschen – darüber wie das Gesundheitssystem in Deutschland funktioniert über das Recht auf eine zweite ärztliche Meinung bis hin zur kurativen und präventiven Maßnahmen oder das Thema Schwerbehindertenausweis.“

Oft herrsche gerade bei Migrantinnen und Migranten der ersten Generation die Meinung: „Der gute Arzt ist der, der viele Medikamente verschreibt. Oft haben sie nicht den Zugang zu den Informationen oder verstehen diese aufgrund der fehlenden Sprachkenntnis nicht. Sie haben eine andere Auffassung von Krankheit: Wenn sie psychische Probleme haben, versuchen sie diese durch ein organisches Leiden zu erklären. Wenn jemand eine Depression hat, dann will er eine Pille damit sie verschwindet, anstatt zu jemandem zu gehen und zu reden. Denn oft wird die psychische Erkrankung gleichgesetzt mit ‚verrückt sein‘. Ich erkläre bei meinen Besuchen den Menschen, dass Medizin eben ein Teil der Gesundheit ist, es da aber noch viele weitere Faktoren gibt.“

So eröffnen die Gesundheitslotsen eine neue Perspektive auf das Thema: Für eine gute Gesundheit zu sorgen bedeute nicht nur der Gang zum Arzt. „Gesundheit ist ein Gesamtprodukt, das wiederhergestellt werden muss, und bei dessen Wiederherstellung der Kranke beteiligt werden muss. Gesunde Ernährung, Umwelt, Bewegung sind ebenfalls Themen, die ich bei meinen Vorträgen in den Einrichtungen anspreche.“ Die Menschen seien froh und dankbar die Informationen zu erhalten und zu wissen, wo und vor allem wie sie Hilfe erhalten. „Das Ziel als Gesundheitslotse ist die Förderung der Gesundheitskompetenz der Menschen“, sagt Toukad.

Thematische Vielfalt
Auch aktuelle Themen wie die Corona-Pandemie spielen eine wichtige Rolle. Eine Schulung speziell zu diesem Thema haben die Lotsen ebenfalls erhalten. Sie sollen den Menschen in Gemeinschaftsunterkünften und verschiedenen Einrichtungen in den Stadtteilen die Wichtigkeit von Mund-Nase-Schutz und die Abstandsvorschriften erklären. „Wie geht man bei einem Infektionsfall vor? Welche Stellen sind zu kontaktieren und welche Rolle spielt das Gesundheitsamt und das Robert-Koch-Institut? das sind einige Fragen, über die wir geschult wurden, damit wir diese korrekt weitergeben können“, erklärt Toukad.

Als Gesundheitslotse sei es ihm ein Anliegen, den Menschen Wege aufzuzeigen, wie sie an Informationen kommen und wo sie Beratung erhalten. Toukad versteht sich als Brücke und als Zuhörer. „Nach den Vorträgen kommen auch oft Einzelgespräche zustande und da höre ich zu und entdecke die Potentiale der Menschen und kann diese fördern und unterstützen“, sagt er. Die Menschen, die hier noch fremd seien oder sich noch fremd fühlten, bräuchten für ihre Gesundheit auch Menschen, die ihnen zuhören und ihnen auf Augenhöhe begegnen – in ihrer Muttersprache. „In der Muttersprache können sie sich am besten ausdrücken und fühlen sich sicherer. So schafft man auch Vertrauen und das öffnet die Menschen.“ Damit habe man einen besseren Zugang zu ihnen, so könne Toukad auch die Menschen davon überzeugen, dass sie ihre Erwartungshaltung verlassen und aktiv werden.

Ordnung im Leben schaffen
Gerade in Gemeinschaftsunterkünften würden viele Themen auf einmal aufeinander prallen wie Wohnungssuche, Aufenthaltsstatus, Arbeit und Gesundheit. „Das ist oft wie ein Schrank, der wahnsinnig unordentlich ist. Man muss erstmal aufräumen und sich die Zeit nehmen, jedem Thema Platz und Raum zu geben.“ Die Bedeutung der Sprache und damit einhergehend der Gesundheit nehme er immer wieder in seinen Vorträgen und Gesprächen in den Fokus: „Denn nur wer gesund ist, kann partizipieren, sich einbringen und etwas für sich und andere tun“, ist Toukad überzeugt.

Das „KoGi“-Programm

Beim Programm „Kommunale Gesundheitsinitiativen interkulturell (KoGi)“ handelt es sich um eine mehrsprachige Gesundheitsaufklärung für Migranten. Um gesundheitliche Chancengleichheit für alle herzustellen, sind niedrigschwellige Gesundheitsinformationen, Aufklärung und ein gleichberechtigter Zugang zu den Gesundheitsdiensten Voraussetzung. Das Projekt „KoGi“ zielt genau darauf ab. Seit März 2016 besuchen interkulturelle Gesundheitslotsen auch Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge. Dabei halten sie in der Regel zwei- bis dreistündige Vorträge zu verschiedenen Themenkomplexen. Die Auswahl der Themen findet in Absprache mit den Migranten oder Geflüchteten statt. So wurden in den Veranstaltungen bisher etwa das Gesundheitssystem, Patientenrechte, Kindergesundheit, Impfungen, Hygiene, Infektionskrankheiten, Frauengesundheit und Verhütung, Mundhygiene, gesunde Ernährung sowie psychische Gesundheit thematisiert. 2017 wurden neue „KoGi“-Qualifizierungsmaßnahmen im Gesundheitsamt abgeschlossen, in deren Zuge 26 neue interkulturelle Lotsinnen und Lotsen (19 Frauen und 7 Männer) ein Zertifikat erhielten.

Zum Thema: Ausgezeichnet und auf Wachstumskurs
Das Programm erhielt im Herbst 2019 den Hessischen Gesundheitspreis und soll nun als Erfolgsgeschichte weiter ausgebaut werden. Ende Mai wurde bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ein Förderantrag im Rahmen des Präventionsgesetzes zur zielgruppenspezifischen Gesundheitsförderung gestellt. Dabei soll das bestehende KoGi Projekt um spezifische Module für die Lebenswelt Krippe/Kita und Schule nachhaltig erweitert werden.

Entstehen soll ein speziell hierfür entwickeltes Curriculum zur Stärkung der Gesundheitskompetenz von Eltern für ein gesundes Aufwachsen von Kindern. Nach Erarbeitung der Schulungsinhalte durch eine eingerichtete Arbeitsgruppe soll Anfang nächsten Jahres die erste KoGi Lotsen-Ausbildung erfolgen, um dann gezielt in Krippe, Kita und Schule als Multiplikatoren aktiv zu werden. Da das Projekt in engem Austausch mit dem Projekt „Gut geht's“ erfolgt, ist das Ziel, in dem ersten Schulungslauf 2021 vor allem KoGi-Lotsen aus dem Pilotstadtteil Höchst in Anlehnung an Unterliederbach zu schulen, um dort aktiv zu werden. Das Projekt wird voraussichtlich ab August starten und in Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus Frankfurt (Kinder im Zentrum Gallus) durchgeführt, die auch die Betreuung der bereits ausgebildeten KoGi-Lotsen seit März 2020 übernommen haben.
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