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„Ohne Erinnern verlieren wir die Orientierung“

09.11.2021, 17:30 Uhr

Daniel Cohn Bendit, Bürgermeisterin Dr. Narges Eskandari-Grünberg  und Benjamin Graumann in der Paulskirche
Daniel Cohn Bendit, Bürgermeisterin Dr. Narges Eskandari-Grünberg und Benjamin Graumann in der Paulskirche © Holger Menzel , Foto: Holger Menzel

Bürgermeisterin Eskandari-Grünberg begrüßt die Gäste beim Gedenken an die Novemberpogrome in der Paulskirche

Die Erinnerung an die Shoah muss immer wieder neu erkämpft werden. Daran hat Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg am Dienstag, 9. November, in der Paulskirche beim Gedenken an die Opfer der Novemberpogrome hingewiesen. „Der Erhalt der Erinnerungskultur ist keine Selbstverständlichkeit.“

83 Jahre nach den Pogromen vom 9. und 10. November 1938 hatte die Stadt Frankfurt am Main zu der Gedenkveranstaltung eingeladen. Eskandari-Grünberg begrüßte die Gäste, ein Grußwort sprach Benjamin Graumann vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Der ehemalige Stadtrat und Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dem Thema „Spurensuche“.

In ihrer Rede ging Eskandari-Grünberg auf die Widerstände ein, die es bis heute gegen die Erinnernungskultur gebe. Als Beispiele nannte sie Martin Walsers Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deuschen Buchhandels 1998, die das Publikum mit Standing Ovations quittiert habe. „Das war beschämend. Die deutsche Erinnerungspolitik ist kein Ruhmesblatt. Wir sollten uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen.“

Angriffe auf die Erinnerung dienten der Vorbereitung des Antisemitismus in der Gegenwart, fuhr Eskandari-Grünberg fort. „Erst wenn die deutschen Verbrechen kleingeredet sind, traut man sich wieder, neue zu begehen. Es kann nicht sein, dass Menschen mit Kippa auf der Straße beleidigt und angegriffen werden. Dieser antisemitische Hass muss ein Ende haben.“

Dem entgegenzutreten, sei die Aufgabe aller. „Es liegt bei uns, die Novemberpogrome niemals zu vergessen, die Ermordeten würdevoll im öffentlichen Gedächtnis zu behalten und den verletzten, traumatisierten Überlebenden Aufmerksamkeit entgegenzubringen.“

Dabei gehe es nicht nur um die Anerkennung des erlittenen Leids, sondern auch um die Würdigung des von ihnen gelebten Lebens nach ihrem Entkommen oder ihrer Befreiung aus den Lagern. „Sie alle standen vor der ungeheuren Zumutung, weiter zu leben nach dem Überleben.“

„Wenn die Erinnerung uns nicht leitet, verlieren wir die Orientierung im Heute. Dann erkennen wir das Gift des Antisemitismus nicht, sondern sind ihm ohnmächtig ausgeliefert“, sagte Eskandari-Grünberg.

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