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Aktionswochen Älterwerden in Frankfurt: Erster Fachtag zu Würde im Alter mit viel Zuspruch und vielen Ergebnissen

22.09.2022, 16:31 Uhr

Hilfen gegen soziale Isolation, der Umgang mit wiederauflebenden Kriegstraumata oder das Erkennen von Altersdepression: Es war ein breites Themenspektrum, zu dem sich die Teilnehmenden des ersten Fachtages zum Frankfurter Programm „Würde im Alter“ austauschten. Die Leitstelle Älterwerden im Jugend- und Sozialamt in Kooperation mit dem Sozialdezernat ausgerichtete Veranstaltung am Mittwoch, 21. September, war ausgebucht: Rund 100 Akteurinnen und Akteure aus der Altenhilfe – sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche – sowie einige interessierte Bürgerinnen und Bürger waren in das Stadthaus am Dom gekommen.

„Mit dem Frankfurter Programm ‚Würde im Alter‘ stellen wir uns unserer Verantwortung für ältere Bürger und sind uns dieser sehr bewusst“, sagte Frankfurts Sozialdezernentin Elke Voitl zur Begrüßung. Ziel des Programms sei es, Älterwerdende und Ältere auf unterschiedliche Weise in ihren Bedürfnissen zu unterstützen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. „Und das ganz unabhängig davon, ob jemand in einer Einrichtung betreut oder zuhause unterstützt wird“, sagte die Stadträtin. All das sei nur im Zusammenwirken mit den verschiedenen Trägern möglich, „die für Innovationskraft stehen, positive und stärkende Perspektiven schaffen und das Programm mit der Stadt entsprechend der Bedarfe und Nachfrage ständig und stetig weiterentwickeln.“

Zwei Vorträge zweier bundesweit anerkannter Expertinnen und Experten aus der Altenarbeit brachten Impulse für den späteren Austausch: Altersmediziner Prof. Johannes Pantel, Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie, Geriatrie sowie Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität, bot in seinem Vortrag einen Überblick über psychische Krankheiten im Alter. Die Psychoanalytikerin und psychologische Psychotherapeutin Christiane Schrader sprach unter dem Titel „Jetzt kommt das alles wieder zurück, die Bilder, die Angst, als ob es gestern war“ über Traumareaktivierung im Alter.

Psychische Erkrankungen seien nach wie vor ein Stigma in unserer Gesellschaft, sagte Pantel. Dabei sei ein Drittel der Gesamtbevölkerung betroffen – in Pflegeheimen sogar 74 Prozent. Doch viele blieben unbehandelt und ohne Diagnose, was aber nicht an den Mitarbeitenden liege, sondern überwiegend an fehlenden Strukturen, um Betroffenen eine adäquate Versorgung zu bieten. Das gelte auch bei Demenz-Erkrankten.

Depression ist nach Angaben des Mediziners die zweithäufigste psychische Erkrankung im Alter. Unbehandelt führten Depressionen zu reduzierter Lebensqualität, schlechterem körperlichen Funktionsniveau und höherer Sterblichkeit. Um dies zu verhindern, „ist es wichtig, soziale Isolation abzuwenden. Diese ist ein Gift unserer Zeit und hat gerade für Ältere eine toxische Wirkung“, betonte Pantel. Ältere müssten sich willkommen und nicht als Versorgungslast für Angehörige fühlen. Wohnortnahe Angebote, gut geschulte Hausärzte, Verhaltensstrategien bei Krisen oder in Verlustsituationen, andere Wohnformen und Selbsthilfegruppen könnten präventiv wirken.

Psychotherapeutin Schrader machte in ihrem Vortrag deutlich, wie gerade im Alter verschüttet geglaubte Erinnerungen durch auslösende Trigger als Trauma wieder hervorbrechen und auch körperliche Symptome wie Weinkrämpfe, Erstarrung, Bluthockdruck oder stete Gedankenschleifen auslösen. Gerade mit Beginn des Ukrainekriegs hätten die Bilder bei vielen Menschen der Kriegs- und auch Nachkriegsgeneration wieder Erinnerungen hervorgeholt. „Jetzt kommt das alles wieder zurück – die Bilder, die Angst, als ob es gestern war. Da reicht ein Bild, ein Geräusch aus. Es muss kein traumatischer Reiz sein, sondern nur die Erinnerung, die einen einholt“, berichtete die Expertin aus ihren Sprechstunden. Wichtig sei in solchen Situationen soziale und körperliche Nähe: „Aber vorher fragen, möchtest du das?“, erläuterte Schrader.

Mit ihren Vorträgen gaben der Arzt und die Psychotherapeutin den Akteurinnen und Akteuren aus der Altenarbeit zahlreiche Anknüpfungspunkte und Anregungen für das neue Beteiligungsformat „Open Space“. Zum Thema „Zukunftsweisende Zusammenarbeit der Altenhilfe in Frankfurt“ hatten die Teilnehmenden nach der Mittagspause die Möglichkeit, direkt ihre eigenen Ideen und Vorschläge für mögliche Angebote, neue Wege oder Kampagnen zu formulieren. Gemeinsam mit anderen Interessierten bildeten sie dazu Kleingruppen, die den jeweiligen inhaltlichen Vorschlag aufgriff und damit weiterarbeiteten.

„Das Programm ‚Würde im Alter‘, das die Stadt als freiwillige Leistung anbietet, ist für uns so wertvoll. Es ermöglicht uns, Betroffenen individuelle Angebote passend zu ihren Bedarfen zu machen, die die Kassen sonst nicht zahlen und leisten. Das ermöglicht Teilhabe. Das Open-Space-Format ist für mich der Auftakt, um endlich wieder zu netzwerken“, freute sich beispielsweise die Leiterin des Caritas-Altenzentrum Santa Teresa in Hausen, Gesche Oppermann, über den Tag. 
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