FRANKFURT.DE - DAS OFFIZIELLE STADTPORTAL

FRANKFURT.DE - DAS OFFIZIELLE STADTPORTAL

header image

Meldungen

Der Stadtwald als Wirtschaftsfaktor oder Klima-Opfer?

02.07.2021, 11:30 Uhr

Dr. Tina Baumann, Abteilungsleiterin Stadtwald im Grünflächenamt mit Ihrem Hund Obelix; Foto: Holger Menzel
Dr. Tina Baumann mit Ihrem Hund Obelix. © Stadt Frankfurt am Main , Foto: Holger Menzel

„Unser Wald bräuchte einen verregneten Sommer und nassen Winter“

Hat die globale Klima-Erwärmung längst auch unseren Stadtwald fest im Griff? Dr. Tina Baumann, Leiterin der Abteilung Stadtforst im Grünflächenamt, erklärt im Interview, wie sich die Hitzesommer der vergangenen Jahre auf Frankfurts Wälder ausgewirkt haben – und berichtet, was Forstexperten, aber auch jeder einzelne, unternehmen können, um die Folgen der globalen Erwärmung abzumindern.

Frau Dr. Baumann, die vergangenen drei Sommer haben dem Stadtforst stark zugesetzt. Können Sie einschätzen, wie groß die Schäden sind?
Dr. TINA BAUMANN: Wir können die Schäden an der Menge an Trockenholz messen, das wir jährlich aus dem Wald holen. Das ist in den vergangenen drei Jahren zu unserer Hauptaufgabe geworden. Entsprechend haben sich unsere Arbeitsschwerpunkte in dieser Zeit verlagert. Seither schlagen wir kein Frischholz mehr, sondern entnehmen ausschließlich durch Trockenheit abgestorbene Bäume. Auch sind wir stärker mit der Verkehrssicherung entlang von Straßen und Bebauungslinien beschäftigt. Wir können die Mengen am besten an den entstehenden Brachland-Flächen messen und erheben das derzeit. Um das anhand von Zahlen zu verdeutlichen: 2019 haben wir 38.000 Kubikmeter Schadholz eingeschlagen, 2020 waren wir bei 52.000 Kubikmeter. In den Vorjahren haben wir im Stadtwald normalerweise rund 23.000 Kubikmeter Frischholz mit marginalem Anteil an Sturm- oder Käferschaden gefällt.

Lassen sich diese hitzebedingten Schäden beheben oder lindern?
BAUMANN: Was abgestorben ist, lässt sich nicht mehr wiederbeleben. Insofern bleiben uns lediglich Neupflanzungen. Hierfür benötigen wir jedoch entsprechende klimatische Bedingungen. Wälder sind an natürliche Verjüngung durch Katastrophen wie Brände oder kürzere Trockenperioden gewöhnt. Um diese Regeneration zu unterstützen können wir die aufkommende Naturverjüngung der älteren Bäume schützen und fördern und andere Baumarten pflanzen, die dem geänderten Klima besser standhalten. Hierzu haben wir Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre analysiert und entsprechendes Pflanz- und Saatgut gekauft oder gezüchtet. Dieses trockenresistenter Saat- und Pflanzgut besteht sowohl aus heimischen als auch nicht-heimischen Baumarten, die wir auf verschiedenen Versuchsflächen ausgesät bzw. angepflanzt haben. Beispiele für heimische Bäume sind Winterlinde, Weißtanne, Elsbeere, Esskastanie sowie Traubeneiche. Nicht heimische Bäume, mit denen wir experimentieren, sind Küstentanne, Schwarzkiefer, Baumhasel und Atlas-Zeder. Die Bäume werden reihenweise nebeneinander gepflanzt, um direkte Vergleiche ziehen zu können.

Ist bereits abzusehen, wie die experimentellen Sorten im Stadtwald gedeihen?

BAUMANN: Winterlinde, Esskastanie und Elsbeere scheinen sich bei uns bisher sehr wohl zu fühlen. Aber um eine verbindliche Aussage zu treffen, ist es noch zu früh. Wir haben erst vor drei Jahren damit angefangen. Für verlässliche Aussagen sollten wir aber mindestens fünf Jahre warten. Am besten ist es ohnehin, mit einem Mischwald zu arbeiten. Denn als Forstexperte arbeitet man in Generationen und sollte immer auf einen möglichst ausgewogenen Bestand setzen, um die Folgen von Schädlingsbefall oder klimatischer Veränderungen so gering wie möglich zu halten.

Was geschieht eigentlich mit dem „geernteten“ Totholz?
BAUMANN: Tatsächlich haben wir all dieses Holz verkaufen können. Die Nachfrage ist groß. Der Großteil ging in inländische Sägewerke, die damit Bretter für die Möbelindustrie oder den Innen- und Außenausbau fertigen, ein weiterer Teil geht in die Papierindustrie, Spanplattenherstellung oder wird als Brennholz genutzt. Aufgrund der enormen Holzmengen, die auf den Markt kamen und der teilweisen Qualitätsminderung des Holzes ist der Preis dadurch in den Keller gefallen. So haben wir im Schnitt nur 19 statt der üblichen 45 Euro pro Kubikmeter erhalten. Die Industrie ist sehr selektiv, manche Sägewerke sind auf Fichte spezialisiert, andere auf Buche oder Eiche. Andere Kunden suchen explizit minderwertiges Laub- und Nadelholz für Paletten oder Eisenbahnschwellen. Derzeit ist es in Deutschland ganz schwer, an Schnittholz zu kommen. Der Grund dafür ist der starke Export in die USA, wo die Baubranche boomt. Die Knappheit liegt also nicht daran, dass wir nicht genug Holz aus dem Wald entnehmen. Der Einschlag von Frischholz und die ohnehin stark aufgelichteten Waldbestände wären bei den derzeit tiefen Preis nicht vernünftig. Wir wollen ja unser noch intaktes Holz nicht unter Marktwert verkaufen.

In den 70ern waren Waldsterben und saurer Regen in aller Munde. Stirbt unser Wald seither in Raten oder tritt erst jetzt ein, wovon die Sängerin Alexandra bereits 1968 gesungen hat?

BAUMANN: Was jetzt passiert ist eine völlig neue Situation. Damals ging es primär um die Schäden, die der saure Regen verursachte. Diese ließen sich durch technische Entwicklungen sowie die Filterung von Abgasen und Giftstoffen recht gut eindämmen. Jetzt aber schmelzen nicht nur Jahrtausende alte Gletscher ab, wo wir es nicht sehen. Zur gleichen Zeit steigt der Meeresspiegel und die Bäume vor unserer Haustür erleiden irreparable Schäden. Wenn wir global wie lokal in diesem Tempo so weitermachen, wird es Zeit für einen Remix mit dem Titel: Mein Freund, der Wald, ist fort.

Hat das regnerische Frühjahr dem Wald nachhaltig geholfen, sich zu erholen oder war dies eher ein Tropfen auf den heißen Stein?

BAUMANN: Nachhaltig hat sich der Bestand noch nicht erholt. Das feuchte Wetter hat aber dazu geführt, dass unsere Jungpflanzen gute Anwuchsbedingungen erhalten haben und der Blattaustrieb gut war. Um dem Wald nachhaltig zu helfen, müsste es aber das ganze Jahr mit einem verregneten Sommer und nassen Winter so weitergehen. Denn wenn ein Baum schon geschädigt ist, wirkt das noch jahrelang nach. Als Försterin muss ich leider sagen: Es kann unserem Wald zuliebe nicht feucht genug sein.

Welche Baumarten werden grundsätzlich zur Holzernte im Stadtwald gepflanzt?

BAUMANN: Bislang haben wir vor allem Buche, Eiche, Kiefer und Fichte als Hauptbaumarten neben Lärche, Douglasie und Ahorn im Bestand.

Wird sich dieser Mix in Zukunft aufgrund des Klimawandels verändern?

BAUMANN: Das Thema Epigenetik ist in der Forstwirtschaft gerade stark im Kommen. Denn Bäume sind wie Menschen und andere Lebewesen in der Lage, ihre Erfahrungen und Resistenzen genetisch weiterzugeben. Eine Buche, die Trockenheit erfährt, kann sich anpassen und diese Erfahrung an ihre Nachkommen vererben. Das ist aber kein Grund, uns entspannt zurückzulehnen. Der Wald hat mit Klimawandel, Schadstoff und Hitze ein echtes Problem-Paket zu schultern. Der einzelne Baum kann sich nicht so schnell anpassen und regenerieren, wie er von der Umwelt und dem Menschen gefordert wird. Ist ein Baum erst einmal geschwächt, ist er auch viel anfälliger für Folgeschäden wie Borkenkäfer. Langfristig kann es also sein, dass sich die Zusammensetzung der Bäume leicht verändert. Es wird aber nicht so sein, dass in 30 Jahren im Stadtwald Palmen wachsen.

Der Stadtforst dehnt sich über das gesamte Stadtgebiet aus. Gibt es dementsprechend auch unterschiedliche Pflanz- und Pflege-Strategien?

BAUMANN: Man kann im Prinzip in der Mitte einen Strich durch unseren Stadtwald ziehen. Alles was östlich davon liegt, steht auf Lehmböden mit gutem Wasserhaltevermögen. Im kompletten Westen dominiert sehr sandiger Boden mit schlechtem Wasserhaltevermögen. Wir haben daher unsere Testflächen im gesamten Stadtgebiet angelegt, um zu schauen, ob die Douglasie vielleicht in Oberrad super wächst, während sie in Schwanheim verkümmert. Unseren Wald extern oder gar mit Mainwasser zu päppeln, ist unmöglich. Dazu wären Wassermengen nötig, deren Beschaffung und Verteilung nicht zu finanzieren oder zu rechtfertigen wäre. Der Wald ist mit den Umständen, die er zu bewältigen hat, auf sich allein gestellt. Daher müssen wir Menschen global und lokal unser Verhalten ändern. Angenommen, der lokale Wasserkonsum würde drastisch reduziert, wäre dies für unser Umland ein großer Segen, auch wenn dies keinen Einfluss auf die globalen Wetterverhältnisse hätte.

Wir haben viel über Waldwirtschaft gesprochen. Fallen auch Tourismus und Naherholung im Stadtforst in den Ihren Arbeitsbereich?
BAUMANN: Diese Service- und Erholungsfunktion ist unser selbsterklärtes Ziel. Uns ist wichtig, dass Menschen in den Wald kommen und dort ein Naherholungsgebiet vorfinden. Bei den Nutzern gibt es verschiedene Zielgruppen, deren Interessen zum Teil miteinander kollidieren. Wichtig für unsere Arbeit ist daher, das Konfliktpotenzial zwischen Reitern, Radfahrern, Fußgängern und Hundehaltern zu entzerren. Auch müssen die Wege barrierfrei und sauber sein. Natürlich dürfen auch waldpädagogische Angebote nicht fehlen, um künftige Generationen für diesen Natur- und Lebensraum zu sensibilisieren. Unsere Waldspielparks sind gute Beispiele dafür, die auch geschaffen wurden, um die Waldnutzung zu kanalisieren.

War Ihnen bewusst, dass Umwelt- und Klimaschutz dereinst zwei Ihrer zentralen Arbeitsbereiche werden würden, als Sie ihr forstwissenschaftliches Studium begannen?
BAUMANN: Nein, dieses Ausmaß war uns im Studium gar nicht so klar. Es gab damals natürlich schon entsprechende Vorlesungen in der Uni. Dass dies ein so zentraler Aspekt unserer Arbeit sein würde, hat sich aber um das Jahr 2000 noch nicht abgezeichnet. So wie wir die Entwicklung seit einigen Jahren erleben, hat sich das vor ein paar Jahren keiner ausmalen können. Und das Ausmaß an Schäden, die wir beobachten, ist wirklich immens.

Text Mirco Overländer/Fotos: Holger Menzel


inhalte teilen