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„Blanka Zmigrod unvergessen“: Ein Verbrechen soll ins kollektive Gedächtnis der Stadtgeschichte einfließen

23.02.2021, 12:41 Uhr

Ruben Gerczikow übergibt eine Petition für eine Gedenktafel an Peter Feldmann.  Foto: Salome Roessler
Ruben Gerczikow übergibt eine Petition für eine Gedenktafel an Peter Feldmann. © Stadt Frankfurt am Main , Foto: Salome Roessler

Unterschriften einer Onlinepetition auf ‚Change.org‘ an Oberbürgermeister Feldmann und Kulturdezernentin Hartwig übergeben

Blanka Zmigrod-Feldman überlebte den Holocaust. Die 1924 im polnischen Königshütte (Chorzów) geborene Zmigrod-Feldman überlebte ihn als junges Mädchen mit mehreren Aufenthalten in vier Konzentrationslagern, darunter Auschwitz. Nach der Shoah wanderte sie nach Israel aus. 1960 kam sie nach Deutschland zurück und fand in Frankfurt ihre neue Heimat. Im damaligen Restaurant Mövenpick am Opernplatz begann sie 1991, nach dem Tod ihres Mannes als Garderobiere zu arbeiten. Ein Jahr später wurde die damals 68-Jährige auf dem Heimweg von ihrer Arbeit an der Kreuzung Kettenhofweg/Niedenau von einem schwedischen Rechtsterroristen mit einem Kopfschuss ermordet. Zuvor hatte der Mörder, der Gast im Restaurant war, sie des Diebstahls bezichtigt und rassistisch beschimpft.

Heute erinnert nichts mehr an das traurige Schicksal von Zmigrod und das entsetzliche Verbrechen im Westend. Das soll sich ändern. Ruben Gerczikow, Frankfurter und Vizepräsident der European Union of Jewish Students (EUJS), hat eine Onlinepetition auf der Kampagnenplatform „Change.org“ gestartet. Er übergab am Dienstag, 23. Februar, die Unterschriften an Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig. Bisher haben rund 16.000 Menschen die Petition unterschrieben. Gerczikow setzt sich für eine Gedenkstätte ein, die an Zmigrod und die furchtbare Tat, die ihrem Leben ein jähes Ende setzte, erinnert.

Doch Gerczikows Wunsch ist es auch, dass Blanka Zmigrod-Feldman in das kollektive Gedächtnis dieser Stadt zurückgeholt und dort verankert wird. „Vor allem ist es mir wichtig, dass ihr Schicksal in Zusammenhang mit rechtem Terror steht. Es ist nie zu spät, auf solche Schicksale aufmerksam zu machen und diese auch nie zu vergessen!“, sagt der 24-Jährige.

Gerczikow, der aus beruflichen Gründen in Berlin lebt, hat eine starke Bindung an seine Heimatstadt Frankfurt. Auf das Schicksal von Zmigrod wurde er während der Halle-Prozesse aufmerksam. Der Anschlag auf die Synagoge und den Kiez-Döner in Halle am 9. Oktober 2019 ging ihm sehr nah, einige seiner Freunde hatten diesen überlebt. „Ich beschäftige mich privat wie beruflich mit rechtem Terror. Im Zuge meiner Recherchen vor dem Halle-Prozess kam der Fall der Blanka Zmigrod und ihrem Mörder wieder in mein Bewusstsein.“ Dass am Kettenhofweg ein solch entsetzliches Verbrechen begangen wurde, habe er nur teilweise gewusst, obwohl die Straße schon immer zu seiner täglichen Route gehörte. Auch auf Nachfrage bei Familie und Freunden und innerhalb der jüdischen Gemeinde seien die Erinnerungen an die Tat nur vage gewesen, was ihn dazu bewegte, Zmigrods Geschichte sichtbar zu machen. „Sie war mehr als eine Shoah-Überlebende und mehr als das Opfer eines Rechtsterroristen – ihr Name findet nur in Zusammenhang mit den Berichten über den Mörder Erwähnung, und das möchte ich mit meiner Initiative ändern“, sagt Gerczikow.

Seine Petition habe zwei Ziele: Zum einen eine Gedenktafel, die jeden, der dort vorbeigeht, auf die Tat aufmerksam macht, zum anderen wünscht sich der Initiator, die Menschen dazu zu bewegen, sich mehr mit Blanka Zmigrods Geschichte und damit mit rechtem Terror auseinanderzusetzen. „In den sozialem Medien habe ich unter den Hashtags #BlankaZmigrod und #SayHerName viel Zuspruch und Unterstützung erfahren. Ich würde mir am meisten wünschen, dass die Initiative eine Eigendynamik entwickelt und lokale Initiativen oder Gruppen eine kontinuierliche Gedenkarbeit aufnehmen, die an das Leben und Wirken Zmigrods nach der Shoah erinnert.“

„Die Tat ist für uns unfassbar, mitten in unserer Stadt wurde Blanka Zmigrod ermordet. Eine Frau, die sich trotz der unbegreiflichen Verbrechen des Holocaust, die sie selbst erfahren hatte, für Deutschland als ihr Zuhause entschieden hatte“, sagte Oberbürgermeister Feldmann. Es sei eine Schande, dass der Täter erst 2017 angeklagt und 2018 verurteilt wurde. „Umso mehr stehen wir in der Verantwortung und haben den ausdrücklichen Willen dazu, Frau Zmigrod zu gedenken und die Erinnerung an sie wachzuhalten“, sagte das Stadtoberhaupt.

„Gut ein Jahr nach dem Attentat von Hanau verdeutlicht der heutige Jahrestag eindringlich, dass Rassismus, antisemitischer Hass und rechtsextremistische Mordanschläge keine neuen Phänomene sind. Blanka Zmigrod wurde 1992 ermordet; Blanka Zmigrod, die während des Zweiten Weltkriegs vier Konzentrationslager überlebt und sich 1960 erneut für ein Leben in Deutschland entschieden hatte. Die Opfer von Rechtsterrorismus und antisemitischer Gewalt in der Bundesrepublik müssen als solche anerkannt und Teil unserer Erinnerungskultur werden – das ist eine Grundvoraussetzung, wollen wir diese Gefahr als Gesellschaft entschieden bekämpfen“, fordert Kulturdezernentin Hartwig.

„Solche verbrecherischen, terroristischen Taten dürfen nicht verdrängt werden, sie müssen sichtbar bleiben – im Andenken an die Opfer wie Blanka Zmigrod – für alle nachfolgenden Generationen“, forderte Feldmann.

Der Mörder von Blanka Zmigrod hatte in Schweden 1991 und 1992 elf Anschläge auf Menschen mit Migrationsgeschichte verübt und dabei auch den jungen Iraner Jimmy Ranjbar ermordet. 1994 wurde er in Stockholm zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Zusätzlich wurde er am 22. Februar 2018 vom Frankfurter Landgericht zu einer erneuten lebenslangen Freiheitsstrafe und anschließender Sicherungsverwahrung wegen des Mordes an Blanka Zmigrod verurteilt.


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