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Interview: 25 Jahre Weihnachtsaktion des Frankfurter Kinderbüros – ein Gewinn für alle Beteiligten

09.12.2020, 13:00 Uhr

Claudia Vierarm-Clausen mit Tochter Alicia Clausen
Claudia Vierarm-Clausen mit Tochter Alicia Clausen © Stadt Frankfurt am Main
Seit einem Vierteljahrhundert bereits beschenken Frankfurter bedürftige Kinder in der Stadt. Inzwischen sind es rund 5000 Menschen, die in der Weihnachtszeit an ihre Nachbarn und Nachbarinnen denken – beeindruckend!

Claudia Vierarm-Clausen, Mitarbeiterin eines Frankfurter Anlagenbauers, und Mate Pasalic, Leiter der katholischen Kindertagesstätte St. Markus in Frankfurt-Nied, nehmen bereits seit einigen Jahren an der Aktion teil. Während Vierarm-Clausen mit ihren Kollegen und Kolleginnen zu den Schenkenden zählt, freut sich Pasalic, dass die Kinder in seiner Einrichtung ein Geschenk erhalten. Im Interview berichten beide, warum sie die Weihnachtsaktion des Frankfurter Kinderbüros unterstützen, welche Momente sie berührt und erheitert haben und warum sie es für wichtig halten, dass zwischen Menschen, die sich eigentlich gar nicht kennen, inspirierende Verbindungen entstehen.

Frau Vierarm-Clausen, seit wann nehmen Sie und Ihre Kollegen und Kolleginnen an der Weihnachtsaktion des Kinderbüros teil?
Wir unterstützen die Aktion seit 2009 und regen Jahr für Jahr unsere Kolleginnen und Kollegen an, mitzumachen. Im September schicken wir eine E-Mail an die Belegschaft und erkundigen uns, wer etwas schenken möchte – meistens findet sich eine Gruppe von etwa 150 Teilnehmenden. Manche fragen auch schon im Sommer, ob wir uns wieder an der Aktion beteiligen. Dann stimmen wir uns mit dem Kinderbüro ab.

Wie geht es dann weiter?
Wir holen dann im Kinderbüro die nötige Zahl an Wunschkarten ab, bevor wir in einer zweiten E-Mail die Kollegen und Kolleginnen auffordern, sich eine oder mehrere Karten auszusuchen. Toll, dass es auch in diesem besonderen Corona-Jahr möglich ist, Kinder zu beschenken. Die Idee, Gesellschaftsspiele und Bücher zu schenken, damit die Aktion überhaupt stattfinden kann, unterstützen wir sehr gerne.

Anschließend kauft jeder sein Geschenk?
Genau – wir lagern die Geschenke dann in einem Büroraum und bringen sie vor Weihnachten direkt in die Einrichtungen. Wir haben dem Kinderbüro, bei dem die Geschenke normalerweise abgegeben werden, diesen Service angeboten, da wir verbindlich an der Aktion teilnehmen und nichts geprüft oder nachgekauft werden muss.

Fördert die Aktion somit auch den Gemeinschaftssinn im Unternehmen?
Auf jeden Fall. In unserem Unternehmen wird der Gemeinschaftssinn ohnehin gefördert, aber trotzdem ist das eine ganz besondere Sache. Die Kollegen und Kolleginnen tauschen sich etwa aus, wo sie das Wunschgeschenk finden können oder wie sie es einpacken. Viele formulieren einen persönlichen Gruß oder basteln etwas. Vor einigen Jahren durfte ich sogar an einer Geschenkeübergabe teilnehmen.

Das war sicherlich eine tolle Erfahrung?
Absolut. Wenn man sieht, wie sehr die Kinder sich freuen, macht einen das selbst glücklich. Einmal gab es die Situation, dass ein Kind mehrere Bücher geschenkt bekommen hat. Der Schenker hat sie aber nicht in ein großes Paket eingepackt, sondern in mehrere kleine. So konnte sich das Kind öfters freuen.

Planen Sie auch zukünftig an der Aktion teilzunehmen?
Ja, die Gruppe der „Stammschenkenden“ ist seit Jahren konstant – manchmal kommt der ein oder die andere hinzu. Uns hindert nichts daran, auch zukünftig an der Aktion teilzunehmen und Kindern eine Freude zu bereiten.

Vielen Dank, Frau Vierarm-Clausen!
Ein Teil der bei der Weihnachtsaktion bedachten Kinder tobt, bastelt und singt in der katholischen Kindertagesstätte St. Markus in Nied – einem Frankfurter Stadtteil, in dem Armut ein präsentes Thema ist. Ein anderer Teil befindet sich im Kinderhaus Innenstadt, einer offenen Einrichtung für sechs- bis 14-Jährige an der Konstablerwache. Dort war der Diplom-Sozialpädagoge Mate Pasalic tätig, bevor er nach Nied wechselte. Und dort kam er 2006 mit der Weihnachtsaktion in Berührung. Er war das einzige Teammitglied mit einem Auto und holte die Pakete im Kinderbüro ab – die vielen Präsente in das Kofferräumchen seines Seat Ibiza einzuladen, sei für ihn „wie Tetris spielen“ gewesen.

Herr Pasalic, was schätzen Sie an der Weihnachtsaktion?
Ich finde fantastisch, dass Tausende Frankfurter Bürger und Bürgerinnen kollektiv bedürftige Kinder beschenken und dabei eine soziale Wertekultur in der Stadt fördern und festigen. Gerade heutzutage ist das ein wertvoller Gegenpol zu den egozentrischen Tendenzen in den Großstädten. Ich sage den Kindern, dass es 5000 unterschiedliche Menschen sein könnten. Da staunen einige über die große Zahl. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie erfüllend es für ein Kind aus bescheidenen Verhältnissen sein kann, ein Präsent zu erhalten.

Würden Sie uns mehr von Ihren persönlichen Erfahrungen erzählen?
Als ich mit 14 Jahren aus Kroatien kam, hat mir ein Nachbar ein tolles Fahrrad geschenkt und mir durch die erlangte Mobilität ermöglicht, einem Fußballclub beizutreten. Dieses Erlebnis der Wertschätzung hat mir erleichtert, mich zu integrieren. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass die Weihnachtsaktion integrierend wirkt.

Was löst die Aktion bei den Kindern aus?
Hierzu kann ich eine Geschichte aus meiner Zeit im Kinderhaus Innenstadt erzählen: Ein fußballbegeistertes Mädchen wünschte sich einen Ball mit Bayern-Logo. Sie bekam ihn – und zusätzlich ein Trikot mit der Unterschrift von Philipp Lahm. Zunächst waren einige Jungs etwas neidisch. In einem Gespräch habe ich ihnen dann erklärt, dass das Mädchen einfach Glück hatte und dass der Spender wahrscheinlich wollte, dass sie sich einem Verein anschließt. Das Mädchen hörte zu und meldete sich prompt bei einem Mädchen-Fußballclub an. Das Trikot war ihre Initialzündung – auch wenn solche Zusatzgeschenke natürlich nicht die Regel werden sollten.

Kommt es vor, dass ein Kind unzufrieden ist, weil es nicht exakt das gewünschte Geschenk bekommen hat?
99 Prozent der Jungen und Mädchen sind überglücklich mit ihrem Geschenk. Es ist wichtig, den Kindern im Vorfeld mitzuteilen, dass es sich um einen Wunsch handelt und dass der Schenker alles geben wird, den Wunsch zu erfüllen, es aber aufgrund von Lieferengpässen oder Missverständnissen nicht ausgeschlossen ist, dass mal was Ähnliches oder Anderes im Paket sein könnte.

Haben Sie heute noch Kontakt zu ehemaligen Beschenkten?
Als ich vor zwei Jahren meine Weihnachtseinkäufe erledigen wollte, traf ich einen ehemaligen Besucher des Kinderhauses, der in der Sportabteilung nach einem Fußball und einer Pumpe Ausschau hielt. Er sagte mir, dass er sich damals genau das Gleiche gewünscht und sich riesig über das Geschenk gefreut hätte. Das hat mich persönlich sehr gerührt und zeigt die Nachhaltigkeit dieser Aktion.

Dieses Jahr ist alles ein wenig anders – aufgrund der erschwerten Rahmenbedingungen mussten Abläufe vereinfacht werden. Die Kinder konnten sich kein Geschenk wünschen, sondern erhalten ein Überraschungsgeschenk, ein Buch oder Gesellschaftsspiel. Schmälert das aus Ihrer Sicht den Reiz der Aktion?
Nein, vielmehr ist es ein bedeutsames Signal, dass die Aktion überhaupt stattfinden kann und somit während der Pandemie „weiterlebt“. Es kommt darauf an, welche Sichtweise man gegenüber den Kindern vertritt und vermittelt. Es ist schlecht, ihnen gegenüber zu bedauern, dass es diesmal keine selbstgewählten Geschenke geben wird. Das Motto sollte lauten: „Die Menschen werden trotz Corona etwas Schönes kaufen!“

Da haben Sie Recht. Vielen Dank, Herr Pasalic!
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