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26.01.2018

‚Man muss schon eine kleine Meise haben‘

Palmengarten-Chef Matthias Jenny sitzt auf einem Brunnen aus dem ersten Botanischen Garten, Januar 2018, © Stadt Frankfurt, Foto: Rainer Rüffer
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Matthias Jenny geht nach 20 Jahren als Palmengartendirektor in den Ruhestand

(kus) Botaniker, Visionär, Frankfurter: Am 28. Februar geht Matthias Jenny zum letzten Mal als Direktor in seinen Palmengarten. Vermissen wird er vieles: Die Menschen, mit denen er arbeitet, die Projekte, die er angestoßen hat, den kleinen schwarzen Türöffner, der ihm sämtliche Tore und Pforten in Park und Botanischem Garten öffnet. Sein Plan für die Zeit nach dem Abschied: Sich öfter die Frage zu stellen, worauf er just an diesem Tag Lust hat – und dieser Lust nachzugehen.

Der Schweizer

Im Besprechungsraum der Verwaltungsvilla des Palmengartens hängt eine Uhr der Schweizer Bundesbahn. Ein Geschenk seines Vaters. „Damit die Sitzungen nicht so lange dauern“, sagt Jenny, Sohn einer schweizerischen Großfamilie, und erklärt verschmitzt. „In der Schweiz ist die Bahn pünktlicher.“ Auch seine Armbanduhr hat eine Geschichte: „Meine Großmutter hat sie mir zur Konfirmation geschenkt. Es ist eine Automatikuhr. Immer wenn ich Urlaub habe, geht sie langsamer.“

Der Wissenschaftler

Matthias Jenny stammt aus einem Clan von Ärzten und Naturwissenschaftlern. Der Vater Augenarzt, der eine Großvater Leiter eines Kinderkrankenhauses, der andere Biologieprofessor. Als Junge legt er mit seinen Geschwistern ein Biotop an. Er studiert zunächst systematische Botanik in Zürich, lehrt und forscht nach seiner Promotion in Berlin, Hamburg und Bochum und kommt schließlich 1995 nach Frankfurt, um sich für den Job als Leiter der Abteilung Garten, Wissenschaft und Pädagogik im Palmengarten vorzustellen. Die Absicht, Direktor zu werden, hatte er nie. „Ich hätte nicht damit gerechnet und habe es mir auch nicht zugetraut“, sagt er. „Eine Institution mit damals 100 Mitarbeitern, heute sind es 150, zu leiten, den Karren nicht in den Dreck zu fahren, das ist eine Riesenverantwortung!“ – die er quasi über Nacht übernehmen muss. Drei Monate nach seinem ersten Arbeitstag im Palmengarten legt seine Chefin Isolde Hagemann wegen früherer Stasi-Kontakte ihr Amt nieder, Matthias Jenny übernimmt die Geschäfte. Vorerst kommissarisch, anderthalb Jahre später dann endgültig.

Palmengarten-Chef Matthias Jenny, Januar 2018, © Stadt Frankfurt, Foto: Rainer Rüffer
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Der Kurdirektor

Mit diesem Schritt wird Jenny nicht nur Leiter des Palmengartens, er wird auch eine öffentliche Person. „Während meiner Uni-Jahre habe ich höchstens vor Studenten gesprochen“, erzählt er. Jetzt muss Jenny, der sich selbst nicht als großen Redner bezeichnet, Ausstellungen eröffnen, sich bei den gesellschaftlichen Ereignissen der Stadt zeigen. Und sich, wie alle neuen Amtsleiter, dem Magistrat vorstellen. Noch heute hat er seinen Text von damals parat: „Mein Urgroßvater war der Kurdirektor von Arosa, ich bin der Kurdirektor von Frankfurt.“ Jenny ist überzeugt: „Wenn Frankfurt eine Bäderstadt wäre, wäre der Palmengarten ihr Kurpark und das Gesellschaftshaus ihr Kurhaus.“ Dieses Nebeneinander von Pflanzen, Leben und Kultur sei weltweit einzigartig. „Für mich ist der Palmengarten der schönste Ort Frankfurts, vielleicht sogar ganz Deutschlands“, sagt Jenny.

Der Frankfurter

Dass Jenny Frankfurt beim ersten Besuch abschreckend fand, ist eine gern erzählte Anekdote. Am Hauptbahnhof angekommen, will er am liebsten auf dem Absatz kehrtmachen. Zum Vorstellungsgespräch geht er dennoch – die Reise hat er ja schon bezahlt. Und dann? Verliebt er sich. „Erst in den Palmengarten, dann in Frankfurt.“ Die Stadt wird auch in Zukunft sein Lebensmittelpunkt sein.

Der Visionär

„Man muss schon eine kleine Meise haben“, sagt Matthias Jenny. Weil: Ohne Meise, ohne das Streben nach Veränderung und dem Rückgrat, auch Unangenehmes auszuhalten, keine Neuerungen. Das Projekt „Kinder im Garten“, eine Kooperation mit Kita Frankfurt, bei dem Vorschulkinder drei Tage den Palmengarten erforschen und entdecken: Jennys Idee. Das Blüten- und Schmetterlingshaus: Jennys Initiative. Nach Jahren hat Matthias Jenny es geschafft, in der Villa Leonhardi, die bis 2015 einen Edel-Italiener beherbergte, eine Gastronomie für alle anzusiedeln. Seit wenigen Monaten bietet Kombinat, eine gemeinnützige Frankfurter Firma, die Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen ins Arbeitsleben integriert, belegte Brote, Kuchen, Kaffee und Getränke zu gemäßigten Preisen an. Eine Offerte, die im Palmengarten bisher fehlte. In einem der knallbunt gestrichenen Räume der Villa soll das Standesamt einen Trausaal bekommen. So kann man künftig auch in der kalten Jahreszeit im Palmengarten heiraten. Überhaupt: Ja-Sagen zwischen Frankfurts schönsten Pflanzen – man ahnt es: Jennys Einfall. „Ein Personalrat hat mich einmal als Schöngeist bezeichnet. Er meinte es als Beleidigung, ich nahm es als Kompliment.“

Palmengarten-Chef Matthias Jenny zeigt auf die Technik des Palmengartens, Januar 2018, © Stadt Frankfurt, Foto: Rainer Rüffer
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Der Verwalter

Freilich kann man eine Institution wie den Palmengarten nicht von einem Wolkenkuckucksheim aus dirigieren. Jenny ist Amtsleiter, Teil der Stadtverwaltung, und hat dafür zu sorgen, wie er eingangs selbst sagt, „dass der Karren nicht im Dreck landet.“ Ist er im Garten unterwegs, dann stets mit prüfendem Blick. Hier ein klemmendes Schloss, da eine kränkelnde Pflanze, dort eine defekte Heizung – „eine Zeitlang bin ich mit dem Diktiergerät herumgelaufen.“ Jenny denkt mit Schaudern an die vielen Frühjahre zurück, in denen es immer und immer wieder Wasserrohrbrüche gab, er nicht wusste, woher er das Geld für Reparaturen oder gar neue Leitungen nehmen sollte. „Wir müssen so oft in Dinge investieren, die man nicht sieht“, sagt er. Das sei äußerst schwer zu vermitteln. Zurzeit wird das Tropicarium für rund zehn Millionen Euro saniert, das Geld fließt in die marode Technik. „Und am Ende werden die Leute sagen: Man sieht ja gar nichts.“

Der Gründer

Geld ist für einen Amtsleiter immer ein Thema. Personalkosten, Heizkosten, Sanierungskosten – für Innovationen bleibt da wenig übrig. „2010 ist es uns gelungen, die Stiftung Palmengarten und Botanischer Garten zu gründen. Ihre Mittel geben uns den Spielraum, Ideen umzusetzen“, erklärt Jenny, der qua Amt Stiftungsvorsitzender ist. So wird zum Beispiel der Bau des Blüten- und Schmetterlingshauses mithilfe der Stiftung finanziert. Glücklich ist Jenny darüber, dass die Stadt sich 2011 entschied, den Botanischen Garten am Ende der Siesmayerstraße von der Universität zu übernehmen. Auch dorthin fließen Stiftungsgelder, zurzeit in ein neues Wegeleit- und Informationssystem für Blinde und Sehbehinderte, das auch für sehende Vorteile bringt. Die Stiftung Palmengarten und der Freundeskreis Botanischer Garten – zusammen haben sie rund 2500 Mitglieder – seien eine großartige Lobby. „Sie haben ein gewaltiges Potenzial“, sagt Jenny.

Der Frühaufsteher

Matthias Jenny liebt den frühen Morgen. Um sechs Uhr steht er auf und beginnt den Tag ganz für sich allein mit einer Tasse Kaffee und vier Zeitungen. Kaffee und Lektüre wird er im Ruhestand treu bleiben. Neu wird für ihn diese Frage sein: Worauf habe ich jetzt und heute Lust? „Ich habe immer Lust auf das, was gerade nötig ist“, stellt er klar. Doch künftig wird Jenny die Freiheit haben, viel öfter auch jene Dinge zu tun, die nicht nötig sind: Eines der 5000 Bücher lesen, die er und sein Mann besitzen, die Museumscard häufiger nutzen, mit dem Fahrrad nach Aschaffenburg fahren. Oder mit dem Zug in die Parks der Mainau, von Bremen oder Essen. „Ich bin Mitglied im Parkleiterkreis. Zum Abschied haben mir alle Kollegen Jahreskarten ihrer Parks geschenkt. So kann ich an die schönsten Orte an den verschiedensten Stellen Deutschlands besuchen. Das ist richtig nett.“

Palmengarten-Chef Matthias Jenny, Januar 2018, © Stadt Frankfurt, Foto: Rainer Rüffer
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Der Bescheidene

Der Abschied vom Palmengarten fällt Matthias Jenny schwer. „Ich lerne gerade, damit umzugehen, Prozesse nicht abschließen zu können. Mir dabei aber bewusst zu machen: Ich war der, der sie angestoßen hat.“ Sich am Säen zu erfreuen, nicht nur an der Ernte – das ist seine Herausforderung. In über 20 Jahren im Palmengarten sind ihm die Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, ans Herz gewachsen, hat er gelernt, dass man von einer Institution auch getragen werden kann – „das ist ein dankbares Gefühl.“ Jenny hat ein Team aufgebaut, das in allen Bereichen sehr gut zusammenarbeitet – „so, dass es meine Nachfolge bestens beraten kann.“ Seinem Team und der neuen Direktorin oder dem neuen Direktor wünscht er, die ursprüngliche Idee des Palmengartens als Gesamtkunstwerk und Bildungseinrichtung immer wieder neu erfinden zu dürfen. „Jede Zeit verlangt vom Palmengarten etwas anderes. Mit der Zeit zu gehen, ohne zum billigen Freizeitpark zu werden – das ist die ganz große Herausforderung.“