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14.11.2017

Heimat muss bezahlbar bleiben

Monika Dehlen und ihr Mann Horst in ihrer Wohnung in der Siedlung Im Mainfeld in Niederrad, Oktober 2017, © Stadt Frankfurt, Foto: Salome Roessler
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Warum sozialer Wohnungsbau eine Zukunft hat

(kus) Wenn Monika Dehlen (68) von ihrem Balkon im 11. Stock der Siedlung im Mainfeld schaut, kann sie die komplette Skyline überblicken. Seit 1976 wohnt sie mit ihrem Mann Horst (80) in einer Sozial-Wohnung in Niederrad. „Bis 1997 haben wir in einer 4,5-Zimmer-Wohnung gelebt. Als die Kinder aus dem Haus waren, sind wir in diese 3,5-Zimmer-Wohnung auf der anderen Seite des Flurs umgezogen“, sagt Monika Dehlen. Für 78 Quadratmeter mit Skyline-Blick zahlt das Ehepaar eine Kaltmiete von 350 Euro. „Da kann man wirklich nicht meckern“, sagt die Mieterin und fügt hinzu, dass die Grundmiete seit 2011 lediglich um neun Euro gestiegen sei.

Zum 31. Dezember 2016 standen in Frankfurt stadtweit rund 32.000 Wohnungen für sozialwohnungsberechtigte Mieter zur Verfügung. Denn anders als in anderen Städten hat Frankfurt in den zurückliegenden Jahren keine öffentlichen Wohnbaugesellschaften zerschlagen und städtische Immobilien im großen Stil an private Investoren veräußert. Die Folge: Während in Frankfurt rund zehn Prozent des Wohnraums gefördert werden und somit für Haushalte mit geringem Einkommen reserviert sind, ist diese Quote in Städten wie Stuttgart deutlich niedriger.

Monika und Horst Dehlen leben in einer Wohnung, die von der Wohnheim GmbH, einer Tochter der städtischen ABG Frankfurt Holding, verwaltet wird. Dass die aus den 1970er-Jahren stammende Hochhaussiedlung in ihrer jetzigen Form noch existiert, haben die rund 2000 Bewohner dem Engagement des 2014 verstorbenen Ortsbeirates Ralf Heider und dem Einlenken der Frankfurter Stadtpolitik zu verdanken. Denn vor etwa zehn Jahren konkretisierten sich die Pläne, die sanierungsbedürftige Sozialsiedlung in Niederrad komplett abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. „Das war ein Drama hoch drei. Keiner wollte hier weg. Darin waren wir uns alle einig“, berichtet Monika Dehlen, die seit sieben Jahren im Mieterbeirat der Siedlung vertreten ist und den Protest gegen die Abrisspläne mitorganisierte.

Monika Dehlen und ihr Mann Horst in ihrer Wohnung in der Siedlung Im Mainfeld in Niederrad, Oktober 2017, © Stadt Frankfurt, Foto: Salome Roessler
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Statt für Abriss und Neubau entschied sich die ABG Holding schließlich, insgesamt 24,5 Millionen Euro in die energetische Sanierung der sieben Hochhäuser im Mainfeld zu investieren. Ende 2013 begannen die Arbeiten am ersten Gebäude. Bis 2020 soll die Sanierung aller Häuser beendet sein. Die Dehlens erinnern sich noch gut an die Zeit der Verunsicherung und an die Unterstützung, die sie neben Ralf Heider auch von Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann erhielten. „Herr Feldmann hat uns damals in unserer Wohnung besucht. Ich war von Anfang an überzeugt, dass er es schafft, die Häuser zu erhalten“, sagt Horst Dehlen. Der gelernte Elektriker arbeitete bis zu seiner Pensionierung für die Frankfurter Stadtentwässerung und ist dankbar, dass er seinen Lebensabend trotz sprunghaft steigender Immobilien- und Mietpreise in Frankfurt verbringen kann.

In den 70er-Jahren wurde die Niederräder Hochhaussiedlung primär als Wohnstätte für städtische Angestellte und Pflegepersonal der nahen Uniklinik errichtet. So sind auch die Dehlens an ihre Wohnung mit Skylinepanorama gelangt. „Ich habe damals in der Kläranlage hinter der Bürostadt gearbeitet und einen Aushang am Schwarzen Brett gesehen“, entsinnt sich Horst Dehlen, wie es ihn mit seiner Frau und den Kindern aus Griesheim auf die andere Seite des Mains verschlug.

„Wenn diese Siedlung abgerissen oder die Wohnungen wie geplant zusammengelegt und vergrößert worden wären, hätten wir wohl die Stadt verlassen müssen“, ist Monika Dehlen überzeugt. Doch die Familie ist in Frankfurt verwurzelt; in Niederrad hat sie sich lange im Kleingarten- und im Geflügelzuchtverein engagiert. Auch wenn sie diesen Hobbys nicht mehr nachgehen, so sind viele der dort geknüpften Freundschaften über die Jahre erhalten geblieben.

Wohnhaus Im Mainfeld in Niederrad, Oktober 2017, © Stadt Frankfurt, Foto: Salome Roessler
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„Das Leben in dieser Stadt darf keine Frage des Geldbeutels sein und werden. Wir dürfen nicht zulassen, dass jene Menschen, die sich seit Jahrzehnten für und in dieser Stadt engagiert haben, im Alter an den gesellschaftlichen Rand verbannt werden. Auch deshalb habe ich mich damals so vehement für den Erhalt des Mainfelds eingesetzt und kämpfe mit unserem Planungsdezernenten Mike Josef weiterhin dafür, dass Frankfurt eine soziale und bezahlbare Stadt bleibt, in der alle Einkommens- und Bevölkerungsgruppen leben können“, sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Die Geschichte der Familie Dehlen steht sinnbildlich für Tausende Frankfurter, die ohne Unterstützung der Politik womöglich schon längst aus „ihrer“ Stadt verdrängt worden wären. Denn allein in den vergangenen zehn Jahren ist Frankfurt um 100.000 Einwohner gewachsen. Jährlich kommen bis zu 15.000 weitere Neu-Frankfurter hinzu. Vor diesem Hintergrund steigen die Immobilien- und Mietpreise in Frankfurt seit Jahren, was die Stadtregierung vor eine gewaltige Herausforderung stellt.

„In den 90er-Jahren haben viele Städte den Fehler gemacht, auf kurzfristigen Profit zu setzen und kommunale Wohnungsgesellschaften zu privatisieren. Frankfurt hat jedoch mit der ABG Holding einen starken Partner an seiner Seite, der für hochwertigen und finanzierbaren Wohnraum steht“, sagt Planungsdezernent Mike Josef. So hat ABG-Chef Frank Junker erst vor wenigen Wochen angekündigt, bis 2021 über 10.000 neue Wohnungen errichten zu wollen. 40 Prozent davon sollen über den 1. oder 2. Weg gefördert und gezielt an Mieter mit geringem Einkommen vermietet werden.

„Der Oberbürgermeister und ich sind uns einig, dass wir den Druck, der auf dem Wohnungsmarkt herrscht, nur in den Griff bekommen, wenn wir möglichst rasch neuen, bezahlbaren Wohnraum schaffen. Aber vor allem gilt es auch den Bestand zu schützen, insbesondere in den großen Siedlungen und Milieuschutzgebieten. Ich setze mich daher dafür ein, dass auch private Investoren geförderten Wohnraum vorhalten und nicht nur auf das oberste Preissegment setzen“, erläutert Planungsdezernent Mike Josef.

Derzeit sind gerade einmal vier Prozent der 32.000 Sozialwohnungen in Trägerschaft privater Investoren. Der Rest des Kuchens verteilt sich auf die ABG Frankfurt Holding (46 Prozent), die Nassauische Heimstätte (11 Prozent), die GWH Wohnungsgesellschaft (9 Prozent), Wohnungsgenossenschaften (7 Prozent), ehemals gemeinnützige Gesellschaften (5 Prozent) sowie sonstige Unternehmen (14 Prozent). Kirchen, Vereine und sonstige soziale Träger komplettieren die Statistik mit weiteren 4 Prozent.