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Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Der Literaturpreis "Stadtschreiber von Bergen" wurde geschaffen, um die wachsende Gefährdung unseres kostbarsten Kulturgutes, unserer deutschen Sprache, ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und ihr entgegenzuwirken. Dies geschieht am besten durch die Förderung dessen, der ernsthaft und verantwortlich um die Bewahrung und lebendige Weiterentwicklung unserer Sprache bemüht ist: des freien Schriftstellers.

Verbunden mit dem Preis sind der Wunsch und der Vorschlag, der Stadtschreiber möge während seiner "Amtszeit" in Bergen-Enkheim anwesend sein. Dies ist jedoch nur ein Wunsch und keinesfalls verpflichtend.
(Auszug aus der aktuellen Fassung der Richtlinien für den Literaturpreis "Stadtschreiber von Bergen")

Der amtierende Stadtschreiber: Sherko Fatah

„Der Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 2016/2017 heisst Sherko Fatah. Mit dem 51-jährigen Berliner zeichnet die Jury einen Schriftsteller aus, der in seinen bislang sechs Romanen auf überzeugende und einzigartige Weise Grenzgebiete erkundet, geografische ebenso wie solche zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Stellung und Erfahrung, aber auch Grenzgebiete zwischen Innen- und Aussenwelten, zwischen gerade noch Sag- und Erzählbarem und dem, was sich der Sprache entzieht. Die meisten Romane von Sherko Fatah spielen implizit oder explizit im Irak und den umliegenden Ländern, und wie manche seiner Figuren, wird für uns Leserinnen und Leser im deutschen Sprachraum der Autor somit zum Boten, zum Berichterstatter, zum Überbringer komplexer Nachrichten aus jenen Gebieten, die in unseren Schlagzeilen vor allem auftauchen als Schauplätze von Krieg, Gewalt und Folter.
Invasion, Krieg, Gewalt und Folter sind allgegenwärtig in Fatahs Romanen. Aber weit davon entfernt, das Geschehen von aussen zu erklären oder uns einen Überblick zu verschaffen, fokussiert Sherko Fatah ganz auf die Wahrnehmungen seiner Protagonisten. Oft sind es zwei Männer, die einander fremd gegenüberstehen und doch aufeinander angewiesen sind, die bei aller Unterschiedlichkeit etwas miteinander verbindet. Wie etwa den Übersetzer Osama und den deutschen „Helfer“ Albert, die beiden Hauptfiguren aus Fatahs jüngstem Roman: Der letzte Ort“. Was wir uns nicht vorstellen können, bringt der Roman uns nahe; subtil zeichnet er die existentiellen Verlorenheiten zweier Entführter nach, denen ausser persönlichen Erinnerungen kaum etwas geblieben ist und die wenig Hoffnung haben auf Rettung. Dennoch lässt der Roman die Leserinnen und Leser nicht ohne Hoffnung zurück. Im Gegenteil: Eine präzise Figurenzeichnung, die bei aller Zurückhaltung deutlich spürbare, genaue Kenntnis von Schauplätzen und Ereignissen sowie eine diskrete, zuweilen fast karg zu nennende Sprache übersetzen sich in Denk- und Empfindungsräume, die uns vehement dazu einladen, uns der Erfahrung des Fremden zu öffnen.“ (Begründung der Jury)
Sherko Fatah wurde am 28. November 1964 als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen in Ost-Berlin geboren. Nach Aufenthalten im Irak und in Wien zog die Familie 1975 nach West-Berlin, wo Fatah von 1990 bis 1996 Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Er unternahm zahlreiche Reisen in den Irak, nach Indien, Bangladesch, Nepal, Zentralafrika und in die USA. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschlands.

Werke
2001 Im Grenzland, Jung und Jung, Salzburg
2002 Donnie, Jung und Jung, Salzburg
2004 Onkelchen, Jung und Jung, Salzburg
2008 Das dunkle Schiff, Jung und Jung, Salzburg
2011 Ein weißes Land, Luchterhand, München
2014 Der letzte Ort, Luchterhand, München

Auszeichnungen
2001 Aspekte-Literaturpreis für „Im Grenzland“
2002 Sonderpreis des Deutschen Kritikerpreises für das bemerkenswerteste Prosa-Debüt
2007 Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil für „Im Grenzland“ und „Onkelchen“
2008 Shortlist für den Deutschen Buchpreis mit „Das dunkle Schiff“
2012 Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse mit „Ein weißes Land"
2015 Großer Kunstpreis Berlin für sein bisheriges Werk
2015 Adelbert-von-Chamisso-Preis
2016/2017 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Aktuelles:

Den Stadtschreibern auf der Spur

Helga M. Novak (1979/1980)

„Unterwegs und zurückgesehnt – Zugänge zum Werk von Helga M. Novak“ ist das Motto einer Tagung, die vom 18. bis 21. Mai in der Danziger Universität statt finden wird. Im vorläufigen Programm stehen polnische, deutsche und italienische Redner. Im Block „Erfahrung DDR“ findet sich z.B. ein Beitrag „Helga M. Novak und Robert Havemann. Eine anarchische Begegnung im DDR-Niemandsland“, beim Programmpunkt „Literarische Welten“ u.a. ein Vortrag: „Helga M. Novak und Günter Grass. Eine Brieffreundschaft.“

Jurek Becker (1982/1983)

Jurek Becker († 1997) war in den sechziger Jahren Drehbuchautor bei der DEFA. Das Drehbuch für „Jakob der Lügner“ wurde jedoch 1968 von seinem Arbeitgeber abgelehnt. Er arbeitete es zu einem Roman um, der 1969 erschien (die Erstausgabe ist im Stadtschreiberarchiv vorhanden), in 23 Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt wurde: 1974 von der DEFA und 1999 als Hollywood-Verfilmung. Jetzt hat SWR2 in Koproduktion mit „speak low“ die erste ungekürzte Lesung des Romans produziert. Als Sprecher wurde der Theater- und Filmschauspieler August Diehl verpflichtet. Der Südwestfunk sendet die insgesamt 24 Folgen in der Reihe „Fortsetzung folgt“ vom 13. März bis 13. April jeweils montags bis freitags von 14.30 bis 14.55 Uhr. Die Produktion ist im Handel für 29,80 Euro erhältlich (ISBN 978-3940018-23-6).

Ulla Hahn am 8.10.2014 auf der Frankfurter Buchmesse © Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim
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Ulla Hahn (1987/1988)

Im Jahr 2000 rief die UNESCO den 21. März zum Welttag der Poesie aus. Anlässlich dieses Datums sprach RP Online mit der Lyrikerin Ulla Hahn. Sie meinte, dass Lyrik auch heute noch aktuell sei, weil die traditionellen Lyrikformen durch Rap und Poetry Slams erweitert wurden. Zum Welttag der Poesie zitiert sie Eichendorff: „Schläft ein Lied in allen Dingen. Die da träumen fort und fort. Und die Welt hebt an zu singen. Triffst Du nur das Zauberwort.“ Ihre Folgerung: „Lesen und Schreiben von Gedichten heißt immer auch: Das Zauberwort suchen“.

Katja Lange-Müller 2015 in Enkheim © Marek
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Katja Lange-Müller (1989/1990)

Im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf traf sich Katja Lange-Müller am 15. März mit der Prix-Goncourt-Preisträgerin Lydie Salvayre und dem französischen Schriftsteller Arno Bertina zu einem deutsch-französischen Trialog. Die drei lasen aus ihren neuesten Werken und sprachen über Politik und die Rolle des Schriftstellers. Das Motto für die Lesungen und Diskussionen lautete „Fremde Freunde“. Die Veranstaltung wird unter diesem Titel am 26. April im Plenarsaal der Akademie der Künste in Berlin fortgesetzt, dann mit Marcel Beyer, dem Prix-Goncourt-Preisträger Mathias Enard und der jungen französischen Autorin Alice Zeniter. Die Reihe wirft bereits Schlaglichter auf die kommende Frankfurter Buchmesse, bei der Frankreich wieder einmal Ehrengast ist. Es sind sechs Termine mit 18 Autoren an fünf Orten geplant.

Herta Müller (1995/1996)

Vom 18. August bis 30. September lädt die Ruhrtriennale (Ruhrtriiiennale) wieder zum Festival der Künste ein. Geboten werden Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Installation, Musik. Die Veranstaltung findet nicht, wie der Name vermuten lässt, alle drei Jahre statt, sondern in jedem Jahr, aber die Intendanz wird jeweils für drei Jahre neu vergeben. 2017 ist das letzte Jahr des Intendanten Johan Simons, Nachfolgerin für die Jahre 2018 bis 2020 wird die Dramaturgin Stefanie Carp. Der Ticketshop ist für diese Spielzeit bereits geöffnet, einige Veranstaltungen sind schon ausverkauft (http://tickets.ruhrtriennale.de).
Die Triennale wird am 18. August in der Jahrhunderthalle Bochum mit einer Festspielrede von Herta Müller eröffnet.

Katharina Hacker (2005/2006)

Anfang März war Katharina Hacker, fast unbemerkt, einmal wieder in Frankfurt. Auf Einladung des Bistums Limburg sprach sie zum Aschermittwoch der Künstler im Frankfurter Haus am Dom. Diese traditionelle Veranstaltung zum Beginn der Fastenzeit wurde nach dem zweiten Weltkrieg von Paul Claudel begründet und wird in mehreren deutschen Bistümern begangen. Eingeladen werden Kunstschaffende aller Sparten. Zum Programm gehört, dass jeweils ein herausragender Vertreter einer bestimmten Kunstgattung eine Rede hält. In diesem Jahr war das Katharina Hacker mit dem Thema „Mut fassen“. Zitat von der Homepage des Bistums zum Hacker-Vortrag: „Trotz aller Sorgen und Verzagtheiten dürfe man nicht klein beigeben und nicht verzweifeln. Es gehöre aber viel Mut dazu, Angst und Müdigkeit zu überwinden und den Mut zu finden, sich der Welt zu stellen. Dabei sei es befreiend, festzustellen, dass man Angst haben darf (…)“

Reinhard Jirgl (2007/2008)

Die Mainzer Poetikrunde der Klasse der Literatur und der Musik in der Akademie der Wissenschaften lädt ein zu einem Abend: „Über die Gewichtigkeit dicker Romane“. Ernst-Wilhelm Händler und Reinhard Jirgl lesen und diskutieren mit Norbert Miller und Ursula Krechel. Termin:
Donnerstag, 20. April, 19 Uhr, im Plenarsaal der Akademie, Geschwister-Scholl-Straße 2.
Der Einladungsflyer beginnt mit einem Goethe-Zitat: „Wer Großes will, muß sich zusammenraffen; In der Beschränkung zeigt sich der Meister.“ Katja Lange-Müller würde sofort zustimmen, Reinhard Jirgl und Ursula Krechel haben beide umfangreiche Romane geschrieben: Stoff für eine interessante Diskussion.

Friedrich Christian Delius 2016 in Frankfurt am Main © Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim
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Friedrich Christian Delius (2008/2009)

Am 9. März hielt F.C. Delius in München die Laudatio auf Abbas Khider zum „Adalbert-von-Chamisso-Preis 2017“, der im 30. Jahr seines Bestehens zum letzten Mal vergeben wird. Siehe hierzu

http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/html/14169.asp

Der Preis war mit 15.000 Euro dotiert. Die Delius-Preisrede wurde gekürzt unter dem Titel „Die deutsche Verlogenheit“ in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt. Daraus zwei prägnante Zitate: „(…) Abbas Khider deckt hier (im Roman die Ohrfeige) mit rücksichtslosem Witz, die große Verlogenheit auf, dass die Bundesrepublik seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland ist, aber kein Einwanderungsland sein will (…)“ und „(…) Literatur lehrt Verständnis, gerade in Zeiten neuer Völkerwanderungen. Wer hinhört, moralisiert weniger, schwafelt weniger von Identität, denkt öfter auch an die deutschen, europäischen Migrationen, nicht nur 1945 (…)“.
Abbas Khider ist auch der neue Mainzer Stadtschreiber.
Am 10. März erschien „Warum Luther die Reformation versemmelt hat : Eine Streitschrift“ (rororo taschenbuch.- 64 S.; 8 Euro; ISBN 978-3-499-61054-7). Friedrich Christian Delius stellt diesen Text am 24. März im Rahmen von „Leipzig liest“ vor und dann am 9. April um 19 Uhr 30 in der Stadtkirche in Darmstadt.

Thomas Rosenlöcher 2010 in Bergen © Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim
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Thomas Rosenlöcher (2010/2011)

Die Ehrengabe 2017 der Deutschen Schillerstiftung geht an Thomas Rosenlöcher. Er wird als „herausragender Gegenwartslyriker“ und „Meister der melancholischen Ironie“ gewürdigt. Auszüge aus der Begründung der Jury: „(…) Seine oft mit genauer Naturbeobachtung einsetzenden Gedichte behaupten eine romantisch-widerständige Nischenexistenz, (…) Mit seinem Dresdner Wende-Tagebuch 'Die verkauften Pflastersteine' wurde er einem westdeutschen Publikum bekannt, weitere Prosabände folgten. Sein Hauptwerk aber gilt dem Gedicht, dem er in unverwechselbarer Handschrift Töne ablockt, die bitter fehlten, gäbe es sie nicht.“ Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 5. Mai 2017 im Deutschen Literaturarchiv Marbach verliehen.

Marcel Beyer (2012/2013)

Unter dem Motto „Düsseldorfer Reden“ startet die „Rheinische Post“ mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus eine Vortragsreihe zu wichtigen Fragen unserer Zeit. Das Düsseldorfer Theater soll „zu einer neuzeitlichen Agora werden - zu einem öffentlichen Platz für Diskussion und Disput“. Es ist eine höchst interessante Mischung an prominenten Rednern, die sich an dem Projekt beteiligen: Den Auftakt machte am 12. Februar Heinz Bude, der beim Stadtschreiberfest 2015 die Festrede hielt. Am 26. März folgt Margot Käßmann (Luther!), am 23. April Sascha Lobo (Blogger, Journalist und Buchautor) und schließlich am 28. Mai Marcel Beyer.

Archiv

Die nachfolgenden Einzelseiten zu den Stadtschreibern wurden nur während der Laufzeit des Stadtschreiberjahres aktualisiert. Für weiterführende Informationen verweisen wir auf die Wikipedia oder die Homepage der Autoren, falls vorhanden.